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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 7.1905

B. a. w. vii. 3. 
ABB. 123. 
H.R.'ft. 
H. Radzig-Radzyk. 
ALTE UND NEUE KUNST. 
Zu allen Zeiten hat die Begegnung alter 
und neuer Kunstanschauungen zum Kampf 
geführt. Stets stieß das Neue auf Wider 
streben, das bis zum erbitterten Widerstande 
des Alten sich steigern konnte. So erfahren 
wir z. B. aus einem Gedicht, welches der 
in der Mitte des 18. Jahrhunderts lebende 
Augsburger Schlossermeister Johann Samuel 
Birkenfeld einem Hefte mit Vorlagen für 
Schmiedearbeiten im Rokokostil vorsetzt, 
daß die neuen Formen von den biederen 
deutschen Schlossern mit Mißtrauen aufge 
nommen wurden und sie von denselben zu 
nächst nichts wissen wollten, da sie ihre 
Nachbildung in Schmiedeeisen für unmög 
lich hielten. Und nur wenige Jahre später 
zieht der Jesuit Laugier in seinem Essai sur 
l’architecture gegen die Architektur dessel 
ben Rokoko, das inzwischen in Frankreich 
schon überwunden war, als einer entarteten 
und verkommenen Kunst mit aller Schärfe 
ZU Felde, während in Deutschland Winkel 
mann es einen „kindischen Geschmack“ 
nennt. 
Aber alles das waren doch nur kleine 
Scharmützel im Vergleich zu der offenen 
Schlacht und heimlichen Fehde, dem tapfe 
ren Faustkampf und dem feigen Hinter- 
haltschusse, dem so mancher kühner Vor 
kämpfer der neuen Kunst erliegen muß. 
Wenn auch dieser Streit zur Zeit auf dem 
Gebiete der freien Künste am lautesten tobt, 
so herrscht doch auch auf dem Felde der 
Nutzkunst zum Teil noch ein leidenschaft 
licher und erbitterter Kampf, so daß auch 
hier ein Friedensschluß noch in weite Ferne 
gerückt scheint. Und doch glaube ich, daß 
eine Versöhnung und ein Zusammengehen 
beider Parteien möglich ist, wenn man sich 
nur bemüht, sich gegenseitig zu verstehen 
und überhaupt zu einer klareren Erkennt 
nis sowohl seiner eigenen wie der fremden 
Kunst sich durchgerungen hat, vor allem 
aber zu einem besseren Verständnis der 
Kunst der Vergangenheit und ihrer Be 
ziehungen zur heutigen Kunst. Gerade das 
Verhältnis zur alten Kunst ist es ja, das 
den Gegensatz der beiden feindlich aufein 
ander stoßenden Kunstanschauungen aus 
macht. Die Alten erblicken in einer mehr 
oder minder getreuen Nachbildung oder 
einerWeiterbildung der überlieferten Kunst 
formen allein das Ziel der modernen Kunst; 
die Jungen wollen von aller Tradition nichts 
wissen, sie wollen frei und ungebunden 
schaffen, durch keine alten Bande den 
hohen Flug der Phantasie gefesselt wissen. 
Freilich haben sich in der letzten Zeit die 
Gegensätze ziemlich verschoben, der küh 
nen Neurer sind weniger geworden und viele 
von denen, die man den Jungen zuzählt, 
haben das verständnisvolle Weiterbilden 
der alten Formen geradezu zu ihrem Pro 
gramm gemacht. Und andrerseits bröckelt 
von dem Anhänge jener älteren noch heute 
sich so breit machenden Richtung, die die 
stilechteNachbildung der altenKunst pflegte, 
von Tag zu Tag mehr ab. Aber beide Ex-
        
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