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Periodical volume

Full text: Akut Issue 2000,4

4/2000

Gesundheit ist ein Menschenrecht Guatemala: Leben auf der Straße Hunger: Kinder sind die ersten Opfer

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Editorial

Gibt es ein Recht auf Lachen?

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Impressum Anschrift der Redaktion: ÄRZTE OHNE GRENZEN Am Köllnischen Park 1 10179 Berlin Tel.: 030 – 22 33 77-00 Fax: 030 – 22 33 77-88 Email: presse@berlin.msf.org Homepage-Internet: www.aerzte-ohne-grenzen.de Mitarbeit an dieser Ausgabe: Frank Dörner, Amaia Esparza, Dr. Stefan Krieger, Kattrin Lempp, Dr. Marieluise Linderer, Petra Meyer, Anja Oumier, Dr. Ulrike von Pilar, Ludmilla Schlageter, Verena Schmidt Redaktion: Petra Meyer (verantwortlich) Titelbild: Roger Job Fotos: Remco Bohle, Kaya Busch, Amaia Esparza, Jens Graupner, Robert Grossmann, Roger Job, Dr. Marieluise Linderer, Maatje Mostard, Clive Shirley/laif, Brian K. Smith Layout: MediaCompany GmbH, Juan González Druck: Rautenberg Multipress Verlag Erscheinungsweise: vierteljährlich Auflage: 90.000 Gedruckt auf Envirotop: 100% Altpapier, mit dem blauen Umweltengel ausgezeichnet

anuar 1996, Ruanda, eineinhalb Jahre nach dem Ende des Völkermords, mein erster Tag in der Hauptstadt Kigali. Ich stehe am Rande eines Marktes, warte auf eine Kollegin und bin plötzlich umringt von 40 oder 50 Kindern und Jugendlichen. Alle sehen mich an, ruhig, abwartend. Es wird schnell beängstigend, nicht weil sie aggressiv sind, sondern weil – ungewöhnlich für Afrika – kein Kind lacht. Ich bin umgeben von einer Mauer ernster, skeptischer Gesichter, 20 oder 30 Minuten lang, eine Ewigkeit. Sehen so Kinder aus, die einen Völkermord miterlebt haben? Ich habe keine Ahnung, was in diesem Moment in ihren Köpfen vor sich geht, aber der Eindruck, dass diese Kinder das Lachen verloren haben, ist fürchterlich. Überall auf der Welt werden Kinder Opfer von Gewalt. Kinder sind die ersten und die stillsten Opfer des Krieges, und sie werden von keiner Brutalität verschont: ermordet, vergewaltigt, verstümmelt, verfolgt, verjagt, in die Sklaverei und Prostitution verkauft, mit Hilfe von Drogen zu willfährigen Mördern dressiert, zu Zeugen des Mordes an ihren Eltern gemacht. Das UNKinderhilfswerk schätzt, dass in den achtziger Jahren allein zwei Millionen Kinder in gewaltsamen Konflikten ermordet und zehn Millionen psychisch traumatisiert wurden. Kaum jemand weiß von den schrecklichen Bildern in den Köpfen und Herzen dieser Kinder. Sie sind oft völlig allein gelassen

mit ihren Alpträumen. Glücklicherweise sind Kinder Weltmeister im Überleben und können ungeheure Heilungskräfte entwickeln. Aber sie müssen die Möglichkeit haben, ihre Erlebnisse in irgendeiner Form zu äußern, neue Beziehungen aufzubauen. Sie müssen ein Stück Alltagsnormalität wiederfinden und sie müssen Neues entdecken und erfinden dürfen. Jeder sieht ein, dass Wasser und Nahrung, Zelte und Medikamente sowie ein sicherer Zufluchtsort die erste Not lindern und das Überleben sichern können. Dass wir uns als humanitäre Helfer auch um die seelischen Wunden kümmern müssen, diese Erkenntnis setzt sich erst langsam durch. ÄRZTE OHNE GRENZEN wird sich in den nächsten Jahren verstärkt für solche Programme einsetzen und gerade auch durch die Unterstützung kreativer lokaler Initiativen versuchen, betroffenen Kindern zu helfen, den Krieg und die Gewalt zu verarbeiten. Die Kinderrechtskonvention kennt ein Recht auf Spielen – vielleicht sollte es auch ein Recht auf Lachen geben?

Dr. Ulrike von Pilar Geschäftsführerin

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Kurz notiert: Aus aller Welt
Ebola-Bekämpfung in Uganda
Ein internationales Team von ÄRZTE OHNE GRENZEN ist in das ostafrikanische Land Uganda geflogen, um den Ebola-Ausbruch in der Region Gulu zu bekämpfen. Die Erkrankten werden mit Fieber senkenden Medikamenten und Flüssigkeit symptomatisch behandelt. Außerdem wird die Bevölkerung über die Übertragungswege aufgeklärt, und eine weitere Ausbreitung des Virus wird durch die Isolierung der Erkrankten verhindert. Das Ebolavirus wird über Blut oder andere Körperflüssigkeiten verbreitet, führt zu inneren Blutungen und in 90 Prozent der Fälle zum Tod. 1976 wurde das Virus zum ersten Mal im ehemaligen Zaire (heute D.R. Kongo) entdeckt. pm

Titelfoto: Es wird kaum noch in die Forschung und Entwicklung von neuen Medikamenten zur Behandlung von Tropenkrankheiten investiert.
© Roger Job

Nobelpreisgeld für vernachlässigte Krankheiten
ÄRZTE OHNE GRENZEN hat mit dem Preisgeld des Friedensnobelpreises 1999 einen Fonds gegründet, der der Erforschung und Behandlung vernachlässigter Krankheiten dienen soll. Das Preisgeld in Höhe von 940.000 Euro wurde als Startkapital eingesetzt und für folgende Projekte verwendet: 225.000 Euro für die Entwicklung einer neuen Kombinationstherapie gegen Malaria, 160.000 Euro für die Bereitstellung von Medikamenten zur Behandlung von 5.000 Schlafkrankheitspatienten sowie für die Erforschung neuer Therapien, 120.000 Euro für Medikamente, Laboreinrichtung, Ausbildung von nationalem Personal zur Behandlung von Kala Azar-Patienten, 210.000 Euro für eine kostengünstigere Therapie von multiresistenter Tuberkulose sowie 225.000 Euro für Aids/HIV-Pilotprojekte in ärmeren Ländern. pm

Symposium in Berlin
Jährlich sterben rund 17 Millionen Menschen an behandelbaren Infektionskrankheiten. Längst im Griff geglaubte Seuchen wie Tuberkulose, Malaria oder Schlafkrankheit breiten sich in erschreckendem Maße wieder aus. Viele Krankheitserreger sind zudem gegenüber herkömmlichen Medikamenten resistent geworden. ÄRZTE OHNE GRENZEN macht immer häufiger die Erfahrung, dass Patienten nicht behandelt werden können, weil die dafür notwendigen Medikamente für die Bevölkerung in ärmeren Ländern nicht zur Verfügung stehen. Viele Medikamente sind entweder zu teuer oder werden nicht mehr produziert. Aus diesem Grunde hat ÄRZTE OHNE GRENZEN am 16. November 2000 in Berlin ein internationales Kolloquium organisiert, um die Verantwortlichen aus Forschung, Wirtschaft und Politik an einen Tisch zu bringen. Eine 8-seitige Beilage zu diesem Thema kann über das Berliner Büro gegen Zusendung von drei Mark angefordert werden. kl

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In vielen Städten Lateinamerikas sortieren Jugendliche Wertstoffe aus dem Müll, um zu überleben.
© Brian K. Smith

Guatemala: Leben auf der Straße
Psychologische und medizinische Hilfe für Straßenkinder
Sie reißen aus, weil ihr Zuhause zur Hölle geworden ist: Alkoholismus, Drogen, Schläge und sexueller Missbrauch. Auf der Straße suchen sie Zuneigung und Verständnis. Doch sie finden meist nichts dergleichen. ÄRZTE OHNE GRENZEN hat in der Hauptstadt Guatemalas eine Klinik eröffnet, in der Straßenkinder psychologische und medizinische Hilfe erhalten.

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twa 1.500 Minderjährige leben einer Untersuchung von 1997 zufolge in den Straßen von Guatemala-City, der Hauptstadt Guatemalas. Oft finden sie sich in Gruppen von acht bis 15 Jugendlichen zusammen. Diese Cliquen geben ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl und die vage Hoffnung auf etwas Schutz. Zerlumpt und ohne Selbstachtung überleben sie in den Straßen, indem sie stehlen, sich prostituieren, betteln

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oder Müll sortieren. Viele Jugendliche tragen Tätowierungen als Symbol für ihr Leben: Eine Träne im Gesicht soll das Leid der Straße zeigen; ein Spinnennetz auf dem Rücken oder auf der Brust bedeutet, dass die Drogenfalle zugeschnappt hat. sehen lernen. Wichtig ist dabei allerdings die Regelmäßigkeit der Therapie,“ so der Psychologe. Die Klinik hat offene Türen – Termine sind nicht notwendig. Die jungen Leute fühlen sich akzeptiert und entwickeln nicht selten eine freundschaftliche Beziehung zu den Ärzten. „Manchmal habe ich das Gefühl, als müsste ich Abstand nehmen von dieser Arbeit und frische Luft atmen, so berührt bin ich von all den Geschichten“, erzählt Rodolfo Solarzana. „Es ist, als wäre ich Don Quichotte: Als Arzt behandle ich Krankheiten, deren Ursachen in der Armut, Ausgrenzung und Misshandlung liegen.“ Doch Solorzana und sein Team wissen: Sie geben den Jugendlichen Mut – das ist Ansporn genug, um weiterzumachen.
Amaia Esparza, Kolumbien

Der Baum, der das Leiden der Menschen kennt Der Tzite-Baum, so sagt die Tradition, kennt das menschliche Leid, denn das Geräusch, das beim Brechen seiner Zweige entsteht, klingt, als stöhne ein Mensch. ÄRZTE OHNE GRENZEN hat daher der Klinik in Guatemala-City den Namen „Tzite“ gegeben. In dieser Klinik werden die Straßenkinder medizinisch betreut und erhalten psychologische Hilfe. „Die meisten leiden an Atemwegsinfektionen, Geschlechtskrankheiten, Verletzungen aufgrund von Gewalteinwirkung oder Hautkrankheiten“, erklärt Klinikarzt Rodolfo Solorzana. „Sie haben nur eine geringe Lebenserwartung – weil sie in einem Klima der Gewalt leben, Drogen nehmen oder an HIV/Aids erkranken.“ Gegenwärtig führen Solorzana und sein Team etwa 200 Untersuchungen monatlich durch. Das Durchschnittsalter der Jugendlichen liegt bei 17 Jahren. „Diese Minderjährigen sind besonders gefährdet, denn es gibt keine Institution, die sich um sie kümmert“, sagt Solorzana. Hilfe ohne Termine Einige Male pro Woche sucht das Team von ÄRZTE OHNE GRENZEN darüber hinaus die Plätze auf, an denen sich Jugendliche treffen. „Manche kommen einfach nur zu uns, weil sie dringend jemanden brauchen, der ihnen zuhört“, weiß Alfredo Ardón, der Psychologe des Teams. „Ich versuche, mich in ihre Situation einzufühlen, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Denn ohne Vertrauen werden sie nicht an der regelmäßigen Therapie teilnehmen, die wir anbieten.“ Ziel ist es, das Selbstvertrauen der Jugendlichen zu stärken und ihnen zu helfen, ihre Stärken und Schwächen zu entdecken. „Sie verstehen gar nicht, in welcher Situation sie sich befinden. Die meisten glauben, dass sie nur negative Seiten haben. Wenn sie jedoch psychologische Hilfe erhalten, können sie zu einer positiveren Haltung finden, da sie die Wirklichkeit und ihre Stärken

Allein in den letzten vier Monaten hat das Team von ÄRZTE OHNE GRENZEN 777 Untersuchungen in der Tzite-Klinik durchgeführt. Die meisten Jugendlichen leiden unter Geschlechtskrankheiten, Atemwegsund Hauterkrankungen. Zehn junge Frauen kommen regelmäßig zur Geburtsvorsorge. Bei den psychologischen Gesprächen geht es vor allem um Verhaltensauffälligkeiten, Ängste, Depressionen, posttraumatischen Stress und mangelndes Selbstvertrauen.

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In der Tzite-Klinik erhalten Kinder und Jugendliche medizinische Hilfe.
© Amaia Esparza

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Augenblicke der Erinnerung
Momentaufnahmen aus Sierra Leone, Kosovo und Burma
Drei Mitarbeiter von ÄRZTE OHNE GRENZEN blicken zurück auf ihre Arbeit im Projekt. Sie erinnern sich an schöne und bewegende Augenblicke mit den Menschen, mit denen sie Wochen oder Monate verbracht haben.

Msongo
Kleiner schwarzer Mensch aus kleinem schwarzen Land mit kleiner schwarzer Hand Du bist so leicht auf meinem Arm wie die Klinge einer Machete Doch dein Blick eilt weg sekundenschnell noch schneller als deine linke Hand abgetrennt für immer in den Dreck fällt Dein Stumpf schmiegt sich an meine Haut wie ein warmer Besenstiel reibt an meinem rechten Oberarm und macht mich traurig-wütend-hilflos Deine rechte Hand liegt in meiner linken deine Finger, gespreizt, umarmen die meinen dein Daumen streichelt sanft meine Handfläche die noch ohne Handschuhe ist Chiros heißt die Hand Ich bin Chirurg mit zwei Händen jetzt mit Handschuh im Licht der Lampe Hände, die helfen und heilen möchten Deine Hand in meiner Kleiner schwarzer Mensch aus kleinem schwarzen Land mit kleiner schwarzer Hand
Dr. Stefan Krieger nach seinem Einsatz in Sierra Leone
Msongo und viele andere Kinder in Sierra Leone teilen ein schweres Schicksal: Überleben mit amputierten Händen.
© Robert Grossmann

Liebe auf den ersten Blick
Keuchend und abgehetzt kommt sie bei uns an. Schweißperlen stehen auf ihrem roten gedunsenen Gesicht, aber sie lächelt. Lumietta Fahimi ist überglücklich, dass sie uns noch erreicht hat. Zweieinhalb Stunden musste sie bis zu unserer mobilen Klinik laufen. Die Abkürzung über die Felder konnte sie nicht nehmen, denn dort liegen noch Minen. Seit Wochen hat sie schon Kopfschmerzen und Luftnot. Der Blutdruck ist viel zu hoch. Zum Abhorchen muss sie erst die aufgeschnittene Plastiktüte vom Körper nehmen, mit der sie sich warm hält. Nachts und morgens ist es im Gebirge schon ziemlich kalt. Als wir sie nach der Untersuchung mit zwei Päckchen Tabletten verabschieden, drückt sie uns allen dankbar die Hand. Eine Woche später ist sie wieder da. Sie strahlt über das ganze Gesicht und umarmt mich heftig. Kopfschmerzen und Luftnot haben sich ein wenig gebessert. Mit Äpfeln und Nüssen für

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uns hat sie sich abgeschleppt und freut sich, dass sie uns etwas schenken kann. Die Menschen sind hier wirklich sehr arm. Viele können sich Medikamente und den Besuch einer Ambulanz, der zwei Mark kostet, nicht leisten. Trotzdem bringen sie uns jeden Tag kleine Geschenke mit. Die Menschen im Kosovo, besonders Lumietta, das ist für mich Liebe auf den ersten Blick.
Dr. Marieluise Linderer, Kosovo
Mit Äpfeln und Nüssen drückt Lumietta Fahimi ihre Dankbarkeit aus.
© Dr. Marieluise Linderer

Burma: Notfall in den Bergen
Die Fahrt nach Kandaw Yan hatte eigentlich ganz gut angefangen. Trotz des Endes der Regenzeit konnten wir die Straße passieren und die etwa 100 km in weniger als sieben Stunden hinter uns bringen. Schon kurz nach unserer Ankunft in dem Dorf stellte sich heraus, dass ein Junge bereits seit zwei Wochen Fieber und massive Unterbauchschmerzen hatte. Nach einer oberflächlichen Untersuchung war klar, dass das Kind schon vor Tagen in ein Krankenhaus gehört hätte. Vermutlich war der Blinddarm schon durchlöchert und hatte zu einer Bauchfellentzündung geführt. Da mit unseren bescheidenen Mitteln vor Ort nichts zu machen war, entschied ich kurzerhand, sofort nach Myitkyina zurückzufahren, wo das beste Krankenhaus des ganzen Nordens liegt. Als wir schließlich gegen vier Uhr morgens dort ankamen, dauerte es eine ganze Zeit, bis der diensthabende Student gefunden war. Umso schneller war seine Diagnose nach einem Blick auf den Patienten: Malaria. Erst nachdem ich darauf bestand, bemühte er sich etwas sorgfältiger um den Jungen und versprach, umgehend den verantwortlichen Chirurgen zu kontakManchmal stößt die Medizin an ihre Grenzen, wenn es um Glauben und Bräuche geht. Ein Junge hat dafür mit dem Leben bezahlt. © Maatje Mostard

tieren. Als ich mich später nach dem Zustand des Kindes erkundigte, erfuhr ich, dass der Junge gestorben war. Die Angehörigen hatten ihn noch in der Nacht seiner Ankunft aus dem Krankenhaus geholt. Der Diensthabende hatte ihnen gesagt, dass es um den Patienten schlecht stehe und bei seinem Tod im Krankenhaus eine Obduktion gemacht würde. Um dies zu verhindern, hatten die streng christlichen Angehörigen den Jungen zu Verwandten gebracht und dem Willen Gottes überlassen ...
Frank Dörner, Arzt, Burma

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Gesundheit ist ein Menschenrecht
Erste Erfolge der Medikamentenkampagne

300.000 Menschen leiden an der afrikanischen Schlafkrankheit. Unbehandelt führt diese Krankheit zum Tod. © Roger Job

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in Jahr nach dem Start der Medikamentenkampagne zieht Ludmilla Schlageter, verantwortlich für die Lobbyarbeit, Bilanz. Die Kampagne, die mehrere Jahre dauern soll, hat zum Ziel, weltweit den Zugang zu Medikamenten zu sichern. Was hat ÄRZTE OHNE GRENZEN bislang erreicht, wie reagiert die Politik und was denkt die Öffentlichkeit über die Kampagne? Die Medikamentenkampagne ist jetzt ein Jahr alt. Gibt es konkrete Erfolge? Drei Beispiele möchte ich nennen: 1. ÄRZTE OHNE GRENZEN hat die Restbestände eines Medikamentes aufgekauft, das mangels Profit nicht weiter produziert werden soll. Wir verhandeln derzeit mit möglichen Herstellern, um sicherzustellen, dass unsere Schlafkrankheitspatienten auch künftig behandelt werden können. 2. Außerdem hat ÄRZTE OHNE

GRENZEN bewiesen, dass ein generisch1 hergestelltes Medikament gegen die Tropenkrankheit Kala Azar sehr wirksam ist. Wir setzen uns derzeit dafür ein, dass dieses Medikament verwendet werden darf, denn es ist um ein Vielfaches billiger als andere. 3. In Thailand konnte erreicht werden, dass bestimmte Aids/HIV-Medikamente generisch hergestellt werden und damit erschwinglich sind. Zudem beweisen wir in einem Pilotprojekt, dass es möglich ist, AidsKranke auch in ärmeren Ländern zu behandeln. Wie reagieren deutsche Politiker auf die Kampagne? Bei den Parlamentariern stößt die Kampagne auf wachsendes Interesse. Wir haben bereits Gespräche mit Abgeordneten fast aller politischen Parteien

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geführt. Positiv ist auch, dass die Bundesregierung bei internationalen Konferenzen teilweise Positionen im Sinne der Kampagne vertritt und die Vertreter der verschiedenen Ministerien sich rege austauschen. Dies gilt insbesondere für das Entwicklungs-, das Gesundheits- und das Außenministerium. So hat Außenminister Joschka Fischer kürzlich zum ersten Mal öffentlich gesagt, dass „der Zugang zu Medikamenten weltweit gesichert werden muss“. Wie sieht die Lobby-Arbeit in Brüssel aus? ÄRZTE OHNE GRENZEN ist in ständigem Kontakt mit Vertretern der „Generaldirektion Handel“ in Brüssel, die entscheidende Zugeständnisse gemacht hat: Sie hat erstmalig zugegeben, dass der Zugang zu Medikamenten in direktem Zusammenhang mit dem im TRIPS-Abkommen2 geregelten Patentrecht steht. Denn sobald ein Medikament patentiert ist, kann das Pharma-Unternehmen den Preis konkurrenzlos für 20 Jahre festlegen. Auch die EU-Kommission hat anerkannt, dass der Zugang zu Medikamenten weltweit gesichert werden muss. EU-Handelskommissar Lamy fordert deshalb die Pharma-Industrie dazu auf, auf ihre Patente in ärmeren Ländern zu verzichten und so die generische Produktion in diesen Ländern zu ermöglichen. Gibt es schon erste Reaktionen der PharmaIndustrie? Die Kampagne hat sicherlich dazu beigetragen, dass das Thema „Gesundheit ist ein Menschenrecht“ sowie die Bedeutung des Zugangs zu Medikamenten

auch bei den Unternehmen diskutiert wird. Die pharmazeutische Industrie hat bisher hauptsächlich mit medienwirksam angekündigten Medikamentenspenden reagiert, die zwar begrüßenswert sind, aber für uns keine zufriedenstellende Antwort darstellen. Denn Spenden bieten keine langfristige Lösung, sind zeitlich und örtlich begrenzt, oft an Bedingungen gebunden und erreichen immer nur einen Teil der Bevölkerung. Wie bekannt ist denn die Kampagne in der deutschen Öffentlichkeit? Das öffentliche Bewusstsein nimmt zu, nicht zuletzt auch durch ein wachsendes Interesse der Medien an diesem Thema. Die meisten Menschen sind sehr schockiert, wenn sie von den Missständen erfahren. Viele können oft nicht glauben, dass beispielsweise ein bestimmtes Medikament, das die Übertragung von HIV von der Schwangeren auf das Kind verhindern kann, für viele Frauen in Entwicklungsländern teurer ist als für Frauen in Industrieländern. Für die Kampagne ist eine breite Öffentlichkeit sehr wichtig, denn nur so können wir genügend Druck auf die Verantwortlichen ausüben.
Das Gespräch führte Kattrin Lempp.

Der Erreger der Schlafkrankheit kann in der Rückenmarksflüssigkeit nachgewiesen werden.
© Jens Graupner

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Generisch erzeugte Medikamente sind Nachahmerpräparate, die kostengünstig hergestellt werden können. TRIPS: Handelsbezogener Schutz geistigen Eigentums

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Die Schlafkrankheit wird durch die TsetseFliege auf den Menschen übertragen.
© Jens Graupner

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Kinder, die weniger als 70 Prozent des für ihre Körpergröße üblichen Gewichts aufweisen, gelten als schwer unterernährt.
© Remco Bohle

Hunger
Kinder sind die ersten Opfer
In Ernährungszentren werden Kinder wieder aufgepäppelt
An die Fernsehbilder aus Äthiopien und dem Sudan erinnern Sie sich vielleicht noch: Wann immer es zu einer Hungersnot kommt, sei es durch eine Dürre oder weil Kriegsparteien die Bevölkerung vertreiben und sie aushungern, erreichen uns als erstes Bilder von ausgemergelten Kindern. Sie sind das schwächste Glied in der Familie. ÄRZTE OHNE GRENZEN nimmt diese Kinder in Ernährungszentren auf und versorgt sie.

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eltweit sind nach Angaben der UNOrganisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) rund 180 Millionen Kinder unter fünf Jahren unterernährt. Zwölf Millionen sterben jährlich an den Folgen von Hungersnöten und Epidemien: Unterernährung gefährdet ihre körperliche und geistige Entwicklung, vermindert ihre Abwehrkräfte, führt zu Infektionskrankheiten und schließlich oft zum Tod. Die Ernährungsprogramme von ÄRZTE OHNE GRENZEN richten sich daher besonders an Kinder unter fünf Jahren.

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Das besondere Maßband In der akuten Phase einer Hungersnot ist es kaum möglich, Hunderte oder gar Tausende von Kindern zu wiegen und zu messen, um festzustellen, ob sie unterernährt sind. Da die Zeit oft drängt, greifen die Helfer zunächst zu einer alternativen, schnelleren Methode: dem Ernährungsband. Bei einem Kind unter fünf Jahren lässt der Umfang des Oberarmes auf den Ernährungszustand schließen. Denn im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren ändert sich die Muskel- und Fettmasse des Armes nur geringfügig. Die Helfer legen den Kindern daher das Band um den Oberarm. Solange der Umfang im grünen Bereich liegt, ist das Gewicht des Kindes normal. Gelb bedeutet: Das Kind ist gefährdet. Orange zeigt mäßige Unterernährung an, Rot hingegen signalisiert, dass das Kind hochgradig unterernährt ist und sofort intensiv-medizinisch stationär gepflegt werden muss. In diesem Stadium hat das Kind meist mehr als 30 Prozent des Gewichts verloren, das seiner Größe entsprechen würde. Diese schwer unterernährten Kinder erhalten täglich zwischen sechs und zwölf Mal einen kalorienreichen Milchbrei mit viel Protein. Ist das Kind so schwach, dass es nicht mehr selbst essen kann, wird es mit Hilfe einer Magensonde ernährt. Gleichzeitig werden die Kinder medizinisch betreut. Sie verlassen das Ernährungszentrum erst, wenn sie wieder zu Kräften gekommen sind. UN sorgt für allgemeine Nahrungsmittelverteilung Diejenigen Kinder, die nicht lebensbedrohlich unterernährt sind, werden nicht stationär aufgenommen, sondern mit zusätzlichen Nahrungsmitteln versorgt. In besonderen Situationen verteilt ÄRZTE OHNE GRENZEN Nahrungsmittel auch an bedürftige Erwachsene, beispielsweise an schwangere und stillende Frauen sowie ältere

Menschen. Die allgemeine Lebensmittelverteilung hingegen ist nicht Aufgabe von ÄRZTE OHNE GRENZEN. Hierfür sind meist die Vereinten Nationen zuständig, wie z.B. das UN-Welternährungsprogramm. 2.100 Kilokalorien benötigt ein Erwachsener täglich, um ausreichend ernährt zu sein. Allerdings gibt es auch Begleitfaktoren, die den Ernährungszustand eines Menschen beeinflussen: Epidemien wie Masern, Ruhr oder sonstige ansteckende Krankheiten, Kälte und schlechte Unterkünfte sowie psychischer Stress.
Anja Oumier, Ernährungswissenschaftlerin

Mit diesem „Ernährungsband“ wird der Oberarmumfang eines Kindes unter fünf Jahren gemessen, um festzustellen, ob das Kind unternährt ist. Grün = Normal Gelb = Risiko Orange = Unterernährung Rot = Schwere Unterernährung

Schwer unterernährte Kinder erhalten sechs bis zwölfmal täglich eine Mahlzeit, die aus Milch, Zucker und Öl besteht und mit Vitamin A angereichert ist.
© Remco Bohle

Das Ernährungs-Kit*

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Versorgung für: 100 Kinder, Gewicht: 84 Kilogramm Preis: 1.200 Euro Das Ernährungs-Kit ist eines der 150 vorbereiteten und standardisierten Notfall-Kits von ÄRZTE OHNE GRENZEN. Es enthält alles, was zum Aufbau eines Ernährungszentrums für 100 schwer unterernährte Kinder benötigt wird. Neben Küchengeräten zur Zubereitung der Nahrung beinhaltet dieses Kit auch Personenwaagen, Namensbänder, Registrierkarten, Wasserreinigungstabletten, Tassen und Schüsseln.
*„kit“ (engl.) heißt „Ausrüstung, Zeug, Sachen“

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In 80 Tagen um die Welt
Oldtimer-Abenteuer für einen guten Zweck

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b sich die Grizzly-Bären in Kanada sozial engagieren? Widerlegen lässt sich das nicht, meint Dr. Karl Busch. Denn auf seiner Spenden-Tour für ÄRZTE OHNE GRENZEN fand der Vakuumpumpen-Hersteller aus dem Schwarzwald selbst in den entlegensten Wäldern gelegentlich Dollarscheine unter dem Scheibenwischer seines Oldtimers. Gemeinsam mit seinen beiden Söhnen, dem 26jährigen Sami und dem 25jährigen Kaya, hatte sich Karl Busch Anfang Mai in seinem Oldtimer aus dem Jahre 1956 von London aus auf eine 80tägige Reise um die Welt begeben – als Teilnehmer einer von Jules Vernes inspirierten Oldtimer-Rallye. Busch und seine Söhne wollten den Spaß am Abenteuer und am Wettbewerb mit einem Spendenziel verbinden. „Wir wollten eine wirklich nützliche und international aktive Organisation unterstützen“, erzählt der Ingenieur.

Karl Busch mit seinen beiden Söhnen Kaya und Sami bei einem Stopp in China. Im Hintergrund das Tien Shan Gebirge. Weitere Informationen über die Weltreise der Familie Busch können unter www.team-busch.com abgerufen werden. © Kaya Busch

Beeindruckende Erlebnisse Für jeden Tag, den das Familien-Team erfolgreich an der Rallye teilnahm, spendete seine Firma daher 1.000 Mark für die Projekte von ÄRZTE OHNE GRENZEN. Doch damit nicht genug: Nicht nur alle 30 Niederlassungen des Vakuumpum-

pen-Herstellers weltweit unterstützten die Aktion mit einer eigenen Sammlung. Auch viele Menschen, die den Buschs auf der Tour begegneten, drückten ihnen spontan Geldscheine in die Hand. Für das Busch-Team zählt auch diese Hilfsbereitschaft neben vielen anderen Erlebnissen zu den Höhepunkten der Rallye. Die Weltreise führte sie über Frankreich, Italien, Griechenland und die Türkei durch Asien nach China, dann in die USA, nach Kanada und schließlich über Marokko und Spanien zurück nach England. Es fällt Karl Busch schwer zu sagen, was ihn in den 80 Tagen am meisten bewegte: „Die Strecken durch die Wüste waren wunderschön. Aber beeindruckend war auch, als wir die chinesischen Straßen entlangfuhren – mit Millionen Zuschauern auf beiden Seiten.“

Als das Team im Juli mit einem erfolgreichen vierten Platz ins badische Maulburg zurückkehrte, sprang der Funke der Begeisterung nochmals über. „Man konnte spüren, dass nicht nur die Familie, sondern auch die ganze Belegschaft der Firma hinter der Aktion stand, und viele Gäste spendeten ebenfalls spontan“, so Elgin Hackenbruch, die als Vertreterin von ÄRZTE OHNE GRENZEN an der WillkommensFeier teilnahm. Insgesamt kam so eine Spende von mehr als 150.000 Mark zusammen. Herzlichen Glückwunsch dem Team Busch und allen Beteiligten ein großes Dankeschön! Verena Schmidt

Träger des Friedensnobelpreises 1999

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