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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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die Trennung zwischen dem Erfinder des 
Entwurfs und dem Ausführenden ein. In 
besonderen Fällen wird vom Künstler di 
rekt der Entwurf für einen bestimmten 
Gegenstand geliefert und vom Handwerker 
ausgeführt. So stellte z. B, der Maler Paul 
Trabei die Zeichnung zu dem schönen 
Gitter her, das das Grabmal Maximilians I. 
in der Hofkirche in Innsbruck umschließt; 
der Prager Büchsenmeister und Schlosser 
Jörg Schmidhammer führte es um 1570 aus. 
Ein besonders lehrreiches Beispiel des Zu- 
sammenarbeitens der Künstler und Hand 
werker zu Anfang des 17. Jahrhunderts 
bietet das Rathaus zu Augsburg. Den Bau 
führte Elias Holl aus, dagegen wurde die 
Innendekoration und Einrichtung von den 
Tischlern, Schlossern, Hafnern usw. nach 
den Entwürfen des Stadtmalers Matthias 
Kager hergestellt. 
Für den gewöhnlichen Bedarf aber be 
dienten sich die Handwerker der Vorlagen, 
die von Achitekten und Malern, in seltenen 
Fällen auch von ihren eigenen Handwerks 
genossen, zum allgemeinen Gebrauch her 
gestellt worden waren. Diese Vorlagen 
wurden in einer Technik veröffentlicht, die, 
in der Goldschmiedewerkstatt geboren, zu 
derselben Zeit ans Licht trat, als eben jene 
erwähnte Scheidung von Kunst und Hand 
werk begann, nämlich im Kupferstich. 
Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts 
wurde in sog, Ornamentstich eine uner 
schöpfliche Fülle von Entwürfen aller Art 
geschaffen, sowohl von vollständigen Ge 
genständen, Geräten usw,, wie auch von 
Teilen derselben, ornamentalen Einzelheiten 
und freieren Vorwürfen zu beliebigem Ge 
brauch. Auch die im Kupferstich verviel 
fältigten Gemälde der großen Maler wurden 
in gleicher Weise von den Handwerkern 
zur Ausschmückung ihrer Werke ver 
wandt. Den Begriff „geistiges Eigentum“ 
kannte man für alle diese den Handwer 
kern dargebotenen künstlerischen Schöp 
fungen nicht. Es war Gemeingut aller, 
das man frei benutzen konnte. Auch für 
Reliefschmuck gab es plastische Vorbilder, 
die man unmittelbar gebrauchen konnte, 
die sog. Plaketten aus Blei. Ihre Ent 
stehung ist ebenfalls in der Goldschmiede 
werkstatt zu suchen. Von den Reliefs, 
mit denen der Goldschmied etwa eine 
Kassette schmückte, nahm er Abdrücke, 
um die Komposition später wieder benutzen 
zu können, ebenso wie er von seinen Gra 
vierungen Abdrücke nahm, ein Verfahren, 
das zur Entstehung des Kupferstichs führte. 
Wie man hierbei eine Kupferplatte her 
stellte, um davon nach Belieben verkäuf 
liche Abzüge herzusteilen, ebenso stellte 
man in Speckstein Reliefs her, nach denen 
man Bleiabgüsse anfertigte, die dann ver 
kauft wurden, wie die Ornamentstiche. 
Künstler, wie Peter Flötner, bedienten sich 
im sechzehnten Jahrhundert dieser Form, 
um den Goldschmieden, Messing- und Zinn 
gießern, Holzschnitzern, Töpfern u. a. ge 
eignete Vorbilder zu liefern, die zumeist ein 
fach unmittelbar nachgegossen und nachge 
formt wurden. Die Fälle, in denen der 
Handwerker selbst den Entwurf für einen 
Gegenstand herstellte, sind seltene Aus 
nahmen. Die Regel ist die Entlehnung 
einer gegebenen Vorlage. 
Trotzdem der Handwerker also nur der 
Ausführende, nicht der Erfinder der Form 
und Ornamentik seinerWerke war, so zeigte 
er dennoch in früherer Zeit in der Art und 
Weise, wie er das Vorbild benutzte und 
wie er es in dem ihm zustehenden Material 
zum Ausdruck brachte, ein gewisses Quan 
tum künstlerischer Betätigung, das in 
unserer Zeit fast ganz verloren gegangen 
zu sein scheint. Wenn z. B. der Porzellan 
maler des 18. Jahrhunderts einen Stich nach 
einem Gemälde von Watteau zur Deko 
ration einer Kaffeekanne benutzte, so ist 
er weit davon entfernt, denselben einfach 
abzuschreiben, der kleine ihm zur Verfü 
gung stehende Raum würde auch zur Auf 
nahme eines solchen figurenreichen Stiches 
nicht ausreichen. Er greift nur eine kleine 
Gruppe von Personen nebst dem dieselben 
umgebenden Stück Park heraus. Schon 
in der Auswahl dieser Gruppe zeigt sich 
zumeist ein gutes künstlerisches Gefühl 
für Geschlossenheit der Komposition und 
ein sicherer Raumsinn. Besonders beach 
tenswert ist es jedoch, wie er die Land 
schaft verändert. Während dieselbe auf 
dem Stich unten gerade abgeschnitten ist, 
löst er sie auf der Kanne ringsum in un 
regelmäßiges zierliches Zweigwerk auf, 
das sich allmählich im Grund verläuft, so 
daß das Bild sich natürlich der Fläche 
anschmiegt. 
Selbst für Porzellanfiguren und Gruppen 
benutzte man Stiche nach Boucher, Char 
din, Greuze u. a. Hier galt es, in der 
Fläche dargestellte Dinge zu einem Rund 
bild zusammenzufasssen, also auch eine 
Art schöpferischer Tat, bei der nicht nur 
handwerkliche Routine, sondern auchkünst 
lerisches Feingefühl von nöten war. 
Ähnlich wie bei diesen angeführten Bei 
spielen beschränkte sich auch sonst die künst 
lerische Betätigung des Handwerkers in der 
Regel auf einen gewissen Geschmack in 
der Auswahl und Verwertung des ihm dar 
gebotenen Vorbildermaterials und einer ge 
wandten Übertragung. desselben in den 
Stoff, den er zu bearbeiten hatte. Man kann 
diese Tätigkeit des Handwerkers etwa mit 
der eines feinsinnigen und geschmackvollen 
Übersetzers vergleichen, der das In einem 
fremden Idiom geschaffene Werk in seine 
Muttersprache umformt. 
Freilich beherrschte der Handwerker 
der früheren Zeit sein Material. Er ver 
stand alle seine Eigenarten und Schönheiten 
herauszulocken. Außerdem aber war der 
Formens chatz, den er verarbeitete, ihm zu 
meist längst gewohnt und bekannt. So wuc
        
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