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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 7.1905

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schon in unendlich mannigfaltigen Wieder 
holungen erhalten, dennoch sich auf wenige 
Grundformen zurückführen läßt, aber eben 
deshalb in seinen verschiedenen Weiter 
bildungen auch in zweiter Hand noch immer 
ein gutes und rechtschaffenes Möbel bleibt. 
Was uns not tut, ist: feste Typen für unsere 
Hauskunst zu finden. Diese aber entstehen 
nur in gemeinsamer auf ein Ziel gerich 
teter Arbeit, wenn jeder sich bemüht, nicht 
es um jeden Preis anders zu machen, son 
dern vielmehr das Gute, was ein anderer 
gefunden hat, besser zu machen. 
Überhaupt ist die Kunst der letzten Jahre, 
der man den Namen „Jugendstil“ von mehr 
als einem Gesichtspunkte aus geben kann, 
auch in anderen Dingen einseitig gewesen. 
Die Flächenkünste haben die Führung ge 
habt. Wo es sich um plastische Ornamente 
handelt, versagte gewöhnlich die Kraft. Ein 
plastisches Ornament, das sich gleichmäßig 
gut als Flächenornament verwenden ließe, 
wie etwa das Rollwerk der Renaissance 
oder das Muschelwerk des Rokoko, ist nicht 
gefunden worden. 
Aber die größten Verdienste um die ge 
sunde Entwickelung unserer Nutzkunst sind 
trotzdem dieser eigenartigenBewegungnicht 
abzusprechen. Sie hat die Schätzung auch 
des geringsten Gegenstandes als eines der 
künstlerischen Veredelung würdigen Dinges 
aufs höchste gesteigert, sie hat die Archi 
tekten veranlaßt, sich nicht mehr mit der Er 
richtung des äußeren Steingehäuses allein zu 
begnügen, sondern auch den inneren Kern 
bis in die kleinsten Winkel hinein mit eigener 
Hand zu schaffen. Sie hat den Geschmack 
an jenen überladenen protzigen Machwerken 
arg erschüttert und an dessen Stelle das 
Wohlgefallen an dem jedem Material eigen 
tümlichen Reiz, den Sinn für solide tüchtige 
Einfachheit, für sachliche Zweckmäßigkeit 
und feines Gefühl für Farbenwerte gesetzt. 
Die Forderungen der Hygiene werden auch 
in der Ausstattung der Wohnräume mehr 
berücksichtigt, Luft und Licht reicherer 
Einlaß gewährt. Der Auffassung des Innen 
raums als eines einheitlichen Kunstwerkes 
ist durch sie Bahn gebrochen worden. Vor 
allem aber hat sie die Erkenntnis gebracht, 
daß nicht in der stilgetreuen Nachahmung 
alter Werke, sondern nur in dem Schaffen 
neuer Werte eine Weiterentwickelung mög 
lich ist. 
Getragen wird die neue Bewegung von 
starken moralischen Pfeilern: der Betonung 
der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit in Ma 
terial und Technik, der Vermeidung jeden 
falschen Prunkes, vornehmer Einfachheit 
und Zurückhaltung: alles das gibt den 
Trägern der neuen Richtung jene uner 
schütterliche Überzeugung von der Wahr 
heit ihrer Bestrebungen, jene redliche Be 
geisterung, die schon mehr als einmal den 
Sieg an ihre Fahnen geheftet hat. 
A, Brüning. 
ADB. 124. 
Hermann Radzig-Radzyk.
        
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