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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 7.1905

DAS HAUS KAYSER 
IN DER HILDEBRAND-STRASSE. 
Das neue Heim des Geh. Baurat Heinrich 
Kayser, Hildebrandstraße 10, ist aus einem 
Umbau hervorgegangen. Das übernommene 
Haus ist aber einer so gründlichen Umge 
staltung unterzogen, was die Gartenanlage, 
die Fassaden, den Grundriß, die leitende 
Idee der Raumteilung und den Innenaus 
bau anlangt, daß bis auf ein paar Brand 
mauern das Ganze sich tatsächlich als ein 
Neubau kennzeichnet. Der Bau ist das 
eigenste Werk und sozusagen eine Privatan 
gelegenheit des Geh. Baurat Kayser.insofern 
er nämlich nicht in den gemeinsamen Wir 
kensbereich der Ateliers Kayser und von 
Groszheim fällt. 
Die im vorliegenden Heft dargebotenen 
Grundrisse und Innenaufnahmen gebenwohl 
in der Hauptsache ein deutliches Bild von 
dem wohlbedachten Organismus der inein 
ander greifenden und je nach dem Zweck 
ruppierten Räumlichkeiten und von dem 
ünstlerischen Charakter der Innenaus 
stattung, aber es verlohnt sich doch, mit 
einigen erläuternden Worten einzugreifen, 
weil hier das Ideal des vornehmen Ber 
liner Einfamilienhauses gemeistert ist und, 
wie ich meine, in einer mustergültigen 
Form. Die technischen wie künstlerischen 
Erfahrungen von mehr als einem Menschen 
alter hat der Bauherr in diesem Werke, 
welchem er zwei Jahre liebevollster Hin- 
abe gewidmet, bis in die winzigste Kleinig- 
eit hinein verwertet und daran gerade 
lassen sich einige Bemerkungen prinzipieller 
Art anknüpfen. 
Im Herrenzimmer befindet sich eine In 
schrift, von Julius WolfF gedichtet, welche 
den architektonischen "Leitspruch des 
Hauses und überhaupt des baukünstle 
rischen Schaffens verdeutlicht „Wer will 
bauen an der Straßen, tu es nach der Schön 
heit Maßen, so nach außen wie nach innen, 
doch er sei mit vollen Sinnen, aller Kunst 
darauf bedacht, daß der Formen hellePracht 
steh im Einklang mit dem Zwecke, ihn 
dem Auge nicht verdecke. Jedes Wohn 
haus, das er bauet, sei, ob schlicht, ob stolz 
es schauet, ob es eng ist oder weit, Heim 
statt der Behaglichkeit." Eben diese Be 
haglichkeit oder intime Wohnlichkeit, die 
wir hier als das Ideal proklamiert sehen, 
ist nicht immer in Berlin das oberste Gesetz 
des Bauschaffens gewesen. Das Berliner 
Haus hat sich unter schweren Mühen aus 
der steifleinenen Nüchternheit und aus der 
protzenhaften Unbequemlichkeit erst all 
mählich zur wohnlichen Schönheit und zur 
Poesie des Behagens entwickelt. Nament 
lich in den letzten zehn Jahren haben sich 
mit den gesellschaftlichen Anschauungen 
auch die Anforderungen an das Wohnhaus 
gründlich geändert und gerade das sehen 
wir im Hause Kayser vollendet in die Er 
scheinung gesetzt. Gewiß wird die Behag 
lichkeit zum guten Teil bedingt durch eine 
schöne, farbig wohlige und dem Zweck 
entsprechend charaktervolle Interieurbil 
dung, aber die Grundlage und der Inbe- 
f rift aller Schönheit ist der Grundriß, der 
ie kürzesten und bequemsten Verkehrs 
wege durch das ganze Haus ermöglicht, 
der sich den gesellschaftlichen sowohl wie 
intimen Lebensgewohnheiten der betreffen 
den Familie anpaßt und der für alle Mög 
lichkeiten am rechten Ort ein Hintertür 
chen bereit hält. Eine einzige falsch oder 
unbequem sitzende Tür kann die ganze 
Freude an einem Hause verderben. Und 
auf diesen Gesichtspunkt hin hat Kayser 
das Haus erbaut, und daß das Pro 
blem mit einem virtuosen Geschick vom 
untersten Weinkeller bis zum Warmwasser 
reservoir im Dachstuhl empor gemeistert 
ist, kann sich jeder Kenner der Kayser und 
v, Groszheimschen Architekturen unschwer 
vorstellen. 
Wesentlich ist schon die Lage des Hauses, 
das aus einem Hauptteil und einem an 
stoßendem Flügel besteht. Die Straßenfront 
ist nach Osten" gekehrt; es ist hier daher 
mit Vormittagssonne zu rechnen, während 
die zweite Front und namentlich die Eck 
zimmer sich mit der Nachmittagssonne ab 
zufinden haben. Die daraus sich ergeben 
den Beleuchtungseffekte sind durchaus ver 
wertet,. vor altem im Zimmer der Dame. 
Das Außere des Hauses vermeidet den 
auffallenden Prunk, gleich der Dame in 
Straßentoilette, es ist lediglich eine schlichte 
Eleganz beabsichtigt und erzielt in der 
Kombination von Terranuova, weißen Ver 
blendern und den Architekturteilen aus 
Cottaer Sandstein mit einer maßvollen 
Ornamentik. 
Im Innern bilden Eingang, Vorplatz und 
Diele oder Halle eine geradlinig zusammen 
hängende und sich steigernde Raumfolge 
und"die Prunktreppe derDiele führt zu den 
oberen Räumen, die noch für den gesell 
schaftlichen Verkehr in Frage kommen.
        
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