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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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in einer Vorstadtmansarde unter Kerzen 
beleuchtung und dem Dämmerlicht eines 
Winterabends sich mit Tischklopfen ab 
mühen. Die schwierige Mischung der Be 
leuchtung ist trefflich gelöst, vorausgesetzt, 
daß man überhaupt bei derartigen Pro 
blemen eine Lösung für möglich hält. Vor 
züglich ist auch das Porträt des Schrift 
stellers E. Mühsam v. Frh. Leo v. König. 
In graues Elend getaucht steht der Dar 
gestellte neben einem eisernen Ofen mit 
weißer emaillierter Wasserkanne, nur der 
rote Bart und die dunkelgrüne Krawatte 
bringt in das Ganze farbige Lebendigkeit. 
Von Robert Breyer ist wieder ein Por 
trät einer Dame als lichtumflossene Er 
scheinung von allgemeiner Bedeutung. Als 
wirkungsvoller Maler der sonnenbeleuch 
teten Landschaft ist Ulrich Hühner be 
kannt, der in diesem Jahre in seiner Ufer 
landschaft mit ausfahrendem Dampfer und 
der „Heiligen Geistkirche in Potsdam“ treff 
liche Proben seines Könnens ablegt. Von 
Heinrich Hübner ist besonders ein In 
terieur mit lesender Dame zwischen licht 
durchfluteten Fenstern ein koloristisches 
Meisterstück klarer Lichtwirkung. Philipp 
Franks Palmsonntag gibt die märkische 
Luft in feiner Beobachtung durch derbe 
Pinselstriche. 
Theodor Hummel hat in seinem Ber 
liner Hafenplatz mit Spreekähnen bereits 
den Weg betreten, der für Berlin eine Ent 
deckung neuer malerischer Schönheiten 
bedeutet. Von den älteren Berliner Künst 
lern ist Leistikow mit seinem Sommer 
morgen und Thüringer Wald gerade nicht 
sehr glücklich in der Zusammenstellung der 
Farben, besser dagegen sind zwei Gouache 
arbeiten; Schnee im Riesengebirge. Vom 
Künstlerehepaar Lepsius ist die Reihe von 
Porträts in bekannter Weise vermehrt 
worden. Linde-Walther hat in diesem 
Jahre leider nur ein Bild „Großvater und 
Enkelkind“ ausgestellt, das seine Eigenart 
nicht so stark wie in früheren Jahren er 
kennen läßt. Von Bruno Marquardt ist 
eine märkische Landschaft, von Dora Hitz 
eine impressionistische Kirschenernte noch 
zu erwähnen. Eugen Spiro erreicht bei 
einer lachenden Dame mit Hund durch 
eine eigenartige bewegliche Ornamentik 
auf dem Kleide der Dame eine sprühende 
Lebendigkeit. Louis Corinth hat auch 
in diesem Jahre nicht versucht, seine Be 
urteilung im Sinne des üblichen Ge 
schmackes aufzubessern. Das ist ein 
Zeichen von künstlerischer Konsequenz, 
die man schon um ihrer selbst willen 
achten sollte. Man hat dem Künstler die 
Verherrlichung sinnlicher oder gar brutaler 
Vorgänge vorgeworfen. Dagegen sagt schon 
Goethe, daß die Kunst die Schilderung 
dieser Seite des menschlichen Daseins 
nicht entraten kann. Auch darf man nicht 
vergessen, daß diese Dinge gemalt sind, 
mit der Realität also nichts mehr zu tun 
haben, und auch nicht mit der gewöhn 
lichen Art der Wirklichkeit betrachtet 
werden dürfen. Corinth hat in diesem 
Jahre drei Bilder ausgestellt, die „Frauen 
räuber“, von großer Lebendigkeit in der 
koloristischen Darstellung und feiner 
psychologischer Charakterisierung, das 
„Leben“, eine Reihe von Aktgestalten vor 
grauer Wand, mit zum Teil versteckter 
Symbolik, und „Mutter und Kind“ in gerade 
nicht schmeichelhafter Auffassung. Irgend 
wo hörte ich jemand sagen, daß man in 
diesem Jahre die Arbeiten Corinths wenig 
stens ansehen könne. Neben Corinth tritt 
Max Slevogt in diesem Jahre mit einem 
vom Rücken gesehenen Akt und dem aller 
dings vorzüglichen Porträt des Direktors 
Dernburg nicht so schlagend wie in den 
Vorjahren auf. 
Max Liebermann hat unter anderem 
in diesem Jahre zwei seiner besten Bilder 
ausgestellt. Den Biergarten aus älterer 
Zeit und die „Polospieler“, letzteres aus 
dem Besitze der Hamburger Kunsthalle, 
gleichzeitig als zwei interessante Studien 
seiner künstlerischen Entwicklung. Der 
„Biergarten“ zeigt das Problem der Licht 
malerei noch unter Beibehaltung der plasti 
schen Erscheinung. Sogar eine Art genre- 
hafter Auffassung ist nicht zu verkennen. 
Kindermädchen und spielende Kinder, pen 
sionierte Beamte, alte Tanten mit resignier 
tem Ausdruck, kurz das Phlegma und Leben 
eines heißen Sommertages in summen 
dem Wirrwarr. Schon die Verschieden 
heit der einzelnen Gruppen ist für die ältere 
Auffassung charakteristisch. Später kon 
zentriert sich Liebermann nur mehr auf eine 
Gruppe oder einige Gestalten, wie bei den 
Polospielern oder der Seilerbahn. Bei 
einer frischeren Auflage des Biergartens an 
der Elbe, im Besitze der Hamburger Kunst 
halle, hat der Künstler an einigen Tischen 
hintereinander nur wenige Gestalten grup 
piert. Rechts und links schieben sich 
Baumreihen nach dem Hintergründe, die 
zur Seite den Blick auf die Elbe umrahmen. 
Alles ist hier unter der Flut des Lichtes 
aufgelöst. Man beobachte, wie dem 
Künstler die Vertiefung des Raumes ge 
lungen ist, im Gegensätze zur älteren Fas 
sung des oben genannten Biergartens, 
dessen letzte Figuren im Hintergründe un 
verhältnismäßig klein sind und doch ganz 
nahe scheinen. Im letzten Grunde ist es 
hier das Raumproblem, der licht- und luft 
durchflossene Raum, auf den die moderne 
Freilichtmalerei in Liebermann hinaus will. 
Merkwürdigerweise das gleiche Problem, 
das sich Arnold Böcklin gestellt hatte. 
Auch nach ihm „sollte der Beschauer 
den Raum fühlen“, Auch er erreichte dies 
durch Lichtkontraste und Baumreihen, im 
wesentlichen die gleiche Art wie bei Lieber 
mann, nur in grundverschiedener Form. Es 
scheint nötig, diesen Umstand hier zu be 
tonen. Denn neuerdings hat es Alfred
        
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