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Periodical volume

Full text: Freiheit der Wissenschaft Issue 2006, September

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Lieber Leser Aus der Arbeit des Bundes Freiheit der Wissenschaft Die Macht der Stasi – Nachgefragt bei Hans-Eberhard Zahn Seite 2 Seite 3 Seite 4

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Nr. 3 · September 2006

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Herausgeber: Bund Freiheit der Wissenschaft

HOCHSCHULE
Markt oder Freiheit? – Zur ökonomischen Usurpation von Bildung und Wissenschaft Von Jochen Krautz „Auf dem Weg zur zukunftsfähigen Hochschule“ – Eine Tagung des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung in Potsdam Kurz berichtet: Hochschulfreiheitsgesetz – Hochschulpakt – Hochbegabtenprogramm Seite 5 Seite 11 Seite 14

VORTRAG
Karl-Heinz Nusser Menschenwürde und Naturrecht in der modernen Demokratie am Beispiel der Kontroverse um die verbrauchende Embryonenforschung

Seite 16

BÜCHERREVUE
Tellkamp: Der Eisvogel (Dirsch) Di Fabio: Die Kultur der Freiheit (Thomalla) Ickler: Falsch ist richtig (Kinzel) Knapp: Verantwortetes Christsein heute (Thomalla) Handbuch Ethik (Kinzel)

Foren, Vorträge und Broschüren – Unser Programm von 2000 – 2006

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freiheit der wissenschaft
Offizielles Organ des Bundes Freiheit der Wissenschaft e. V. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte, Zeichnungen und Fotos und andere Beiträge übernimmt der Empfänger keine Haftung. Abdruck mit Quellenangabe und Belegexemplar gestattet. Die mit Namen gekennzeichneten Beiträge stellen nicht unbedingt die Ansicht von Herausgeber und Redaktion dar, sondern die persönliche Meinung des Verfassers. Zuschriften und Stellungnahmen zu Themen und Artikeln dieses Heftes sind willkommen. Wiedergabe und redaktionelle Kürzungen bleiben vorbehalten. „freiheit der wissenschaft“ erscheint in herkömmlicher Rechtschreibung. Herausgeber: Vorstand des Bundes Freiheit der Wissenschaft e.V. Redaktion: Dr. Winfried Holzapfel Verbandsgeschäftsstelle: Postanschrift: Charlottenstraße 65, 10117 Berlin-Mitte (U-Bahnhof Stadtmitte, nahe Gendarmenmarkt) Büro: Petra Schauf Die Geschäftsstelle dient auch als Kontakt- und Informationsstelle. Für größere Veranstaltungen steht ein Hörsaal zur Verfügung. Telefon: (0 30) 20 45 47 04 Fax: (0 30) 20 45 47 06 E-Mail: bund.freiheit.wissenschaft @t-online.de Internet: http://www.bund-freiheit-derwissenschaft.de Bankverbindung: Deutsche Bank AG, Bonn (BLZ 380 700 24), Kto. 0 233 858

Lieber Leser,
im September ist durch eine Änderung des Grundgesetzes die Föderalismusreform in Kraft getreten. Die Bundesländer haben jetzt größere Verantwortung bei der Finanzierung der Hochschulen, aber auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Ein Hochschulrahmengesetz gibt es nicht mehr, auch keine bundesweite Bildungs-„Planung“. Aber die Bundesregierung behält wichtige Kompetenzen, so bei der Hochschulzulassung und den Hochschulabschlüssen. Überregional bedeutsame Forschung, etwa die der großen Forschungsorganisationen, wird durch Bund und Länder gemeinsam gefördert. Die Gestaltung des Schulwesens ist ausschließlich Sache der Bundesländer; Versuche wie die der früheren Bundesregierung, sich durch Finanzköder zur Einrichtung von Ganztagsschulen einzumischen, werden wir wohl nicht mehr erleben. All das scheint uns vernünftig und entspricht dem, was der Bund Freiheit der Wissenschaft seit langem fordert, zuletzt in den Programmpunkten vom Dezember 2005 („Was wir wollen“). Nun kommt es darauf an, wie Bund und Länder diese neue Verteilung ihrer Kompetenzen nutzen und ausgestalten. Darüber werden wir bei dem Vortrag eines Vertreters Dr. Hans Joachim Geisler des Bundesministeriums für Bildung und Forist einer der Vorsitzenden des schung in Kürze mehr erfahren; lesen Sie bitte Bundes Freiheit der Wissenschaft den Bericht „Aus der Arbeit des BFW“. Wir hoffen vor allem auf eine belebende Konkurrenz der Bundesländer um die beste Gestaltung ihrer Hochschulen und Schulen. Vergleiche des deutschen Bildungswesens mit dem anderer Länder sind jetzt eine gemeinsame Aufgabe des Bundes und der Bundesländer. Dabei geht es ausdrücklich um Schule, Hochschule und die Berufsbildung. Bei diesen Vergleichen liegt vieles im argen: Alle Jahre wieder kommt Andreas Schleicher von der „Organisation for Economic Co-operation and Development“ (OECD) nach Deutschland und stellt fest, daß es hier zu wenige Studenten gäbe. Erschreckt liest man dann die Überschriften in den Zeitungen: „Deutschland braucht mehr Akademiker“, „Deutschland verliert den Anschluß“. Daß dabei gern Äpfel mit Birnen verglichen werden, merken wenige. Daß das deutsche „duale“ System der Berufsbildung gleichzeitig in Betrieb und Berufsschule gut ausgebildete Fachkräfte hervorbringt und vorzüglich funktioniert, daß ein deutscher Student nicht einfach einem angelsächsischen „student“ gleichgesetzt werden kann: solche Unterschiede fallen in Berichten oft unter den Tisch. Was in Erinnerung bleibt, sind bloße Zahlen: in Großbritannien gibt es pro Jahrgang 39,3 Prozent Hoch- und Fachhochschulabsolventen, in den USA 33,6 Prozent, in Deutschland 20,6 Prozent (2004). Aber: 85 Prozent der Deutschen haben Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung – ein sehr guter Platz im OECD-Vergleich. Bei Doktoranden-Abschlüssen hält Deutschland einen der Spitzenplätze. Das geht in der öffentlichen Wahrnehmung unter. Der OECD-Vertreter verlangt einen geringeren Anteil der beruflichen Bildung, mit anderen Worten: eine weitere Akademisierung der Berufswelt. Brauchen wir die wirklich? Dafür sollen alle Hindernisse beim Zugang zu den Hochschulen beseitigt werden: keine Studiengebühren, keine Zugangsquoten, kein numerus clausus usw. Es geht um Quantität, um die Universität als „Zulieferbetrieb für die Berufswelt“ (Konrad Adam), um die Senkung der Zahl der Studienabbrecher durch leichtere, „berufsqualifizierende“ Abschlüsse des Studiums (Bachelor), nicht um die Qualität der wissenschaftlichen Ausbildung. Politiker erklären dann, in einem Jahrzehnt solle es statt zwei Millionen Studenten zweieinhalb Millionen geben. Also doch wieder Bildungs-„Planung“ wie in den 70er Jahren? Spötter haben schon von planwirtschaftlicher Tonnenideologie gesprochen. Ihr

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Hans Joachim Geisler

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Aus der Arbeit des Bundes Freiheit der Wissenschaft
Am 5. September waren die drei Vorsitzenden des Bundes Freiheit der Wissenschaft zu einem ausführlichen Gespräch im Berliner Sitz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung eingeladen. Sie können unten einen Bericht lesen. Als Regionalbeauftragter des BFW für Niedersachsen war bisher Dr. Hartmut Schustereit erfolgreich tätig. Da er in ein anderes Bundesland umzieht, kann er diese Aufgabe leider nicht mehr wahrnehmen. Wir werden Sie darüber informieren, wer künftig den BFW in Niedersachsen vertritt. Privatdozent Dr. Till Kinzel ist Vorsitzender Sektion Berlin-Brandenburg und wird diese Tätigkeit auch im Wintersemester 2006/2007 fortführen, obwohl er in dieser Zeit mit einer Lehrstuhlvertretung im Fach Amerikanistik an der Universität Paderborn betraut worden ist. Lange Zeit war Dipl.-Psych. Hans Eberhard Zahn Vorsitzender der Berliner Sektion. Im „Spiegel“ erschien nun im August ein ausführlicher Artikel über seine Kontroverse mit Wolfgang Schwanitz, früher Stellvertreter und kurzzeitig Nachfolger des DDR-Staatssicherheitsministers Erich Mielke. Mehr in einem kurzen Interview von „Freiheit der Wissenschaft“ mit Hans Eberhard Zahn unter „nachgefragt“. Wir beklagen den Tod zweier Mitglieder, die durch ihr großes Engagement viele Jahre lang die Arbeit des Bundes Freiheit der Wissenschaft gefördert und an wichtigen Stellen geprägt haben. Am 2. Juli starb Professor Dr. Erich Loos. Der bedeutende Romanist, 1913 geboren, lehrte von 1960 bis zu seiner Emeritierung an der Freien Universität Berlin. 1966 bis 1968, in den ersten Jahren der Studentenrevolte, war er Dekan der Philsophischen Fakultät, hielt die Gedenkrede auf den erschossenen Studenten Benno Ohnesorg und wurde wegen seines Eintretens gegen rechtsradikale Ansätze als „roter Dekan“ apostrophiert. 1970 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Notgemeinschaft für eine freie Universität, der Berliner Sektion des Bundes Freiheit der Wissenschaft, 1971 bis 1980 zu deren Vorstand und dann zu ihrem Beirat. Im Wintersemester 1971/1972 nahm die neugegründete Universität Bremen ihren Lehrbetrieb auf. Von Anfang an geriet sie in extrem linkes Fahrwasser. Bremer Bürger gründeten 1972 die Sektion Bremen des Bundes Freiheit der Wissenschaft, an der Spitze der angesehene Kaufmann Hermann Segnitz, der die Arbeit in Bremen viele Jahre leitete. Er fand bald auch Mitstreiter aus der Universität und machte die Sektion zu einer der aktivsten unseres Bundes. Ohne dieses Engagement wäre die später positive Entwicklung der Bremer Universität wohl kaum in Gang gekommen. Hermann Segnitz starb am 28. August. Der Bund Freiheit der Wissenschaft hat in den letzten Jahren zahlreiche Vortragsveranstaltungen durchgeführt. Die Texte der Referate liegen zum Teil schriftlich in noch lieferbaren Broschüren vor, die mit einem Bestellschein (Seite 31) angefordert werden können. Einen Teil dieser Texte können Sie auch auf unserer Website nachlesen (www.bund-freiheit-derwissenschaft.de). Die zugehörige Aufstellung über die Veranstaltungen und Veröffentlichungen des BFW seit 2000 gibt zugleich einen kurzen Überblick über unsere Arbeit. Ein Hinweis für die Mitglieder des Bundes Freiheit der Wissenschaft: Am 1. Dezember dieses Jahres findet in Berlin wie alle zwei Jahre eine Mitgliederversammlung mit Wahl des Vorstandes statt. Eine briefliche Einladung mit genauem Termin und Tagesordnung folgt. Vor der Mitgliederversammlung spricht über aktuelle Probleme des Hochschulzugangs, der Hochschulzulassung und des Übergangs von der Schule zur Hochschule sowie über den Stand des Bolognaprozesses Ministerialdirigent Peter Greisler aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung zu uns. An den Vortrag schließt sich eine Diskussion an. Hans Joachim Geisler

BFW-Vorsitzende im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Berlin, den 5. September 2006 (fdw – Eigener Bericht) Am 5. September 2006 hatten im Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin die drei Vorsitzenden des Bundes Freiheit der Wissenschaft, Dr. Hans Joachim Geisler, Dr. Winfried Holzapfel und Professor Dr. Kurt Reinschke, auf Einladung von Frau Bundesministerin Annette Schavan ein Gespräch über hochschulpolitische Themen mit Ministerialdirektor Dr. Christian Uhlhorn und Ministerialdirigent Peter Greisler. Ministerialdirektor Dr. Uhlhorn leitet im Ministerium die Abteilung Wissenschaftssystem, Ministerialdirigent Peter Greisler die Abteilung Hochschule. Die Einladung war auf Anfrage der gen des Übergangs von Schule zu Hochschule. Auch über den Bolognaprozeß wurde gesprochen, wobei die Vorsitzenden ihre Vorbehalte gegen die Art seiner Umsetzung in Deutschland deutlich machten. Das etwa eineinhalbstündige Gespräch verlief in guter Atmosphäre. Es endete mit der Zusage von Ministerialdirigent Peter Greisler zu einem Vortrag beim Bund Freiheit der Wissenschaft vor der Mitgliederversammlung am 1. Dezember dieses Jahres. Dabei wird es um die aktuelle Entwicklung im Hochschulwesen gehen. Eine Diskussion im Anschluß an den Vortrag ist ausdrücklich erwünscht.

Ministerialdirektor Dr. Christian Uhlhorn

Ministerialdirigent Peter Greisler Fotos: fdw

BFW-Vorsitzenden erfolgt. Es war ein günstiger Termin, insofern zu Anfang September die Föderalismusreform in Kraft getreten ist, die ja auch im Bildungsbereich Folgen hat. Im Mittelpunkt standen Themen,

bei denen der Bund auch nach Inkrafttreten der Reform im Rahmen der konkurrierenden Gesetzgebung mitzubestimmen hat. Es ging insbesondere um Fragen der Hochschulzulassung, des Hochschulzugangs und Fra-

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Nachgefragt
Begegnung mit der Stasi – Interview mit Hans-Eberhard Zahn
versität), gehörte 1980 bis 1990 zu deren Vorstand und war dann nach der Wende bis 1995 Vorsitzender und bis 2005 Vorstandsmitglied der BFW-Sektion Berlin-Brandenburg. Dabei konnte er durch Hinweise auf Stasi- und SEDVerstrickungen an ehemaligen DDRHochschulen zum Neuanfang in den Hochschulen der neuen Bundesländer beitragen. In Erinnerung ist der von ihm initiierte Kongreß „Quo vadis, Universität Potsdam?“ von 1994, der durch Offenlegung von Fehlentwicklungen wichtig war für den Weg dieser Universität zu einer heute hochangesehenen Hochschule. Zu einigen grundsätzlichen Fragen zum Umgang mit der DDR-Diktatur befragten wir Hans-Eberhard Zahn: fdw: Wird die DDR-Diktatur heute verharmlost? In Geschichtsdarstellungen, Schulen, Gedenkstätten? Zahn: Es gibt tatsächlich eine Tendenz, diese Diktatur, die ja doch nur ein Wurmfortsatz des sowjetischen GULAG-Staates war, in milderem Licht darzustellen als das nationalsozialistische Regime. Dies gilt insbesondere für manche unter dem Einfluß der immer noch links orientierten sog. „Alt68er“ stehenden Medien und natürlich für die einstmals privilegierte DDRElite. Immerhin bemühen sich aber heute wichtige Kräfte in Staat und Gesellschaft zunehmend erfolgreich, dieser politischen Asymmetrie entgegenzuwirken. fdw: Wird die Verharmlosung von alten Kadern der SED und des Staatssicherheitsdienstes systematisch gefördert? Können Sie Beispiele nennen? Zahn: Die alten Kader des Ministeriums für Staatssicherheit verfügen noch (oder heute schon wieder) über eine gut funktionierende Infrastruktur. Dabei nutzen sie die auch ihnen zustehenden Bürgerrechte in eben jenem demokratischen Staat, den sie jahrzehntelang haßerfüllt bekämpft haben. Die aus alten Genossen-Zeiten stammenden Bindungen (aber auch Hierarchien) ermöglichen ihnen ein kurzfristig organisiertes Auftreten wie z. B. vor einiger Zeit in Hohenschönhausen.

fdw: Wird bei solchen Versuchen die Freiheit der Wissenschaft tangiert? Zahn: Wer, wie bei derartigen Auftritten üblich, einem anders denkenden Redner das Wort zu verbieten versucht, würde – mit Macht ausgestattet – sicherlich auch die Freiheit der Wissenschaft einschränken oder gar beseitigen. Nicht nur hieraus folgt für Demokraten, daß sie braunen und roten AntiDemokraten nicht zu Macht verhelfen dürfen. fdw: Welche Rolle spielt dabei die PDS, die frühere SED, die z. B. in Berlin den Wissenschaftssenator stellt? Zahn: Ich glaube, daß man diese Partei nicht mehr als einen erratischen Block beschreiben kann. Sie ist tief gespalten in „Realos“ und in marxistische „Fundamentalisten“. Während sich die einen (glaubhaft oder nicht) um eine Art demokratische Legitimation (also wohl um ein Alibi) bemühen, wissen sich die anderen – ich verweise nur auf die „Kommunistische Plattform“ – nach wie vor der alten Doktrin verpflichtet. Die „Realos“ sind in letzter Zeit schon über so manchen ideologischen Schatten gesprungen, was ihnen die „Fundamentalisten“ sicherlich sehr übel genommen haben – und was sich wohl auch auf die bevorstehenden Berliner Wahlen auswirken wird. fdw: Haben die von Ihnen genannten Netzwerke Einfluß in den Hochschulen? Zahn: Diese Netzwerke sind sehr DDR-fixiert. Deshalb finden sich zwar an den Hochschulen noch einige sie offen oder verdeckt ideell und materiell unterstützende Sympathisanten. Deren Einfluß reicht aber längst nicht mehr zur nachhaltigen Verformung von Lehre und Forschung aus, wie es zum Beispiel in den 70er Jahren an der Freien Universität Berlin der Fall war. fdw: Wie kann man der verharmlosenden Geschichtsdarstellung entgegenwirken? Zahn: Indem man – insbesondere an Schulen und Hochschulen – nicht nur die zweifellos vorhandenen Unterschiede der braunen und der roten Diktatur hervorhebt, sondern stärker als bisher auch deren verabscheuungswürdige Gemeinsamkeiten. Das Gespräch führte Dr. Hans Joachim Geisler

Hans-Eberhard Zahn am Gedenkstein im StasiGefängnishof Hohenschönhausen

Über Dipl.-Psych. Hans-Eberhard Zahn erschien im „Spiegel“ Nr. 33 vom 14. August 2006 ein ausführlicher Artikel (Seite 58 bis 63), in dem über seine kontroverse Begegnung mit Wolfgang Schwanitz, dem Stellvertreter und kurzzeitigen Nachfolger des DDRStaatssicherheitsministers Erich Mielke, berichtet wird. Zahn ist stellvertretender Vorsitzender des Beirats der Gedenkstätte im ehemaligen DDR-Staatssicherheitsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Er war dort selbst politischer Häftling und ist gegenwärtig oft in der Presse präsent. Er setzt sich für eine wahrheitsgemäße Darstellung der DDR-Diktatur ein. Zahn war aus politischen Gründen sieben Jahre in DDRGefängnissen inhaftiert. Nach seiner Freilassung trat er gegen kommunistische Einflüsse im Westen ein und war zugleich in der Hochschulpolitik aktiv, so jahrelang als Mitglied des Kuratoriums der Freien Universität Berlin und als Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologen. Zum „Urgestein“ des Bundes Freiheit der Wissenschaft seit dessen Gründung gehörend, engagierte er sich seit 1972 in der damaligen Berliner Sektion des BFW (Notgemeinschaft für eine freie Uni-

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Jochen Krautz

Freiheit oder Markt?
Zur ökonomischen Usurpation von Bildung und Wissenschaft
Die Freiheit von Wissenschaft und Bildung scheint heute weniger von alten Ideologien bedroht als von einem betriebswirtschaftlichen Effizienzdenken, das als scheinbar weltanschaulich neutraler Sachzwang daherkommt. Die allerorten an Schule und Hochschule spürbaren neuen Zwänge für Bildung, Forschung und Lehre sind jedoch nicht allein zufällige Auswirkungen einer an sich positiven „Versachlichung“ der lange Jahre ideologisierten Bildungspolitik. Vielmehr – so die im weiteren zu belegende These – sind sie Ausdrucke einer neuen Usurpation von Bildung und Wissenschaft unter den Vorzeichen einer globalisierten, neoliberal ausgerichteten Ökonomie. formuliert daher das „Attribut des Personalen […] die radikale Absage an alle Versuche ihrer Indienstnahme.“1

Weil der Mensch durch Bildung seine Humanität entfalten kann, ist dieser Bildungsanspruch ein Menschenrecht (Art. 26 AEMR) und begründet den freien Zugang zu öffentlichen Schulen und Hochschulen. Diese müssen wiederum staatlich finanziert und demokratisch kontrolliert sein, um durch freie Bildung und Wissenschaft dem Einzelnen wie dem allgemeinen Wohl zu dienen, denn die Bildung des Einzelnen ist zugleich die Voraussetzung eines freiheitlichen, demokratisch verfaßten Gemeinwesens, das mündiger Bürger bedarf. Die Möglichkeit personaler Bildung in öffentliUm eine Diskussion hierüber anzure- chen Bildungseinrichtungen ist demgen, sollen im folgenden vor dem Hin- nach im Sinne des Allgemeinwohls untergrund einer kurzen Besinnung auf abdingbar. den jeweiligen Kern von Bildung und Wissenschaft deren derzeitige Verände- Die Forderung nach einer in diesem rung beleuchtet werden. Dabei wird die Sinne zweckfreien – also nicht zweckloÖkonomisierung von Bildung, Bil- sen – Bildung für jeden stammt bekanndungswesen und Wissenschaft in ihrer termaßen unter anderem von Wilhelm theoretischen Systematik analysiert wie von Humboldt. Obwohl dieses Konzept anhand der Folgen ihrer Umsetzung un- historisch auch als weltfernes Elysium tersucht. Die Ursachen der aufgezeigten oder formales Exerzitium fehlgedeutet Veränderungen und ihrer forcierten wurde, werden die weiteren AusführunDurchsetzung bleiben jedoch unerklärt, gen zeigen, wie aktuell seine Forderung wenn nicht deren bildungs- und allge- ist, daß der Mensch in der öffentlichen meinpolitische Hintergründe einbezo- Schule und Universität nicht für ökonogen werden. Ausblicke auf das, was an- mische, politische oder religiöse Intergesichts der Situation zu tun sein könn- essen „abgezweckt“ werden dürfe. te, beschließen den Gang der Argumen- Das stolze Motto an der Freiburger Unitation. versität (Abb. 2, S. 6) verweist darauf,

daß der Zweck der Wissenschaft Freiheit durch Erkenntnis ist. Diesem Ethos ist die Universität verpflichtet, und durch freie Wissenschaft dient sie den Bürgern in einer Republik. Sie darf nicht „irgendwelchen Nützlichkeiten dienen. Ihre Sache ist die Aufklärung, also die ‚Bildung durch Wissenschaft’ (Wilhelm von Humboldt)“ 2 Nur so, durch Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit kann sie der einzelnen Person in ihrer Bildung dienen wie die „freiheitliche Mündigkeit“ der Bürger durch Wissenschaftlichkeit fördern. Die Universität als Ort der Wissenschaft 3 leistet somit einen nicht funktional reduzierbaren Beitrag zum allgemeinen Wohl.

2. Veränderung des Bildungsbegriffs
Wenn die derzeitige Veränderung des Bildungsbegriffs im weiteren als „Ökonomisierung“ bezeichnet wird, so leugnet dies nicht, daß selbstverständlich auch die Finanzierung des Bildungswesen einer haushälterischen Vernunft (oiko-nomía) folgen und nach volkswirtschaftlichen Kriterien sinnvoll organisiert sein muß. Dieser Sinn ist in einer Republik aber wie gezeigt das allgemeine Wohl 4, nicht ein individuelles Profitinteresse. Problematisch ist jedoch, daß Ökonomie nicht mehr nur als dienende gesellschaftliche Teilpraxis gilt, „vielmehr versteht sich die Ökonomie heute als eine Form menschlicher Gesamtpraxis, die den anderen Praxen, etwa Kunst, Politik, Religion, Ethik und Pädagogik vorgeordnet oder sogar übergeordnet ist.“5 Dieser globalistische Anspruch einer sogenannt neoliberalen Ökonomie meint demnach „die Ausweitung ökonomischen Denkens in alle Handlungsdi-

1. Personale Bildung, freie Wissenschaft und Allgemeinwohl
Das Relief an einer Volksschule (Abb. 1, rechts) zeigt bildhaft, was Bildung eigentlich ausmacht: Die fürsorgliche Mutter entläßt ihre Kinder in die Obhut der durch Klugheit (Eule) gekennzeichneten Lehrerin. Diese schließt ihren Schülern in personaler Beziehung die Welt auf und ermöglicht ihnen so Bildung. Bildung ist also sowohl ein individueller wie interpersonaler Prozeß; Bildung ermöglicht so die Entfaltung der Person zu voller Menschlichkeit. In einer personal verstandenen Bildung Bildung als interpersonaler Prozeß

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bare, „lebenslang lernende“ Arbeitskräfte benötigt.14 „Mit guter Bildung wird sich mikro- wie makroökonomisch viel Geld verdienen lassen. Es ist nicht unanständig, sondern schlicht notwendig, ‚Humankapital’ als Produktionsfaktor zu sehen, in den um so mehr investiert wird, je höher die erwarteten Renditen sind“, so einer der Verfechter jener Theorie.15 Es ist sicher nicht unanständig, durch gute Bildung zu materieller Wohlfahrt beizutragen; Bildung hierauf einzuschränken jedoch sehr wohl. Und: Was bleibt, wenn Bildungsinvestitionen nicht mehr hinreichende Renditen einbringen?
Schriftzug an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

mensionen hinein.“6 Das Marktprinzip drängt den Staat, also die Bürger, aus der Verantwortung für öffentliche Einrichtungen. Nicht mehr der Staat definiert und überwacht „die Marktfreiheit, sondern der Markt wird selbst zum organisierenden und regulierenden Prinzip des Staates.“7 Infolgedessen werden zunehmend betriebswirtschaftliche Steuerungsmuster auf öffentliche Einrichtungen wie das Bildungswesen übertragen. Dieses sogenannte „New Public Management“ beruht „einerseits auf der Übernahme privatwirtschaftlicher Managementtechniken und andererseits auf einem neoliberalen Wirtschaftsverständnis.“8 Es zielt auf Profitmaximierung durch ökonomische Effizienz. Effizient im staatlichen Handeln darf aber nur die Förderung des Gemeinwohls sein.9 Das dieser Verbetriebswirtschaftlichung der Bildung zugrundeliegende Menschenbild arbeitet Manfred Fuhrmann in der inhaltlichen Analyse der Fragen des PISA-Tests exemplarisch heraus. Diese zielen auf rein zweckorientiertes Denken und ökonomische Verwertbarkeit von funktionalem Wissen: „Der PISATest zielt auf den homo oeconomicus. Es geht darin um die materiellen Bedingungen des Lebens, um Nutzen und Profit. (…) Der Idealtyp des PISA-Test ist derjenige, der sich später einmal am besten in Industrie, der Technik und der Wirtschaft auskennen wird. Von allen übrigen Bereichen der Kultur (…) sieht der Test rigoros ab.“ 10 PISA definiert somit undeklariert den oben erörterten Bildungsbegriff um: „Es ist daher konsequent, daß das PISA-Werk in der Regel von ‚Kompetenzen‘ und nicht von Bildung spricht. (…) Der PISA-Test zielt nicht auf Bildung, sondern auf et-

was, das in der Öffentlichkeit fälschli- „Output-Orientierung“ cherweise für Bildung gehalten werden Ein auf Humankapitalproduktion ziekönnte, auf ein Bildungssurrogat.“11 lendes Bildungswesen zeichnet sich Der Bildungsbegriff der sogenannten durch „Output-Orientierung“ aus. Ein Wissensgesellschaft verabschiedet so- Papier der Welt-Bank definiert den Bemit das Subjekt als tragendes Moment griff sehr klar: “An orientation toward und Ziel des Bildungsprozesses. Bil- outcome means that priorities in educadung ist nicht mehr Bildung des Sub- tion are determined through economic jekts an Gegenständen des Wissens und analysis, standard setting, and measureder Welt, sondern Informationsverarbei- ment of the attainment of standards.”16 tung zu austauschbarem Verwertungs- Ökonomische Kriterien, nicht allgemeiwissen ohne personale Bindung und ne Bildungsideen und Erziehungsziele „determinieren“ demgemäß die PrioRückwirkung.12 ritäten im Bildungswesen. Der Bildungsprozeß erschöpft sich in formu3. Begriffe und Phänomene der lierten Ergebniserwartungen (StanBildungsökonomie dards) und deren Überprüfung (EvaluaDie zu Schlagworten degenerierten An- tion). Relevant ist nun nur noch, was genahmen der Bildungsökonomie werden testet und „belohnt“ wird. Da allgemeiin der Öffentlichkeit mit enormer Vehe- ne Bildungsziele nicht in prüfbare Stanmenz und Penetranz wiederholt, um of- dards zu fassen sind, können sie zwar fensichtlich den Eindruck zu erwecken, postuliert werden, tatsächlich konzeneine vor allem an ökonomischen Prä- trieren sich Lehren und Lernen aber aumissen orientierte „Bildungsreform“ sei tomatisch auf die output-relevanten unabänderlich. Was bedeuten diese Be- Faktoren. Und das sind nicht Bildungsgriffe jedoch tatsächlich, in welchem und Erziehungsbemühungen, sondern Auslastungsquosystematischen Zusammenhang stehen Absolventenzahlen, 17 sie und was bewirkt ihre Umsetzung im ten, Schulrankings etc. Bildungswesen?

„Humankapital“ Eine der Grundlagen der „Übertragung ökonomischer Denkmodelle auf den Bildungsbereich“13 ist die sogenannte „Humankapitaltheorie“, nach der Wirtschaftswachstum vor allem aus Investitionen in den Bildungsbereich zu generieren sei, da Wachstum heute allein aus technischem Fortschritt entstehen könne, der wiederum auf wissenschaftlichen Fortschritten beruhe. Daher werden einerseits wissenschaftliche Eliten wie andererseits flexible und adaptier-

„Qualitätsentwicklung“ und „Effizienz“ Der Druck durch Kürzung von Mitteln und Stellen sowie die erhöhte Arbeitsdichte durch höhere Klassenfrequenzen und Stundendeputate wird dabei meist als Mittel der „Qualitätssicherung“ ausgegeben (in NRW etwa „Qualitätspakt“). Diese zunächst nur zynisch wirkende Kongruenz hat jedoch System: Für Qualität spielen hier „nicht die wesentlichen und charakteristischen Eigenschaften einer Sache (qualitas)“ eine Rolle, „sondern Indikatoren, nach

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denen die Effizienz von Schulen gemessen werden.“ Wobei Effizienz sich auf die günstige Kosten-Nutzen-Relation bezieht: „Effizienz wird nach dem ökonomischen Aufwand-(Kosten)-ErtragModell berechnet. Die Investitionen sollen sich rentieren. Über Rentabilität entscheidet primär nicht die Beschaffenheit des Produkts (Qualität im primären Sinne), sondern das Preis-Leistungsverhältnis und die Wettbewerbsposition auf dem Markt (Qualität im marktwirtschaftlichen Sinne).“18 Auch effizienter Ressourceneinsatz im Bildungswesen ist an sich nicht Verwerfliches. Doch „der Effizienzgesichtspunkt als Kriterium wirkt selektiv, er sondert alles das aus oder setzt es als zweitrangig zurück, was keine berechenbare und dem Aufwand entsprechende Ertragssicherheit mit sich führt (…).“19

„Bildungsabnehmer“ und „Kunden“ Hierzu gehört auch, daß sich das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden tiefgreifend verändert. Schüler und Studierende sind nun Abnehmer von Bildungsprodukten, also z.T. auch zahlende Kunden mit einem Anspruch auf geldwerte Leistung. Welche Folgen dies für die „pädagogische Atmosphäre“22 hat, wenn aus einem prinzipiell gleichwertigen Lehr-Lern- nun ein wechselseitiges Ausnutzungsverhältnis wird, bedarf kaum näherer Erörterung. „Autonomie“ und „neue Steuerung“ Dabei bewirken Marktmechanismen nicht mehr Freiheit und „Autonomie“ von Schulen und Hochschulen, sondern verstärkte Kontrolle. Die Bildungsökonomie stellt explizit fest, „dass wirtschaftliches Handeln nur durch das Vorhandensein eines entsprechenden Kontrolldrucks sichergestellt werden kann“. Hierbei werden „vier Kontrolltypen“ unterschieden: „a) Konkurrenz durch Wettbewerb, b) die Definition von Leistungsstandards (standards of performance), c) die Strategie des Kostendrucks (cost-pressure), d) bürokratische Kontrollen.“ Als effektivstes Mittel gilt dabei der Konkurrenzdruck durch Wettbewerb.23 Die Durchsetzung vermeintlich „wirtschaftlichen Handelns“ in Schule und Hochschule dient demnach der Etablierung expliziter Kontrollinstrumente in einer konkurrenzgeprägten Bildungslandschaft.
So sollen auch auf die Selbstverwaltung der Hochschulen, die bislang das Grundrecht auf Freiheit von Forschung und Lehre sicherte, betriebswirtschaftliche Steuerungsinstrumente übertragen werden, „die die Selbstverwaltung im autonomen Bereich effizienter und effektiver machen können, indem sie das traditionelle System von Verhandlung und Abstimmung ergänzen oder ablösen.“24 Demokratisch organisierte, professionelle Selbstbestimmung wird ersetzt durch ein unternehmerisches, autoritäres Führungs- und Kontrollsystem. Der Rektor wird vom primus inter pares zum Unternehmensleiter. Hochschulräte und Akkreditierungsagenturen üben demokratisch nicht legitimierten Einfluß und Überwachung aus. Entstaatlichung und privatwirtschaftliche ökonomische Muster prägen exemplarisch auch den Entwurf zum neuen „Hochschulfreiheitsgesetz“ in Nord-

„Kompetenzen“, „Leistungsstandards“ und „Evaluation“ Daraus erhellt sich, daß eine solche Qualitätsvorstellung nicht etwa auf Bildung zielt, sondern auf Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sich messen lassen. Daher werden Bildungsziele nun zu „Kompetenzen“ heruntergerechnet – ohne daß die Summe der Teile noch das Ganze ergäbe. Diese werden wiederum „evaluiert“ anhand zuvor aufgestellter Standards (man braucht ein tertium comparationis), die demzufolge nicht Bildungs-, sondern Leistungsstandards im Sinne des Effizienzkriteriums sind.20 Von „Bildungs“standards zu reden, wenn es um die Normierung ökonomischer Effizienz geht, ist daher Augenwischerei.
In diesem Sinne hält die Deutsche Bischofskonferenz fest: „Bildungsstandards stehen bildendem Lernen zwar nicht grundsätzlich entgegen. Aber sie befördern bei unkritischem Gebrauch ein mechanistisches Menschenbild. Wenn von Output-Steuerung die Rede ist, dann wird unterstellt, dass der Mensch ein steuerbares Wesen ist, was seiner Selbständigkeit und Eigenverantwortung, kurzum seiner Freiheit widerspricht. Wenn also von ‚Steuerung’ die Rede ist und von ‚Standards’, die ‚implementiert’ und durch ‚Monitoring’ überwacht werden sollen, dann wird eine Analogie zur Maschine hergestellt und die Personalität des Menschen verkürzt.“21

rhein-Westfalen. Dort meint „Freiheit“ vor allem Marktfreiheit, in der Hochschulen als nicht mehr staatliche Institutionen auch in Insolvenz gehen können (§ 2 Abs. 4 Satz 1 HFG NRW), wenn sie sich im Konkurrenzkampf nicht behaupten. Zudem fällt die bisherige Bindung der Hochschulen an den Verfassungsauftrag weg, „an der Erhaltung des demokratischen und sozialen Rechtsstaates“ mitzuwirken sowie „zur Verwirklichung der verfassungsrechtlichen Wertentscheidungen“ beizutragen (§ 3 Abs.1 Satz 2 HG). Auch fehlt die Verpflichtung der Universitäten, sich mit den Ergebnissen ihrer Forschung auseinanderzusetzen (§ 3 Abs. 1 Satz 5 HG). Das neue Gesetz stimmt im übrigen im Inhalt bis hin zum Titel mit den „Zehn Anforderungen an ein Hochschulfreiheitsgesetz in NRW“ überein, die zuvor vom „Centrum für Hochschulentwicklung“ (CHE) der Bertelsmann-Stiftung formuliert wurden. Diese Formen „neuer Steuerung“ scheinen den Traum planwirtschaftliche Kontrolle zu verwirklichen, der in 30 Jahren permanenter „Reform“ per Verordnung immer noch am verfassungsmäßigen Freiheitsraum der Lehrer und Hochschullehrer scheiterte, die im Zweifelsfall die wörtliche oder geistige „Klassenzimmertür hinter sich zu machen“ konnten. Dort waren sie im Kerngeschäft von Unterricht, Erziehung, Bildung und Wissenschaft weitgehend frei und nur ihrem Gewissen und Berufsethos verpflichtet. Dem nun aufgebauten ökonomischen Zwang kann man sich kaum noch entziehen, weil es um die blanke Existenz geht. Der Druck von Kennzahlen, Indikatoren und Auslastungsziffern bringt jede inhaltliche Diskussion zum Schweigen.

Marktgesetz als Naturgesetz? Die Umdeutung des Bildungsbegriffs und der Umbau des Bildungswesens werden als Folge der ökonomischen Globalisierung gerne als unausweichlich und alternativlos charakterisiert. Tatsächlich ist der Prozeß politisch initiiert, wird wissenschaftlich sekundiert und medial orchestriert. Ziel des ökonomisierten Bildungskonzeptes ist es, den Staat – in einer Republik also die Bürger – aus der Verantwortung für das Bildungswesen zurückzudrängen und Hoheitsrechte zu privatisieren. Solches Denken und Handeln ist somit nicht nur antihumanistisch, sondern demokratie-

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feindlich und tendiert zum Totalitarismus. Zu ähnlichem Schluß hinsichtlich der zugrundeliegenden neoliberalen Marktideologie kommt auch der Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“: Die Behauptung des Marktgesetzes als Naturgesetz, der Kampf gegen den Staat, die Unterdrückung höherer geistiger Aktivität, die künstlich erzeugte, permanente Unsicherheit sowie die willkürliche Führung ohne Verantwortung als Kennzeichen der Ideologie des neoliberalen Kapitalismus werden von ihm mit Hannah Arendt als Merkmale totalitärer Herrschaft analysiert.25

4. Bildung und Wissenschaft als Ware
Ziel dieser Ökonomisierung von Bildungsbegriff und Bildungswesen ist es, den ganz konkreten Handel mit Bildungsdienstleistungen zu ermöglichen. Bildung verspricht als globales Geschäft enorme Gewinnmargen: Die EU-Länder geben 115 Milliarden Euro pro Jahr für Bildung aus, der weltweite Bildungsmarkt wird auf 2,2 Billionen Dollar geschätzt. Um mit Bildungsdienstleistungen Handel zu treiben, müssen diese international standardisiert und in handhabbare Pakete zerlegt werden. Solche standardisierten Lernpakte („Module“) sind dann international konvertibel und sehr geeignet, um als E-Learning-Einheiten und in Internet-Universitäten angeboten zu werden. Kaum verwunderlich also, warum derzeit Computer und Internet wider jede pädagogische Einsicht so massiv als zentrale Bildungsmedien propagiert werden. Zugleich bereiten internationale Abkommen wie TRIPS (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights) den Handel mit Rechten an geistigem Eigentum vor, also die ökonomische Verwertung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse. Hochschulen sollen zu selbständigen Unternehmen gemacht werden, indem Patentanmeldungen auch für solche Produkte ermöglicht werden, die bisher keinem Patentschutz unterlagen. Professoren und Forscher an Hochschulen sollen künftig ihre Ergebnisse patentieren können, damit sie ihr Wissen rechtlich geschützt vermarkten können: „Um nur eine Zahl zu nennen, welche die Größenordnung zeigt, um die es hier geht: Die US-amerikanische Columbia-University, die neben dem MIT (Massachusetts Institute of Technology) zu den Elitehochschulen der

USA zählt, erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2003–2004 etwa 134 Millionen US-Dollar aus Forschungspatenten, etwa 490 Millionen waren Einnahmen durch Studiengebühren und 450 Millionen stammten aus staatlichen Drittmitteln. Die Elite-Hochschulen in den USA, die man gerne als Beispiel nennt, sind – das gilt es zu bedenken – durch ihre enge Verzahnung mit dem militärisch-industriellen Komplex ,groß’ geworden. Jeder dritte Rüstungsdollar in den USA fließt in so genannte Spitzenforschung an Elite-Hochschulen. Hochschulen sollen also zu Dienstleistungsunternehmen gemacht werden, die sich auf dem Weltmarkt positionieren und sich weitgehend selbst finanzieren, und zwar neben öffentlichen Zuwendungen vor allem: 1. durch die Einnahme von Studiengebühren, 2. durch Einnahmen aus Dienstleistungen (Weiterbildungsangebote wie Universitätslehrgänge, Nachdiplomstudien etc.), 3. durch Lizenzen aus Forschungspatenten.“26 Bildung wird somit vom Menschenrecht als „Bildungssurrogat“ zur Handelsware. Wissenschaft und ihr vornehmster Ort, die Universität, sollen vor allem der Profitmaximierung dienen.

(WTO) geführten GATS-Verhandlungen (General Agreement on Trade in Services). Das GATS will möglichst alle öffentlichen Dienstleistungen liberalisieren und für private Investoren zugänglich machen. Neben Wasserversorgung, Transportwesen oder Gesundheitssystemen geht es hier auch um die Bildungseinrichtungen. Die Verhandlungen finden nichtöffentlich statt und werden für Deutschland von der EU geführt. 1995 hat die EU bereits einer Öffnung des Hochschulsektors für ausländische Anbieter zugestimmt, die weitere Liberalisierung des Bildungswesens steht derzeit im Tausch gegen die Aufhebung anderer Handelsbarrieren zur Die GATS-Verträge Verhandlung.30 sind bindend für die nationale Gesetzgebung und können vor einem WTOGericht eingeklagt werden. Auf europäischer Ebene nutzt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre Schuleffizienztests wie PISA, um Druck auf Regierungen und Öffentlichkeit auszuüben, ihre Bildungssysteme umzubauen.31 Die OECD will durch Normierung und Standardisierung „die Globalisierung in den Griff bekommen“: „Die Regierungen verpflichten sich, Fortschritte bei der Einhaltung der Normen und Standards zu erzielen, wobei sie durch das System der gegenseitigen Prüfungen (Peer Reviews) unterstützt werden. In einer Welt globaler Interdependenzen ist diese Vorgehensweise wohl der effizienteste Weg, Einfluß auf das Verhalten souveräner Staaten auszuüben.“32 Wie dieses Ziel, staatliche Souveränität zu beeinflussen und zu lenken, erreicht wird, läßt sich an der inszenierten PISA-Hysterie beispielhaft studieren33 , denn die PISA-Studie implementiert undiskutiert und mit normativer Wirkung einen eigenen, ökonomistischen Bildungsbegriff in die eigentlich demokratisch verantworteten nationalen Bildungswesen.34 Die „besondere Bedeutung“, die OECD und Weltbank bei der „Durchsetzung der Ideen und Konzepte der Bildungsökonomie“ hatten und haben, wozu vor allem das Humankapitalkonzept zählt, wird von dieser im übrigen selbst betont.35

5. Akteure und Hintergründe
Da dieser Prozeß wohl kaum ein Naturgesetz ist, muß er politisch gewollt und von wirtschaftlichem Interesse getragen sein. Damit liegt die Frage nahe, wer dessen Akteure sind. Denn nur ein planvolles Handeln erklärt, warum die Entwicklung mindestens europaweit nahezu parallel verläuft.27 Die nachfolgend erläuterten Zusammenhänge erheben dabei keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Das hier vorgetragene Puzzle ist sicherlich erweiterbar und auch anders zusammensetzbar. Das Schema zeigt verschiedene internationale Organisationen und ihre programmatische und institutionelle Einflußnahme auf die nationalen Bildungssysteme:28 Auf globaler Ebene agiert zunächst die Welt-Bank, deren Konzept von Bildung bereits zitiert wurde. Sie zwingt über Kredit-Vergaben vor allem Entwicklungsländer ihre Bildungssysteme zu rationalisieren, zu kommerzialisieren und für private Investoren zu öffnen.29

Für die Hochschulen wurde die sogenannte Bologna-Erklärung zum Masterplan der marktorientierten Umstrukturierung: 1999 in Bologna und seitdem in mehreren Folgekonferenzen trafen Wesentlich sind auch die seit 1995 auf sich europäische Bildungsminister und der Ebene der Welthandelsorganisation vereinbarten die „Harmonisierung“ der

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internationale Konzerne, Stiftungen, Verbände, Lobby-Gruppen

WTO

EU

OECD

Welt-Bank

GATS TRIPS

BolognaErklärung

PISAStudie

Kredite

tritten zählt usw.). Unterrichtsqualität oder pädagogisches Engagement sind dabei kein Effizienzkriterium. Das weithin geplante Zentralabitur und die tiefgreifende Oberstufenreform nehmen zwar einerseits lange erwarteten Korrekturen an den zum Teil gravierenden Fehlentwicklungen im Bildungswesen seit den 70er Jahren vor. Im aufgezeigten Kontext erhalten solche vordergründig vernünftigen Reformen jedoch einen anderen, hochproblematischen Beigeschmack von Effizienzorientierung und konkurrenzgeprägter Elitebildung. Die Universitäten stehen durch die Modularisierung und das BA/MA-System mit permanenter Leistungskontrolle wohl vor dem Ende ihrer eigentlichen Idee von Selbstbildung in Freiheit und Selbstverantwortlichkeit sowie von Wissenschaft, die auf Wahrheit, nicht auf Nutzen zielt: In einem Wettbewerbssystem „autonomer“, nicht mehr staatlich finanzierter Hochschulen „werden die Universitäten zum Ausbildungsdienste leistenden Unternehmen degradiert, denen das Ethos der Wissenschaft, ausschließlich den Erkenntnissen der Wahrheit und Richtigkeit zu dienen, verloren geht.“39 Das verkürzte, schulisch durchgeplante, ständig kontrollierte BA/MA-Studium zielt dagegen gerade auf vordergründige Nützlichkeit, nicht auf Annäherung an Erkenntnis oder gar „Wahrheit“ in einem kontinuierlichen Prozeß. Das Studium wird in inkohärente Stücke zerschnitten, was zu einer Art Patchwork-Wissen führt, das getestet und vergessen wird. Und da aufgrund der Studiengebühren Zeit jetzt Geld ist, gibt es für mehr auch keinen Raum. Es ist bereits zu beobachten, daß man nur noch Modulkennziffern studiert, nicht Inhalte, Leistungspunkte sammelt statt Interessen zu vertiefen – und das System scheint dieser Haltung der Studierenden auch noch Recht zu geben. Das BA/MA-System führt in Konsequenz zu einer akademischen Zweiklassengesellschaft: Die breite Masse wird mit einem Kurzstudium abgefertigt, in dem sie wissenschaftliches Arbeiten und selbständiges Denken kaum mehr lernen kann. Diese Studentenmengen werden vor allem Studiengebühren liefern. Aus dem kleineren Teil der Studenten, die überhaupt für einen Master-Studiengang zugelassen werden, wird dann die akademische Elite rekrutiert. Daß auch dies planvoll geschieht, zeigt eine Verordnung in NRW, die den Univer-

nationale Gesetzgebung und Bildungssysteme
Schema der institutionellen Einflußnahme

Studiengänge durch die Einführung einer modularisierten und gestuften Studienstruktur (in Deutschland interpretiert als Bachelor/Master-System) mit einem Leistungspunkte-System (ECTS) und Evaluationskriterien. Mit enormem politischem Druck wird diese Reform seitdem an den Hochschulen oft gegen deren Willen durchgesetzt. Bemerkenswert ist dabei, daß die Bologna-Vereinbarung im Gegensatz etwa zu den GATS-Verträgen keinerlei völkerrechtliche Verbindlichkeit hat;36 sie ist nicht mehr als eine private Absichterklärung einiger Minister. Die permanent vorgetragene Behauptung, es bestünde eine dringende Umsetzungsverpflichtung, zeugt daher von Unkenntnis oder erweist sich als schlichte Lüge.

um (und zwar unabhängig von wechselnden Regierungen). Deutlich wird dies auch an einem Beispiel aus England, wo eine Bertelsmann-Tochter die Verwaltung einer ganzen Gemeinde übernehmen soll.37

Ähnliche Lobby-Arbeit leistet der European Round Table of Industrialists (ERT), eine Vereinigung wichtiger global agierender Unternehmen wie Nokia, Nestlé, Deutsche Telekom, SAP, Siemens, E.ON, Fiat, Shell, British Petrol usw. Der ERT erklärt offen sein Ziel, Druck auf die EU-Kommission, das EU-Parlament und die nationalen Regierungen und die Medien ausüben zu wollen, damit die Bildungssysteme gemäß ökonomischen Prinzipien umstrukturiert werden. Die StrategiepapieDas Schaubild wäre unvollständig ohne re des ERT lassen sich als offensichtlieine Andeutung des Geflechts von Lob- che Blaupausen für die Bildungspolitik byverbänden, Stiftungen und Wirt- der EU lesen.38 schaftsunternehmen, die in EU, WTO und auf nationaler Ebene Einfluß auf Verhandlungen, Politiker und die Öf- 6. Auswirkungen auf Schule und fentlichkeit nehmen, um diese Entwick- Hochschule lungen zu konzipieren, zu initiieren und voranzutreiben. Für Deutschland spielt Die Folgen dieser Politik sind bereits diese Rolle seit langem die Bertels- überall spürbar, wenn sie auch nicht immann-Stiftung, die ausgehend von mer in diesen Rahmen eingeordnet werNRW inzwischen bundesweit enormen den. Kolleginnen und Kollegen an den Einfluß auf die Bildungspolitik nimmt. Schulen leiden unter der bildungsökoIhr den Bologna-Prozeß forcierendes nomischen Steuerung durch VerknapWirken über das zusammen mit der pung und Zusatzbelastung (erhöhte Hochschulrektorenkonferenz gegründe- Stundendeputate, höhere Klassenfrete Centrum für Hochschulentwicklung quenzen, Vergleichsarbeiten, Schulpro(CHE) wurde oben bereits deutlich. Die gramme, Zwang zur profilierten AußenStiftung scheint mittlerweile staatliches darstellung, bei der Unterricht immer Handeln zu ersetzen und gilt in NRW weniger im Vergleich zu spektakulären schon als heimliches Bildungsministeri- Projekten und glanzvollen Internetauf-

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sitäten vorschreibt, nur 20 % ihrer Res- Dabei hat – wohlgemerkt – der besourcen für Master-Studiengänge zu schriebene Ökonomismus mit den berechtigten Interessen einer gemeinwohveranschlagen.* lorientierten Wirtschaft an gut gebildeIm Sinne dieser akademischen 20/80- ten und ausgebildeten jungen Menschen Gesellschaft wird einerseits die Etablie- nichts zu tun. Daß hier eklatante Defizirung von forschenden „Elitehochschu- te im deutschen Schul- und Hochschullen“ vorangetrieben und andererseits of- wesen bestehen, ist jedem bildungspolifen zugegeben, daß es dann noch eine tisch wachsamen Zeitgenossen seit langrößere Zahl von „Klitschen“40 gebe, gem klar. Allerdings – auch dies wohldie Lehre für die breite Masse betreiben. gemerkt – werden die beschriebenen Ins Schema der Effizienzorientierung „Reformen“ an den tatsächlichen Ursapaßt dann auch, daß Studiengänge die chen dieser Misere nichts ändern, sondern Schüler und Studierende werden wenig Ertrag abwerfen, einfach geeinmal mehr deren Opfer sein. schlossen werden. Es liegt nahe, daß dabei gerade die Geisteswissenschaften Das Unbehagen und die Kritik an diesen die ersten Opfer sind, leiden sie doch Entwicklungen greifen um sich: So haunter ihrer vermeintlichen ökonomi- ben mehrere deutsche Erziehungswisschen Nutzlosigkeit. So hatte Hamburg senschaftler bereits mit einer Erklärung angekündigt, 50 % der Professuren in „Das Bildungswesen ist kein Wirtden Geisteswissenschaften schlicht zu schaftsbetrieb“ und einer Tagung in streichen, weil sie nicht den Erforder- Frankfurt große Resonanz an Schule, nissen des Arbeitsmarktes und der loka- Hochschule und Öffentlichkeit erfahren.43 Eine ähnliche Initiative von Seilen Wirtschaft entsprächen.41 ten technischer Fachhochschulen („Beilsteiner Kreis“) zeigt, daß diese 7. Für die Freiheit von Bildung unter den exakt gleichen Folgen der Bildungsökonomie leiden. Im Ausland, etund Wissenschaft wa an griechischen Universitäten, wird Als Resümee zeigt sich, daß radikale gegen die Privatisierung der HochschuMarktfreiheit eben nicht die Freiheit der len gestreikt, die Gefährdung von BilWissenschaft stützt, sondern gerade un- dung und Wissenschaft durch die ökoterminiert. Bildung droht dorthin nomistische EU-Bildungspolitik wird zurückzusinken, woraus Humboldt sie dort sehr kritisch und klar herausgearmit seiner Idee einer zweckfreien Bil- beitet. Auch im politischen Raum findet dung für alle führen wollte. Es zeichnen man Stimmen der Vernunft: Schon 2002 sich unübersehbar und bereits im Alltag hat die „Versammlung der Regionen spürbar die Konturen eines ökonomisti- Europas“, ein Zusammenschluß von reschen Totalitarismus ab, der nicht nur gionalen Ministern europäischer Staaim Bildungswesen und Wissenschafts- ten, sehr deutlich vor den negativen betrieb die republikanische Freiheit be- Konsequenzen für Bildung und Kultur durch das GATS-Abkommen gewarnt.44 droht. Hier und an ähnlichen Stellen wäre mit Ungewohnt mag dabei erscheinen, daß vielen Lehrern, Hochschullehrern und die politische Durchsetzung dieser neu- Mitbürgern eine ermutigende Zusamen Usurpation von Parteien und Politi- menarbeit möglich. kern aller Couleur einmütig als TopDenn überleben wird die Freiheit von Down-Strategie betrieben wird. DieselWissenschaft und Bildung am ehesten ben, die einst die Freiheit der Univerdann, wenn wir dieses Recht auf freie sitäten von unten bedrohten und den Wissenschaft und Bildung offensiv und Marsch in die Institutionen antraten, öffentlich verteidigen und weiterentsorgen nun mit einer scheinbaren ideo- wickeln. Wenn wir also vor die Tür der logischen Kehrtwende als Handlanger Schulen und Universitäten treten, Geinternationaler Wirtschaftsinteressen für spräche und Initiativen mit den Bürgern die totale Kontrolle des Bildungswe- anregen und die allseitige Lähmung zu sens, die schon immer Ziel war. Daß da- überwinden helfen. Dann kann eine Bilbei die Koalition mit dem ehemals dung erhalten bleiben, die eben mehr ist bekämpften „Großkapital“ offenbar „als eine resignierende Anpassung an keinerlei Schwierigkeiten bereitet, die jeweiligen Zeitumstände“45, dann zeigt, daß es beiden Seiten wohl immer kann eine freie, am Gemeinwohl orienschon einzig um Macht, Kontrolle, Geld tierte Wissenschaft immer noch und imund kulturelle Nivellierung ging.42 mer wieder zur notwendigen emendatio

rerum humanarum beitragen – Ziele, die uns in einer von Krisen, Unrecht und Krieg geschüttelten Welt mit vielen Menschen verbinden. ■ Korrespondenzadresse: AR Dr. Jochen Krautz Bergische Universität Wuppertal Fachbereich F – Architektur, Design, Kunst Fuhlrottstr. 10 42119 Wuppertal krautz@uni-wuppertal.de
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Heitger, Marian: Personale Pädagogik. Rückfall in Dogmatismus oder neue Möglichkeit der Grundlegung? In: Harth-Peter, Waltraud/ Wehner, Ulrich/ Frell, Frithjof (Hrsg.): Prinzip Person. Über den Grund der Bildung. Winfried Böhm zum 22. März 2002. Würzburg 2002, S. 61. Schachtscheider, Karl Albrecht: Die Universität in der Republik. In: ders.: Freiheit – Recht – Staat. Berlin 2005, S. 264. Vgl. ebd., S. 262. Vgl. Schachtschneider, Karl-Albrecht: Eigentümer globaler Unternehmen. In: ders.: Freiheit – Recht – Staat. Berlin 2005, S. 654. Rekus, Jürgen: Nationale Bildungsstandards – Grundlage von Schulqualität? In: ders. (Hrsg.): Bildungsstandards, Kerncurricula und die Aufgabe der Schule. Münster 2005, S. 78. Ebd. Lemke, Thomas/ Krasmann, Susanne/ Bröckling, Ulrich: Governementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologie. Eine Einleitung: In: dies. (Hrsg.): Governementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/M. 2000, S. 15 Drechsler, Hanno (Hrsg.): Gesellschaft und Staat. Lexikon der Politik. München 2003, S. 685. Vgl. auch Radtke, Frank-Olaf: New Public Management. Das Bildungswesen auf dem Weg in die Performanz-Kultur. In: Annegret Sloot/ Uwe Nordhoff (Hrsg.): Frühes Sortieren, Trennen, Zu-rücklassen – Niedersachsens Antwort auf PISA? Gute Schule geht anders! Dokumentation der 59. Pädagogischen Woche in Cuxhaven 2003, S. 33–48. Vgl. Drechsler, S. 685. Fuhrmann, Manfred: Der europäische Bildungskanon. Frankfurt/M., Leipzig 2004, S. 222. Ebd. Vgl. Wimmer, Michael: Bildungsruinen in der Wissensgesellschaft – Anmerkungen zum Diskurs über die Zukunft der Bildung. In: Lohmann, Ingrid/ Rilling, Rainer (Hrsg.): Die verkaufte Bildung. Kritik und Kontroverse zur Kommerzialisierung von Schule, Weiterbildung, Erziehung und Wissenschaft. Opladen 2002, S. 45–68. Koch, Lutz: Eine neue Bildungstheorie? (Bildungsevaluation, Bildungsstandards, Grundbildung und eine neue Lehrerbildung), S. 7, http://forum-kritische-paedagogik.de/start/download. php?view.122. Vgl. Kooths, Stefan: Wachstum durch Wissenschaft. In: Dettling, Daniel/ Prechtl, Christoph (Hrsg.): Weißbuch Bildung. Für ein dynamisches Deutschland. Wiesbaden 2004, S. 31–41. Straubhaar, Thomas: Humankapital: Devisenquelle der Zukunft. In: Dettling/ Prechtl, S. 29. World Bank: Priorities and Strategies for Education – A World Bank Review. Washington

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1995, S. 94, http://www-wds.worldbank.org/servlet/WDS_IBank_Servlet?pcont=d etails&eid= 000009265_3961219101219. Vgl. auch Klausenitzer, Jürgen: Selbständige Schule – Schule der Globalisierung. In: Sloot/ Nordhoff, S. 55. Koch, S. 8. Ebd., S. 10. Vgl. Brügelmann, Hans: „Output“ statt „Input“. Zu den Hoffnungen auf Bildungsstandards, Kerncurri-cula, Leistungstest, S. 4, http://www.agprim.uni-siegen.de/printbrue/gsvstandards.pdf und Regenbrecht, Aloysius: Sichern Bildungsstandards die Bildsaufgabe der Schule? In: Rekus, S. 61. Deutsche Bischofskonferenz: Bildungsstandards und katholische Schulen. Eine Orientierung. Exposé der Kommission Erziehung und Schule vom 1.7.2004, S. 3 zit. nach: Herrmann, Ulrich: Fördern „Bildungsstandards“ die allgemeine Schulbildung? In: Rekus, S. 49. Bollnow, Otto Friedrich: Die pädagogische Atmosphäre. Untersuchungen über die gefühlsmäßigen zwischenmenschlichen Voraussetzungen der Erziehung (1968). Essen 2001. Harms, Jens: Wirtschaftlichkeit unter Bedingungen des New Public Management. In: Weiß, Manfred/Weishaupt, Horst (Hrsg.): Bildungsökonomie und Neue Steuerung. Frankfurt/M. 2000, S. 139. Bodenhöfer, Hans-Joachim: Hochschulreform – eine institutionenökonomische Perspektive. In: Weiß/ Weishaupt, S. 124f. Vgl. Jessen, Jens: Fegefeuer des Marktes. In: Die Zeit, Nr. 30, 21.7.2005. Hoefele, Joachim: Vom Preis der Wissenschaft und vom Wert der Freiheit. Zur Ökonomisierung und Funktionalisierung von Universitäten

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und Hochschulen. Ein Ländervergleich, S. 2, http://forum-kritische-paedagogik.de/start/download.php?view.154. Ein instruktiver Ländervergleich D-AU-CH in Bezug auf die Hochschul- und Patentrechtsgesetzgebung bei Hoefele. Vgl. auch Klausenitzer in: Sloot/ Nordhoff, S. 51f. sowie Hoefele. Vgl.: Klausenitzer, Jürgen: Die Rolle der Weltbank in der Bildungspolitik, http://www.linksnetz.de/ K_texte/K_klausenitzer_weltbank.html. Vgl. Sursock, Andrée: Hochschulbildung, Globalisierung und GATS. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 25/2004, 14.6.2004 Vgl.: Klausenitzer, Jürgen: PISA – einige offene Fragen zur OECD-Bildungspolitik, http://www.links-netz.de/K_texte/K_klausenitzer_oecd.html sowie Radtke, insb. S. 33-37. OECD: Die Globalisierung in den Griff bekommen. Die Rolle der OECD in einer sich wandelnden Welt. 2004, S. 23. http://www.oecd.org/ dataoecd/6/31/33808614.pdf. Vgl. Kraus, Josef: Der PISA-Schwindel. Unsere Kinder sind besser als ihr Ruf. Wien 2005. Vgl. Ladenthin, Volker: PISA – Recht und Grenzen einer globalen empirischen Studie. Eine bildungstheoretische Betrachtung. In: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik 79/2003, S. 354–375. Weiß, Manfred: Vier Jahrzehnte Bildungsökonomie: Rückblick und Ausblick – Einführung in den Tagungsband. In: Ders./ Weishaupt, S. 10f. Vgl. Schiedermair, Hartmut: Was kommt auf die Universitäten zu? Die Folgen des BolognaProzesses für die deutschen Hochschulen. Bund Freiheit der Wissenschaft, Berlin 2003, S.13. Vgl. http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/52268 (31.1.06).

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Vgl. www.ert.be und Hirtt, Nico: Im Schatten der Unternehmenslobby. Die Bildungspolitik der Europäischen Kommission. In: Zur globalen Regulierung des Bildungswesens. Widersprüche 83/2002, S. 37-51. Schachtscheider, S. 262. So wörtlich der ehemalige baden-württembergische Wissenschaftsminister Klaus von Trotha an der 3. Tagung des Beilsteiner Kreises „Bildung unter Druck – Wer gestaltet nachhaltig(e) Bildung?“, 6.-7. April 2006, Schloß Beilstein. Vgl. Bitzmann, Andreas: Geisteswissenschaften – Harte Zeiten für kluge Köpfe. Rheinischer Merkur Nr. 31, 4. 8. 2005. Vgl. hierzu die klare Analyse der Rolle der „Alt68er“ in der derzeitigen „Hochschulrevolution“ bei Hering, Thomas: Universitäten als Unternehmen. Akademische Zerrbilder und ideologische Illusionen einer Anti-Elite. In: Frost, Ursula (Hrsg.): Unternehmen Bildung. Die Frankfurter Einsprüche und kontroverse Positionen zur aktuellen Bildungsreform. Sonderheft der Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik. Paderborn 2006, S. 159–182. Vgl. den Sammelband von Frost (Anmerkung 42) sowie www.forum-kritische-paedagogik.de. Versammlung der Regionen Europas: Brixen/Bressanone Erklärung zur Kulturellen Vielfalt und GATS, 18.Oktober 2002, http://www.eblida.org/lobby/lobbying/gats/ Brixen%20Declaration-D.pdf. Menze, Clemens: Überlegungen zur Kritik am humanistischen Bildungsverständnis in unserer Zeit. In: ders.: Bildung und Bildungswesen. Aufsätze zu ihrer Theorie und ihrer Geschichte. Hildesheim 1980, S. 118.

* Inzwischen aufgehoben. (Anmerkung der Redaktion.)

Friedrich-Naumann-Stiftung „Auf dem Weg zur zukunftsfähigen Hochschule“
Das Liberale Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung (Potsdam) veranstaltete zu diesem Thema vom 17.–19. März 2006 eine Fachkonferenz in der Theodor-Heuss-Akademie. Die fdw veröffentlichte in der Märzausgabe (Nr. 1/2006, S. 3) die Themen der Tagung. Im folgenden bringen wir einen Bericht, den uns die Friedrich-Naumann-Stiftung zukommen ließ. Bildung ist eine der Grundvoraussetzungen für das Funktionieren einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, daß die bildungsvermittelnden Institutionen auch in einer sich ständig verändernden Welt ihrer Aufgabe gerecht werden. Betrachtet man Deutschland, so ist offensichtlich, daß unsere Hochschulen hierzu nicht mehr in vollem Umfang in der Lage sind. Bei der Suche nach Möglichkeiten, unsere Zukunftsfähigkeit zu sichern, stellt sich die Frage, auf welchem Wege dies zu erreichen ist. In der Fachkonferenz „Auf dem Weg zur zukunftsfähigen Hochschule“ wurden zusammen mit den Teilnehmern und Referenten praxisbezogene Antworten auf die Frage nach der Zukunftsfähigkeit gesucht. Konkret ging es darum, zu den ausgewählten Themen Hochschulstruktur, Wettbewerb/Ranking und Finanzierung auf der Grundlage von Expertenberichten im jeweiligen Themengebiet und den darauf aufbauenden Arbeitsgruppen eine fundierte Programmatik zu erarbeiten. Die Teilnehmer der Veranstaltung setzten sich überwiegend aus Professoren und Mitarbeitern von Hochschulen und Studierendenvertretern zusammen. Zu den Vortragenden gehörten: Prof. Dr. Hubertus Müller-Groeling, Mitglied des Vorstandes der Friedrich-NaumannStiftung. Dr. Michael Stückradt, Staatssekretär im Ministerium für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen. Dr. Einhard Rau, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin. (Arbeitsschwerpunkte: Bildungssoziologie, Hochschulforschung). Dr. Sonja Berghoff, Projektleiterin „CHE-Forschungsranking“ der Bertelsmann Stiftung mit den Schwerpunktinteressen: Hochschulranking, Studierendenbefragung, Messung von Forschungsaktivität. Rolf C. Zipf, Mitglied im Vorstand der CareerConcept AG in München mit den Arbeits-

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schwerpunkten Projektdesign, Controlling und Marketing im Investmentbereich, insbesondere für Studienfinanzierungskonzepte mit verdienstabhängiger Rückzahlung (Bildungsfonds, Human Capital Contracts). Daneben Berater für Hochschulen in den Feldern „Organisation“ und „Studienfinanzierungskonzepte“. Britta Baron, Direktorin Canadian Universities Centre, Berlin.

1998 mit Unterstützung und später im Auftrag der Hochschulrektorenkonferenz durchgeführte Ranking unterscheidet sich grundlegend von den weniger fundierten Zeitschriftenrankings.

6. Die Hochschulen erhalten Personalund Finanzhoheit. 7. Die Wissenschaftsministerien sollen Personal abbauen. 8. Die Hochschulen erhalten die Möglichkeit, Personal an den Staat (an das Land) abzugeben.

„Aufgaben der Hochschule“

„Unabhängige Hochschulen“
Im Einführungsvortrag und der sich anschließenden Diskussion stellte Dr. Stückradt anschaulich dar, daß am besten unabhängige Hochschulen in der Lage sind, ihrem Bildungs- und Forschungsauftrag gerecht zu werden. Hierbei wurde betont, daß die meist noch anzutreffende Weisungsbefugnis der Ministerien möglichst abzuschaffen und durch finanzielle Selbstverwaltung und Eigenverantwortung zu ersetzen ist, eine Veränderung die das Überführen der Hochschulen in eigenständige Körperschaften voraussetzt. Mit der neuen Rechtsform und finanziellen Eigenverantwortung wäre nicht nur der Anreiz zur Effizienz und Qualitätssteigerung verbunden, sondern bestünde auch die Möglichkeit wie vollwertige Unternehmen zu handeln und sich an anderen Hochschulen zu beteiligen oder dies zu übernehmen. Allerdings wäre hiermit auch die Möglichkeit verbunden im Falle des eigenen Versagens den Konkurs der Hochschule herbeizuführen.

In der Arbeitsgruppe Wettbewerb wurde 9. Es soll ein Wettbewerbsrecht für durch eine Kartenabfrage versucht darHochschulen zur Anwendung komzustellen, welche Aufgaben Hochschumen (Monopolaufsicht). len aus Sicht der Gruppe zu erfüllen haben: Die Antworten auf die Frage „Was 10. Die Organisationsfreiheit der einzelnen Hochschule soll weiter ausgesoll eine Hochschule aus Sicht der Teilbaut werden (Abschaffung der Fachnehmer der Arbeitsgruppe erfüllen?“ aufsicht durch das Ministerium, Beführten zur Auflistung folgender Aufgarufungsverfahren freigeben). ben: Im Bereich der beruflichen Ausbildung: – Exzellente Ausbildung – Berufsorientierte Ausbildung – Praktische Ausbildung Allgemeine Bildung: – Methoden – Studium Generale – Sprachen – Kultur Forschung: – Grundlagenforschung – Anwendungsforschung

„Privatwirtschaftliches Studienfinanzierungskonzept“
Der Referent für den Arbeitskreis Finanzierung, Rolf C. Zipf, stellte sein auf einem Fondskonzept beruhendes privatwirtschaftliches Studienfinanzierungskonzept vor und diskutierte anschließend mit den Workshopteilnehmern über neue Möglichkeiten der Hochschulfinanzierung. Die gegenwärtige gesellschaftliche Diskussion um die Finanzierung der Hochschulen und des Studiums macht deutlich, daß ein Hochschulstudium immer noch nicht als eine „Investition in die Zukunft“ gesehen wird. Deshalb ist ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel notwendig, der den individuellen Nutzen eines Hochschulstudiums stärker betont gegenüber dem gesellschaftlichen Nutzen, und das durch neue Anreizsysteme unterstützt. Die Teilnehmer der Arbeitsgruppe sprachen sich deshalb für eine grundlegend andere Bildungskonzeption aus, die sich auch in der Finanzierung ausdrücken sollte:

„Wettbewerbsmodell“
Ausgehend von diesen Ansprüchen an die Hochschule/Hochschulpolitik wurde in der Arbeitsgruppe folgendes Wettbewerbsmodell entwickelt: 1. Die Hochschulausbildung soll durch eine Pro-Kopf-Finanzierung finanziert werden.

„Struktur, Wettbewerb und Finanzierung“
Die sich anschließenden Vorträge der Referenten Rau, Berghoff und Zipf bildeten die Grundlage für die Arbeitskreise Struktur, Wettbewerb und Finanzierung. Der Vortrag von Dr. Berghoff zeigte, daß die Hochschulrankings des Centrums für Hochschulentwicklung der Bertelsmann Stiftung aufgrund ihrer methodischen Ansätze für mehrere Gruppen eine wertvolle Informationsquelle darstellen, aus der sich neben Studierenden und Hochschulen auch Arbeitgeber bedienen. So dient das Hochschulranking zur Reduzierung asymmetrischer Informationen auf dem Hochschulmarkt, da z. B. angehende Studierende qualifizierte Informationen zur Studienwahl benötigen. Daneben wird das Ranking von den Hochschulen selbst als Benchmark genutzt. Das seit

2. Studierende sollen studiengangsbezogene Bildungsgutscheine erhalten. Diese stellen eine Grundförderung 1. Der Kindergarten sollte als Grundlader Hochschulausbildung dar. ge für die umfassende Bildung und 3. Außerdem sollen die BildungsgutEntwicklung aller Kinder kostenlos scheine bei allen akkreditierten Bilsein. dungsgängen eingesetzt werden können. Die Akkreditierung von Hoch- 2. Ein Hochschulstudium sollte entgeltpflichtig sein. schulen soll ebenfalls durch freie Akkreditierungsinstitute erfolgen und Die Einführung von Studienentgelten nicht durch den Staat. muß zu einer neuen Finanzallokation 4. Die Hochschulen entscheiden in eige- bei den Hochschulen führen, die auch ner Verantwortung über die Höhe der das Verhältnis von Hochschulen und Studenten verändert. Eine StudienabStudienbeiträge. brecherquote von durchschnittlich 30 % 5. Die Hochschulen bekommen den ist wirtschaftlich nicht vertretbar. DesAuftrag (durch den Staat), ihren Stu- halb sollte auch im Hochschulbereich dierenden geeignete Modelle zur Stu- das Marktprinzip so weit wie möglich eingeführt werden. dienfinanzierung anzubieten.

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Wenn wir an die Zukunft denken, denken wir auch an sie.
Als Unternehmen, das gesellschaftliche Verantwortung übernimmt, legen wir mit unserem Bildungsprogramm Generation21 ein besonderes Augenmerk auf die Ausbildung junger Menschen. Ihnen heute Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln heißt, sie fit für ihren beruflichen Weg zu machen. Denn ihre Zukunft ist unsere Zukunft. www.siemens.de/generation21

Daraus ergaben sich für die Arbeits- Canadian Universities Centre Berlin. In gruppe folgende Forderungen für die einem anschaulichen Vortrag stellte sie Studienfinanzierung: dar, daß die in Kanada überwiegenden öffentlichen Hochschulen sehr gut in 1. Die Hochschulen suchen sich ihre der Lage sind im internationalen WettStudierenden in Auswahlverfahren bewerb auf den vorderen Plätzen mitzuselbst aus, sind dann aber auch verhalten und sich auch vor Deutschlands pflichtet, diesen Studierenden eine Spitzenuniversitäten positionieren. Begute Ausbildung anzubieten. merkenswert war zu erfahren, daß Ka2. Die Einführung von Studienentgelten nada über die höchste Studierquote in soll zu einem diversifizierten Finan- den OECD Ländern verfügt und die dazierungsangebot führen, das ver- mit verbundenen hohen Studentenzahschiedene Zielgruppen von Studie- len als einen positiv betrachteten Wachstumsfaktor für die bestehenden renden abdeckt. Hochschulen sieht. Hierbei ist zu 3. In Grenzfällen, wo das Marktprinzip berücksichtigen, daß in Kanada große nicht greift, soll es staatliche Unter- Hochschulen als besonders leistungsstützung geben, die sich nicht nur fähig angesehen werden. Von den zahlnach den Kriterien der „Bedürftig- reichen weiteren interessanten Aspekten keit“ oder „Elite“ richtet. und Besonderheiten des kanadischen Hochschulsystems ist hervorzuheben, „Die öffentlichen Hochschulen daß kanadische Hochschulen über ein Maß an Freiheit verfügen, in Kanada sind Spitzenuniver- relativ hohes im Rahmen dieser Veranwie es auch sitäten“ staltung als Voraussetzung für ein leiDen Abschluß der Veranstaltung bildete stungsfähiges Hochschulsystems geseeine Präsentation von Britta Baron vom hen wurde. Im konkreten Fall bestim-

men kanadische Universitäten über Zulassungsvoraussetzungen, Voraussetzungen für die Vergabe akademischer Grade, Studienordnungen oder den Fächerkanon; allerdings bleibt es den Provinzen vorbehalten, die Höhe der Studiengebühren festzusetzen. Die Bundeszuständigkeit beschränkt sich auf Teilbereiche der Forschungsförderung und der Studienfinanzierung. Laut Britta Baron erfordert die Globalisierung ein weltweites Benchmarking und grenzüberschreitende Lerngemeinschaften zwischen Kanada, Australien, Großbritannien und auch den USA. So existiert bereits ein gemeinsames Seminar zum Hochschulmanagement zwischen der University of Alberta und der LudwigsMaximilians-Universität München. www.che-ranking.de www.career-concept.de ■ Dr. Peter Altmiks Friedrich-Naumann-Stiftung

Kurz berichtet
Düsseldorf: Hochschulfreiheitsgesetz
Der Entwurf des Hochschulfreiheitsgesetzes fand bei der ersten Anhörung am 24. August 2006 im Düsseldorfer Landtag viel Anklang. „Mustergültig“ vertreter nutzten die Stunde, um auch gegen die Einführung von Studiengebühren zu protestieren Machtbalance noch nicht hergestellt Die Machtbalance zwischen den einzelnen Gruppierungen (Wintermantel: „balance of power“) war ein besonderes Diskussionsthema. Wie wird der Hochschulrat besetzt? Wie ist das Verhältnis von Hochschulrat, Hochschulleitung und Senat auszubalancieren? Der DeutProfessor Dr. Margret Wintermantel sche Hochschulverband schlug vor, dem Senat eine Möglichkeit zu geben, gegeneuen Schulgesetz und konnten sich er- benenfalls die Hochschulleitung durch weiterte Übergaben des Staates zu Hän- eine Art konstruktives Mißtrauensvoden der Hochschulen (auch die Liegen- tum absetzen zu können. schaften übertragen!) gut vorstellen. In vielen Einzelfragen, die keineswegs Bagatellen sind, ist noch Beratung nötig. Kritik von Studentenvertretern Der letzte Eindruck war, daß das Parlament während des weiteren Gesetzgebungsverfahren eine Reihe von Änderungen einarbeiten wird. Bisher wird das neue Gesetzesvorhaben von deutlicher Zustimmung der relevanten Kräfte und Fachleute getragen, die man durch stures Festhalten am Entwurf sicher nicht gefährden will. Ho.

Der Reihe nach bescheinigten die Vertreter der wichtigsten Hochschulorganisationen dem neuen Hochschulfreiheitsgesetz in der ersten Anhörung im Düsseldorfer Landtag eine gute Qualität. Am deutlichsten wurden die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Professor Dr. Wintermantel („in vielen Punkten mustergültig“) und der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes Professor Dr. Bernhard Kempen in seiner Stellungnahme als Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht und Völkerrecht an der Universität zu Köln („oh- Überhaupt nicht einverstanden mit dem ne Alternative“). Entwurf des Hochschulfreiheitsgesetzes waren die Astenvertreter: Wessen, wenn Auch der Deutsche Hochschulverband nicht der Studenten Freiheit müsse ein äußerte sich in seiner öffentlichen StelHochschulfreiheitsgesetz berücksichtilungnahme überwiegend positiv. gen?, meinten sie. Diese sei, wie man Die Kanzler von Universitäten und sie traditionell verstehe, im neuen GeFachhochschulen sahen Chancen im setz nicht mehr gegeben. Die Studenten-

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NRW-Finanzminister Dr. Helmut Linssen © Jochen Tack, Finanzministerium NRW

„Auch andere Länder müssen ihren Hochschulen die Studiengebühren vollständig als Zusatzeinnahmen belassen“, betonte der Präsident des DHV. Zugleich appellierte er erneut an die Länder, durch Gesetz festzuschreiben, daß vom Ministerium mit den Hochschulen abgeschlossene Zielvereinbarungen nur durch förmliches Gesetz geändert werden können. Dies sei ein Instrument, mit dem verhindert werden könne, daß nach langen Verhandlungen gemeinsam von Land und Hochschulen festgelegte Zielvereinbarungen binnen kurzer Zeit gebrochen würden. „Leider hat es auch Nordrhein-Westfalen bislang versäumt, den Bestand des Zukunftspaktes auf diese Weise noch wirkungsvoller abzusichern“, sagte Kempen. Im Interview mit „freiheit der wissenschaft“ ( Nr. 2, Juni 2005, S.15) hatte Finanzminister Dr. Helmut Linssen gesagt: „ Damit die Gelder nicht `zum Stopfen von Haushaltslöchern` verwendet werden können, müssen langfristige Verträge mit den Hochschulen abgeschlossen werden, die eine Verrechnung mit den staatlichen Zuweisungen ausschließen“. Das ist jetzt durch den Hochschulpakt geschehen.

sität der Bundeswehr München. Sie besuchen fachübergreifende Kurse und Veranstaltungen, legen für den Scheinerwerb entsprechende Prüfungen ab und werden individuell betreut. Sie können so Abitur und Vordiplom zeitgleich absolvieren. Die Leistungs- und Prüfungsnachweise werden für ihr späteres Vollstudium, unter Berücksichtigung der fachlichen Gleichwertigkeit, an allen Universitäten anerkannt. Das am 1. Juni 2006 in Kraft getretene Bayerische Hochschulgesetz ermöglicht dieses Programm und schafft die recht-

Bonn: Deutscher Hochschulverband begrüßt „Hochschulpakt“
Verbandspräsident Kempen: „Nur unter diesen Voraussetzungen sind Studiengebühren gerechtfertigt und sinnvoll“ Der Deutsche Hochschulverband (DHV) begrüßt den nordrhein-westfälischen Zukunftspakt, den die Landesregierung am 21. August 2006 mit den Hochschulen des Landes in Düsseldorf unterzeichnet hat. Die Zielvereinbarung sieht vor, die Hochschulen von weiteren Haushaltskürzungen auszunehmen. Die Finanzmittel sollen bis zum Ende der Legislaturperiode 2010 in Höhe von 2,8 Milliarden Euro jährlich festgeschrieben werden und Studiengebühren den Hochschulen zusätzlich zur Verfügung stehen. Nach Schätzungen der Landesregierung können sich die Gebühreneinnahmen auf 320 Millionen Euro jährlich belaufen. „Damit ist eine zentrale Forderung erfüllt, für die sich der DHV entschieden eingesetzt hat“, erklärte Professor Dr. Bernhard Kempen, Präsident des DHV und Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht und Völkerrecht an der Universität zu Köln. „Nur unter dieser Voraussetzung sind Studiengebühren gerechtfertigt und sinnvoll. Der Zukunftspakt gibt den Hochschulen in NRW die dringend erforderliche Planungssicherheit. Studiengebühren werden nicht zum Stopfen von Haushaltslöchern zweckentfremdet, sondern kommen den Hochschulen unmittelbar zugute.“ Dort würden die zusätzlichen Einnahmen dringend benötigt, um vor allem die Studienbedingungen in der Lehre zu verbessern.

Professor Dr. Stefan Pickl

Neubiberg: Universität der Bun- lichen Voraussetzungen. Prof. Stefan deswehr München startet Hoch- Pickl von der Fakultät für Informatik an der Universität der Bundeswehr Münbegabtenprogramm

chen ist einer der Hauptinitiatoren der Abitur und Vordiplom werden zeit- Initiative. Mit einem ähnlichen Progleich möglich gramm an der Universität zu Köln hat er Die Universität der Bundeswehr Mün- bereits positive Erfahrungen gesamchen startet ab dem 1. Oktober 2006 mit melt. „Es ist gängige Praxis, junge Mueinem Programm für hochbegabte Schü- siker mit sieben Jahren und Fußballspielerinnen und Schüler. Mit dieser Initiati- ler mit 14 Jahren gezielt zu fördern. Nur ve ist sie bundesweit eine der wenigen beim wissenschaftlichen Nachwuchs ist Universitäten, die eine Hochbegabten- man oft zurückhaltend. Hier wollen wir Frühförderung praktizieren. In Bayern in den nächsten Jahren Akzente setzen, ist dies bislang nur an der Universität um Schülerinnen und Schülern besondere Entwicklungschancen zu bieten“, Würzburg der Fall. erläutert Pickl. Das Hochbegabtenprogramm richtet In das Programm ist ein Sommercamp sich bundesweit an Schülerinnen und integriert, das die Universität der BunSchüler im Alter von 14 bis 18 Jahren, deswehr München ab 2007 gemeinsam die sich durch ihre überdurchschnittlimit der Universität Würzburg jährlich chen Zeugnisnoten besonders eignen, durchführt und bundesweiten Movon ihrer Schule empfohlen und von der dellcharakter hat. Universität ausgewählt werden. Weitere Weitere Informationen bei: Voraussetzung für die Teilnahmen am Programm ist die Zustimmung der ElMichael Brauns, Pressesprecher · Teletern. Die zehn ausgewählten Schülerinfon (0 89) 60 04-20 04 nen und Schüler starten am 1. Oktober E-Mail: michael.brauns@unibw.de · 2006 noch vor ihrem Abitur mit dem akademie@unibw.de Hochbegabtenprogramm an der Univer-

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Menschenwürde und Naturrecht in der modernen Demokratie am Beispiel der Kontroverse um die verbrauchende Embryonenforschung
das deutsche Stammzellgesetz vom 28.6.2002 neu entnommene und angezüchtete Embryonalstammzellen, nicht aber bestimmte (schon ältere und importierte) embryonale Zellinien verboten. Eine Produktion von Humanembryonen allein zum Verbrauch soll nicht erlaubt sein. 1 Was ist mit diesem bisher in Deutschland erreichten gesetzlichen Schutz gewonnen? Würde man einmal davon ausgehen, daß die relativ strenge deutsche Schutzregelung – soweit sie nicht intern durch die Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch schon ausgehöhlt ist – dem Druck der Wirtschaftsgesellschaft und ihren finanziellen Interessen in Deutschland standhält, so bleibt immer noch die Frage nach ihrer Durchsetzung als geltendes Recht in Europa und darüber hinaus im internationalen Rahmen. Hier darf man mit Recht skeptisch sein; denn vor kurzem hat das europäische Parlament den deutschen Versuch, die durch die EU geförderten Projekte nur auf eine kleine Zahl bereits existierender Zellkulturen einzuschränken, abgelehnt. Der Embryonenverbrauch für die Forschung wird somit nicht gedrosselt, da man für die Gewinnung der Stammzelllinien Embryonen benötigt, die nur wenige Tage alt sind und bei der Prozedur zerstört werden. 2 Von rechtstheoretischer und ethischer Seite wird das Embryonenschutzgesetz bereits angegriffen. Eine rechtstheoretische Arbeit behauptet die Verfassungswidrigkeit des Stammzellgesetzes, weil der Gesetzgeber den Embryo zwingend nur ab der Nidation, nicht aber zuvor schützen müsse. Das Bundesverfassungsgericht habe bereits Handlungen, die zur Tötung eines Embryos vor der Nidation führen, rechtlich freigestellt, so daß es sich mit dem Stammzellgesetz in einen Widerspruch verwickle. 3 Diese These ist jedoch eher im Rahmen der Verhütungsproblematik zu diskutieren, weil die Spirale ja nicht per se befruchtete menschliche Eier angreift. Von ethischer Seite hat der Philosoph Wilhelm Vossenkuhl gegen das Stammzellgesetz eingewandt, daß der Embryo vor der Nidation noch nicht als Anfang des Menschen betrachtet werden könne. Beim Verbrauch befruchteter menschlicher Eier müsse nur darauf geachtet werden, daß diese nicht instrumentalisiert würden. 4 Diese These ist jedoch nicht – wie ich später zeigen werde – mit den Prinzipien der Entwicklung von Lebewesen vereinbar. Die deutsche Industrie wird auf das restriktive Stammzellschutzgesetz mit einer Verschärfung des Standortarguments reagieren und mit einer Verlagerung der Produktion ins Ausland drohen. Sollte der Gesetzgeber den Wünschen der Wirtschaftsgesellschaft durch eine weichere Embryonenschutzgesetzgebung nachgeben, so würde in der Tat das Menetekel von Giorgio Agamben bestätigt. Giorgio Agamben hat argumentiert, daß die souveräne demokratische Staatsmacht das menschliche Leben tendenziell schutzlos macht, nachdem der Lebensbegriff durch die Biowissenschaften instrumentalisiert wurde und die Verfassungsgerichte unter der Vorgabe der Neutralität des liberalen Staates und des gesellschaftlichen Pluralismus entscheiden. Die Embryonen-verbrauchende Forschung verlängert in gewisser Weise die Situation der Schutzlosigkeit des Lebens wie sie in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten bestand. Auf das europäische Menschenrechtsverständnis ist beziehbar, was Agamben vom Ausnahmezustand sagt: „Der Ausnahmezustand definiert einen Zustand des Gesetzes, indem die Norm gilt, aber nicht angewendet wird (weil sie keine Kraft hat), und auf der anderen Seite Handlungen, die nicht den Stellenwert von Gesetzen haben, deren Kraft aber gewinnen.“ 5

Karl-Heinz Nusser

Professor Dr. Karl-Heinz Nusser, Jahrgang 1940 ist apl. Professor und lehrt zur Zeit an der Universität München, an der Bundeswehrhochschule in München und an der Hochschule für Politik München. Er ist Verfasser zahlreicher Bücher und Abhandlungen über politische, soziologische und ethische Themen. Von 1988–1993 war er Leiter der Ostakademie Königstein in Bayern. Wegen der erreichten deutschen Einheit Beendigung dieser Tätigkeit. Danach zum Teil mehrsemestrige Gastprofessuren, zunächst an der PH Weingarten, dann an den Universitäten Halle/Saale, Passau, Würzburg, München, Freiburg, Basel und Augsburg (bis 2006).

1. Recht und Ethik als Ergänzung oder Gegensatz?
Im Jahre 1975 setzte das Bundesverfassungsgericht den rechtlichen Lebensbeginn auf den Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle fest. 1993 separierte es das „werdende Leben“ als eigenständiges Schutzgut (im Sinne des Artikels 2 Grundgesetz) vom Lebensund Menschenwürdeschutz der Mutter, der ja ebenfalls vor allen Eingriffen durch Dritte schützen soll. Danach hat

Überzeugungskraft naturrechtlicher Argumente
Von einer Naturrechtsposition bzw. einer ethischen Ebene sind die rechtspositivistischen und dezisionistischen Annahmen von Agamben energisch zu bestreiten. Es ist keineswegs so, „daß die Sondermaßnahmen, die es für die Verteidigung der demokratischen Verfassung zu rechtfertigen gilt, dieselben sind, die zu ihrer Zerstörung führen.“ 6

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„Wirksame Sondermaßnahmen“ bestehen in der Überzeugungskraft naturrechtlicher Argumente, die von der Philosophie aus einer Beteilungsperspektive heraus geführt werden. Die Philosophie verweist auf die Erkenntnis des naturhaft Guten und d. h. hier, sie verlangt die Anerkenntnis der grundsätzlich evolutiv vollendeten menschlichen Natur. Dazu ist es nötig, den in der aktuellen bio-medizinischen Forschung implizierten Gesundheitsbegriff zu durchleuchten und dessen utopisches Fundament, das in der Behauptung besteht, daß alle Erbkrankheiten, Krebs, Immunschwächen und Aids geheilt werden könnten, einer kritischen Prüfung zu unterziehen. 7 Der Anspruch, die totale Gesundheit herzustellen, verlangt umfassende gentechnische Diagnoseverfahren, so z. B. die pränatale Diagnostik, den Gentest an Kindern, Tests im Interesse der individuellen Lebensführung, Tests im Sinne von Arbeitgebern und Versicherungen, Tests an frühen Embryonen in der Petrischale. Während die Forschung an Grundlagenproblemen arbeitet und weit entfernt ist, irgendeine kausale Gentherapie einzuleiten, werden jedoch alle Maßnahmen und Verfahren von der Biomedizin mit dem Gesinnungsargument vorangetrieben, daß man schwerkranken Patienten helfen wolle. 8

die Einpflanzung benötigt werden. Die überzähligen Embryos werden instrumentalisiert, d. h. sie dienen als Mittel, um mögliche Ausfälle zu kompensieren. In jedem Fall sind Anfänge des menschlichen Lebens manipulativ herbeigeführt und die Bahnen des natürlichen Entstehens und Werdens unterbrochen. Der Einwand, daß es Verhütungsmittel gebe, die eine natürliche Entwicklung zur Empfängnis verhinderten und rechtlich als völlig unproblematisch angesehen würden, ist nicht triftig, weil die Natur in den Lebewesen immer eine Überfülle von Samen produziert, die nicht zur Entwicklung neuen Lebens dienen. Im Falle der im Reagenzglas erzeugten überzähligen menschlichen Embryonen bewegt sich der Mensch aus seiner Natur heraus und liefert eine Handhabe für das Argument der Güterabwägung, daß das hohe Gut des Heilens von Krankheiten die Tötung der überzähligen Embryonen verlange, nachdem diese sowieso keine natürlichen Chancen, Menschen zu werden, mehr hätten. Der eigentliche Dissens, der die verschiedenen Ethik-Typen trennt, ist die Betrachtung der Zeugung und Entstehung des Menschen als eines Tabus, d. h. als zur unantastbaren Würde gehörig, etwas also, was der Mensch unbedingt beachten müsse. Dem steht die Annahme entgegen, daß der Fortschritt der medizinischen Wissenschaft nur durch eine zunehmende Vergegenständlichung des menschlichen Körpers zustande komme. Die Grenze für eine solche Forschung könne nur der bewußte und entwickelte Mensch sein, der in der Lage sei, seine Interessen stellvertretend zu übernehmen; denn nur dieser könne

die Einsicht in die Grundlage der Menschenrechtsmoral haben, die Kant mit dem Grundsatz formuliert hat, daß der Mensch „Zweck an sich selbst sei“. Da der menschliche Körper in dieser Auffassung eine bloße Materie, somit ein Faktum ist, begeht die naturrechtliche Auffassung, die aus diesem Faktum ein moralisches Sollen ableiten will, aus dieser Sicht einen naturalistischen Fehlschluß. Eine Grenzziehung für die Forschung ist nach dieser Auffassung nicht möglich, weil die methodische Betrachtungsweise der gentechnologischen Forschung die zu erforschenden Zellen rein als kausal strukturierte Verbindung von Elementen betrachtet, die keine eigene Zielstrebigkeit und somit keine Beseelung haben. Der eigentliche Differenzpunkt zwischen den beiden skizzierten Ethik-Typen liegt in der Interpretation und Bewertung des Status des beginnenden menschlichen Lebens. Ich skizziere im Folgenden die Argumente der beiden Typen.

Die ethisch-naturrechtliche Argumentation
Die ethisch-naturrechtliche Argumentation baut auf den modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen auf, interpretiert diese aber im Lichte philosophischer teleologischer Prinzipien. Mit dem Abschluß der Verschmelzung von Eizelle und Sperma liegt eine Selbststeuerungsfähigkeit der Zelle vor, somit Zielstrebigkeit und Beseeltheit des Lebewesens. Die Antizipation des voll entwickelten menschlichen Lebens, die in der Dynamik der Finalursache liegt, ist im Lebewesen selbst verwurzelt, kann aber von der modernen Biologie nicht wahrgenommen werden, weil sich diese

2. Gegensätzliche Ethik-Typen
Es sind vor allem zwei Ethik-Typen, die beanspruchen die richtige ethische Begründung für den Umgang mit Embryonen zu haben. Ich beginne mit den naturrechtlichen Argumenten. Für diese stehen der Schutz und die Abwehr der Instrumentalisierung des menschlichen Lebens im Vordergrund. Ethik-Typen, die primär die Vermehrung des Nutzens erstreben, orientieren sich am Fortschritt der medizinischen Verfahren bei der Heilung schwerer, bisher unheilbarer Krankheiten. Die Vertreter naturrechtlich fundierter Ethik halten aufgrund einer teleologischen Beurteilung des menschlichen Werdeprozesses jede Güterabwägung zwischen dem Wohl des Kranken und dem Verbrauch eines auf irgendeine Weise gewonnenen Embryos für unzulässig. Dies gilt auch dann, wenn der Embryo für Zwecke der Heilung verwendet wird; denn dies ist eine Instrumentalisierung. Von dieser Ablehnung ist auch die In-Vitro-Fertilisation betroffen, weil bei diesem Verfahren mehr Embryos erzeugt, als für

Zum Text: Ausgangspunkt der Erörterungen sind die verfassungsrechtlichen und gesetzgeberischen Festsetzungen und mit diesen konkurrierende rechtliche und ethische Auffassungen jüngeren Datums sowie die möglichen Erwartungshaltungen in Wirtschaft und Wissenschaft. Breiten Raum nehmen sodann die Darstellung und Kontrastierung unterschiedlicher Ethik-Typen und deren philosophiegeschichtliche Verortung ein. Der Verfasser dringt bei den unterschiedlichen Auffassungen zu ihren ontologischen Fundamenten vor und unterscheidet insbesondere das „metaphysische Argument“ von dem diskurstheoretischen Ansatz, als deren Exponenten ihm die Philosophen Robert Spaemann und Jürgen Habermas gelten. Der Verfasser streitet in Auseinandersetzung mit den anderen Positionen für die metaphysische Argumentation und bekennt am Ende seine Hoffnung, daß „das restriktive Stammzellschutzgesetz nicht aufgeweicht wird“.

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auf die Kausalursächlichkeit beschränkt. Bei Prozessen des Lebens sind Zweck-, Formal- und Wirkursachen real identisch. Die Zweck- und Formalursachen werden von der modernen Biologie methodisch ausgeklammert. Die Philosophie dagegen, die den moralischen Status des Menschen im Sinne eines Besten, das erreicht wird, im Blick hat, erkennt, daß das Menschsein keine Sache der Zuschreibung und Definition durch die anderen bereits Lebenden ist, sondern dem Menschen zukommt, insofern er auf dem Wege zum Geborenwerden ist, weil er bereits dann schon Person ist.

In einer Stellungnahme zur Schrift von Habermas über Bioethik erklärt Spaemann: „Jedes Exemplar der Gattung Homo sapiens tritt nicht kraft Kooptation, sondern als geborenes Mitglied ohne jede Qualitätsprüfung in diese GemeinMetaphysisches Argument schaft ein.“ 9 In dem Buch über „Personen“ geht Spa- Spaemann hat sicher Recht damit, wenn emann vom Sprachgebrauch aus und er sein Argument als metaphysisches verbindet mit dem Begriff der Person versteht und einen teleologischen Zumentale und physische Prädikate. Per- sammenhang zwischen Vernunft und son darf also nicht so aufgefaßt werden Sprache annimmt. Die Sprache wird wie etwa bei Descartes im Sinne eines nicht nur von Konventionen gebildet, denkenden Dinges. Die Einmaligkeit sondern vermag auch unmittelbare Erdes Personseins macht Spaemann durch fahrungen der Freiheit und des Personden Unterschied zwischen „jemand“ seins auszudrücken. Sofern es um den und „etwas“ klar. Spaemann stellt fest: Personenstatus einer bereits geborenen „Das Wort ,Person‘ ist kein sortaler Person geht, kann man diesen mit Kants Ausdruck, mit dem wir etwas als ein So- These, daß die vernünftige Natur als und-so kennzeichnen und dadurch iden- Zweck an sich selbst existiere, untertifizierbar machen.“ Auf die Frage: mauern. Die hier vertretene Kontinu„Was ist das?“ antworten wir nicht: umsthese der Person läßt sich jedoch „Das ist eine Person“, so wie wir sagen mit Kant nicht begründen und zwar würden: „Das ist ein Mensch“ oder nicht deshalb nicht, weil, wie Höffe „Das ist eine Lampe“. Wir müssen viel- meint, Kant den moralischen Status des 11 mehr schon zuvor wissen, ob dies ein Embryos nicht reflektiert habe. Kant folgt in dieser Hinsicht dem Ausschluß Mensch oder eine Lampe ist, um wissen zu können, ob es eine Person ist. Der der Finalität bei Descartes und deshalb Begriff „Person“ dient nicht der Identi- hat die Zweckbetrachtung für ihn keifizierung von etwas als etwas, sondern nen konstitutiven empirischen Status. Die Vernunftreflexionen zum Organissagt etwas aus über ein bereits als ein mus liegen für Kant auf der Ebene einer 10 Spaemann So-und-so Bestimmtes.“ regulativen Idee. will in diesem Buch zeigen, daß aus „etwas“ nicht „jemand“ werden kann, so Im Unterschied dazu liefert die Lehre daß wenn wir uns als Personen ansehen, des Aristoteles von der Erzeugung und die gleichwohl geboren wurden, unser Embryonalentwicklung Analysen zur Personsein nicht von einer bloßen mate- realen Einheit von Bewegungs-, Zweckriellen Potentialität in ein wirkliches und Formursache. Auch wenn wir durch Personsein übergegangen sein kann. die moderne Biologie über die EinzelWenn man Person ist, dann ist man heiten der Embryonalentwicklung beses, oder man ist es nicht. Damit kann ser als Aristoteles informiert sind, so Spaemann ausschließen, daß ein macht die aristotelische Betrachtung des menschlicher Zellverband, der am Be- Endzwecks, auf den die vorausgehenginn des Lebens selbst Steuerungsfähig- den Stufen des Lebewesens hingeordnet keit besitzt, zwar ein potentiell individu- sind, klar, daß die nur geistig zu erfaselles Leben haben kann, aber noch keine sende Zielstrebigkeit des Lebewesens

Person sein kann; denn es ist kein eigentlicher Übergang gradueller Art im Sinne einer zunehmenden Lebensintensität zum Personsein denkbar. Dieses Argument richtet sich gegen jene ethische Position – auf die ich später zu sprechen kommen werde –, die das Embryo vor der Einnistung im Uterus für die verbrauchende Forschung freigeben will. Die Verbindung personalen Seins mit unserem zielgerichteten körperlichen Anfangszustand wird deutlich, wenn wir auf das natürliche Kontinuum unseres Entstehens zu sprechen kommen und sagen: „Ich wurde damals bei dieser Gelegenheit gezeugt.“, oder wie Rubinstein von sich sagte: „Meine Mutter wollte mich abtreiben!“ Solche sprachlichen Wendungen verdeutlichen, daß die Sprecher Lebensbeginn und Personsein identifizieren.

wesensmäßig zu diesem dazugehört. Durch die empiristische Herangehensweise und Beschränkung auf die Wirkursache fällt die moderne Biologie auf das antiteleologische Denken der ionischen Naturphilosophen zurück. Weil die Biologie mit einem Naturbeherrschungsinteresse und dem Ziel der Schaffung eines vollkommen gesunden Menschen an ihren Gegenstand herangeht, kann sie teleologische Gesichtspunkte, die auf der Einsicht beruhen, daß etwas geschieht, weil es so am besten ist, nicht mehr vollziehen. Geleitet von den utopischen Heilungsvorstellungen der modernen Medizin ist das menschliche Genom, weil es in seltenen Fällen Krankheiten transportiert, eben nicht von Natur aus das Beste. Im Denken der szientistisch eingestellten Medizin läßt sich der Begriff eines vollkommen gesunden Menschen denken, der durch einen indefiniten Forschungsprozeß erreicht werden kann.

Gesundheitsbegriff der medizinischen Science
Der Gesundheitsbegriff der medizinischen Science geht von einem völlig gesunden Menschen aus und schließt Krankheiten aus. Der natürliche und gesunde Mensch ist jener, der dann keine Krankheiten mehr hat. Grundsätzlich unheilbare Krankheiten kann es für die moderne Medizin nicht mehr geben. Die Grenzen der medizinischen Wissenschaft sollen nach und nach wegfallen. Die natürliche Erfahrung des Menschen, daß die meisten Menschen gesund und darüber eine verläßliche Eigenerfahrung haben und Krankheiten zwar nicht das Normale sind, aber zum Menschen dazugehören, wird von der szientistisch ausgerichteten Medizin tendenziell geleugnet. Die Ausschaltung des natürlich Besten zugunsten des utopisch Vollkommenen ist von Descartes vorbereitet worden.

Natur als Mittel für den unbegrenzten Fortschritt
Im 6. Kapitel der Meditationes de prima philosophia kritisiert Descartes die Finalursächlichkeit damit, daß ein Wassersüchtiger Durst empfindet und trinken will, obwohl dies seinem kranken Körper schadet. Dies zeige, daß die Natur ihn nichts lehren könne. Das Argument, daß der Wassersüchtige als Kranker eine verderbte Natur habe, wird von

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Descartes mit einem falschen theologischen Argument widerlegt. Er sagt nämlich, daß ein kranker Mensch ebensogut ein Geschöpf Gottes sei, wie ein gesunder und man Gott eine betrügerische Natur nicht anlasten könne. Thomas von Aquin hatte, auf der aristotelischen Linie argumentierend, dazu bemerkt, daß die Vorsehung Gottes in den Zweitursachen sehr wohl fehlerhaftes Wirken zulassen könne. 12 Die Natur ist nach Descartes in Wirklichkeit keine vorgegebene Erfahrung, sie kann uns nichts lehren, weil sie eine Konstruktion des Denkens ist. Er erklärt: „Die ,Natur‘ ist in diesem Falle nämlich nichts anderes, als eine bloße, von meinem Denken abhängende Bezeichnung, in dem ich den kranken Menschen und die schlecht angefertigte Uhr mit der Idee des gesunden Menschen und der richtig gemachten Uhr vergleiche; und sie haftet den Dingen, von welchen sie ausgesagt wird, nur äußerlich an.“ 13 Die Vorgegebenheit der Natur wird bei Descartes zugunsten der konstruktiven Begriffe des Denkens aufgelöst. Das System naturwissenschaftlichen Forschens ist bei Descartes nicht mehr an die Faktizität von Naturneigungen und zielgerichteten Prozessen in Naturordnungen gebunden. Natur wird nur noch als Mittel für den unbegrenzten wissenschaftlichen Fortschritt, an dessen Ende die Heilung aller Krankheiten steht, relevant. Descartes’ Entsprechung von menschlicher Krankheit und defekter, aber reparierbarer Uhr hebt mit dem Leben auch die Zielursächlichkeit des Lebendigen auf. Die Differenz zwischen dem von Natur aus Gewordenen und dem künstlich Gemachten wird geleugnet. Die Angleichung des Lebewesens an Automaten ermöglicht einen höheren Grad an Perfektion des Ablaufs bzw. den Ausschluß von Mängeln. Während bestimmte Metalle in Maschinen kaum noch Mängel aufweisen, haben Lebewesen in ihrer zielstrebigen, sich selbst regulierenden Natur immer wieder Krankheiten. Sieht man in diesem Lichte die moderne Medizin, dann ist nicht nur das Programm der positiven Eugenik – z. B. eine Verlängerung des Lebens um 100 oder 200 Jahre –, sondern bereits das Ziel der negativen Eugenik, die Heilung aller Krankheiten oder die Garantie eines gesunden Lebens, schlechthin unrealistisch und utopisch. Nimmt man Descartes’ Maschinenmodell als Ausgangspunkt, dann scheinen die gentechnischen Ziele des

Ausschlusses aller Krankheiten und der Steigerung körperlicher und geistiger Fähigkeiten durch einen mit entsprechendem Geldeinsatz vorangetriebenen wissenschaftlichen Fortschritt erreichbar. Das Problem all dieser wissenschaftlichen Wunschträume ist, daß das Leben als sich selbst regulierendes Prinzip nicht durch mechanische Zusammenhänge zu ersetzen ist. Die Erfahrung der Gesundheit ist eine Botschaft an das menschliche Lebewesen, die durch den Leib übermittelt wird – detailgenaue Meßperspektiven medizinischer Geräte können nur Ergänzungen darstellen.

3. Der ontologische Status des Embryos und die wechselseitige soziale Interaktion
Dieser Ethik-Typ wird vor allem durch Ernst Tugendhat und Jürgen Habermas vertreten. Bei Tugendhat wird die Ethik auf die interpersonale Kooperationspflicht von mündigen Personen begrenzt: „Die Rede ,er ist einer von uns‘ ist entscheidend für die moralische Betrachtungsweise, wenn es richtig ist, daß Moral etwas wesentlich Gemeinschaftsbezogenes ist.“ 14 Eine Ethik, die plausibel sein und ihren allgemeinen Geltungsanspruch einlösen will, muß den Interessen der Menschen Rechnung tragen. Es ist ein „unbezweifelbar natürlicher Tatbestand“, so erklärt Tugendhat in den „Vorlesungen zur Ethik“, daß „alle Menschen, sofern sie ein Interesse daran haben, daß alle mit allen darin übereinkommen, ein gewisses System von Normen einhalten.“ 15 Nach Ludwig Siep beruht diese Ethik auf einem „motivationalen Fehlschluß“. „Man schließt von dem, wozu man die meisten Menschen glaubt, motivieren zu können, auf das, was moralisch wichtig ist. Was richtig ist, muß aber in der ethischen wie in der theoretischen Erkenntnis von den eigenen Interessen unabhängig sein.“ 16 Interesselos ist der Mensch nur, Hinweis:

wenn er sich dem anerkannten Guten unterstellt. Nach Platon, Aristoteles und Kant kommt das moralisch Gute nicht durch die Gemeinsamkeit von Interessen zustande, sondern gerade umgekehrt verdankt sich die wirkliche Gemeinsamkeit von Interessen der Unterstellung unter das Gute bzw. den Kategorischen Imperativ. Das Recht entspringt nicht der willkürlichen Setzung eines oder einiger Menschen. Es hat göttlichen Ursprung. Nach Platon darf man unter keinen Umständen Unrechtes tun, und Sokrates argumentiert im Gorgias, daß Unrecht leiden besser sei als Unrecht tun. Dieser platonische Gedanke findet über Aristoteles, die Stoa und das christliche mittelalterliche Naturrechtsdenken schließlich Eingang in die moderne universalistische Menschenrechtskonvention.

„Im gleichmäßigen Interesse eines jeden rational entscheiden“
Für Habermas besteht jedoch jede Voraussetzung, die sich nicht der Ableitung aus autonomen Diskursen verdankt, aus „metaphysischen oder religiösen Hintergrundannahmen“. „Im normativen Streit einer demokratischen Öffentlichkeit, so erklärt er, „zählen letztlich nur moralische Aussagen im strengen Sinne. Nur weltanschaulich neutrale Aussagen über das, was gleichermaßen gut ist für jeden, können den Anspruch stellen, für alle aus guten Gründen akzeptabel zu sein.“ 17 Wenn wir fragen, was „moralische Aussagen im strengen Sinne“ sind, finden wir bei Habermas folgende Erklärung: „,Moralisch‘ nenne ich Fragen des gerechten Zusammenlebens.“ Diese generell richtige Aussage wird in den dann folgenden Sätzen weiter bestimmt: „Für handelnde Personen, die miteinander in Konflikt geraten können, stellen sich solche Fragen im Hinblick auf den normativen Regelungsbedarf von sozialen Interaktionen. Es besteht die vernünftige Erwartung, daß solche

Zu diesem Themenkreis erschienen in „freiheit der wissenschaft“ folgende Beiträge: fdw Nr. 1/März 2006, S. 22 ff. Klaus Thomalla: Zum Wandel in der Verfassungsinterpretation der Menschenwürdegarantie fdw Nr. 2/Juni 2006, S. 25 f. Till Kinzels Rezension von Karsten Klopfer: Verfassungsrechtliche Probleme der Forschung an humanen pluripotenten embryonalen Stammzellen und ihre Würdigung im Stammzellgesetz

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Konflikte grundsätzlich in gleichmäßigem Interesse eines jeden rational entschieden werden können.“ 18 Wir können die Auffassung von Habermas so verstehen, daß Fragen des gerechten Zusammenlebens im „gleichmäßigen Interesse eines jeden rational entschieden werden können.“ Unsere Frage ist nun, wie es zu einem solchen „gleichmäßigen Interesse“ kommt. Entweder wird dies durch Verfahren rechtlicher Art geschaffen, die im Grundgesetz schon vorgegeben sind. Dies würde in unserem Fall, wo gerade die Anspruchnahme von Grundgesetz Artikel 1 und 2 durch den Embryo geklärt werden soll, nicht weiterführen. Es bleibt somit die Frage, wer das gleichmäßige Interesse definiert? Wenn dieses Interesse durch alle festgesetzt wird, dann gibt es eine vierfache Möglichkeit: a) Es wird überhaupt kein gemeinsames Interesse artikuliert, so daß die philosophische Moral schweigt und andere gesellschaftliche Kräfte die Frage entscheiden. b) Alle haben daran ein gemeinsames Interesse, ein gemeinsames Interesse nur gemeinsam zu schaffen. Dieses Verfahren bleibt formal und bleibt inhaltslos. Auch hieraus ergibt sich, daß die philosophische Moral dem Staat und Recht gegenüber schweigt. c) Alle haben ein gemeinsames rationales Interesse, den Embryo aus der für ihn real möglichen zukünftigen Partizipation an der Rechtsgemeinschaft auszuschließen. Ein solches Interesse wäre jedoch rein willkürlich und würde den Beschließenden ein Recht zur Tötung unschuldigen Lebens anderer einräumen. Diese Möglichkeit steht im Raum und wird von Habermas jedenfalls indirekt behauptet, wenn er erklärt: „Der weltanschaulich neutrale Staat kann, wenn er demokratisch verfaßt ist und inklusiv verfährt, in einer ethisch umstrittenen Anspruchnahme von Grundgesetzartikel 1 und 2 nicht Partei ergreifen.“ 19 Giorgio Agamben würde diese als rational behauptete Möglichkeit zum Beleg dafür nehmen, daß der moderne demokratische Souverän den Menschen nackt und wehrlos macht. d) Alle haben ein gemeinsames rationales Interesse, den Embryo als reale zukünftige vollwirkliche Person anzuerkennen und zu schützen. Das Lebensrecht des Embryos ist dabei ein absolutes schlechthinniges Gut, das

jede mögliche Güterabwägung ausschließt und mögliche partikulare Interessen zum Schweigen bzw. zur Unterordnung bringt. Die naturrechtliche und moralische Forderung, das Lebensrecht des Embryos absolut und schlechthin zu schützen, muß die Philosophie an den am Recht orientierten Staat stellen.

sche Ebene der Persönlichkeitsentwicklung, wie wir sie aus der Phase der Sozialisation und generell aus dem Zusammenleben der Menschen kennen. Habermas spricht von der „,Unantastbarkeit‘, die allein in den interpersonalen Beziehungen reziproker Anerkennung im egalitären Umgang von Personen miteinander eine Bedeutung haben kann“. 21 Der „Unvollständigkeit einer Individuierung durch DNA-Sequenzen“ wird „der Prozess gesellschaftlicher Individuierung“ gegenübergestellt. „Erst im Augenblick der Lösung aus der Symbiose mit der Mutter tritt das Kind in eine Welt von Personen ein, die ihm begegnen, die es anreden und mit ihm sprechen können. Erst in der Öffentlichkeit einer Sprachgemeinschaft bildet sich das Naturwesen zugleich zum Individuum und zur vernunftbegabten Person.“ 22 Der ontologische Gesichtspunkt, daß etwas da sein muß, das die substantielle Voraussetzung für Sprachund Vernunftentwicklung ist, wird von Habermas zu einem Rechtsschutz abgeschwächt. Vor dem Eintritt in den öffentlichen Interaktionszusammenhang genieße „das menschliche Leben als Bezugspunkt unserer Pflichten Rechtsschutz, ohne selber Subjekt von Pflichten und Träger von Menschenrechten zu sein.“ 23 Dieser Rechtsschutz bestehe im Unterschied zu der jeder Person garantierenden Menschenwürde im Respekt vor „der Würde des menschlichen Lebens“. Eine solche Würde gebe es, wie Habermas vielsagend sagt, auch in unserem „gefühlsbeladenen Umgang mit Toten“. Der respektvolle Umgang mit toten Föten zeige auch für den toten Embryo eine „verbreitete und tiefsitzende Scheu vor der Integrität des werdenden menschlichen Lebens, an das keine zivilisierte Gesellschaft ohne weiteres rühren darf“. 24 Der Verbrauch und die Tötung von Embryos sind als Verlust eines Wertes durch andere Werte – etwa der zu erwartenden Heilung vorher unheilbarer Krankheiten – zu kompensieren. Die Frage, ob nicht bei der In-vitro-Fertilisation durch die mehrfache Bereitstellung von Embryonen zur Nidation eine Instrumentalisierung des Embryos geschehe und ob diese nicht erst recht von der Stammzellforschung zu erwarten sei, wird von Habermas nicht diskutiert. Indem dem Embryo Lebensrecht abgesprochen wird, vermeide man nach Habermas, daß „moralisch gesättigte juri-

„Interpersonale Beziehungen reziproker Anerkennung“
Habermas entwickelt im Anschluß an den politischen Liberalismus von John Rawls eine genetische bzw. prozedurale Moral. Bei ihm heißt es: „Nur die Mitglieder dieser Gemeinschaft können sich gegenseitig moralisch verpflichten und voneinander normenkonformes Verhalten erwarten. Wie ich zeigen möchte, ist ,Menschenwürde‘ im streng moralischen und rechtlichen Verstande an diese Symmetrie der Beziehungen gebunden.“ 20 Damit nennt Habermas jedoch nur Verfahrensbedingungen und keine Begründungen. Wenn er meint, daß der Embryo, weil er noch kein Mitglied der Gemeinschaft ist, auch noch keine moralische Verpflichtungskraft gegenüber den Beschließenden hat, erhebt er eine Verfahrensbedingung in den Status der Begründung einer Entscheidung. Entweder gehen demokratische Rechte aus dem geschlossenen Club derer hervor, die sich faktisch wechselseitig verpflichten können, oder dieses Verpflichtungsverfahren schließt alle Menschen, auch jene die faktisch nicht teilnehmen bzw. noch nicht teilnehmen können, ein. Damit wären Embryos ebenso eingeschlossen wie Heranwachsende unter 18 Jahren bzw. Menschen mit schweren Krankheiten, die es ihnen nicht mehr erlauben, ihren Willen zu artikulieren. Nur mit dieser Offenheit gegenüber den in der weiteren Zukunft hinzukommenden Teilnehmern wird die Verfahrensbedingung im Sinne der universellen Menschenrechte richtig interpretiert. Habermas sieht völlig richtig, daß es über die Zuschreibung des Beginns des menschlichen Lebens zwei kontroverse „ontologische Grundannahmen“ gibt. Einerseits die des „szientistischen Naturalismus, aus denen sich die Geburt als relevante Zäsur ergibt“, und andererseits die Position mit „metaphysischen und religiösen Hintergrundannahmen“. Weil Habermas letztere vermeiden will, verläßt er die ontologische Ebene und gerät auf die interaktionisti-

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stisch, dass es tätig ist und seine Vermögen aktualisiert. Die Entwicklungsfähigkeit des aus der Vereinigung von Samenzelle und Ei bestehenden Embryos bedeutet eine erste Form von Leben. Und ohne einen Eingriff des Menschen in den natürlichen ZeugungsabPseudo-demokratische Spielart lauf stünden ihm die natürlichen Wachsdes Rechtspositivismus tumsbedingungen des mütterlichen UteDie Ersetzung der ontologischen Fra- rus zur Verfügung. gestellung, die Aufhebung der Frage nach dem Sein des Embryos, weil er Stupende Entwicklungsschritte noch kein Träger der interaktionistischen Moralableitung ist, ist nichts an- Stupende Entwicklungsschritte gehören deres als eine pseudo-demokratische zum Lebewesen: „Lebewesen wachsen Spielart des Rechtspositivismus; denn und entwickeln sich und verändern sich dieser geht davon aus, daß nur das Recht dabei erheblich; dennoch beschreiben ist, was durch Rechtsetzungsverfahren wir diese Veränderungen nicht als das zustande kommt, und daß es davon un- Entstehen und Vergehen verschiedener abhängig kein Recht gibt. Indem die Individuen, sondern als Veränderung eiMoralbegründung bei Habermas die nes einzigen, verschiedene Stadien und Vollzugsbedingungen des ethischen Zustände durchlaufenden IndividuDiskurses an die Stelle der Begründung ums.“ 27 Unsere Körper sind keine Proaus dem Recht der Person setzt, ver- zeß-Dinge wie ein Wasserwirbel, ein wirkt sie ihren Anspruch, eine Moralbe- Sturm, eine Welle oder eine Flamme, gründung zu sein und setzt jenen Vor- weil sie auf das In-sich-Bestehen eines wurf von Giorgio Agamben ins Recht, Ganzen, des Lebewesens, hinarbeiten, der da lautet, daß die Rechtsbegrün- und damit das Endstadium, das „Lebedungstendenz der modernen Demokrati- wesen Mensch“ erreicht wird, muß dieen den Menschen schutz- und wehrlos ses Ziel von Anfang an wirksam sein; deshalb ist es unerfindlich, warum man macht. – wie Reinhard Merkel meint – das Schutzargument, das dem Embryo gilt, 4. Lebewesen, Naturrecht und auf alle Säuger ausdehnen sollte. Die Zielursache ist zusammen mit der positives Recht In einer Kritik an der naturrechtlichen Formursache das steuernde Prinzip, daForm der Begründung der Menschen- mit von Anfang an die Zielerreichung würde des Individuums bemerkt der angestrebt wird. stische Begriffe wie ,Menschenrechte‘ und ,Menschenwürde‘ durch eine kontra-intuitive Überdehnung nicht nur ihre Trennschärfe, sondern auch ihr kritisches Potential“ verlören. 25 Rechtstheoretiker Reinhard Merkel, daß diesem Argument ein naturalistischer Fehlschluß zugrunde liege. Das Speziesargument verlange das Tötungsverbot des Embryos, weil dieser der Spezies Homo sapiens angehöre. Die „molekulare Mikrostruktur unserer DNA“ begründe jedoch keine fundamentalen Rechte. Auch „könne die rein faktische Verteilung von irgendetwas innerhalb einer biologischen ,Familie‘ keine Norm erzeugen. Warum sollte eine solche Schutznorm nicht für alle Säuger gelten? 26 Mit dem ersten Argument behauptet Merkel, daß sich der Embryo nur aus Mikrostrukturen zusammensetze. Er faßt diesen somit nur als Summe seiner Teilungsprodukte auf. Ontologisch entspricht jedoch einer solchen Kategorie kein Lebewesen, sondern eine Anordnung von leblosen Körpern, die sich aufgrund eines Impulses verändern, wie z. B. eine Welle oder das Feuer. Für ein Lebewesen ist charakteri-

hat zwar heute ausgedient, die Leugnung der Seele und des Lebendigseins und damit die Reduzierung des Embryos auf einen bloßen Körper ist zur vorherrschenden Betrachtungsweise der Gentechnik geworden; denn nur so kann sie, ohne sich in normative Widersprüche zu verwickeln, ihre utopischen Ziele, die genetischen natürlichen Grundlagen des Menschen zu verbessern, ungehindert verfolgen. Wenn dem Embryo vor der Nidation der absolute Lebensschutz abgesprochen wird, wie es in dem jüngst veröffentlichten Buch von Wilhelm Vossenkuhl geschieht, liegen dieselben argumentativen Fehler wie bei der oben angeführten These von Reinhard Merkel vor. 30 Diese Überlegungen zum Verständnis des Lebewesens zeigen, daß die Frage nach dem moralischen Status des Embryos auf dessen Lebewesen-sein, das untrennbar mit seinem Personcharakter verbunden ist, zurückgreifen muß. Eine Diskussion zwischen klassisch ausgerichteter Naturphilosophie und moderner Biologie findet jedoch so gut wie nicht statt. Ohne die naturrechtlichen Grundlagen der Menschenwürde sind die Menschenrechte in den modernen Demokratien in Gefahr als „Willenserklärungen einer historisch begrenzten Gemeinschaft“ aufgefaßt zu werden. Auch die Rechte einer Person sind dann primär „das Resultat einer Willenserklärung“, wie Tilman Borsche ausführt. 31

Ausschaltung der Finalursächlichkeit
Wie bereits oben angedeutet hängt die Ausschaltung der Finalursächlichkeit bei der Interpretation des Embryos durch die moderne Gentechnik als „chemische Maschinen“ 28 an der durch Descartes eingeführten Voraussetzung, daß Lebewesen Automaten sind und im Falle einer Krankheit eine ähnliche Störung wie bei einer falsch gehenden Uhr vorliege. Bei Descartes hängt die Leugnung der Seele von Lebewesen und von deren Selbsttätigkeit damit zusammen, daß unser Denken als die einzige zielgerichtete Tätigkeit aufgefaßt wird, während „dasjenige Prinzip, durch das wir ernährt werden, wachsen und alles übrige, was wir, da wir es mit den Tieren gemein haben, ohne jede Denktätigkeit vollbringen.“ 29 Die von Descartes und Leibniz eingeführte Maschinenanalogie

Zusammenfassung
Ich fasse am Schluß die wichtigen Punkte zusammen. Das naturrechtliche Prinzip „jedem das Seine zu geben“, bedeutet im Falle des Gegenstands der Biowissenschaft die Würde der Mutter, deren Leibesfrucht und überhaupt den ganzen Vorgang der Zeugung zu schützen. Aus naturrechtlich-ethischer Sicht ist zu fordern, die hormonelle Stimulierung von Frauen, „die Eizellen- oder Nabelschnur-Entnahmehandlungen schlicht als Verstoß gegen die guten Sitten“ zu ächten. 32 Die vorgegebenen natürlichen Abläufe der Zeugung des Menschen werden durch die Biowissenschaften aufgehoben und in ein Verhältnis der Güterabwägung versetzt, in dem die Heilungs- und Gewinninteressen sich autonom verstehender Personen dominieren, die keine Bedenken haben, die Tötung befruchteter menschlicher

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Eier als Mittel zur Forschung einzuset- ableite. Merkel interpretiert den Anfang des menschlichen Lebens nur als Prozen. zeßstruktur bzw. als ein Prozeßgebilde, Weder ist das Leben eine „chemische was z. B. auf eine Welle oder ein Feuer Maschine“ (Hubert Markl), noch ist Lezutrifft. Da das befruchtete menschliche ben und Personalität mit Bewußtheit Ei aber bereits den Endzustand, das oder Diskurskompetenz von Rechtssub„Lebewesen Mensch“, aktuell anzielt, jekten gleichzusetzen. Die Begründung gilt bereits für dieses Gebilde, daß es des Lebensschutzes des Embryos ergibt Selbstzweck im Sinne der menschlichen sich nicht allein aus dem Kantischen Person ist. Wer in dieser Weise den EmGedanken des Selbstzwecks der Person, bryo als Zellstruktur interpretiert, müßte sondern aus der Ergänzung der Ethik – wie es z. B. Peter Singer tut – konsedurch eine naturteleologische Betrach- quenterweise auch Leben und Personatungsweise des Embryos. Robert Spae- lität nur von bewußten und handlungsmann hat in diesem Sinne darauf hinge- fähigen menschlichen Personen gelten wiesen, daß Personsein dem Menschen lassen. ursprünglich zukommt und nicht aufgrund der Definitionsmacht einer Am Ende ist zu hoffen, daß ethische Rechtsgemeinschaft. Grundlage der Einsichten dazu beitragen, daß das rePerson ist das menschliche Lebewesen, striktive Stammzellschutzgesetz nicht ■ das von den ersten Anfängen der Selbst- aufgeweicht wird. steuerungsfähigkeit den vollentwickelten Zustand des Lebewesens teleoloProfessor Dr. Karl-Heinz Nusser hielt gisch und formal anzielt. diesen Vortrag beim 9. Deutsch-AmeriZur Beurteilung des moralischen Status kanischen Kolloquium vom 9.–14. Juli des befruchteten menschlichen Eies 2006 in Wildbad Kreuth genügt es nicht, wie Habermas meint, Korrespondenzadresse: vom Prinzip der sozialen Interaktion Professor Dr. Karl-Heinz Nusser auszugehen und Fragen des gerechten Heilwigstr. 40 D Zusammenlebens und des Lebens über81827 München haupt „im gleichmäßigen Interesse eiE-Mail: Nusser@lrz.uni-muenchen.de nes jeden rational“ entscheiden zu wollen. Dieser Rückfall in die rationale Kalkulierungsmethode von Hobbes, den Petra Gehring, Was ist Bio-Macht?, Frankfurt 2006, S. 78, 77. Habermas dem „Politischen Liberalismus“ von John Rawls entnimmt, würde FAZ vom 16.6.06 jede Ethik zum Instrument eines absoluKarsten Klopfer, Verfassungsrechtliche Probleten Rechtssouveräns machen und in der me der Forschung an humanen pluripotenten embryonalen Stammzellen und ihre Würdigung Tat das menschliche Leben, wie Giorgio im Stammzellgesetz, Berlin 2006. Agamben formuliert, „nackt“ machen. Wilhelm Vossenkuhl, Die Möglichkeit des GuDie unheilvolle deutsche Vergangenheit ten, Ethik im 21. Jahrhundert, München 2006. würde durch die Vernichtung des UnanGiorgio Agamben, Ausnahmezustand, Frankfurt tastbaren durch das staatliche Recht 2004, S. 49. fortgeführt.
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Robert Spaemann, Personen, Stuttgart 1996, S. 14. Höffe, Wessen Menschenwürde?, in: Biopolitik, hrg. von Christian Geyer, Frankfurt 2001, S. 67. Thomas von Aquin, Summa contra gentiles III, 71/1. Descartes, Meditationes de prima philosophia, hrg. von Arthur Buchenau, Hamburg 1972, S. 72, S. 73. Tugendhart, Vorlesungen zur Ethik, Frankfurt 1993, S. 195. Tugendhart, Vorlesungen zur Ethik, a.a.O., S. 173. Ludwig Siep, Eine Skizze zur Grundlegung der Bio-Ethik, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, 1996, S. 241. Jürgen Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik, Frankfurt 2001, S. 60, 61. Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur, a.a.O., S. 71. Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur, a.a.O., S. 70. Habermas. Die Zukunft der menschlichen Natur, a.a.O., S. 62. Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur, a.a.O., S. 62. Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur, a.a.O., S. 64. Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur, a.a.O., S. 66. Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur, a.a.O., S. 67. Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur, a.a.O., S. 68. Reinhard Merkel, Rechte für Embryonen?, in: Biopolitik, hg. von Christian Geyer, Frankfurt, 2001, S. 56. Zur Ontologie des Lebewesens vgl. Marianne Schark, Lebewesen als ontologische Kategorie in: Philosophie der Biologie, hg. von U. Krohs und G. Toepfer, Frankfurt 2005, S. 180 f. Hubert Markl, „Evolution und Gentechnik“, Eröffnungsvortrag auf dem Kongreß für biochemische Analytik, München 18.4.1988. Descartes, Meditationes de prima philosophia a.a.O., S. 328. Wilhelm Vossenkuhl, Die Möglichkeit des Guten, Ethik im 21. Jahrhundert, a.a.O. Tilman Borsche, Mensch und Person, in: fiph Journal vom Febr. 2005, S. 6. Vgl. dazu aus feministischer Sicht Petra Gehring, Was ist Biomacht? Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens, Frankfurt a.M. 2006, S. 84.

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Das in der rechtspositivistischen Sichtweise verbreitete Argument, das auch Reinhard Merkel vorbringt, lautet, daß der moralisch begründete Lebensschutz des befruchteten Eies einen naturalistischen Fehlschluß darstelle und d. h., ein Sollen aus einem bloßen faktischen Sein

Agamben, Ausnahmezustand, Frankfurt 2004, S. 15. Dietmar Mieth, Die Diktatur der Gene, Freiburg 2001, S. 56. Vergleiche Dietmar Mieth, ebenda S. 56. Robert Spaemann, Habermas über Bioethik, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 2002, S. 105.

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revue
können, in denjenigen Fragen, die entscheidend für das Gemeinwohl sind, aber versagt haben. Kann man sich eine deutlichere Aussage über das Phänomen vorstellen, das man üblicherweise als „politische Korrektheit“ bezeichnet? Wohl kaum. Was die omnipräsenten Gutmenschen für schlecht halten, wird in dem Roman durchweg mit Distanz geschildert oder sogar positiv bewertet: die Hochkultur, deren langsames Verschwinden bedauert wird – es gibt ja keinen Mozart mehr, keinen Einstein oder Heisenberg! –; der Krieg, den die „geistig Tätigen“ brauchen; der Terror, den Kaltmeister nicht rundherum ablehnt, obwohl seine Familie selbst Opfer eines Anschlages wurde. Kurz gesagt: Der Roman erinnert nicht nur von fern an Szenarien, die der an der Gegenwartsliteratur Interessierte mit Schriftstellern wie Peter Handke oder Botho Strauss verbindet. Ersterer hat Deutschland bereits Bürgerkriegserfahrungen gewünscht. Letzterer ließ an der Saturiertheit der deutschen Gegenwartsgesellschaft kein gutes Haar, die vor allem Sinnleere produziere. Alles in allem findet man in Tellkamps „Eisvogel“ also einige Elemente, die bei nur oberflächlichem Lesen den Faschismusvorwurf plausibel erscheinen lassen – obwohl der Autor Andeutungen, die in diese Richtung gehen, nachhaltig problematisiert. Vielfältige Anspielungen Wenn man sich die vielfältigen Anspielungen des Romans vor Augen hält, ist unschwer zu erkennen, daß seine Bedeutung weit über die Handlung hinausgeht, die im übrigen schnell erzählt ist: Wiggo Ritter, ein zwar promovierter, aber dennoch arbeitsloser Philosoph, erwacht im Krankenhaus. Sofort erinnert er sich an ein schreckliches Erlebnis: Er erschoß seinen Freund Mauritz Kaltmeister im Streit, als dieser seine eigene Schwester Manuela angriff, in die sich Ritter verliebte. Zwischen dem ehemaligen Assistenten des philosophischen Seminars und dem Patentanwalt kam es bereits vor der Tat zu immer häufigeren – im Rückblick geschilderten – Auseinandersetzungen. Einer der Gründe dafür war eine obskure Organisation namens „Wiedergeburt“, der auch der frühere Chef Ritters, Professor Leo Hertwig, angehörte, der sie aufgrund ideologischer Differenzen jedoch bald verließ. Auch Wiggo Ritter hegte einen solchen Entschluß. Seine Gründe werden ausführlich geschildert. Die Organisation gibt der allgemeinen Unzufriedenheit Ausdruck. Man ist gegen alles, weiß aber nicht, gegen was konkret. Repräsentant des Systems ist ein nicht näher benannter Staatssekretär, dessen Dialog mit Kaltmeister zu den wohl besten Passagen des Romans zählt. Aufschlußreich ist auch die Kontroverse Kaltmeisters mit dem Bischof. Der Gegensatz zwischen Ritter und Kaltmeister wird deutlich herausgestellt: Letzterer sieht in Gewalt und Terror durchaus ein legitimes Mittel, wenn die dabei angestrebten Ziele nur die richtigen sind. Der aus vornehmen Haus (Bankierssohn) stammende Ritter wehrt sich entschieden gegen diese Sichtweise. So kündigt sich das bittere Ende früh an, spätestens seit dem Einbruch Ritters und Kaltmeisters in Hertwigs Wohnung wird auch die Brisanz der Organisation „Wiedergeburt“ erkennbar. Der Roman ist lesenswert, wenngleich er nicht als einfache Kost gelten darf. Manche Wortkaskade ist zu dechiffrieren. Die Erzählung wird von vielen Einschüben, die Aufschluß über Ritters Leben geben, unterbrochen, wodurch der Lesefluß gelegentlich behindert wird. Ob es sich bei dem Werk um einen „neurechten“ Roman handelt, sei dahingestellt. Sicher ist jedoch, daß der Autor ein gebildeter Schriftsteller ist. Nicht nur der mythologische Hintergrund des „Eisvogels“ deutet darauf hin. Wenn der Leser Kenntnisse der bündischen Welt der zwanziger und dreißiger Jahre mitbringt, so denkt er bei einer Person namens „Edgar“ im Kontext der Organisation bestimmt an Edgar Jung, der im Zusammenhang mit dem sogenannten Röhmputsch 1934 sein Leben verlor. Weitere solche Beispiele herauszufinden, ist Teil des Lesevergnügens, das der Roman bei den meisten, die zu ihm greifen, hervorrufen dürfte. Nicht jeder wird ihn jedoch ein zweites Mal lesen. Felix Dirsch

Uwe Tellkamp: Der Eisvogel. Roman
Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 2006, 318 Seiten, ISBN 499-24235-9 Euro 8,90 Ein erfreulicher Befund ist anzuzeigen: Studentenbewegung und 68er – mit allen ihren vielfältigen Konsequenzen und Spätfolgen – werden seit einigen Jahren nicht nur in der zeithistorischen sowie politologischen Forschung kritisch beleuchtet, sondern auch in der belletristischen Literatur. Sophie Dannenbergs ungeschöntes Buch „Das bleiche Herz der Revolution“ setzte hier einen ersten Markstein. Nicht lange nach dem Erscheinen dieses Romans erfährt „1968“ eine weitere kritische Rezeption im Bereich der schönen Literatur. Uwe Tellkamps „Der Eisvogel“, der im Gegensatz zu Dannenberg weit über eine Kritik an dem kulturrevolutionären Umbruch hinausgeht, rief gleich nach seiner Publikation die gewohnten und vom Autor wahrscheinlich auch erwarteten Reflexe hervor. Der Inhalt verstörte nicht wenige Rezensenten, denen aber trotz aller übertriebenen Aufgeregtheit in einem Punkt Recht zu geben ist: Die „geistige Topographie“ des Romans präsentiert in der Tat ein anderes Gesellschaftspanorama als das „der alten Bundesrepublik“. Die bis heute nachwirkende Kulturrevolution der späten sechziger Jahre, von den medial und politisch dominanten Schichten meist als Anfang der „Demokratisierung“ gelobt, gilt in der Erzählung schlicht als „morbus“. Ein vor Jahrzehnten Jugendbewegter, wie die meisten Aktivisten von damals im vorgerückten Alter und mittlerweile arriviert, verteidigt die früher vorgetragenen Ziele und Absichten mit Argumenten, die mehr als banal wirken. Es sei nötig gewesen, neue faschistische Gefahren abzuwehren. Als hätte es in den sechziger Jahre noch eine faschistische Gefahr gegeben, die nicht nur in den Köpfen der selbsternannten Antifaschisten existierte! Die „alten SDS-Pamphlete, Kursbücher und MaoBibeln“ werden in den Dialogen ungeschminkt als „verdorben und gestorben“ bezeichnet. Aus der Perspektive eines der Protagonisten des Romans, Mauritz Kaltmeister, mutieren „Dekonstruktivisten, Adorno-Schüler, Habermas-Klone, Intellektuelle“, die allesamt stellvertretend für das bundesdeutsche Establishment stehen, zu solchen, die nur das wissen, was sie

Udo Di Fabio: Die Kultur der Freiheit
München: Verlag C. H. Beck,2005. XXVI, 296 Seiten, ISBN 3-406-53745-6 Euro 19,90.

Udo Di Fabio, Richter am Bundesverfassungsgericht und Professor für öffentliches Recht an der Universität Bonn, hat ein Buch geschrieben, in dem er voller Elan und Empathie entwickelt,

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was eine „Kultur der Freiheit“ sein kann und wie dieser Begriff mit Inhalt zu füllen ist. Einem cantus firmus vergleichbar, hält sich dabei die schon auf der Vorderseite des Umschlages verkündete grundlegende These durch: „Der Westen gerät in Gefahr, weil eine falsche Idee der Freiheit die Alltagsvernunft zerstört.“ Keine „Monokultur der Freiheit“ Von einer falsch verstandenen Freiheit will Di Fabio sein Konzept abgrenzen und unternimmt dies, indem er Freiheit nicht im Sinne einer „Monokultur“ versteht; denn „ein ununterbrochenes Steigern von Freiheitsansprüchen und das Denken von Freiheit ohne kulturelle Einbettung“ gefährde die Freiheit gerade (vgl. S. 96). Kennzeichnend für ein solches Verständnis von Freiheit ist nach Di Fabio eine bestimmte Kultur, die durch folgende Merkmale charakterisiert werden kann: durch „das Lustprinzip und die Idee ungebundenen Lebens“ (S. 30), die Flexibilität unserer modernen Lebenswelt, in der die Hallen der Flughäfen zu den „Kathedralen der Gegenwart“ geworden sind (vgl. S. 37), sowie durch den Jugendkult (vgl. S. 41). Freiheit in Abhängigkeit von Gemeinschaft Dagegen bindet Di Fabio Freiheit stets an Gemeinschaft (vgl. S. 72). Denn wer Freiheit will, müsse die sie tragende Kultur bejahen. Wenn aber die kulturelle Ordnung Freiheit erst ermöglicht, muß ein Freiheitsverständnis abgelehnt werden, das unter dem Primat eines einseitigen Individualismus Traditionen und Institutionen von vornherein feindlich gegenübersteht (vgl. S. 75). Die „Kultur der Freiheit“, wie Di Fabio sie in differenzierter Weise darstellt, kann nur in Zusammenhang mit Gemeinschaftsformen begründet werden, die ihrerseits in der Moderne nur als selbstbestimmt möglich sind (vgl. S. 85). Daraus resultiert, daß für Di Fabio Gemeinschaften zunächst einmal Glaubwürdigkeit beanspruchen können. Die von Jürgen Habermas thematisierten Sinnpotentiale der Religion findet Di Fabio in Gemeinschaftsformen, deren Dasein zur Grundlage dafür wird, den „Eros menschlicher Existenz“, die „gelungene Verbindung von persönlichem Glück und gesellschaftlicher Ordnung“, auch dann zu bejahen und zu verwirklichen, wenn die Gefahr der Zerstörung

„durch die Logik von Funktionssystemen“ schon bedrohlich nahegerückt ist (vgl. S. 18). Der Jurist weiß sehr wohl um den „Bruch mit (scil. den; K. T.) traditionellen Wertesystemen“ (S. 35), aber ihm ist genauso klar, daß die Sozialtechnologie dann nicht reicht, wenn mit Abtreibung oder Gerechtigkeit Themen angesprochen sind, die auf Identitätsfragen zielen (vgl. S. 34).

Die Grenzen der Zweckrationalität

Allerdings steht dem Autor gleichzeitig deutlich vor Augen, daß die „zweckrationale Neubegründung der Gesellschaft“ (S. 167) eine solche Wirklichkeitsdimension als irrational ausblenden will: „Glauben, archaische Muster der Vitalität, das Horchen in die Tiefen der Sprache, Legenden, Mythen, die Lehren der Alten, praktische Lebensweisheiten“ (S. 167) – all das zählt nicht in eiKultur als Erinnerung an die verlo- ner Welt, der es zuvörderst auf die Ökonomisierung der Wirklichkeit anzukomren geglaubte Ganzheit men scheint. Was letztlich in einer überzeugenden Darstellung immer wieder entfaltet Jedoch kann die Wirtschaft nicht „der wird, ist das Problem, wie sich die „Ein- Quellcode der Gesellschaft“ sein, weil heit der Gesellschaft“ herstellen läßt „die nicht-ökonomischen Bereiche der (vgl. S. 16), auch wenn man sich zu- Gesellschaft“ einen andersgearteten Logleich dessen bewußt ist, daß wir im Zu- gos haben, der das Wirtschaftssystem ge der Moderne auf eine „Einheitsin- transzendiert (vgl. S. 122). Hier tritt zustanz“ verzichtet haben; mit der Folge, tage, daß der „Eros der Kultur“ (S. 18) – daß moderne Gesellschaften ihre Ein- als „gelungene Verbindung von persönheit nur noch „in der Vielheit ihrer aus- lichem Glück und gesellschaftlicher gebildeten Sonderbeziehungen“ finden Ordnung“ (S. 18) – jenseits gesell(vgl. S. 55). Doch was in der „Logik des schaftlicher Funktionalisierungen liegt Wirtschaftens“ (S. 55), in Tauschbezie- und auf einen Einheitsbegriff zielt, der hungen also, hinreichend sein mag, jedenfalls nicht dadurch gewonnen werden kann, daß sich ein System, wie beistellt nicht zufrieden, sobald wir uns der spielsweise dasjenige der Wirtschaft, Sinnfrage aussetzen. einfach ausdehnt (vgl. S. 122). Und eben um diese ringt Di Fabio in seiWas Sinn meint, wie Würde zu verstenem Buch immer wieder: Kultur ist für hen ist, Religion, Gerechtigkeit, Werte, ihn vor allem ein Begriff, der trotz der läßt sich nicht im Wege einer SozialFragmentierung der Gesellschaft in technologie konstruieren (vgl. S. 153), Teilsysteme – hier rezipiert Di Fabio sy- es kann nur wachsen in Beziehungen, stemtheoretisches Gedankengut – ein die Sinn vermitteln und eine Bewußtwesentliches Element reformuliert, das sein von Identität schaffen. Daraus rein unserer funktional ausdifferenzierten sultiert, daß Di Fabio der Familie (S. Welt Anstoß erregt, das ein Ärgernis 140-163), religiösen Gemeinschaften sein mag und das eine gewisse Unzeit- (S. 164-184) und der Nation als politigemäßheit widerspiegelt: Ganzheit (vgl. scher Gemeinschaft (S. 185-194) jeS. 19). Denn wenn wir über Kultur spre- weils umfassende Kapitel widmet. chen, so fragen wir nach dieser Ganzheit: „nach Identität, Sinn und prägender Ordnung einer Gemeinschaft von Der Primat der Familie Menschen“ (S. 20). Vielleicht wird manchem Leser die eine Di Fabios Buch kann demnach als Ver- oder andere Aussage im Kapitel über such angesehen werden, angesichts der die Familie einseitig erscheinen, so zum heute oftmals zweifelhaft gewordenen Beispiel die Vehemenz, mit der Di Fa„Orientierungsmarken“ (S. 54), den bio für das Lebenskonzept von Familie „gemeinsam geteilten Sinnhorizont“ (S. und Kindern wirbt (vgl. S. 131; 145; 22) wieder ins Gedächtnis zu rufen, in- 159: „Leitbild der Drei-Kinder-Famidem es auf die Bedeutung von Einstel- lie“). Es kann leicht der Anschein entlungen und Werten eingeht, indem es er- stehen, als ob jede andere Entscheidung innert an die „über Jahrhunderte und zur Lebensgestaltung allenfalls von inüber Jahrtausende ausgeprägten tradi- dividualistischen Egoismen motiviert tionellen Weltsichten und Lebensweis- wäre: „Wenn die Kinder aus dem Mitheiten“, „gespeist aus religiösen Über- telpunkt der Lebensführung treten und lieferungen, Auseinandersetzung mit der die alles mitreißende Idee intimster EinNatur, den tiefen Erfahrungen von Le- heit im gemeinsamen Kind unter die bensglück, von Ehre und Würde“ (S. 63). Mühlsteine eines eindimensionalen In-

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dividualismus gerät, zerbricht die Harmonie der freien Gesellschaft, entkräften sich nicht nur die Institutionen Ehe und Familie.“ (S. 145) – Dabei ist zu bedenken, daß diese Harmonie auch durch andere Verwirklichungen des Selbst – nicht des Ego! – geschehen kann, wie beispielsweise im karitativen Engagement, durch soziale Kontakte anderer Art, durch ein Werk, das jemand schafft. Gewiß: „Tief in der menschlichen Natur liegt der Wunsch, sein Selbst und das unbekannte Andere im Kind mit einem geliebten Menschen wiederzufinden“ (S. 153) – aber bedeutet das, nur dieses eine Lebenskonzept gutzuheißen?

Die alltägliche Lebenswelt als Sinnressource

Insgesamt betrachtet, kann das vorliegende Buch als Beitrag verstanden werden, an diejenigen Werte zu erinnern, welche die alltägliche Lebenswelt idealerweise immer wieder neu hervorbringt, die aber heute oftmals verschüttet sind. Udo Di Fabio unternimmt damit neben Habermas und anderen eine weitere Anstrengung, die „Dialektik der Säkularisierung“ ins Bewußtsein zu rufen und deutlich darauf hinzuweisen, daß man neben einem „Traditionsbestand“, wie er durch das griechische Menschenbild vorgegeben ist, „nicht auf die Doch was Di Fabio zu Beginn im Hin- Quellen jüdisch-christlichen Glaubens blick auf „die Sinnfragen menschlicher (...)“ verzichten kann, ohne das aufzugeExistenz“ geschrieben hat, gilt auch an ben, was den Westen ausmacht“ (S. 270). dieser Stelle: Es könne „aus erkenntnisKlaus Thomalla theoretischen und praktischen Gründen keine universellen, keine allgemeingültigen und ewigen Antworten“ auf diese Fragen geben (vgl. S. 23). Jedoch: „Das Theodor Ickler: schließt keineswegs aus, daß man die Falsch ist richtig. Ein Leitfaeigenen kulturellen Antworten mit guten den durch die Abgründe der Gründen für universell erklärt und für ih- Schlechtschreibreform re allgemeine Akzeptanz streitet.“ (S. 23) München: Droemer, 2006. – Dies hat Di Fabio in seinem Buch mit 271 Seiten, kt., Überzeugungskraft und Scharfsinn getan. Euro 14,90. Zur Universalität der Menschenrechte: Respekt als Schlüssel zum Anderen In den letzten Jahren wurde mit der überwiegend sinnlosen Reform der bewährten Bemerkenswerte Gedankengänge enthält Rechtschreibung ohne Not ein großer das Kapitel über „Kultur und Menschen- Schaden angerichtet. Die deutsche Sprarechte“ (S. 235-267), wo Di Fabio auf die che litt und leidet darunter, vor allem aber Universalität dieser Rechte eingeht. Hier diejenigen, die täglich in schriftlicher sei dreierlei gefordert: kognitive Offen- Form mit ihr Umgang pflegen. Denn heit, Sensibilität für andere Weltzugänge durch die vielfach absurden Konsequensowie die Entschiedenheit, eigene Werte zen aus den als Vereinfachungen (für zu verteidigen und ihre Einhaltung zu wen?) verkauften Neuerungen wurden fordern (vgl. S. 249). Dem Autor gelingt auch jene verunsichert, die bisher über ein Weg zwischen den Extremen: Weder gute Rechtschreibfähigkeiten verfügten. verficht er von vornherein eine Universa- Es bleibt ein Skandal ersten Ranges, daß lität der eigenen Wertmaßstäbe – denn es einer kleinen Zahl von „Reformern“ im Werte und kulturelle Standards seien im- Bündnis mit der Bürokratie der Kultusmimer kontingent (vgl. S. 250) –, noch un- nisterien und interessierter Verlage gelinterliegt er einem Relativismus des „any- gen konnte, sich an der deutschen Sprathing goes“ (vgl. S. 251). Sein mittlerer che zu vergehen – nicht zuletzt auf dem Weg besteht darin, anderen Kulturen mit Rücken der Schüler, die entstellte Werke Respekt zu begegnen: „die abweichende der Literatur lesen müssen, ohne den VerPrämisse ernstzunehmen, ohne sie indes lust ermessen zu können. Leider beteiligzu übernehmen“ (S. 258). Dieser Re- ten sich daran alle politischen Parteien spekt ist Spiegel der Einsicht, daß die ei- und auch christdemokratische Kultusmigene Identität erst im Bild des Anderen nister – besonders eklatant war das Vorgeerkennbar wird. So gelingt es zu lernen, hen der Politiker aller Parteien, nachdem „indem wir uns in dem einen Fall korri- das Volk in Schleswig-Holstein sich deutgieren, aber auch in dem anderen Fall lich gegen die Reform ausgesprochen hatumso entschiedener festhalten an eige- te. Die inhaltliche Kritik an der Rechtnen Wertentscheidungen“ (S. 262). schreibreform konnte nicht zurückgewie-

sen werden, die Kritiker wurden aber oft lächerlich gemacht. Doch zeigte die Entwicklung der letzten Jahre, daß sehr wenig für die Reform spricht, und der lobenswerte Entschluß der FAZ, zu der bewährten Schreibung zurückzukehren, stärkte denjenigen (darunter auch vielen Schriftstellern und Wissenschaftlern) den Rücken, die der Reform Widerstand entgegensetzten. Zu den prononciertesten Gegnern der Reform zum schlechteren Deutsch gehört der Erlanger DeutschProfessor Theodor Ickler, der mit dem hier anzuzeigenden Buch ein notwendiges, lesenswertes Werk verfaßt hat. Wem die deutsche Sprache am Herzen liegt, wer in klarer Diktion Roß und Reiter beim Namen genannt haben will, sollte zu Icklers wichtigem Buch greifen, das den Reformern wenig Freude bereiten dürfte. Icklers im besten Sinne aufklärerisches Werk verdient viele Leser. Till Kinzel

Marcus Knapp: Verantwortetes Christsein heute. Theologie zwischen Metaphysik und Postmoderne
Freiburg im Breisgau: Herder, 2006 356 Seiten, ISBN 3-451-28713-7 Euro 24,90.

In seinem anspruchsvollen Buch erörtert der Bochumer Fundamentaltheologe Markus Knapp, wie ein „nachmetaphysischer Aufweis letztgültigen Sinnes“ (S. 190) gelingen kann. Infragestellung der Theologie Ausgangspunkt für seinen theologischen Ansatz „unter nachmetaphysischen Prämissen“ (S. 51) ist nicht zuletzt die gegenwärtige Lage der Theologie, die Knapp in einer „Situationsvergewisserung“ im Zuge einer durch die Moderne entzauberten Welt äußerst realistisch beschreibt (vgl. S. 7-25). Die Theologie scheint manchen Zeitgenossen „einer anderen, mittlerweile vergangenen Welt“ anzugehören, deren Behauptungen angesichts der „modernen Lebenszusammenhänge“ kaum noch Plausibilität beanspruchen können (vgl. S. 9).

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Moderne und Postmoderne: Privati- Zudem beruht die Welterschließung sierung der Religion und Steigerung nicht mehr auf der „Leistung einer transzendentalen Subjektivität“, sonvon Orientierungslosigkeit dern die einzelne Existenz wird selbst In einer präzisen Darstellung führt als leiblich, sozial und geschichtlich siKnapp diese Lage „auf die kulturelle Situiert erwiesen (vgl. S. 41). Weltertuation des Christentums in der fortgeschließung hängt mit „verständigungsoschrittenen Moderne“ zurück (vgl. S. 9), rientierte(r) Interaktion sprach- und für die zwar nicht die Ablehnung der handlungsfähiger Subjekte“ zusammen, Religion kennzeichnend sei, aber deren welche in derjenigen Vernunft zutage starke Privatisierung und Subjektivie- tritt, die im kommunikativen Handeln rung (vgl. S. 11). So betrachtet, bezieht verkörpert wird (vgl. S. 42). Knapp will sich die Sinnsuche in der Moderne auf im Zuge dieser Infragestellung metaeinen „vom Menschen selbst gemachten physischen Denkens mit seinen nachSinn“ (S. 243; vgl. auch S. 24). Damit metaphysischen Überlegungen verhinzusammenhängend, mag es für den mo- dern, daß damit auch der Offenbarungsdernen Menschen immer weniger not- glaube „kulturell marginalisiert“ wird wendig sein, seine Welt auf Gott hin zu (vgl. S. 65). transzendieren: „Er wird nicht mehr gebraucht, weder zur Erklärung der Welt noch zur Begründung moralischen Han- Die Konsequenz: ein Plädoyer für die Möglichkeit letztgültigen Sinns unter delns.“ (S. 12) nachmetaphysischen Prämissen Hinzu kommt, daß die sogenannte Postmoderne – verstanden als „orientie- Knapp ist sich dessen bewußt, daß rungslos gewordene Moderne“ (S. 18, christliche Theologie „sich auf eine in Fn. 21) – zunehmend sämtliche großen der Geschichte ergangene und begegErzählungen in Frage gestellt hat und nende göttliche Offenbarung“ beruft, demzufolge so etwas wie „letzte Ge- durch die sich „ein letztgültiger Sinn“ wißheiten“ allenfalls mit einer Herme- erschließe und die deswegen selbst als neutik des Verdachts untersucht werden „letztgültig“ verstanden wird (vgl. S. (vgl. S. 17). – Das also ist in der Post- 26). Doch weiß der Verfasser genauso moderne die Situation des Menschen: darum, daß ein Aufweis letztgültigen Dieser ist – um mit Jacques Monod zu Sinns, soll er der kulturellen Situation sprechen – „ein Zigeuner am Rande des des Christentums in der Moderne geUniversums“, das freilich „für seine recht werden, nicht zu voreilig „mit Musik taub ist und gleichgültig gegen theologischen Voraussetzungen beseine Hoffnungen, Leiden und Verbre- frachtet werden“ darf (vgl. S. 190). chen“. Nach alledem gibt es keinen um- Denn zunächst muß die „Möglichkeit“ fassenden Sinn mehr, sondern nur noch eines solchen Sinns erschlossen werden, „kleine Sinnentwürfe“, wenn es gelingt, um sodann „von der Letztgültigkeit“ der daß der Mensch sich gegen die um sich christlichen Offenbarung sprechen zu greifende Sinnlosigkeit behauptet (vgl. können (vgl. S. 26). S. 23). Vor dem Hintergrund dieser Hier sind nach Ansicht des Verfassers schonungslos geschilderten Lage erör- zwei Bedingungen zu erfüllen: Erstens tert Knapp sein Konzept einer „nachme- muß gezeigt werden können, „daß es taphysischen Bestimmung letztgültigen sich dabei um etwas handelt, das jeden Sinnes“ (S. 207). – Und die Theologie? Menschen unbedingt angeht und beanZur Kritik metaphysischen Denkens sprucht, dem sich also kein Mensch zu entziehen vermag“. Und zweitens soll Der Fundamentaltheologe schließt sich diese Bestimmung letztgültigen Sinns der Kritik metaphysischen Denkens an, „auf dem Boden der autonomen Verund sein Plädoyer für eine „Theologie nunft“ gründen, insofern diese nur so unter nachmetaphysischen Prämissen“ „als kritische Instanz“ fungieren kann (S. 51) resultiert daraus, daß jede Meta- (vgl. S. 190). Mit diesen Bedingungen physik im Sinne einer „umfassende(n) will Knapp einerseits der oben erwähnDeutung der Wirklichkeit“ fraglich ge- ten Situation der Moderne entsprechen, worden ist (vgl. S. 33), weil die Welt in andererseits aber die „kulturelle Under Moderne nicht mehr „als durch die gleichzeitigkeit der Theologie“ (S. 25) Vernunft geordnet und zusammengehal- betonen, die daran festzuhalten hat, daß ten“ angenommen werden kann; denn letztgültiger Sinn möglich ist. Freilich das moderne Wissen ist hypothetisch müsse dies „im Kontext des modernen Wissens“ geschehen (vgl. S. 32) und da(vgl. S. 41).

mit „unter nachmetaphysischen Prämissen“ verständlich gemacht werden (vgl. S. 51). An dieser Stelle rezipiert Knapp Elemente aus Jürgen Habermas’ Philosophie, dessen diskurstheoretischem Ansatz der Fundamentaltheologe sich verbunden weiß; dies gilt vor allem, was die Diagnose der Moderne betrifft (vgl. nur S. 40-51). Allerdings entwickelt Knapp einen eigenen Entwurf, der sich später von Habermas distanziert, wenn es ihm darum zu tun ist, „auch inmitten einer solchermaßen ernüchterten Moderne einen unbedingten, letztgültigen Sinn als vor der Vernunft verantwortbar aufzuweisen“ (S. 201). Um nicht mißverstanden zu werden: Knapp setzt durchaus das „von der Offenbarung Gottes her gewonnene Gottesverständnis“ voraus, aber er bleibt dabei nicht stehen, sondern will „dessen anthropologische Bedeutsamkeit auf dem Felde einer humanwissenschaftlich informierten Philosophie“ aufzeigen. Auf diese Weise ist es nach Knapp erst möglich zu begründen, „warum der sich selbst erschließende Gott den Menschen unbedingt angeht“ (S. 222). Rezeption von Axel Honneths Anerkennungstheorie In Auseinandersetzung mit drei theologischen Ansätzen (vgl. S. 67-98) – von Wolfhart Pannenberg, Hansjürgen Verweyen und Thomas Pröpper –, die nach Knapp alle zumindest durch metaphysische Implikationen bestimmt sind, stellt der Verfasser seine eigene Konzeption vor, die vom „Zweifel an der Tragfähigkeit einer (erneuerten) philosophischen Metaphysik“ inspiriert ist (vgl. S. 99) und deswegen – wie bereits erwähnt – von der Frage ausgeht: „Kann der Gedanke Gottes als einer von Welt und Mensch verschiedenen Wirklichkeit unter nachmetaphysischen Bedingungen noch erreicht und als vernünftig ausgewiesen werden?“ (S. 101) Als Bezugspunkt seines eigenen Entwurfs dient Knapp nach Erörterung von Hobbes, Kant, Fichte und Hegel (vgl. S. 110-150) die Theorie der Anerkennung des Frankfurter Sozialphilosophen Axel Honneth, der eine „nachmetaphysische Transformation der hegelschen Anerkennungstheorie“ beabsichtigt (vgl. S. 151). In differenzierter

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Weise erläutert der Verfasser Honneths Überlegungen; so rezipiert Knapp dessen Darstellung über die „unterschiedlichen Anerkennungsformen“ (S. 158): Liebe als Grundlage des Selbstvertrauens (vgl. 165), Recht als Grundlage der Selbstachtung (vgl. S. 165) und Solidarität als Grundlage der Selbstschätzung (vgl. S. 168). Er betrachtet diese drei Formen der Anerkennung als „einen Mechanismus der Integration“ (S. 168), der konstitutiv für moderne Gesellschaften ist, insofern in der Moderne die ausdifferenzierte Gesellschaft nicht mehr unter dem Primat der Religion integriert werden kann (vgl. S. 104; 168). Unbedingtheit im Augenblick Wenngleich Anerkennungsverhältnisse „ein Moment von Unbedingtheit“ implizieren (vgl. S. 195), so steht in ihnen doch etwas aus, insofern die Erfahrung unbedingter Geborgenheit hier „immer den Charakter des Kontrafaktischen“ hat: Diese bleibt momenthaft, wie Knapp anhand der Mutter-Kind-Symbiose, die grundlegend ist für das gesamte „Selbst- und Weltverhältnis“ des Menschen, einfühlsam beschreibt; denn die Loslösung des Kindes steht bei aller augenblicklichen Nähe bevor (vgl. S. 196). – Werden aber solche Anerkennungsverhältnisse nicht schon unter Endlichkeitsbedingungen „auf letztgültigen Sinn hin transparent“, weil sie unbedingte Zuwendung immerhin für eine gewisse Zeit – wenn auch im „menschlich begrenzten Rahmen“ und daher letztlich kontrafaktisch – zutage treten lassen (vgl. S. 204)? – Damit ist „das existentielle Grundproblem des Menschen“ umschrieben: Er ist „auf unbedingte Anerkennung“ verwiesen, wie Knapp herausstellt (vgl. S. 194), nachdem er sich sowohl von Kierkegaard als auch von Heidegger (dazu: S. 191-194) abgegrenzt hat, weil ihn weder der „irrationale Sprung in den Glauben“ des ersteren noch die „existentialistische Todesmetaphysik“ des letzteren überzeugen (vgl. S. 194). Christlich-theologische Vertiefung Für die theologische Perspektive kommt es darauf an, den eben dargestellten Aufweis letztgültigen Sinns, der gezeigt hat, daß jeder Mensch von der Frage nach Anerkennung als „Grundproblem menschlicher Existenz“ (S. 195) betroffen ist, in christlich-theologischer Hinsicht zu vertiefen. Das geschieht da-

durch, daß Knapp diesen Sinn, nachdem er als vor der Vernunft verantwortbar Handbuch Ethik, 2., aktualiaufgewiesen ist, in dessen eigentlicher sierte und erweiterte AuflaVoraussetzung begründet sieht, wie sie ge, hg. von Marcus Düwell, der christliche Glaube bekennt (vgl. S. Christoph Hübenthal und 222): im Wort Gottes „als Sprachge- Micha H. Werner schehen im Sinne der Zusage und VerStuttgart: Metzler, 2006. heißung Gottes“ (S. 201). Geht es nicht 598 Seiten, ISBN 3-476-02124-6 auch im christlichen Glauben um die Euro 64,95. Selbstmitteilung Gottes, die sich in einem „Anerkennungsgeschehen“ manifestiert, wenn man annimmt, daß „Gott seine für alle Menschen entschiedene Ethische Fragen sind heute in aller Liebe geschichtlich-endgültig erwiesen Munde, und man kann sich dem Verdacht nicht ganz verschließen, daß das hat“ (S. 170)? viele Reden über Ethik in umgekehrt Hat die oben angesprochene Anerken- proportionalem Verhältnis zur praktinungsform der Liebe wesentliche Be- zierten Ethik stehen könnte. Das Moradeutung „für ein selbstbewußtes und au- lisieren als herrschende Diskursform tonomes Auftreten eines Menschen im kann durch das Reden über angewandte öffentlichen Raum der Gesellschaft“ (S. Ethik verstärkt werden. So ist denn die 176), so begründet das Anerkennungs- eigentliche Anwendung der angewandverhältnis des Glaubens – und an dieser ten Ethik die meist folgenlos bleibende Stelle geht Knapp über Honneths An- Ethikkommission (Konrad Paul Liesssatz hinaus – „eine spezifische Art der mann). Trotz dieser kritischen EinwänSelbstbeziehung“, die der Fundamental- de ist die ethische Reflexion schlechthin theologe als „uneingeschränkte Selbst- unverzichtbar. Denn komplexe Interesannahme“ bezeichnet (vgl. S. 185): senkonflikte und moralische Probleme „Weil der Mensch sich im Glauben als müssen gründlich bedacht werden, soll Person von Gott unbedingt anerkannt nicht einfach das gerade Modische den wissen darf, kann er sich auch selbst Sieg davontragen. Hier findet man nun ganz annehmen.“ (S. 185) Diese „fun- kompetente Hilfe in dem hier anzuzeidamentale“ Anerkennung bedeutet, daß genden Handbuch Ethik. alle Leistungen und Eigenschaften außer acht bleiben, daß ein Mensch un- Das Buch gliedert sich im wesentlichen bedingt angenommen wird (vgl. S. in drei Teile. Der erste Teil legt systema186). Letztlich zielt dieser Gedanke auf tisch die wichtigsten Grundtypen ethidie Würde der Person (vgl. S. 186; 242). scher Theorien wie etwa teleologischer (Aristoteles bis Utilitarismus) und deonWichtig ist, darauf hinzuweisen, daß zu tologischer Ansätze (Kant bis Rawls) unterscheiden ist zwischen der „perso- dar. Die Darstellung ist informativ und nale(n) Gewißheit“ des Glaubens (vgl. klar gehalten und geht über bloße LexiS. 210) und dem mit Hilfe anthropologi- koneinträge deutlich hinaus. Besondescher Überlegungen „hypothetisch blei- res Augenmerk auf angewandte bzw. bende(n) Aufweis“ (S. 211): Jene ist nur bereichsspezifische Ethiken legt der möglich durch ein „vorbehaltlose(s) Ver- zweite Teil, wo so moderne Ansätze wie trauen auf Gott und sein Wort“ (S. 210), Bio- und Genethik, Kultur-, Fordieser aber als „reflexive Vergewisse- schungs-, Medien-, Medizin-, Technik-, rung“ ist nicht abschließbar (vgl. S. 211). Umwelt-, Wirtschafts- und auch Tierethik abgehandelt werden (über deren Fazit überbordende Fülle man geneigt ist sich Mit großer denkerischer Kraft hat Mar- satirisch auszulassen). kus Knapp dem interessierten Leser in spannenden Gedankengängen die Situa- Diese beiden Überblicksteile werden tion der „Theologie zwischen Metaphy- sodann ergänzt durch einen Lexikonteil, sik und Postmoderne“ verständlich ge- der zentrale Begriffe der Ethik von „Anmacht und seine These plausibel vertre- erkennung“ bis „Zweck/Ziel“ in alphaten: daß die Theologie ihre Begrün- betischer Reihenfolge präsentiert. So dungsaufgabe „auch unter den Prämis- bietet das Handbuch Ethik eine notwensen eines dezidiert nachmetaphysischen dige Orientierungsleistung, die man Denkens zu erfüllen (scil. vermag; K. gern immer wieder in Anspruch nehmen wird. T.)“ (S. 247). Klaus Thomalla Till Kinzel

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Bund Freiheit der Wissenschaft e.V.
Veröffentlichungen und Veranstaltungen Der Bund Freiheit der Wissenschaft gibt nicht nur diese Zeitschrift heraus, sondern lädt auch zu Vortragsveranstaltungen ein. Über sie wird in der Zeitschrift ausführlich berichtet. Die Texte der Referate können auf der Website des Bundes nachgelesen werden: http://www.bund-freiheit-der-wissenschaft.de. Die Vortragstexte liegen zum Teil auch gedruckt als Broschüren vor. Die folgenden Veröffentlichungen sind noch lieferbar und können mit dem folgenden Bestellschein bei der Geschäftsstelle angefordert werden (Preis 5,– € incl. Versandkosten, für Mitglieder und Spender kostenlos). Die Aufstellung gibt zugleich Auskunft über die Arbeit des Bundes Freiheit der Wissenschaft in den letzten sechs Jahren.

Bildungspolitische Foren, Vorträge und Broschüren 2000–2006
Dr. Hans Joachim Geisler Notizen zur Geschichte des Bundes Freiheit der Wissenschaft Herausgeber: Bund Freiheit der Wissenschaft e. V. Berlin, Januar 2001. 142 Seiten. Aus dem Inhalt: Gründung des BFW, Gründungsaufruf 1970 – Veröffentlichungen 1970 bis 2000 – Veranstaltungen seit 1970, Bildungspolitische Foren 1984 bis 2000 – Vorstandsmitglieder 1970 bis 2000 – Arbeitsschwerpunkte Hochschule und Schule – Inhalt der Zeitschriften Hochschulpolitische Informationen (HPI, 1970 bis 1976), Moderator (1971 bis 1973), Freiheit der Wissenschaft (FdW, 1974 bis 2000) – Register. ➡ Bestellnr. 1 Oberstudiendirektor Josef Kraus, Landshut, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes „Aufgaben der Schule in der Wissensgesellschaft“ Texte in Broschüre erschienen im Januar 2001. 87 Seiten. ➡ Bestellnr. 2 Professor Dr. Erwin K. Scheuch, Köln, Vorsitzender des Bundes Freiheit der Wissenschaft „Leistungsmessung in der Wissenschaft“. Texte in Broschüre erschienen im Januar 2002. 65 Seiten. ➡ Bestellnr. 4

2001
Vortrag am 25. April 2001 in Berlin: Professor Dr. Michael Wolffsohn, Universität der Bundeswehr, München „,Kinder der Nazi-Eltern‘? Vergangenheitsbewältigung, Antisemitismus und die 68er“. Text in Broschüre erschienen im Mai 2001. 28 Seiten. ➡ Bestellnr. 3 32. Bildungspolitisches Forum am 20. November 2001 in Berlin: „Die Ökonomisierung der Universität – Wege und Irrwege der Hochschulerneuerung“. Professor Dr. Hans Joachim Werner, Karlsruhe „Bildung zwischen Ökonomie und Bürokratie“. Professor Dr. Dr. Heribert Offermanns, Frankfurt/Main „Freiheit der Wissenschaft und Unternehmensinteressen“. Professor Dr. Dr. Gunnar Berg, Halle-Wittenberg „Leistungsanreize für die Universität? Zwischen leistungsabhängigem Gehalt und Unterfinanzierung“.

2002
Vortrag am 24. April 2002 in Berlin: Professor Dr. Winfried Schlaffke, Institut der Deutschen Wirtschaft, Köln „Schulqualität und Schulreform – Weichenstellungen für ein zukunftsweisendes Schulsystem“ Text in Broschüre erschienen im Januar 2003. 37 Seiten. ➡ Bestellnr. 5 Vortrag am 19. Juni 2002 in Berlin: Freya Klier, Bürgerrechtlerin und Dokumentarfilmerin, Berlin „Schule in den neuen Ländern – zurück zur DDR?“ Bericht in FdW September 2002. Vortrag am 4. September 2002 in Berlin: Professor Dr. Gerd Langguth, Universität Bonn „Mythos ‚68‘“. Text „Thesen zu einigen Mythen der Studentenrevolte 1968“ in FdW Dezember 2002 33. Bildungspolitisches Forum am 8. November 2002 in Berlin: „Wettbewerb und Profilbildung – Zur Struktur des deutschen Hochschulsystems“

2000
31. Bildungspolitisches Forum am 20. Oktober 2000 in Berlin: „Bildung in der Wissensgesellschaft“. Professor Dr. Manfred Fuhrmann, Überlingen „Bildungskanon und Bildungsidee – Die kulturelle Einheit Europas und der deutsche ‚Sonderweg‘“. Professor Dr. Arnd Morkel, Trier „Braucht die Wissensgesellschaft eine neue Bildungspolitik?“ Professor Dr. Jürgen Oelkers, Zürich „Schulentwicklung, Demokratie und Bildung“

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Professor Michael Zöller, Universität Bayreuth „Wahlfreiheit und Wettbewerb für Studenten und Universitäten“. Professor Erwin K. Scheuch, Universität Köln „Vorbild Amerika?“ Dr. Wedigo de Vivanco, Leiter der Abteilung Außenangelegenheiten der Freien Universität Berlin „Der Bologna-Prozeß oder die Durchlässigkeit der europäischen Hochschulsysteme“. Professor Dr. Hubert Braun, Honorarprofessor der Universität Erfurt „Universitäten und Fachhochschulen – Leitgedanken zu einer künftigen Aufgabenteilung“. Texte in Broschüre erschienen im Februar 2003,. 100 Seiten. – Mit den grundlegenden Dokumenten zum Bologna-Prozeß von 1988, 1998, 1999 und 2001 (Kommuniqué 2003 in FdW Dezember 2003). ➡ Bestellnr. 6

Vortrag am 24. September 2003 in der Universität Köln: Professor Dr. Hartmut Schiedermair, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes „Was kommt auf die Universitäten zu? Folgen des Bologna-Prozesses für die deutschen Hochschulen“. Text in Broschüre erschienen im Oktober 2003. 21 Seiten. ➡ Bestellnr. 9 Vortrag am 24. Oktober 2003 in Berlin: Oberstudiendirektorin a. D. Thelma von Freymann „Ausbildung und Rolle des finnischen Lehrers als Faktor des PISA-Erfolges“. Bericht in FdW Dezember 2003.

Vortrag am 26. November 2004 in Berlin: Drs. G. M. A. (Fré) Weerts „Qualität in den Schulen – Kann die niederländische Schulinspektion ein Modell für Deutschland sein?“ Bericht in FdW Dezember 2004.

2005
Tagung 18. bis 20. Februar 2005 in Gummersbach (in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung): Kyoto – Klimaprognosen – Aussagekraft der Modelle und Handlungsstrategien. Vorträge: Michael Miersch, Publizist, München Umweltpolitik neu denken Prof. Dr. Dennis Bray, Institut für Küstenforschung, GKSS Forschungszentrum, Geesthacht Die schweigende Stimme der Wissenschaft – Ergebnisse von Umfragen unter Klimaforschern Prof. Dr. Hans von Storch, Institut für Küstenforschung, GKSS Forschungszentrum, Geesthacht Die Nachhaltigkeit der Klimaforschung Prof. Dr. Augusto Mangini, Heidelberger Akademie der Wissenschaften Vergleich von Klimaarchiven der letzten Jahrtausende Prof. Dr. Peter Fabian, Lehrstuhl für Ökoklimatologie, TU München Klima und Wald – Perspektiven für die Zukunft Prof. Nico Stehr Ph. D. F.R.S.C. Zeppelin University, Friedrichshafen Die gesellschaftliche Kontrolle neuer Erkenntnisse Prof. Gerhard Gerlich, Institut für Mathematische Physik, TU Braunschweig Zur Physik und Mathematik globaler Klimamodelle

2004
34. Bildungspolitisches Forum am 27. Februar 2004 in Berlin: „Freiheit und Verantwortung in Forschung, Lehre und Studium – Die ethische Dimension der Wissenschaft“ Professor Dr. Eve-Marie Engels, Universität Tübingen, Mitglied des Nationalen Ethikrats „Ethik in den Wissenschaften – Das Programm des Interfakultären Zentrums für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen“. Professor Dr. Klaus Fischer, Universität Trier „Spielräume wissenschaftlichen Handelns – Die Grauzone der Wissenschaftspraxis“. Dr. Sascha Spoun, Universität St. Gallen „Die Studierenden im Mittelpunkt der Lehre – zum neukonzipierten Studium an der Universität St. Gallen“. Texte in Broschüre erschienen im Juli 2004. 140 Seiten. ➡ Bestellnr. 10 Vortrag am 23. Juni 2004 in Berlin: Professor Dr. Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität „Bildung neu denken – Eine dritte Chance für unser Bildungssystem“. Text abgedruckt in FdW September 2004.

2003
Vortrag am 18. Juni 2003 in Berlin: Oberstudiendirektor Josef Kraus, Landshut, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes „Lehrerimage, Lehrernachwuchs und Lehrerbildung“. Text in Broschüre erschienen im Juli 2003. 25 Seiten. ➡ Bestellnr. 7 Vortrag am 17. Juli 2003 vor Studenten in Köln: Dr. Hans Joachim Geisler „Zur Zukunft unserer Universitäten“ Bericht in FdW September 2003. Vortrag am 27. August 2003 in Berlin: Professor Dr. Ulrich Battis, Humboldt-Universität Berlin „Mehr oder weniger Bildungsföderalismus? Kompetenzen des Bundes und der Länder in der Hochschul- und Schulgesetzgebung“. Text in Broschüre erschienen im September 2003. 19 Seiten. ➡ Bestellnr. 8

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PD Julian Morris, University of Buckingham, Großbritannien, International Policy Network, London Economics and Climate Change (mit Übersetzung) Bericht in FdW März 2005, S. 13–17. Vortrag am 18. April 2005 in Düsseldorf: Professor Dr. Reinhold R. Grimm, Universität Jena Gestufte Bildung? Wie das europäische Studienmodell die Hochschulen verändert. Bericht in FdW Juni 2005, S. 5-10. Vortrag am 23. November 2005 in Berlin: OStD. a. D. Manfred Weichhold, Karlsruhe, Vorsitzender der Stiftung „Wirtschaft und Erziehung“ Zustand und Zukunft der beruflichen Bildung in Deutschland. Bericht in FdW Dezember 2005.

2006
Tagung 17. bis 19. Februar 2006 in Gummersbach (in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung): Ist Meinungsfreiheit möglich? Braucht eine Gesellschaft Tabus? Vorträge: Prof. Dr. Ingo Pommerening (FU Berlin) Historische Entwicklung der Political Correctness in Amerika (Text in FdW März 2006 und auf der Website) Dr. Erhart Neubert (Erfurt) Sprache und Macht – Dissonanzen in den Erinnerungen an 1989/1990 Prof. Dr. Hartmut Kliemt (Univ. Duisburg-Essen) Empörungsorchester – Kostenasymmetrien in der Meinungsbildung, Beispiele und Theorie

Professor Dr. Konrad Löw (Univ. Bayreuth) Tabus in der Wissenschaft (Text auf der Website) Lorenz Jäger (Redakteur, Frankfurter Allgemeine Zeitung) Das Beispiel von Henry Louis Mencken und die journalistische Praxis Prof. Dr. Herrmann Lübbe (Univ. Zürich) Political Correctness – Über Tendenzen der Moralisierung des Wissens (Text auf der Website) Prof. Dr. Stefan Huster (Ruhr-Univ. Bochum) Meinungsfreiheit zwischen Verfassungsrecht und Politik Bericht in FdW Juni 2006, S. 3-6, Vortragstexte z.T. auf der Website. Vortrag am 31. Mai 2006 in Berlin: Michael Röhring (Ausbildungskapitän der Lufthansa) Warum ist Fliegen sicher? (Zur Ausbildung der Lufthansa-Piloten) Bericht in FdW Juni 2006, S. 8-10.

Bestellschein
An den Bund Freiheit der Wissenschaft, Bundesgeschäftsstelle Charlottenstraße 65, 10117 Berlin-Mitte

Ich bitte um kostenlose Zusendung ■ der Satzung des Bundes Freiheit der Wissenschaft e.V. der letzten Nummern der Zeitschrift Freiheit der Wissenschaft: ■ Dezember 2005 ■ März 2006 ■ Juni 2006 ■ folgender FdW-Hefte ■ Ich bestelle zum Preis von je 5,00 Euro die Broschüre(n) Nr.

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Bund Freiheit der Wissenschaft
Aufgabe des Vereins, Satzung Der Bund Freiheit der Wissenschaft setzt sich für die Freiheit der Wissenschaft und die Leistungsfähigkeit der Hochschulen und Schulen ein. Er wurde am 19. November 1970 in Bad Godesberg gegründet und ist eine überparteiliche Vereinigung zur Verteidigung der Freiheit der Wissenschaft, der Freiheit von Forschung, Lehre und Studium. Auf der Grundlage der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland und im Bewußtsein der gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaft setzt sich der Verein unter Ausschluß von parteipolitischen Bindungen zur Aufgabe: 1. die Freiheit von Forschung, Lehre und Studium zu wahren und zu fördern, 2. sich jeder Unterwerfung unter die Machtansprüche einzelner Gruppen oder Interessen zu widersetzen, 3. auf eine Politik zu drängen, die eine stetige Verbreiterung der Bildungschancen mit der Erhöhung der Leistungsmaßstäbe verbindet.

Der Satzungszweck wird verwirklicht insbesondere durch die Durchführung wissenschaftlicher Veranstaltungen und Forschungsvorhaben, Publikationen und Informationen der Öffentlichkeit über die Situation von Hochschule, Schule und Wissenschaft (§ 2 der Satzung). Die vollständige Satzung kann mit dem in diesem Heft abgedruckten Bestellschein angefordert werden. Vorstand: Vorsitzende Dr. Hans Joachim Geisler, Dernburgstr. 53, 14057 Berlin, Tel. (0 30) 3 22 31 58, Fax über BFW-Büro, E-Mail hjgeisler@gmx.de Oberstudiendirektor Dr. Winfried Holzapfel, An der Ölmühle 16, 47608 Geldern, Tel. (0 28 31) 44 16, Fax (0 28 31) 99 29 72, E-Mail dr.winfried.holzapfel@t-online.de Professor Dr. Dr. Kurt J. Reinschke, Wachwitzer Bergstr. 32, 01326 Dresden, Tel. (03 51) 2 68 61 66 E-Mail kr@erss11.et.tu-dresden.de Schatzmeister Professor Dr. Günter Püttner, Schwerdstr. 3, 67346 Speyer Tel. (0 62 32)7 19 97

Erweiterter Vorstand: Professor Dr. Wolfgang Dreybrodt, Bekassinenstr. 86, 28357 Bremen, Tel. (04 21) 27 18 79 E-Mail dreybrodt@t-online.de Oberstudiendirektor Josef Kraus, Fürstenstr. 59, 84032 Ergolding, Tel. (08 71) 6 86 74, Fax (08 71) 63 03 90, E-Mail josef.kraus@landshut.org Professor Dr. Klaus-Dieter Rosenbaum, Bärenfelsallee 20, Gutshaus Rustow, 17121 Loitz, Tel./Fax (03 99 98) 3 12 93, E-Mail rosen@uni-greifswald.de Professor Dr. Winfried Schlaffke, Rüdellstr. 10, 50737 Köln, Tel. (02 21) 74 71 59, Fax (02 21) 7 40 52 50, E-Mail w.schlaffke@t-online.de Professor Dr. Gerd Wechsung, Rosenweg 3, 07751 Cospeda, Tel. (0 36 41) 44 76 73

Regionalbeauftragte Baden-Württemberg: Professor Dr. Jürgen Kullmann, Panoramastr. 27, 72116 Mössingen, Tel. (0 74 73) 57 68 oder (0 74 73) 27 24 68, Fax (0 74 73) 2 67 68, E-Mail: juergen.kullmann@uni-tuebingen.de Bayern: Oberstudiendirektor Willi Eisele, Kiefernweg 1, 82515 Wolfratshausen, Tel. (08171) 410923, Tel. (0 89) 2 33 43120, E-Mail: willi.eisele@gmx.de Berlin und Brandenburg: Frau Dr. Brigitte Pötter, Landauer Str. 6, 14197 Berlin, Tel. (0 30) 82 70 27 34, Fax (0 30) 82 70 27 36, E-Mail: bpoetter@gmx.de Bremen: Professor Dr. Wolfgang Dreybrodt, Bekassinenstr. 86, 28357 Bremen, Tel. (04 21) 27 18 79, E-Mail: dreybrodt@t-online.de Hessen: Frau Professor Dr. Lilo Süllwold, Guiollettstr. 53, 60325 Frankfurt am Main, Tel. (0 69) 72 74 92 Privatdozent Dr. habil. Siegfried Uhl, Homburger Landstraße 225/I 408, 60435 Frankfurt am Main, Tel. (0 69) 3 89 89-5 57, Fax (0 69) 3 89 89-2 33, E-Mail: s.uhl@help.hessen.de Mecklenburg-Vorpommern: Professor Dr. Klaus-Dieter Rosenbaum, Bärenfelsallee 20, Gutshaus Rustow, 17121 Loitz Tel./Fax (03 99 98) 3 12 93, E-Mail: rosen@uni-greifswald.de

Nordrhein-Westfalen: Studiendirektor Norbert Schlöder, Pater-Delp-Str. 11, 47877 Willich, Tel. (0 2154) 7 02 47, Fax (0 2154) 8 76 84, E-Mail: nschloeder@aol.com Sachsen: Professor Dr. Sigismund Kobe Leonhard-Frank-Str. 6, 01069 Dresden, Tel. (03 51) 4 71 43 11 E-mail: kobe@theory.phy.tu-dresden.de Thüringen: Professor Dr. Gerd Wechsung, Rosenweg 3, 07751 Cospeda, Tel. (0 36 41) 44 76 73 Sektion Berlin-Brandenburg: Vorsitzender: Dr. habil. Till Kinzel, Dortmunder Str. 15, 10555 Berlin, Tel. (0 30) 3 92 55 00, E-Mail: tillkinzel@hotmail.com

Mitgliedschaft, Jahresbeiträge Schüler, Studenten 15,– Euro, Berufsanfänger 50,– Euro, Einzelmitglieder 100,– Euro, Fördermitglieder 125,– Euro, Mitglieder aus den neuen Bundesländern 75,– Euro. Mitglieder erhalten die Zeitschrift „Freiheit der Wissenschaft“ und sonstige Veröffentlichungen des BFW kostenlos. Mitgliedsbeiträge sind steuerbegünstigt (s. u.); sie erhalten ohne Aufforderung eine Spendenbescheinigung. Bitte verwenden Sie die beigefügte Beitrittserklärung und zur Vereinfachung der Zahlungen am besten auch die beigefügte Ermächtigung zum Bankeinzug.

Spenden Für Spenden auf das Konto Nr. 0 233 858, (BLZ 380 700 24) Deutsche Bank Bonn ist der Bund Freiheit der Wissenschaft dankbar. Spenden an den Bund Freiheit der Wissenschaft sind steuerbegünstigt (s. u.). Sie erhalten ohne Aufforderung eine Spendenbescheinigung. Für regelmäßige Spenden können Sie zur Vereinfachung der Zahlungen am besten die beigefügte Ermächtigung zum Bankeinzug benutzen. Der Bund Freiheit der Wissenschaft e. V. ist wegen Förderung der Wissenschaft und der Volksbildung (entspr. Abschnitt A Nr. 4 der Anlage 1 zu § 48 Abs. 2 EStDV) nach dem letzten uns zugegangenen Freistellungsbescheid des Finanzamts für Körperschaften I von Berlin, StNr 27/661/54861, vom 26. 6. 2003 für die Jahre 2000, 2001 und 2002 nach § 5 Abs. 1 Nr. 9 des Körperschaftssteuergesetzes von der Körperschaftssteuer befreit, weil er ausschließlich und unmittelbar steuerbegünstigten gemeinnützigen Zwecken im Sinne der §§ 51 ff. AO dient.

Abonnement der Zeitschrift fdw Jahresabonnement für Nichtmitglieder: 12,– Euro inkl. Porto und Versandkosten. Für Mitglieder des Bundes Freiheit der Wissenschaft ist der Verkaufspreis durch den Mitgliedsbeitrag abgegolten. Auch Spender erhalten die Zeitschrift kostenlos. Bitte verwenden Sie für ein Abonnement einfach den beigefügten Abschnitt.
        
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