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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 7.1905

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Das Herrenzimmer im Erdgeschoß kann 
dieser Hauptraumgruppe hinzugefügt wer 
den, es kann unter Umständen aber auch 
sich absondern. Eben die Beweglichkeit der 
Raumkombinationen ist im Hause Kayser 
sehr bemerkenswert. Diese Idee ist noch 
weiter ausgebildet. Der Vorplatz ist teil 
bar durch einen alten schmiedeeisernen 
Lettner, an welchem eine Portiere den 
offiziellen Eingang von der Nebentreppe 
sondert. Unter dem Podest der Dielen- 
treppe befindet sich eine Garderobe, die in 
vorkommenden Fällen nützlich werden 
kann. Hier können in der Eile die Ober 
kleider abgelegt werden, ohne daß man 
sich in die Toilettenzimmer im zweiten 
Geschoß emporzubemühen braucht,und von 
hier bietet sich unmittelbarer Zugang zum 
Reich der Küche und der Anrichte und von 
dieser wieder zur Diele, und durch das 
Fenster zur Anrichtetür kann der dienende 
Geist über die Diele hinweg den Verlauf des 
Diners verfolgen, um im gegebenen Augen 
blick mit dem neuen Gang aufzuwarten. 
Jene Nebentreppe führt nicht nur zum 
Zimmer der Dame und zum Musiksalon 
im ersten Stockwerk, sondern auch zu den 
Zimmern der Töchter und Söhne und ferner 
zu den Schlafzimmern, welche das ganze 
zweite Geschoß einnehmen. Man sieht"also, 
wie auf diese Weise allen Möglichkeiten 
des Verkehrs und allen Wünschen der 
Einzelperson gedient ist. Die Schlafzimmer 
endlich sind vor dem Geräusch der Gesell 
schaftsräume durch eine doppelte, schall 
dämpfende Decke sichergestellt, und was 
der Maßnahmen mehr sind, die Behaglich 
keit des Hauses zu einer vollendeten zu 
gestalten. 
Die künstlerische Ausstattung des Hauses 
wurde in der Hauptsache durch einen 
Umstand bedingt, und zwar durch die 
umfangreichen Kunstsammlungen des Ge 
heimrat Kayser in Gestalt von vorwiegend 
holländischen Gemälden des 17. Jahr 
hunderts, von polychromen oder vergol 
deten Holzbildwerken, Holzschnitzereien, 
Porzellanen, Fayencen, Gobelins, kost 
baren alten Stoffen, Schmiedeeisenwerken, 
Zinngefäßen, Prachtschränken u. dergl. 
Das alles fügte sich zu einem Spätbarock- 
Milieu eigner - Art, gipfelnd in der Diele, und 
von da in feinempfundenen Variationen 
ausstrahlend in die Einzelräume des 
Erd- und ersten Obergeschosses. Die Ab 
bildungen geben einen Begriff davon, wie 
wundervoll die alten Kunstwerke mit den 
Neubildungen in der Form zusammenge 
stimmt sind, alle Einzelheiten der Kunst 
sammlungen stehen so natürlich und innig 
verbunden neben einander, als ob sie eigens 
für diesen Zweck und diesen Raum gear 
beitet wären. Dazu kommt noch, was sich 
durch die Photographie nicht verdeutlichen 
läßt, der dekorative Stimmungswert der 
Farbentönungen und Alt-Vergoldungen, die 
den Glanz und die Wohligkeit der Interieurs 
meisterlich vollenden. Man hat hier das 
Gefühl, daß der Architekt ähnlich wie der 
Bildhauer, der seine Statue immer wieder 
durch genialen Daumendruck bearbeitet, 
die Räume auf das Intensiveste und bis ins 
Kleinste und Feinste durchmodelliert und 
somit zu größtmöglicher Schönheit und 
Stimmung geführt habe. Dabei kann man 
nun niclit sagen, daß die Interieurs ein 
ausgesprochenes Barock aufweisen, sie 
sind im Grunde keineswegs imitiert oder 
nachempfunden, sondern recht eigentlich 
aus dem Geist unserer Tage selbstherrlich 
empfunden und gestaltet, sie repräsentieren 
durchaus den Stil 1900. Denn die heutige 
Kunst erschöpft sich keineswegs im Se 
zessionsschnörkel oder in der "englischen 
Magerkeit, der'Schnörkel ist ja schon stark 
im Schwinden begriffen, es bleibt aber und 
belebt sich immer wieder die von den 
Jahrhunderten überlieferte souveräne For 
menschönheit, die vom Geist des jeweiligen 
Jahrzehnts nach dieser oder jener Rich 
tung hin variiert und von einer starken 
Persönlichkeit von neuem geadelt wird. 
Etwas absolut Neues wird nie ein Künstler 
aus der Luft greifen können. 
Die Halle im Hause Kayser wird be 
leuchtet durch hohes Seitenlicht aus dem 
Lichthof, der auch das Treppenhaus be 
dient. Und von hier schaut ein gewaltiges 
Glasgemälde hernieder, eine dekorative 
Barockgarten-Architektur darstellend. Die 
hier befindlichen Säulen kehren leibhaftig 
auf der oberen Galerie wieder und tragen 
jene Decke, die in Gold und Blau den 
Zodiacus und die Zeichen der Monate auf 
weist, ein Meisterwerk der Dekorations 
malerei des Ateliers von M, J. Bodenstein. 
Diese Firma vollführte überhaupt die de 
korativen Malereien im Hause, die zur Er 
zielung der künstlerischen Behaglichkeit 
eine so große Rolle spielen. Namentlich 
auch im Herrenzimmer, wo Kimbel und 
Friederichsen die Tischlerarbeiten geliefert 
haben. Dieses Interieur gehört gewiß zu 
den schönsten und eigenartigsten, che neuer 
dings in Berlin geschaffen sind. Das hohe 
Paneel ist in rotbraunem Ton gehalten und 
enthält dekorative Tempera-Malereien auf 
Wismutgrund in nieclerrheinisch-hollän- 
dischem Barock, und die Wappen- und 
Figurensymbolik nimmt eigenartig Bezug 
aulP die persönlichen Kunstanschauungen 
des Bauherrn und Architekten. 
Erwähnt mag noch werden, daß dem 
Erbauer der Architekt Gärtner in der 
Ausführung zur Seite stand, daß auch der 
Entwurf zum großen Glasgemälde von 
Bodenstein herrührt und daß die Schlosser 
arbeiten von Ed. Puls, die Fliesen von 
N. Rosenfeld & Cie., die Stückarbeiten von 
E. Jaeckel, die Beschläge von F. Spengler 
und die Beleuchtungskörper von A.-G^ F. 
C. Spinn & Sohn und"von H. Frost & Söhne 
geliefert sind. 
M, Rapsilber*
        
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