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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 7.1905

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heißt die deutsche kunstgewerbliche Ab 
teilung. Ihr architektonischer Leiter ist 
Bruno Möhring. 
Wir werden also das Schauspiel erleben, 
daß innerhalb desselben politischen Reiches 
zu derselben Zeit in derselben Kunst in 
St, Louis zwei Kunstrichtungen sich dar 
stellen, die in ihrem Inhalte ganz verschie 
dene Weltanschauungen, Ideen und Emp 
findungen zum Ausdruck bringen werden. 
Aus dem „deutschen Hause“ in die „deut 
schen kunstgewerblichen Abteilungen“ be 
deutet bei einer Entfernung von zehn Mi 
nuten einen Zeitunterschied von fast zwei 
Jahrhunderten. 
Und an die Ausführung jener in sich ab 
geschlossenen Stilarchitektur ist der Name 
von Bruno Schmitz gefesselt. Wir begehen 
eine historische Ungerechtigkeit, wenn wir 
das deutsche Haus einen Entwurf von 
Bruno Schmitz nennen, wenn wir diesen 
Pionier der deutschen Denkmalskunst mit 
dem Namen eines Bauwerkes verbinden, 
das nichts ist als eine Kopie, und wenn 
auch eine von noch so hohem kulturellen 
Werte. Es liegt eine eigene Tragik in 
diesem Verhältnis und viele, vielleicht er 
selbst auch, werden es nicht verstehen, 
wie man ihn und das Werk in einem 
Atemzuge nennen kann. Wir können also, 
um kurz zu sein, von einem „deutschen 
Hause“ sprechen, dabei aber immer an 
Eosander von Goethe als Erbauer denken, 
nur, wenn uns jemand mit überlegener 
Miene daran erinnert, daß jener auch 
schon lange gestorben sei, dann wollen wir 
uns dazu bequemen, diese Tatsache einzu 
gestehen; aber auch weiter nichts. Erst 
wenn wir an das kleine angebaute deutsche 
Restaurant kommen, dann wollen wir von 
Bruno Schmitz sprechen, denn in diesem 
steckt er, wenn auch sehr fürnehm, sehr 
ruhig, sehr abgetönt. Doch das liegt an 
dem feinen Duft, der aus dem alten Schlosse 
hinübergezogen kam, wie ein wolkiger 
Schwaden, der alles zart umhüllt; —ja, es 
ist doch eine Zauberkraft in den alten Runen, 
und wir können es niemandem verargen, 
der sich in sie verguckt, so daß er alles um 
sich her vergißt. Wir sehen noch viele 
von den Runendeutern unter uns wie in 
einer fremden Welt wandeln, man will sie 
nicht stören, denn dann kann es geschehen, 
daß sie sich nicht mehr zurecht finden und 
elendiglich verkümmern. 
Nur einen der Ehrwürdigen sahen wir 
jüngst und nicht ohne Erschütterung, wie 
er sich unter der Wucht der reifenden 
Ideen der Neuzeit beugte, nachdem er noch 
vor vier Jahren in Paris seinen Bannstrahl 
in Form von Thesen auf die stürmende 
Jugend schleuderte. 
Kommen wir aber in die kunstgewerb 
liche Abteilung, da spüren wir nichts von 
einer träumenden, sich seihst vergessenden 
Gegenwart. Hier ist das gärende Deutsch 
land, das lebenskräftig fortschreitet und das 
in seinem gesunden Entwicklungsprozeß 
Gewähr bietet für die Absorption fremder 
schädlicher Eindringlinge, die sich notge 
drungen bei jeder Entwicklung einstellen. 
Daß auch gerade die Monumentalkunst 
Deutschlands in diesem Gewände sich prä 
sentieren muß; aber als Gegensatz zur 
kunstgewerblichen Abteilung kann sie nur 
erwünscht sein. - Hoffentlich wird man 
drüben dafür Sorge tragen, daß das deut 
sche Haus als verwunschenes Schloß mit 
einem Sagenkreis umwoben wird, der an 
Romantik der Empfindung das ersetzt, was 
wir an Fruchtbarkeit der Erfindung an 
einem deutschen Hause für die Weltaus 
stellung hätten fordern müssen. 
Fehlt dieser romantische Schimmer oder 
tritt an Stelle dieses nicht die sachliche 
Aufklärung, dann wird es ganz unmöglich 
sein, daß der denkende Beschauer des 
transatlantischen Kontinents einen ästheti 
schen Zusammenhang zwischen den Äuße 
rungen derMonumentalkunst und derlnnen- 
kunst, bezw. des Kunstgewerbes findet. 
Wir werden auch später Gelegenheit 
finden, auf diese Einzelheiten zurückzu 
kommen, wenn uns die plastische An 
schauung und der lebendige Zusammen 
hang zwischen Kunstwerk und Beschauer 
im Ausstellungsgebäude selbst das Urteil 
unterstützen wird. Für alle diejenigen aber, 
die gewohnt sind, in den Erscheinungen 
der Außenwelt auch den Kampf und die 
Entwicklung sozialer, philosophischer oder 
künstlerischer Ideen zu verfolgen, werden 
sicher jetzt mit vielem Interesse dieser 
prächtigen Auseinandersetzung eines ge 
waltigen Willens und seiner künstlerischen 
Ideen mit denen seiner ganzen Zeit, wie 
wir sie auch dort in St, Louis sehen wer 
den, verfolgen. 
Das deutsche Kunstgewerbe wird in St. 
Louis recht geschlossen auf den Plan treten:
        
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