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Periodical volume

Full text: Akut Issue 2000,3

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Sierra Leone: Zwischen den Fronten Zentralafrikanische Republik: Notlage ohne Schlagzeilen Äthiopien: Angst in der Nacht

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Editorial

Kosovo ein Jahr nach Kriegsende: Die Vertreibung geht weiter

Impressum Anschrift der Redaktion: ÄRZTE OHNE GRENZEN Am Köllnischen Park 1 10179 Berlin Tel.: 030 – 22 33 77-00 Fax: 030 – 22 33 77-88 Email: presse@berlin.msf.org Homepage-Internet: www.aerzte-ohne-grenzen.de Mitarbeit an dieser Ausgabe: Simone Endreß, Amaia Esparza, Bernd Hauser, Britta Hohmann, Ulrike von Pilar, Verena Schmidt, Jutta Westerfeld Redaktion: Britta Hohmann Verantwortlich: Petra Meyer Titelbild: ÄRZTE OHNE GRENZEN Fotos: Simone Endreß, Amaia Esparza, Roger Job, Harald Henden, Robert Knoth, Karsten Schöne Layout: Media Company GmbH, Peter Philips Druck: Rautenberg Multipress Verlag Erscheinungsweise: vierteljährlich Auflage: 90.000 Gedruckt auf Envirotop: 100% Altpapier, mit dem blauen Umweltengel ausgezeichnet

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eit einem Jahr steht das Kosovo unter der Verwaltung – und eigentlich unter dem Schutz – der internationalen Gemeinschaft. Aber Gewalt und Racheakte gegen die neuen Minderheiten nehmen kein Ende. Bosnier, Türken, Serben, Roma, muslimische Slaven und in einigen Orten auch Kosovo-Albaner werden regelmäßig Opfer von Mordanschlägen, Überfällen, Erpressungen, Aggressionen. Seit Monaten werden diese Gewaltakte in den Medien ebenso wie in Expertenberichten angeprangert – aber nichts ändert sich. Es handelt sich nicht mehr um einzelne Vorkommnisse, sondern um systematisch organisierte Kampagnen mit dem Ziel, ethnische Minderheiten zu vertreiben. Inzwischen ist mehr als die Hälfte der nach dem Krieg verbliebenen serbischen Bevölkerung aus dem Kosovo geflohen, ebenso wie große Teile der Roma. ÄRZTE OHNE GRENZEN arbeitet seit 1993 im Kosovo. Seit Juni 1999 haben wir uns z.B. um die Gesundheitsversorgung für die verarmte Zivilbevölkerung im Norden der geteilten Stadt Mitrovica gekümmert. Es handelt sich um Gruppen albanischer Familien mitten in einem von Serben dominierten Gebiet. Als es wegen der unaufhörlichen

Angriffe und Überfälle für unsere Patienten unmöglich wurde, ihre Häuser zu verlassen, haben wir vor einigen Wochen damit begonnen, unsere Patienten zu Hause zu besuchen. Aber umsonst: Unter dem Druck der ständigen Bedrohung, der nächtlichen Schüsse und Granaten verschwinden unsere Patienten einer nach dem anderen und versuchen, sich in sicherere Gebiete durchzuschlagen. Einige Familien haben uns sogar gebeten, sie nicht mehr aufzusuchen, da die Anwesenheit von ÄRZTE OHNE GRENZEN den serbischen Milizen zeige, in welchen Häusern Albaner wohnten. Ähnlich geht es serbischen Familien in den anderen Enklaven. ÄRZTE OHNE GRENZEN musste feststellen, dass humanitäre Hilfe dazu beiträgt, Menschen zu vertreiben. Durch die humanitäre Arbeit wird hier der Eindruck erweckt, als werde den Menschen geholfen. Doch ohne die nötige Sicherheit ist das Gegenteil der Fall: Unsere Patienten werden bedroht und müssen fliehen, die anderen werden durch unsere Hilfe gefährdet – angesichts dieser Situation können wir nicht so tun, als sei humanitäre Hilfe noch nützlich und den Mund halten. Deshalb hat sich ÄRZTE OHNE GRENZEN dazu entschlossen, die Arbeit in den Enklaven des Nord-Kosovo unter Protest einzustellen. Die Vereinten Nationen und die KFOR sind verantwortlich für den Schutz der Menschen – sie müssen endlich die Mittel erhalten, diesen Schutz zu realisieren.

Ulrike von Pilar Geschäftsführerin

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Kurz notiert: Aus aller Welt

Angola: Vertreibungen nehmen zu
ÄRZTE OHNE GRENZEN ruft die internationale Gemeinschaft dringend dazu auf, humanitäre Hilfe für die Vertriebenen in Angola zu ermöglichen. Derzeit leben in dem Land zweieinhalb Millionen Menschen auf der Flucht. Allein von April bis Juli dieses Jahres wurden mehr als 103.000 Personen vertrieben. Zugenommen hat auch die Zahl der Menschen, die durch Minen verletzt wurden: In den ersten drei Monaten des Jahres mussten die Mitarbeiter bereits 23 Amputationen an Minenopfern vornehmen. Trotz der wachsenden Gefahren planen die angolanischen Behörden, die Vertriebenen in ihre Dörfer zurückzuführen. ÄRZTE OHNE GRENZEN fordert, dass vor einer möglichen Rückkehr für die Sicherheit und die humanitäre Versorgung der Menschen gesorgt werden müsse. Derzeit haben Hilfsorganisationen in den Gebieten, die nicht von der Regierung kontrolliert werden, keinen Zugang zu den Menschen. Der Kampf zwischen den Rebellen der oppositionellen Nationalunion UNITA und den Regierungstruppen hält bereits seit der Unabhängigkeitserklärung 1975 an. jw

Titelfoto: Seit 1991 leiden die Menschen in Sierra Leone unter dem Krieg. Mehr als die Hälfte hat nach einer Studie von ÄRZTE OHNE GRENZEN Folter gesehen, ein Drittel Amputationen beobachtet.
© ÄRZTE
OHNE

GRENZEN

Lebenswichtige Medikamente: Industriestaaten müssen handeln
Die G-8-Staaten müssen ihren Ankündigungen, die Versorgung aller Menschen mit lebenswichtigen Medikamenten sicherzustellen, konkrete Taten folgen lassen. Das fordert ÄRZTE OHNE GRENZEN nach dem diesjährigen Weltwirtschaftsgipfel in Japan. „Ohne eine Änderung beim Umgang mit den Patent-Monopolen auf Medikamente bleibt die Erklärung der Industrienationen nichts als ein leeres Versprechen“, so der Leiter der Medikamentenkampagne Bernard Pécoul. So müssen in Krankenhäusern in Nairobi die Teams von ÄRZTE OHNE GRENZEN Patienten mit Kryptokokken-Menigitis (Hirnhautentzündung) zum Sterben nach Hause schicken, weil die Medikamente für sie unbezahlbar sind. Jedes Jahr sterben weltweit 17 Millionen Menschen an behandelbaren Infektionskrankheiten. bho

Kolloquium: Gesundheit ist ein Menschenrecht
Auf einem Kolloquium in Berlin im November will ÄRZTE OHNE GRENZEN die Diskussion über unbezahlbare Medikamente vorantreiben. Titel der Veranstaltung: Gesundheit – Opfer der fortschreitenden Globalisierung? Auf verschiedenen Foren soll es unter anderem um Tropenkrankheiten als Stiefkind der Pharmaforschung und um die Probleme bei der Aids-Behandlung aufgrund der herrschenden Patentrechte gehen. Mehr als 60 Experten, unter anderem aus der Pharma-Industrie, der deutschen Politik und von Hilfsorganisationen werden erwartet. bho

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Wer den Weg bis in ein Krankenhaus schafft, hat Chancen auf eine Zukunft.
© Harald Henden

Sierra Leone: Zwischen den Fronten
Neun Jahre dauert der Bürgerkrieg im westafrikanischen Land Sierra Leone bereits an – neun Jahre, in der die Menschen immer wieder zur Zielscheibe der verschiedenen Kampftruppen werden.

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eit Mai sind erneut harte Kämpfe aufgeflammt, die etwa 200.000 Menschen zur Flucht getrieben haben. Viele dieser Vertriebenen haben sich in den Ort Mile 91 gerettet. Mitarbeiter von ÄRZTE OHNE GRENZEN haben dort

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bei der Untersuchung von rund 9.000 Menschen eine große Anzahl von Malariaerkrankungen und Atemwegsinfektionen sowie einige Fälle von blutigem Durchfall festgestellt. Große Sorgen bereitet auch die wachsende Zahl von unterernährten Kindern. Der Grund für die Massenflucht war hauptsächlich die Angst vor den Angriffen der Kampfhubschrauber der Regierung – sie hatten einige Städte im Norden des Landes wahllos bombardiert. Schwere Vorwürfe richten die Vertriebenen auch an die Rebellenbewegung Revolutionäre Vereinigte Front (RUF): Die Kämpfer sorgen mit Morden, Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Zwangsarbeit, Brandstiftungen und Plünderungen für extreme Angst unter den Bewohnern des Landes. sagten, sie sollten Kabbah, den Präsidenten von Sierra Leone, um neue Hände bitten. So unerträglich das Schicksal dieser Menschen ist – sie haben im Connaught-Krankenhaus noch die Chance, behandelt zu werden. Wie viele in diesem Land mit vollständig zusammengebrochenem Gesundheitssystem keine medizinische Hilfe finden, kann man nur ahnen. bho

ÄRZTE OHNE GRENZEN hilft in verschiedenen Regionen des Landes unter anderem mit chirurgischen Einsätzen und der Mitarbeit in Gesundheitszentren. Aus Sicherheitsgründen müssen diese Projekte jedoch immer wieder unterbrochen werden.
© Robert Knoth

Entsetzliche Verstümmelungen Im Connaught-Krankenhaus in der Hauptstadt Freetown sehen die die Mitarbeiter von ÄRZTE OHNE GRENZEN immer wieder die Folgen des Krieges: Die Menschen kommen mit schrecklichen Verletzungen und berichten von grausamen Vorfällen. So erzählt die Mutter einer achtjährigen Tochter, dass eines Tages bewaffnete Männer alle Häuser geplündert und einige in Brand gesetzt hätten. Als dann die Dorfbewohner flohen, liefen die Angreifer ihnen hinterher und versuchten, die Fliehenden mit ihren Macheten zu verletzen. Die Tochter sei mit dem Buschmesser erst nur leicht am Rücken verletzt worden, doch dann habe sie ein zweiter Hieb im Gesicht getroffen. Der Vater habe dann das Mädchen neun Meilen durch den Busch in Sicherheit getragen. Die Mitarbeiter von ÄRZTE OHNE GRENZEN mussten feststellen, dass der Schädelknochen des Mädchens von dem Machetenhieb vollständig durchbrochen worden war. Ein erwachsener Mann berichtet von einem Angriff von Rebellen auf ein Versteck mehrerer Familien im Busch. Die bewaffneten Männer verlangten Lebensmittel, doch es gab keine. Daraufhin hackten sie ihm und seiner Nichte mit Macheten jeweils eine Hand ab und

Die Menschen sind oft verzweifelt und psychisch traumatisiert – viele haben mit ansehen müssen, wie Familienmitglieder getötet wurden.
© Robert Knoth

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Eine der größten Schwierigkeiten ist es, die Impfstoffe bei großer Hitze konstant zwischen zwei und acht Grad kühl zu halten. ÄRZTE OHNE GRENZEN arbeitet mit eigener Kühltruhe und Stromgenerator.
Fotos: © Simone Endreß

Zentralafrikanische Republik: Notlage ohne F Schlagzeilen
Alle acht bis zehn Jahre befällt der Erreger „Meningokokkus A“ in der subsaharischen Trockenzone ganze Landstriche. In den heißen und staubigen regenlosen Monaten trocknen die Schleimhäute aus und die Bakterien haben ein leichtes Spiel. Bei richtiger Antibiotikabehandlung überleben über 90 Prozent der Erkrankten. Im März dieses Jahres erreicht ÄRZTE OHNE GRENZEN ein Notruf aus der Zentralafrikanischen Republik: Die Zahl der Meningitiskranken steigt. Umgehend fliegt die Ärztin Simone Endreß in die Region. Hier ihr Bericht:

assungslos blicke ich auf den bewusstlosen, abgemagerten Jungen. Nur ein buntes Tuch trennt ihn von der schmutzigen und durchgelegenen Schaumstoffmatratze des Krankenhausbettes. Ein scharfer Uringeruch hängt in der Zimmerluft. Seit seiner Aufnahme vor einer Woche liege er im Koma, so hat mir eben der einzige Arzt dieses 30-Betten-Hospitals erklärt. Die Diagnose: Meningitis, also Hirnhautentzündung. „Die ersten zwei Tage haben wir ihm Chloramphenicol intramuskulär gegeben,“ er zeigt auf das Krankenblatt, „danach hat er nichts mehr bekommen, weil der Familie das Geld ausgegangen ist.“ Lediglich eine Infusion mit Kochsalzlösung zeugt noch von dem Versuch, ihn am Leben zu erhalten. Die unbeteiligte Stimme des Arztes vermittelt deutlich, dass es sich dabei um etwas völlig Alltägliches handelt – hier in der Republik Zentralafrika.

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Nach meiner Ankunft in diesem Land hat sich unser Team von der Hauptstadt Bangui aus auf den Weg nach Norden gemacht. Je weiter wir kommen, desto trockener und heißer wird das Klima, um die 40 Grad oder darüber. Strom aus der Steckdose haben wir mit dem Verlassen der Hauptstadt endgültig hinter uns gelassen, geteerte Straßen 200 km später. Woche später in der ganzen Region die Situation erkundet haben, geht es los mit der Impfkampagne: Kühlkette gewährleisten, örtliche Helfer einsetzen, Bevölkerung verständigen, Impfposten einrichten, Impfausweise ausgeben, und schließlich die Impfung selbst. In der Stadt Paoua impfen wir in zwei Tagen 14.100 Menschen, das bedeutet 88 Prozent der Bevölkerung. Unsere Organisation wird von Stadt zu Stadt besser – in einem Ort schaffen wir es tatsächlich, 1.300 Menschen innerhalb von drei Stunden zu impfen, mehr als 400 pro Stunde... rekordverdächtig. Insgesamt kann unser Team innerhalb eines Monats ca. 42.000 Menschen impfen, die Zahl der Neuerkrankten nimmt rapide ab. Selbst in dem so stark betroffenen 10.000-Seelen-Ort Bocaranga geht es bergauf: Mehr als 300 Meningitispatienten gab es hier während der Epidemie - über drei Prozent der Bevölkerung! Jetzt sind die Menschen erst einmal für mehrere Jahre geschützt.
Simone Endreß

Die Krankenzahlen steigen rapide Eine unserer ersten Etappen ist Bocaranga, eine Provinzhauptstadt mit 10.000 Bewohnern. Im Krankenhaus prüfen wir zusammen mit dem Arzt die handgeschriebenen Aufnahmebücher: Erschrocken zählen wir nach: in der letzten Februarwoche zwei aufgenommene Meningitispatienten, in der Woche darauf bereits zehn, danach erneut zehn. Dann folgt ein rasanter Anstieg: 37 in der vorletzten, 70 in der letzen und innerhalb von drei Tagen der laufenden Woche bereits 38 registrierte Fälle von Hirnhautentzündung, die ohne Behandlung meist tödlich verläuft. Noch am selben Nachmittag werden mir vier Neuaufnahmen präsentiert mit dem gefährlichsten Erreger, dem „Meningokokkus A“. Nach der Datensammlung führt mich der Arzt durch das kleine Krankenhaus. Bei 30 Betten und augenblicklich über zehn Neuaufnahmen täglich bietet sich mir ein schauerlicher Anblick: Hygienische Verhältnisse gleich Null, die Nadeln im Untersuchungsraum zur Punktion sowie Gummihandschuhe werden allesamt wiederverwendet, sterile Verhältnisse existieren nicht. Eine junge Frau wird mir vorgestellt: Sie ist auf dem Weg der Besserung, wird aber taub bleiben ... eine der möglichen Folgen. Und dann dieser 12-jährige Junge, dessen Eltern die Behandlung nicht bezahlen konnten. Wie ich später erfahre, hat er nicht überlebt. 400 Impfungen pro Stunde Wir übergeben dem Arzt Medikamentenspenden und fahren weiter zur nächsten Stadt. Nachdem wir eine

Einsatz in der Stadt Paoua: Für die Impfung von rund 20.000 Menschen sind fünf Impfposten und 40 Helfer notwendig.

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Mit erschreckenden Zahlen mussten sich die Teilnehmer der Weltkonferenz gegen AIDS in Durban befassen: 34,3 Millionen Menschen leben weltweit mit dem HI-Virus im Blut, rund 70 Prozent davon allein in Schwarzafrika. In Äthiopien soll nach inoffiziellen Schätzungen jeder fünfte Einwohner infiziert sein. Besonders gefährdet sind Prostituierte: In der Hauptstadt Addis Abeba leben mehr 105.000 Frauen mit dem Virus. Vom Leben einer dieser Frauen erzählt Bernd Hauser:

Äthiopien: Angst in der Nacht
Ein Aids-Test könnte der 23jährigen Etalem Gewissheit bringen, doch er kostet hundert Birr, den Lohn von zehn Nächten.
Fotos: © Karsten Schöne

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talem stemmt sich von der Schaumstoffmatratze hoch und lässt sich vom Etagenbett auf den Lehmboden fallen. Sie zieht sich ein löchriges Sweatshirt über und schlingt ein weißes Tuch um Kopf und Schulter. So geht sie zur orthodoxen Kirche, wo es ein Fass mit Wasser gibt, das der Priester geweiht hat. Becher um Becher stürzt sie das Weihwasser in sich hinein. Vor dem Tor erbricht sie sich am Straßenrand. „Das holt die Krankheit aus dem Körper“, sagt sie.

Der Tod kann gesund aussehen Etalem legt sich erschöpft auf ihre Matratze. Warum sie sich elend fühlt, weiß sie nicht. Für einen Arzt fehlt ihr das Geld, ebenso für die Bauchladen-Apotheken auf dem Markt. Sie betet, dass es nicht die Krankheit mit den vier Buchstaben ist. Lange war sie überzeugt, dass sie einem Mann

den Virus ansieht. „Wer krank ist, ist sehr dünn und hat einen wilden Blick, der dir Angst macht. Wie ein Monster!“ Mit so einem wäre sie nie gegangen. Doch bei einem Aufklärungskurs haben ihr die Mitarbeiter von ÄRZTE OHNE GRENZEN gesagt, dass auch gesund und gut aussehende Männer den Tod bringen können. Seitdem geht Etalem nur mit, wenn der Mann verspricht, ein Kondom überzustreifen. Oh, wie sie den Kerl hasst, der schuld daran ist, dass sie hier liegt. So verliebt war sie, dass sie den Kopf verlor. Er hatte große, schöne Augen und betrank sich nie, ging lieber zu ihr. Sie redeten über alles. Dann machte er ihr ein Kind. Es wäre alles gut gegangen, wenn er sie geheiratet hätte. Doch der Junge sagte, er sei nicht der Vater ihres Kindes. Sie floh vor den bösen Worten der Nachbarn und dem Zorn der Eltern und Geschwister in die Hauptstadt.

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Keine andere Chance als Prostitution Einen Job fand sie nicht, ohne Familie keine Chance, selbst für die niedrigste Tätigkeit braucht man einen Onkel, der einen empfiehlt oder einen Vetter, der jemanden kennt. „Als Bettlerin hätte ich jede Selbstachtung verloren“, sagt Etalem. Und einer jungen, gesund aussehenden Frau gibt keiner ein Almosen. Also blieb ihr nichts anderes als Prostitution. „Der erste Mann war lieb zu mir“, sagt Etalem. Er kam jeden Nachmittag vorbei und gab ihr ein paar Geldscheine. Ein paar Wochen später verschwand er. So steht sie wieder auf der Straße, immer an derselben Stelle an der Mauer beim Busbahnhof, während ein Strom von Fußgängern in der laternenlosen Nacht an ihr vorbeizieht, bis sich ein Schatten löst. Der Freier zückt ein lappiges Geldbündel und zählt ihr zehn schmutzige Scheine in die Hand: Zehn äthiopische Birr, etwa zweieinhalb Mark, für eine Nacht, der Preis von vier Flaschen Bier in einer billigen Kneipe. Jede Nacht hat sie Angst, dass der Freier das Kondom abstreift. Eine andere Lebensperspektive? Vor einigen Monaten schöpfte Etalem Hoffnung: In einem Kurs von ÄRZTE OHNE GRENZEN lernte sie nähen. Die Mitarbeiter versuchen, den Mädchen andere Einkommensquellen zu eröffnen. Zur

Alle diese Kinder sind Waisen und selbst HIV-infiziert. Die Einmalbehandlung, die die Gefahr der Übertragung von der werdenden Mutter auf das Kind verringert, kostet vier US-Dollar – viel zu teuer für Afrikaner.

Eine Mitarbeiterin von ÄRZTE OHNE GRENZEN demonstriert den Prostituierten in einem Aufklärungskurs den Gebrauch von Kondomen.

Abschlussfeier hatte sich Etalem fein gemacht, es gab Kuchen und Reden, und jedes Mädchen bekam ihr Zeugnis. Wie stolz sie waren! Dann ging es zurück auf die Straße, zum nächsten Freier. Eine der alten Nähmaschinen kann sich Etalem nicht leisten. Immerhin, jetzt haben die Mitarbeiter von ÄRZTE OHNE GRENZEN eine Bank gefunden, die den Mädchen Kredit geben will – unter der Bedingung, dass sich immer fünf zusammentun und füreinander bürgen. Etalem ist skeptisch, sie hat gelernt, sich nur auf sich selbst zu verlassen. Träumen tut sie dennoch. Davon, dass ein Mann sie nicht nur für die Nacht, sondern für immer mitnimmt, oder dass ein Ausländer sie fürstlich entlohnt. Dann könnte sie ihre Eltern und ihre Geschwister in die Hauptstadt einladen. „Ich würde sie unterstützen, und sie würden mir die Schande verzeihen.“
Bernd Hauser, freier Journalist

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Kolumbien:

Sauberes Wasser bedeutet Gesundheit
Über und über ist der Hügel von Altos del Cazucá, südlich von Bogotá, mit Wellblechhütten bedeckt. 40.000 Menschen leben in diesem Slum, fast die Hälfte Kinder und Jugendliche. Die Familien kommen aus allen Regionen des Landes, geflohen vor der Gewalt und der Armut. Sie leben ohne Abwasseranlage, und nur selten gibt es sauberes Wasser und Strom; die mangelnde Hygiene führt bei vielen Menschen zu Durchfällen, Erbrechen und Fieber. Vor gut einem Jahr hat ÄRZTE OHNE GRENZEN hier die Arbeit aufgenommen. Die Mitarbeiter bieten medizinische Betreuung an und kümmern sich um die Wasser- und Sanitärversorgung. Amaia Esparza sprach mit dem Logistiker Andreas Schiffer über seine Arbeit als Koordinator der Wasser- und Sanitärarbeiten in Altos de Cazucá: Vor welchen Schwierigkeiten standen die Mitarbeiter des Projekts? Die Hauptfrage war, ob und wie wir die Menschen dazu bewegen könnten, mitzuarbeiten. Wir mussten uns bewusst machen, dass alle um uns herum in einer sozialen Notlage sind. Die Menschen sind meistens Vertriebene, die fast täglich um Unterkunft oder Essen kämpfen müssen. Daher war es sehr schwer, sie zu einer nichtbezahlten Arbeit zu motivieren. Aber schließlich haben sie begriffen, dass dieses Projekt gut für ihre Gesundheit ist. Ihr habt vor fast einem Jahr angefangen – wie ist jetzt der Stand? Die Menschen haben ihre Einstellung zum Wasser grundsätzlich geändert. Vorher wurde die Versorgung mit Wasser weder als ein Recht noch als ein

Ohne die Mithilfe der Anwohner geht es nicht: der Bau der Wasserleitungen und Abwasseranlagen. ÄRZTE OHNE GRENZEN liefert die Materialien.
Fotos: © Amaia Esparza

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wichtiges Bedürfnis angesehen. Wasser war einfach nur ein kommerzielles Gut. Jetzt gibt es ein Wasserkomitee: Es kontrolliert den Verbrauch des Wassers und die Wartung der Anlagen. Gleichzeitig haben wir die Qualität des Wassers verbessert und sowohl der Abwasserkanal als auch die Trinkwasserleitungen entsprechen nun den hygienischen Standards. Wir sind sehr zufrieden. Warum ist deiner Ansicht nach das Projekt so wichtig? Besonders in Lateinamerika, wo immer mehr Menschen in die großen Städte ziehen, werden solche Projekte künftig eine größere Rolle spielen. Hier gibt es viele Gebiete wie Altos de Cazucá, in denen Menschen nicht an die Wasser- und Sanitärversorgung angeschlossen sind. Das bedeutet, dass das Risiko von Epidemien, die durch Wasser übertragen werden, sehr hoch ist. Was ist dabei die Aufgabe von ÄRZTE OHNE GRENZEN? Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass eine medizinische Organisation wie ÄRZTE OHNE GRENZEN den Zusammenhang zwischen gutem Wassermanagement und der Gesundheit der Menschen deutlich macht. Wasser ist nur begrenzt vorhanden, der Mangel kann zu Kriegen und anderen bewaffneten Konflikten führen. Es muss daher immer gut verwaltet und geschützt werden.
Auch Zahnuntersuchungen gehören zum Basis-Gesundheitsprogramm von ÄRZTE OHNE GRENZEN in Altos del Cazucá.

„Es reicht kaum für Zuckerwasser...“
Vor einem guten Jahr noch lebte Maria J. mit ihrer Familie auf einem kleinen Hof im Südwesten Kolumbiens. Dann werden ihr Mann und ihr 17 Jahre alter Sohn vor den Augen der Familie umgebracht, ihre 15jährige Tochter verschleppt. Maria erhält Todesdrohungen und verlässt ihr Zuhause. Mit ihren weiteren Kindern im Alter von zwei, drei, vier und sechs Jahren und einem kleinen Koffer nimmt sie den Bus in die Hauptstadt. „Meine vier Kinder und ich wohnten vier Monate unter einer Brücke. Wir lebten von Essensresten aus Restaurants; die Kinder litten an Durchfall, Fieber und hatten ständig Husten.“ Dann findet Maria Schutz in einer Wellblechhütte in Altos de Cazucá auf zwölf Quadratmetern ein Zuhause für sich und ihre Kinder. Doch ohne Arbeit und ohne Sozialversicherung ist es für sie ein Kampf ums Überleben. „Sonntags gehe ich auf den Markt und hole mir dort das, was übriggeblieben ist. Aber davon können wir nicht die ganze Woche leben. Manche Tage ist es so schlimm, dass wir uns noch nicht einmal ein Glas Zuckerwasser leisten können.“ Maria hat inzwischen ihre Kinder im Projekt von ÄRZTE OHNE GRENZEN untersuchen lassen. Sie sind jetzt in einem Ernährungsprogramm, und sie bekommen auch Medikamente. Maria ist ein wenig erleichtert: „Unsere Situation hat sich ziemlich verbessert.“ ae

Viele Kinder leiden unter Durchfällen, Atemwegserkrankungen und Hautkrankheiten. Bei mehr als zwei Drittel von ihnen stellen die Mitarbeiter außerdem Anzeichen von Unterernährung fest.

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„Röhren und Betören“
Mit einer A-Capella-CD rund um Liebe und Herzschmerz unterstützt die Musikproduktion MUSICOM die Arbeit von ÄRZTE OHNE GRENZEN.

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eit 1985 singen die „6 Zylinder“ zusammen: auf Kleinkunstbühnen, in Theatern und Konzertsälen, bei Shows und im Fernsehen. Die ACapella-Band, sechs Herren im besten Alter, hat inzwischen mehrere CDs auf den Markt gebracht. Ihr neuestes Album heißt „Brunftzeit“; die Songs vom Volkslied über Pop bis Rock sollen – dem Röhren der Hirsche folgend – beim Liebeswerben helfen. Entsprechend sind die Geschichten, die die Lieder erzählen. Es geht um gelungene und missglückte Annäherungen, um Schwärmereien und Pannen, etwa im verzweifelten Song des Autofahrers, den die Parkplatzsuche von seiner Liebsten fernhält. Betörend sind aber nicht nur die charmanten und lebensnahen Lieder, es ist vor allem die Idee des Musikproduzenten Rudolf Schulz: Mit dem Gesang der 6 Zylinder will er „eine gute Sache unterstützen“. Als Präsident des Rotary Clubs Oberhausen hatte er schon im vergangenen Jahr die Produktion einer CD initiiert, deren Erlös ÄRZTE OHNE GRENZEN zugute kommt. Unter dem Titel „Trust in Yourself“ hatten Komponisten und Texter damals Lieder zusammengestellt, die Kindern Mut zu mehr Selbstvertrauen machen sollen. Als ihm die neue CD der „6 Zylinder“ in die Hände kam, dachte Schulz daher erneut an ÄRZTE OHNE GRENZEN: „Diesmal sollte es eine bekanntere Gruppe sein und ruhig etwas weniger Ernstes zur Unterstützung der Nothilfe, damit die CD möglichst viele Menschen anspricht.“ Pro verkauftem Exemplar gehen nun zehn Mark an ÄRZTE OHNE GRENZEN, vorgesehen für den Einsatz in medizinischen Hilfsprojekten. Ein Extrablatt im CDCover informiert zudem über die Arbeit von ÄRZTE OHNE GRENZEN. Die CD „Brunftzeit“ kostet 35 Mark und kann schriftlich bei MUSICOM bestellt werden: Rudolf Scholz, Rüsterweg 22, 46147 Oberhausen.
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Träger des Friedensnobelpreises 1999

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