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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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Julius Meier-Gräfe in einem Angriffe gegen 
Böcklin, der ein ebenso umfangreiches wie 
unverständliches Buch füllt, fertig gebracht, 
unkünstleriache Associationen in Böcklin 
hineinzugeheimnlssen, die vor Meier-Gräfe 
kein Mensch gesehen hat. Von den künst 
lerischen Problemen Böcklins ist nirgends 
die Rede. Freilich scheint es nicht so ein 
fach darüber ähnlich dicke Bücher zu 
schreiben. Immerhin ist es das Zunächst- 
liegende in der Kunst Böcklins, daß 
die beiden Empfmdungsreihen rein künst 
lerischen und gegenständlichen Charakters 
bei ihm aufs feinsinnigste ineinanderklingen 
und sich gegenseitig verstärken. Böcklin 
ist stets vom malerischen abstrakten Ein 
druck ausgegangen. Erst allmählich wächst 
der Inhalt seiner Werke aus den einzelnen 
Farbentönen heran, bis er schließlich wie 
selbstverständlich körperliche Gestalt an 
nimmt und eins zu sein scheint mit der 
Stimmung der Töne, die ihn geboren. — 
Eine kleine jedoch auserlesene Schwarz- 
Weißausstellung ist mit der Gemäldeaus 
stellung verbunden. Darunter ■ Arbeiten 
von Max Klinger und vorzügliche Radie 
rungen und Pastelle von Käthe Kollwitz. 
Von Max Klinger ist eine überwältigende 
Reihe von Plastiken zusammengebracht, 
vor allem die Marmorbüsten von Nietzsche, 
Liszt und Brandes. In feinsinnigster Cha 
rakterisierung behandelt hier der Plastiker 
den Philosophen, den Musiker, den Lite 
raten. Nietzsches Büste wächst wie eine 
Herme aus hohem Marmorsockel. So 
wirkt die gewölbte Stirn noch thronender, 
das Auge noch drohender. Der Muud liegt 
im Schatten des überhängenden Schnurr 
bartes verborgen, auch die Augen liegen 
völlig unter dem Dunkel der Brauen in 
tiefen Höhlen. Diese beiden tiefen Schatten 
geben die charakteristischen Akzente. 
Der Kopf des Liszt zeigt die seherische 
Haltung des Tonkünstlers. Die Backen 
knochen treten leicht hervor. Vom Munde 
laufen nach unten scharfe Falten, die sich 
bandartig um das Kinn ziehen. Die Unter 
lippe ist vorgeschoben wie bei Dorfgeist 
lichen oder erfahrenen alten Leuten, Der 
Kopf von Brandes entbehrt daneben nicht 
einer etwas unfreiwilligen Komik. Mit dem 
Schnurrbart eines alten Obersten und der 
fett gepolsterten ungewölbten Stirn, die im 
Kampfe mit einigen Falten liegt, trägt dieser 
Kopf durchaus den Charakter der Re- 
zeptivität. Schon die Augen, die hier durch 
Kreise angedeutet und ausgefüllt sind, 
deuten auf realere Neigungen. Bei den 
Augen des Liszt war die Pupille nur 
halbmondförmig gelassen, um des sehe 
rischen Ausdruckes willen, während bei 
Nietzsche die Pupille, als unerschöpfliche 
dunkle Tiefe im Marmor völlig ausgelassen 
wurde. Von Klinger sind weiter als vor 
zügliche Arbeiten die Schlafende und 
die Badende ausgestellt. An hervorragen 
den plastischen Arbeiten ist die Aus 
stellung überhaupt in diesem Jahre be 
sonders reich. So der gewaltige Bronze 
löwe und Adler von August Gaul, von 
Tuaillon ein Modell für ein Marmorrelief 
„Herkules und Eurystheus“, ein vorzüg 
licher Bronzeteufel von Th. Th, Heine 
und andere trefflich durchgearbeitete Ar 
beiten von Adolf Hildebrandt und Fr. 
Klimsch. Von kunstgewerblichen Arbeiten 
seien schließlich noch erwähnt eine farbig 
ausgezeichnete Applikationsstickerei von 
Fritz Rentsch und die von Hirschwald 
her bekannten kunstgewerblichen Gegen 
stände in Gold, Silber, Leder etc. nach 
Entwürfen von Josef Ho ff mann und 
Koloman Moser. 
Nach dem Vorworte des Kataloges will 
der Deutsche Künstlerbund in der Künstler 
kolonie Villa Romana in Florenz eine 
Stätte für freie Künstler gründen. Dort 
soll talentvollen Künstlern Gelegenheit ge 
geben werden, in Verbindung mit dem 
Studium der alten Meister eine Zeitlang 
an ruhigem Orte arbeiten zu können. So 
glücklich dieser Gedanke an sich sein 
mag, so erinnert er doch allzusehr an alt 
hergebrachte Traditionen heute in einer 
Zeit, wo unsere künstlerischen Ideale 
wesentlich andere geworden sind.
        
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