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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 7.1905

So 
treme sind in schärfster Fassung noch jetzt 
vorhanden. 
Was uns sowohl in der Architektur wie in 
dem Kunstgewerbe die Neubildungen in den 
Formen der Renaissance, des Rokoko usw. 
so unerträglich und widerwärtig macht, ist 
vor allem der Überschwall an Ornamenten 
und die sinnwidrige Anwendung derselben. 
Das gerade bewirkte es, daß schon vor 
zehn Jahren gegenüber dieser lärmenden 
Unruhe die fast ornamentlose englische 
Wohnungskunst wie eine Erlösung wirken 
mußte. 
Aber woher denn diese sinnlose Über 
ladung, die nichts mit der guten alten Kunst 
gemein hat? Offenbar glaubten und glauben 
doch alle, die so bauen und wirken, daß 
sie im Geiste der Alten arbeiten, daß jene 
falsche Ware echte Renaissance und ech 
tes Rokoko sei. Wie kam es, daß in ihren 
Köpfen diese närrische Verwirrung sich ein 
nisten konnte? Schuld daran ist vor allem 
die oberflächliche Kenntnis, die man sich 
von der Kunst der Vergangenheit ge 
macht hatte. Was von Arbeiten jener Zeit 
in den Museen gesammelt oder, wie die 
Bauten, in Abbildungswerken veröffentlicht 
wurde, waren besondere Prunkstücke, reich 
an Formenaufwand, die naturgemäß die 
einfachen schlichten Gebrauchsgegenstände 
überdauert haben, sowie Aufnahmen von 
Schlössern und Kirchen. Die schmuck 
losen, aber geschmackvollen Bauern- und 
Bürgerhäuser der vergangenen Jahrhunderte 
im Bilde festznhalten, oder die entsprechen 
den Möbel in den Museen zu sammeln, 
daran denkt man noch heute kaum. Erst 
jetzt wird inWerken, wie das von Lambert & 
Stahl (Architektur von 1750-1850) der An 
fang dazu gemacht, und in den neuen er 
wachsenden Provinzialmuseen findet auch 
das prunklose Gebrauchsstück seine Wür 
digung. 
Aus jenen vereinzelten Prachtstücken hatte 
man sich nun ein merkwürdiges Bild von 
der Kunst der vergangenen Zeiten zurechtge- 
zimmert, das mit der ursprünglichen Wirk 
lichkeit so gut wie nichts gemein hatte. 
Von gotischen Gebrauchsmöbeln hat sich 
nur wenig erhalten, die meisten noch er 
haltenen Möbel dieses Stils sind Chorstühle 
und andere kirchliche Holzarbeiten. Aus 
diesen Überbleibseln konstruirte man sich 
ein mit Fialen und Maßwerk ausstaffiertes 
gotisches Mobiliar, das es niemals gege 
ben hat. Und ähnlich ist es mit der Re 
naissance und dem Rokoko: die wenigen 
Prunkstücke aus den Schlössern wurden 
als Vorbilder für den bürgerlichen Haus 
rat genommen, und ebenso mit der Archi 
tektur, wo besonders die Fassade des ita 
lienischen Palazzo das größte Unheil an 
gerichtet hat. Am frühsten hatte man sich 
noch in München darauf besonnen, daß 
das einfache Bürgerhaus des 17.und 18. Jahr 
hunderts und nicht die Kirche oder der 
Palast die Grundlage bilden müsse, auf der 
man eine gesunde bürgerliche Architektur 
aufbauen könne. Also den Anhängern 
der Tradition muß man zurufen (abgesehen 
zunächst davon, daß ihr Wahlspruch nur 
in einem bestimmt umgrenzten Sinn Gel 
tung hat): „Ihr habt ganz Recht, wenn Ihr 
das Alte zum Fundament Eures Schaffens 
macht, aber seht Euch erst um, wie das 
Alte beschaffen war, anstatt daß Ihr aus 
wähl- und sinnlos znsammengerafften Frag 
menten Euch ein Bild vom Alten aufhaut, 
wie es nimmermehr gewesen!“ Und dann 
die Jungen! Ist wirklich der Rechtstitel, 
mit dem sie sich brüsten, so echt? Sind 
sie die Neuschaffenden, frei von aller Tra 
dition, von jedem Anlehnen an das, was 
vor ihnen gewesen? Ich glaube, daß es 
doch noch Leute gibt, die an ihre Robin- 
sonaden so recht nicht glauben wollen und 
auch in ihrem Schaffen, so selbstherrisch 
es sich auch gebaren mag, doch Nach 
klänge vernehmen von Stimmen, die vor 
und neben ihnen gesprochen. Und warum 
sollten sie auch nicht? Denn es hieße 
„das Leben hassen und in Wüsten fliehen,“ 
wollte man sich frei machen von allem, was 
vor uns und neben uns lebt und webt; und 
wollte man es auch, man könnte es nicht, 
denn die Erinnerung, mächtiger als unser 
Wille, würde uns doch folgen. 
Und so läßt sich denn auch bei den ersten 
Führern der neuenBewegung deutlich beob 
achten, daß auch sie nur auf den Schul 
tern anderer stehen. Neben England ist es 
vor allen die Kunst Ostasiens, die hei den 
Schöpfungen dieser Künstler Gevatter ge 
standen. InObrists und Eckmanns frühesten 
Arbeiten lassen sich deutlich in Linien 
führung und Stilisierung derPüanzenformen, 
Komposition u. a. chinesisch-japanische 
Einflüsse verfolgen. Auch Van de Veldes 
eigenartige Schmucklinien erinnern in ihren 
charakteristischen Schweifungen und Um
        
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