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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

SEZESSION. 
Von MAX CREUTZ, 
Den größten Genuß gewährt mir in jedem 
Jahre die Ausstelbjng der Sezession, wenn 
ich aus den Bildersälen mit ihrer toten 
Kunst wieder hinaustrete in das Leben der 
Straße und das bunte Treiben des Alltags, 
wenn ich auf die Menschen schaue, auf 
den sonnendurchglühten Asphalt, auf die 
Sonnenllecke im Schatten der Bäume und 
weiterhin auf denTurm der Kaiser Wilhelm- 
Gedächtniskirche, der vom Dunste eines 
heißen Sommertages umflossen ist. Dieser 
Genuß, nichts weiter wie eine Fortset 
zung des vorhergegangenen künstlerischen 
Sehens, ist die beste Gewähr für die Güte 
der Ausstellung. Denn nur gute Kunst 
vermag in jene Stimmung zu versetzen, die 
ein altgewohntes Straßenbild mit ganz neuen 
Augen ansehen läßt. Mit einem Male ent 
deckt das neugeschulte Auge, noch von 
Farbe gesättigt, in der Natur neue Werte 
und Schönheiten. Man sieht die Natur mit 
den Augen des Künstlers, Man sieht in der 
Natur das Bild und damit das Wesentliche 
der Natur. Man sieht, so ähnlich sagte 
einmal einer der Goncourts, die in ihrer 
Ästhetik ein bewundernswertes Selbstbe 
wußtsein entwickelten, im Bilde das, was 
die Natur aus eigener Kraft niemals zu 
geben imstande ist. 
Die Persönlichkeit muß eben dazu kom 
men, das beweist eine Fülle guter Werke 
auf dieser Ausstellung zur Genüge. 
Aus einer Ausstellung der Berliner Se 
zession wurde in diesem Jahre die zweite 
Ausstellung des neubegründeten Deutschen 
Künstlerbundes. Das bedeutet größeren 
Spielraum in der Heranziehung künstle 
rischer Kräfte. Ein Neubau unter Vermeh 
rung der Ausstellungsräume kommt hierbei 
der quantitativen Forderung entgegen. So 
konnte in diesem Jahre eine bedeutendere 
Ausstellung ermöglicht werden. Freilich 
sind auch Bilder ausgestellt, deren Dasein 
Überhaupt und auf einer Sezession man 
nicht recht versteht. 
In erster Linie muß man sich auf dieser 
Ausstellung mit den auswärtigen Künstlern 
abflnden, um über den Fortschritt der Se 
zession im engeren Sinne Klarheit zu ge 
winnen. 
Den größten Anspruch auf Beachtung 
haben hier Gustav Klimt und Ferdinand 
Hodler, der Wiener und Genfer, beide 
wegen ihrer Eigenart am meisten verlacht, 
und schon deshalb ist es nötig, sich mit 
ihnen auseinanderzusetzen. Die Werke 
beider Künstler füllen, jeder für sich, zwei 
umfangreiche Säle. Das ist in weiser Ab 
sicht geschehen. Denn neben diesen Ar 
beiten sind andere Kunstwerke ganz unmög 
lich. Sie müssen für sich sein, in einem 
eigenen Raume, schon aus dekorativen 
Rücksichten. Mit dem gewohnten Wiener 
Raffinement hat man für Klimt einen Saal 
in Weiß gehalten, nur mit einem schwarz 
goldenen Schachbrettmuster in der Um 
rahmung. In den abgeschrägten Ecken 
vier Damen-Porträts, dazwischen Bilder 
wie die Lebensalter, die Hoffnung, das 
Leben im Kampf, Salome, das bleiche 
Gesicht. Also ein gewisses modernes 
Raffinement in der Auswahl der Motive. 
Aber diese waren für den Künstler nicht 
das Wesentliche. Der Inhalt seiner 
Schöpfungen wächst bei Klimt heran aus 
dem bunten Farbenzauber seiner Künstler 
natur. Man denkt an die Farbenpracht 
mittelalterlicher Goldemails. Nur duftiger, 
zarter und leichter ist der Eindruck. Eine 
Kunst, die ornamental-dekorativ im eigent 
lichen Sinne des Wortes scheint. Da 
zwischen Wellenlinien und Spiralen, Kugeln 
und Dreiecke, verwebt zu eigenartiger, nicht 
immer glücklicher Symbolik. Klimt ist 
der Maler des Duftes und der Zartheit vor 
allem in seinen Frauenporträts. Dann 
wieder malt er einen Reiter in goldener 
Rüstung auf schwarzem Rosse in blumigem 
Grunde, ein Eindruck, wie man ihn bei 
den blumigen und goldüberladenen Werken 
der frühen Künstler des Quattrocento 
wiederfindet. Daneben wirkt Hodler in der 
härteren Art eines Signorelli, groß und 
überwältigend. Man sieht an den Wänden 
eine. Reihe Gestalten in gezierter Bewegung. 
Die Titel der Werke sind abstrakt und 
wenig glücklich: Empfindung I, eine Reihe 
von Mädchen hintereinander in Tanzschritt 
bewegung in grüner oder blauer Gewan 
dung vor einem mit roten Blumen übersäten 
Hintergründe, oder die Wahrheit, ein 
nacktes Weib zwischen lamentierenden 
Männern, deren Köpfe und Arme unter 
schwarzen Tüchern verhüllt sind, dann
        
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