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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 7.1905

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NEUE ARBEITEN 
VON RUDOLF UND FIA WILLE. 
Das Streben unserer Frauen, neben dem 
Mann an den mannigfaltigen Aufgaben des 
modernen Lebens tatkräftig mitzuarbeiten, 
hat auch den verschiedenen Gebieten der 
angewandten Künste tüchtige Kräfte aus 
dem weiblichen Lager zugeflihrt. Keine 
Form der Mitwirkung aber scheint glück 
licher gewählt zu sein, als die, welche sich 
in dem Titel dieser Zeilen ausspricht, die 
Teilnahme der Frau am Schaffen desMannes 
in der Weise einer ausgleichenden Tätig 
keit, indem die schöpferische Kraft des 
Mannes, sein Planen und Schaffen in dem auf 
das Praktische gerichteten Sinn des Weibes, 
der auch den kleinen Bedürfnissen des 
Lebens gerecht wird, ihrem natürlichen 
Geschmack und angeborenen Farbensinn 
eine glückliche Ergänzung findet. 
Es ist merkwürdig, wie trotz der weib 
lichen Mitarbeit doch die Werke, die aus 
dem gemeinsamen Schaffen der beiden 
Künstler hervorgegangen sind, einen stark 
ausgeprägten männlichen Charakter tragen 
— sowohl in der Form wie in der Farbe. 
Der strenge Ernst, der aus der straffen 
Formgebung spricht, in der die gerade Linie 
die Vorherrschaft führt, die Vorliebe für 
den eckigen Mäander, der in mannigfachen 
Variationen als ein Lieblingsmotiv in der 
Ornamentik Rudolf und Fia Willes er 
scheint, die tiefen dunkeln Töne — schwarz, 
rotbraun, tiefblau — alles zeigt mehr herbe, 
als anmutvolle Schönheit. 
Die zur Abbildung gelangten Zimmer sind 
sämtlich Wohnräume des Künstlerpaares 
selbst, auf einfach-bürgerliche Lebens 
führung eingerichtet. Diese direkte Zweck 
bestimmung bewahrt sie vor jeder äußer 
lichen Aufmachung, die naturgemäß eine 
für eine Ausstellung berechnete Ausstattung 
gar zu leicht erhält. Diese hat sich neben 
den übrigen ausgestellten Räumen zu be 
haupten, eine Notwendigkeit, die dazu führen 
muß, auf ein „in die Augen fallen“ mit 
größerem Aufwand an Form und Farbe zu 
arbeiten, als man sonst ohne diese Rück 
sicht verwenden würde. Einer der Räume, 
dasDamenzimmer,istvomReichskommissar 
für die Weltausstellung in St. Louis an 
gekauft worden. Hoffentlich wird es dort 
eben denselben wohltuenden Eindruck er 
wecken, wie innerhalb der Folge gleich 
gestimmter Wohnräume im Hause der 
Künstler. 
Dieses Damenzimmer soll zugleich als 
Wohnzimmer und als „Salon“ dienen. Die 
Möbel bestehen aus Nußbaumholz von hell- 
braunemTon mitschwarzer Äderung; Tisch 
platte und die Lehnen der Sitzmöbel sind von 
einer geschnitzten Borte eingefaßt, dessen 
Zierformen an den Eierstab erinnern. Hin 
und wieder sind zur Betonung von kon 
struktiv bedeutsamen Teilen kleine In 
tarsien aus Holz, Elfenbein und Perlmutter 
als lichte Flecken auf den dunkeln Grund 
gesetzt. Die von Wilhelm Vogel in Chem 
nitz gelieferten Stoff bezüge sind rötlichbraun 
mit weißem Muster. Die Wandbekleidung, 
die für den Raum in St. Louis in tiefblau 
gehalten ist, zeigt als Borte ein strenges 
Behangmotiv, das man als rechteckig stili 
sierte Tropfen bezeichnen könnte. Für ein 
Damenzimmer istderRaum in seiner ganzen 
Haltung sehr ernst und schwer. Nur in 
den durchsichtigen Fenstervorhängen in 
graublauer Seide klingt eine leichtere, ge 
fälligere Weise an. 
Im Herrenzimmer herrscht ein rotbrauner 
Ton vor. Die Möbel sind in lichtrotem 
Mahagoni gearbeitet, dessen Ton dadurch 
eine größere Tiefe erlangt hat, daß hier 
und da schmale schwarze Streifen eingelegt 
sind. Bei den Schränken zieht sich ein 
Intarsienband in hellem Holz und Perlmutter 
als abschließendes Band um die Oberkante, 
das Gesims ersetzend. In geschickterWeise 
sind die Stirnseiten der Bortbretter im In 
nern der Schränke mitlntarsien geschmückt, 
wodurch für das Auge die Breite des Holzes 
verkleinert und das Ganze leichter erscheint. 
Für die Möbel des Eßzimmers ist helles 
naturfarbenes Mahagoniholz gewählt wor 
den, das mit dunklem Polisanderholz ab 
gesetzt ist. Der Aufsatz des Büffets wird 
von schiffsrippenförmigen Hölzern getragen. 
Die Stühle sind mit breit geflochtenen losen 
Ledersitzen versehen. Die Wand ist hell 
braun getönt. Sehr reizvoll ist der lichte 
Bogenfries, der einen gelungenen Abschluß 
nach oben bildet. 
Besonders vornehm wirkt die Farbstim- 
müng des Schlafzimmers: schwarzgraue 
Möbel auf fahlgelbem Grunde mit Decken 
und Vorhängen in wärmerem Gelb, Die 
Ornamente sind hier auf das Kiefernholz auf- 
schabloniert, überhaupt ist bei der Ein 
richtung dieses Zimmers das Prinzip der 
Billigkeit maßgebend gewesen. Die Orna 
mente sind mit sicherem Geschmack nur 
sparsam, aber mit feinster Berechnung auf 
die Flächen gesetzt. Wie wirkungsvoll 
beleben z. B. die in stumpfen Winkeln 
aufeinander stoßenden Linien die breiten 
Flächen des Spiegelrahmens am Toiletten 
tisch! Ganz eigenartig wirken die drei aus 
Kreis und Keil gebildeten Friese an den 
Wänden, die den ganzen Raum straff um 
spannen. 
Einen großen Reichtum an Motiven zeigen 
die Teppiche, von denen einige abgebildet 
sind. Sie gehören vielleicht zu den besten 
Leistungen, die in jüngster Zeit auf diesem 
Gebiete geschaffen worden sind. Um ihre 
technische Herstellung hat sich die Firma 
Benjamin & Comp, verdient gemacht. 
A. Brüning.
        
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