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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

KUNST UND HANDWERK 
Von ADOLF BRÜNING 
Von Kunst und Handwerk als zwei be 
sonderen, in gewissem Sinne sich aus 
schließenden Begriffen kann man erst seit 
der Renaissance sprechen. Im Mittelalter 
gab es eigentlich nur ein Handwerk, das 
allerdings in seinen Äußerungen sich in 
künstlerischen Formen betätigte. Die Er 
bauer der gotischen Kathedralen sowie die 
Verfertiger der dieselben schmückenden 
Skulpturen waren Steinmetzen, und die 
Maler des Wandschmucks der romani 
schen Dome waren ebenfalls nur einfache 
Handwerker. Es machte weder für die 
Wahl des darzustellenden Stoffes noch für 
die Art seiner Formgebung einen Unter 
schied, ob die Bilder die Wände einer 
Kirche oder die Seiten eines Meßbuches 
zieren, ob dieselben in Temperafarben auf 
Holz oder in Email auf Kupfer ausgeführt 
werden sollten. Dasselbe „dekorative Prin 
zip“ beherrschte die Werke der Maler, 
wie etwa die der Goldschmiede. 
Das, was man künstlerische Erfindung 
nennt, gab es im eigentlichen Sinne im 
Mittelalter nicht. Die dargestellten Vor 
gänge waren in ihrer Form traditionell fest 
gelegt: in demselben Kompositionsschema 
werden durch Jahrhunderte hindurch die 
Szenen aus der Bibel ohne wesentliche 
Veränderungen wiederholt. Eine schöpfe 
rische Betätigung des Einzelnen findet nur 
in beschränktem Maße statt; eine leichte 
Variation des überlieferten Themas oder 
die bessere Zeichnung verrät eine aus der 
großen Menge herausragende Persönlich 
keit. Aber immer erscheint dieselbe, auch 
wenn wir sie mit Namen nennen können, 
nur als der erste Repräsentant einer Kunst 
gemeinschaft, nicht als Künstler von sub 
jektiver Eigenart. 
Eine Folge dieser Verhältnisse ist der 
geringe Wechsel der Gestaltungen. Es gibt 
nur wenige Grundformen (Typen), die 
immer wieder mit verhältnismäßig geringen 
Veränderungen wiederholt werden. So gibt 
es z. B. an gotischem Trinkgerät in Silber 
für profane Zwecke eigentlich nur zwei 
Formen: den zylindrischen Becher und 
den Buckelpokal. WAhrend bei jenem die 
Grundform noch eine mannigfaltige orna 
mentale Ausbildung erfahren konnte, war 
dagegen der Buckelpokal, da er auf orna 
mentalen Schmuck fast ganz verzichtete, 
in seiner Formgebung im wesentlichen 
fast immer derselbe. 
Für die Überlieferung der Formen sorgte 
anfangs die Klostergemeinschaft, später der 
Zunftverband. Diese Genossenschaften, 
nicht Einzelpersönlichkeiten sind die Träger 
der Kunst, oder vielmehr des künstlerisch 
veredelten Handwerks im Mittelalter. 
Erst zur Zeit der Renaissance tritt zu 
gleich mit der Entwicklung des Menschen 
zu einem geistigen Individuum der Begriff 
„Kunst“ ein, als der Ausdruck der subjek 
tiven Gestaltungskraft einer Künstlerper- 
sönlichkeit. Aber nur langsam vollzieht 
sich die Ausscheidung der „Künstler“ aus 
dem Kreise des Handwerks heraus. Die 
großen Maler und Bildhauer der Renais 
sance wurden noch als Handwerker, zu 
meist als Goldschmiede, erzogen. Und 
noch lange blieben die Künstler mit den 
Handwerkern wenigstens in zünftischer Ge 
meinschalt. So umfaßte die 1611 begrün 
dete und erst 1853 aufgelöste St. Lukasgilde 
in Delft außer den Malern und Bildhauern 
die Glasmaler, Fayencetöpfer, Teppich 
wirker, Etuimacher, Kunstdrucker und 
Buchhändler, Kupferstich- und Bilderhänd 
ler. Nur derjenige, der der Gilde angehörte, 
durfte seine Kunst ausüben. Es ist na 
türlich, daß schon dieses genossenschaft 
liche Zusammenleben der Künstler und 
Handwerker einen wohltätigen Einiluß auf 
die Schöpfungen beider, besonders der 
Handwerker, ausübte. Andererseits ringen 
sich Maler wie Tizian und Rubens zu einer 
fürstengleichen Stellung empor und heben 
so die Künstler allmählich auch gesell 
schaftlich aus dem Kreise ihrer alten Hand 
werksgenossen heraus. 
Zugleich mit der allmählichen Scheidung 
zwischen Kunst und Handwerk tritt auch
        
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