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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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staben Teile des Wortes sind. Was das 
Wort aber sagen, soll, wie wir es bilden 
sollen und weiter, welcher Satz sich zu- 
sammenfügen soll, das ergibt erst den 
Sinn. Wir schätzen an jedem Kunstwerk 
nicht die gekünstelte Formensprache, son 
dern ihren Kulturwert. Durch den Ein 
zelnen gewinnt der Wille der Gesamtheit 
Möglichkeit, zu reden. An diese Gesamt 
heit schließt er sich willig an, in diesem 
Anschluß eine Kraft und Schwere der Be 
deutung erlangend, die ihm allein nicht 
vergönnt ist. 
Diese Gesamtheit sei euch also auch 
Maßstab. Aus persönlicher Kraft und all 
gemeinem Willen schafft Bauwerke, die 
Denkmäler unserer Zeit sind, weil sie 
energisch, ernst und groß und voll leben 
digen Strebens sind. Dokumente! Nicht 
blasse Schemen, Abbilder einer vergange 
nen Zeit. 
Entwickelt das in euch, was eure Stadt 
groß macht vor den anderen Städten. Sie 
ist es wert. Und wenn es euch jetzt nicht 
also scheint, so wird sie es sein, wenn ihr 
immer mehr ihr das gebt, was das Beste 
an eurer Arbeit ist. Sie ist Hauptstadt einer 
großen Gesamtheit. Nur wenige gibt es 
ihresgleichen. Und sie muß ihre Ehre 
darin suchen, dieser Aufgabe würdig zu 
sein. 
V. 
Zu einer architektonisch herrlichen Stadt 
gehört nicht als Vorbedingung eine blen 
dende Landschaft. 
Liegt Nürnberg nicht in der Ebene? Weit 
weg von den ragenden Kuppen eines Ge 
birges? Im Sumpfland. Ohne Wälder. 
Gerade da entstand bezeichnenderweise 
diese herrliche Stadt. Herrlich — weil sie 
den nachkommenden Zelten in Stein hinter 
ließ, was hinreichend ist, um ohne jede 
Vermittlung des Worts umfassend von der 
Kraft und dem Selbstbewußtsein der da 
maligen Zeit zu zeugen. Gerade in dieser 
Landschaft wuchs der Wille. Weshalb? 
Weil arbeitsame, betriebsame, ernste, 
mutige Männer da lebten, die durchsetzten, 
was sie wollten, und Künstler sich fanden, 
die dieser Geist befähigte, den innewoh 
nenden Willen der Bürgerschaft zu blei 
benden Dokumenten zu formen. 
(Zudem — Berlin hat eine Landschaft, 
die so geartet ist, wie sie zu dieser Stadt 
paßt. Weit. Still. Unendlich. Träume 
risch). 
Ich sehe im Geiste die Stadt erstehen, 
die dieser Landschaft entspricht. Weit. 
Groß. Unendlich. Ernst und freudig- 
träumerisch. Platz ist da für jeden, der 
ernst ringt und sucht. Es ist die Stadt, die 
der Welt gehört, dem Universum ein 
gegliedert ist. 
Ja, Berlin hat gerade den Boden, den es 
braucht. 
Es ist alles angelegt auf große Flächen 
wirkung und so vorgesehen, daß prinzipiell 
die einheitlich weite Gestaltung sich aus 
lebt, möge sie im einzelnen werden, wie 
sie wolle. Füllt sie aus, diese Flächen! 
Hier und da arbeiten die Pioniere. Folgt 
ihnen und arbeitet in ihrem Geiste. Es 
ist schwer für sie, immer wieder anzu 
kämpfen gegen die allmächtige Gewohnheit, 
die ihnen immer wieder in den Arm fällt. 
Stärkt ihre Reihen I Tüchtig in der Arbeit, 
ehrlich in der Gesinnung und hoffnungs- 
froh in der Zuversicht, daß das Gute siegt. 
Und vor allem frei von jeder sklavischen 
Nachahmung, die das Neue, Persönliche 
scheut, weil es bequemer ist, schon einmal 
Gefügtes noch einmal zusammenzufügen. 
Es müßten sich die, die solchem Vor 
haben zustimmen, zusammenschließen. 
Diejenige Gruppe von Architekten, die — 
jeder an seinem Teile — gewillt sein 
muß, für die zukünftige, immer offen 
barer werdende Schönheit unserer Stadt 
einzutreten. Es werde ein ständiges Zen 
trum gebildet, das alle Bestrebungen über 
wacht, die darauf hinzielen, das Bild un 
serer Stadt auszugestalten, das Vorschläge 
zu Neuerungen, Beseitigungen und Neu 
schöpfungen vorlegt, kurz —: gewillt ist, 
im ganzen Umfange das Programm durch 
zuführen, das in vorigem entwickelt wurde; 
Berlin vor der zunehmenden Verhäßlichung 
zu schützen, die Stadt täglich schön und 
schöner zu gestalten und in unermüdlichem 
Arbeiten, Suchen und Probieren, immer 
im engen Zusammenhang mit den jeweils 
vorliegenden praktischenAufgaben, den Weg 
zu einer neuen, weltstädtischen Architektur 
zu finden. Dieser Weg heißt: Befreiung 
von allem Unechten, bequem Übernomme 
nem, energisches Eintreten für die Ziele, 
die uns die Architekten geben, auf die 
wir deuten, wenn wir von guten, vorbild 
lichen Berliner Bauten sprechen. Möge ihre 
Zahl sich mehren und ihre Werke den Geist 
wecken, der sich angespornt fühlt zu eige 
nen Taten, 
Dann wird auch das Gefühl der Zusam 
mengehörigkeit, das Gefühl des gemein 
samen Eintretens für ein hohes Endziel 
von selbst sich einstellen. Der Einzelne 
wird fühlen, daß er mitarbeitet an einer 
großen Aufgabe, der architektonischen 
Gestaltung der Stadt! Der Zufall waltet 
nicht mehr, nicht mehr der bloße Einzel 
wille. 
Der Architekt, der es übernimmt, ein 
Haus zu bauen, wird einsehen, daß das 
nicht ein Einzelfall ist, der zur Erledigung 
in seine Hände gelegt ist. Er übersieht die 
ganze Tragweite seines Unternehmens. Er 
besitzt das Gefühl der Verantwortlichkeit. 
Er wird nicht schlecht und recht einen 
Bau hinsetzen, der in Monotonie und 
Schablone wiederholt, was entweder tau 
send andere schon sagten, oder was eine 
eklektische Zusammenstellung von Motiven
        
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