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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 7.1905

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CURT STÖVINGS HALLE FÜR DIE 
WELTAUSSTELLUNG IN ST. LOUIS. 
Curt Stöving gehört zu der Gruppe Ber 
liner Künstler, die sich unter dem Namen 
„Werkring" zu gemeinsamen Wirken ver 
einigt haben, und die schon im vorigen Jahre 
auf der Ausstellung in Turin, wo sie sich zu 
erst zusammenfanden, Berlins Wohnungs 
kunst mit Erfolg vertreten haben. Auch 
diesmal, wo es gilt, jenseits des Ozeans das 
Kunstgewerbe der Hauptstadt des deutschen 
Reiches würdig zu repräsentieren, ist ihm 
und seinen Genossen Alfred Grenander, 
Anton Huber, Arno Körnig und RudolfWille 
der ehrenvolle Auftrag zu teil geworden, 
eine Gruppe von Zimmern im Anschluß an 
den großen Ehrenhof von Bruno Möhring 
zu schaffen, der im ersten Hefte dieses Jahr 
gangs auf einer Farbentafel abgebildet ist. 
Stöving fiel die Einrichtung des ersten Rau 
mes in der Reihe zu, der eine Größe von 
etwa 11 zu 5,5 m besitzt. Er wählte als 
Thema „Die Halle eines Kunstfreundes" und 
gestaltete demgemäß den Raum, den er bei 
der Vielgestaltigkeit seiner Kunst ausschließ 
lich mit seinen eigenen Werken, Gemälden, 
Skulpturen und kunstgewerblichen Arbeiten 
ausstatten konnte. 
Ein warmer goldiger Ton beherrscht als 
Grundstimmung den ganzenRaum. Der gelb 
gemusterte Wandston wird durch schmale 
Holzpfeiler aus grünlich-braunem Elsenholz 
geteilt. Die Möbel sind in geflammtem 
poliertem Birkenholz von warmem gelb 
braunen Ton gearbeitet, dessen Flammen 
aus dem durchsichtigen heilen Grunde mit 
moiröartigem Schimmer hervorleuchten 
Die dem von dem Ehrenhof Möhrings Ein 
tretenden gegenüberliegende Längswand ist 
dadurch, daß der anstoßende Raum von 
Behrens sich in die Halle Stövings hinein 
schiebt, in eine zurückliegende und eine 
vorspringende Hälfte geteilt. Auf die so ent 
stehende” einspringende Ecke ist der in der 
Abbildung 109 dargestellte Beleuchtungs 
körper aus getriebenem Messing mit Ein 
lagen von blau-grün-violetten Emails auf 
gesetzt. Die Gestalt des oberen Teils des 
selben in Form eines halbgeöffneten Schirms 
erklärt sich daraus, daß der Stamm, der die 
Lampen trägt, der Wölbung der aufstei 
genden Voute sich anschmiegt. Die linke 
Hälfte der Wand beherrscht ein 4 m breites 
Gemälde „Das Tanzlied", während auf der 
rechten Hälfte mehrere plastische Arbeiten 
des Künstlers, ein Relief und eine Büste 
zwischen Armleuchtern ihren Platz finden. 
Die gegenüberliegende Längswand erhält 
durch eine große weißgeputzte Kaminnische 
bedeutende ^Gestaltung. Neben dem Kamin, 
vor den zwei freistehende, in energischer 
Bewegung nach oben strebende Holzpfeiler 
treten, befinden sich zwei Nischen, die 
nach oben hin in eine flache Wölbung aus 
klingen. Alle drei Teile, Kamin und Nischen, 
werden durch zwei seitliche, etwas von der 
Wand vortretende, viereckige Steinpfeiler 
zu einer Einheit zusammengefaßt. Von 
Steinpfeiler zu Steinpfeiler schlingt sich an 
den Holzpfeilem vorbei ein fortlaufendes 
Messingband, an dem zehn Beleuchtungs 
körper aus Messing und irisierendem Glase 
hängen. Dieses Querband hebt aber nicht 
den starken vertikalen Zug auf, der an dieser 
Stelle sich aus der Ruhe der breitgelagerten 
Masse des Raumes wirkungsvoll herauslöst. 
Sehr eigenartig und farbenprächtig ist der 
Kamin, dessen Fläche ganz aus grauer 
Emailinkrustation gebildet ist, in die drei 
tiefblaue Medaillons mit Flammenmotiven, 
ebenfalls in Email, gesetzt sind. Auch die 
Kaminhaube, unter der die kraftvollen, in 
ihren derben Formen vortrefflich dem Cha 
rakter der Schmiedearbeit angepaßten Ka 
minböcke stehen, zeigt züngelnde Flammen, 
Das Kaminbild, dessen Rahmen Algen in 
Relief zieren, stellt den „Ton" dar, wie er 
aus der Tritonschnecke geboren wird. 
Rings um den Kamin herum versammeln 
sich die Sitz- und Tischmöbel. Die kleinen 
Tische zierlich, beweglich und doch stand 
haft, die grauleder gepolstertenSitzmöbelmit 
weich gerundetemHolzwerk.dessenFormen 
schon äußerlich behagliche Bequemlichkeit 
atmen. Auch darauf ist Rücksicht ge 
nommen, daß dem Sitzenden der Sessel als 
vorteilhafter Rahmen diene. Die Stütze und 
Füße sind von leicht gebogener Form und 
anschwellender und abnehmender Stärke 
gebildet, was im Gegensatz zur starren, leb 
losen Geraden lebendig wirkende Kräfte 
versinnlicht. Besonders anerkennenswert 
ist die selbstlose Zurückhaltung des Bild 
hauers in bezug auf plastischen Zierat, 
nur hin und wieder erscheinen gebogene 
Kanrieluren oder weiches in der Fläche 
bleibendes Relief als bescheidener Schmuck 
der sonst glatten Möbel, Mehrere Glas 
schränke dienen zur Aufnahme der vielen 
kleinen Arbeiten des Künstlers, seiner ge 
schmeidigen Bronzen, seiner graziösen 
Stengelgfaser, seiner breitmündigen Tassen 
u.a." 
Ein bedeutendes Verdienst an dem Werk 
haben die Mitarbeiter. Ihre Namen dürfen 
nicht verschwiegen werden. Die Emails, 
denen hier die Rolle der in Gold gefaßten 
Edelsteine zu fallt, verfertigte Professor 
Schirm. Die Tischmöbel arbeitete Wilhelm 
Voigt, die Stuhlmöbel August Simon, wäh 
rend R. Caspari für die Lederpolsterung 
sorgte. Die getriebenen Messingarbeiten 
führte G. Leander aus, die Gläser B. von 
Poschinger, die Porzellane Geb. Bauscher; 
die Kaminböcke gaben Schulz & Holdefleiß 
Gelegenheit, Meisterstücke der Schmiede 
kunst zu liefern. 
A. Brüning.
        
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