Path:
Periodical volume

Full text: Freiheit der Wissenschaft Issue 2005, Juni

wissenschaft
Lieber Leser Seite 2

freiheit der

Nr. 2 · Juni 2005

Herausgeber: Bund Freiheit der Wissenschaft

F 1634 F

AUS DER ARBEIT DES BUNDES FREIHEIT DER WISSENSCHAFT
Sektion Berlin-Brandenburg: Mitgliederversammlung Besuch der TU Bergakademie Freiberg in Sachsen Vortrag in Düsseldorf: Reinhold R. Grimm: Gestufte Bildung? – Wie das europäische Studienmodell die Hochschulen verändert Seite 3 Seite 4 Seite 5

AUS DEN BUNDESLÄNDERN
Nordrhein-Westfalen: Was will die neue politische Mehrheit? Dr. Helmut Linssen in „Nachgefragt“ Berlin: Generalangriff auf das Schulwesen Hessen: Bewährung steht noch aus – zum neuen Hochschulgesetz Mecklenburg-Vorpommern: Gedenken an die Studentenunruhen in Greifswald 1955 Sachsen: Die Umgestaltung der Universität Leipzig nach der Wende Reformszene in Österreich – Eine Skizze von Peter Meier-Bergfeld Seite Seite Seite Seite 11 15 17 19

Seite 20 Seite 21 Seite 28

SCHULE
Machnik/Uhl: Bildungsstandards, Kerncurricula, Lehrpläne – Steuerungskultur im Schulwesen Von Lith: Schulfördervereine stärken! Aufgeblättert Seite 36 Seite 30 Seite 33

Herbert Grabes: Einführung in die Kunst der Literatur und ... (Kinzel) Maria Reicher: Einführung in die philosophische Ästhetik (Kinzel) Herbert Marcuse: Die Studentenbewegung und ihre Folgen (Kinzel) Carl Schmitt: Frieden oder Pazifismus? (Kinzel) Christoph Böhr: Gesellschaft neu denken. (Holzapfel) Gruhl/ Kempf (Hrsg.): Naturkonservativ heute ... (Kinzel)

Im Wortlaut: KMK-Beschluß zur Lehrerbildung vom 2. Juni 2005 (siehe Seite 10!)

bfw
freiheit der wissenschaft
Offizielles Organ des Bundes Freiheit der Wissenschaft e. V. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte, Zeichnungen und Fotos und andere Beiträge übernimmt der Empfänger keine Haftung. Abdruck mit Quellenangabe und Belegexemplar gestattet. Die mit Namen gekennzeichneten Beiträge stellen nicht unbedingt die Ansicht von Herausgeber und Redaktion dar, sondern die persönliche Meinung des Verfassers. Zuschriften und Stellungnahmen zu Themen und Artikeln dieses Heftes sind willkommen. Wiedergabe und redaktionelle Kürzungen bleiben vorbehalten. Herausgeber: Vorstand des Bundes Freiheit der Wissenschaft e. V. Redaktion: Dr. Winfried Holzapfel Verbandsgeschäftsstelle: Postanschrift: Charlottenstraße 65, 10117 Berlin-Mitte (U-Bahnhof Stadtmitte, nahe Gendarmenmarkt) Büro: Petra Schauf Die Geschäftsstelle dient auch als Kontakt- und Informationsstelle. Für größere Veranstaltungen steht ein Hörsaal zur Verfügung. Telefon: (0 30) 20 45 47 04 Fax: (0 30) 20 45 47 06 E-Mail: bund.freiheit.wissenschaft @t-online.de Internet: http://www.bund-freiheit-derwissenschaft.de Bankverbindung: Deutsche Bank AG, Bonn (BLZ 380 700 24), Kto. 0 233 858

Lieber Leser,
energische Schritte zu tiefgreifenden Veränderungen macht die neue Regierungskoalition in Nordrhein-Westfalen. Dies gilt in vielen Politikbereichen, auch in der Bildungspolitik. Die Koalitionsvereinbarungen zeigen deutlich, daß die Wahlkampfaussagen eingehalten und zur Grundlage der konkreten Politik gemacht werden. Nun gilt es, die Betroffenen zu den neuen Ufern mitzunehmen. Dabei muß jederzeit erkennbar bleiben, daß die Veränderungen Verbesserungen sind. Studiengebühren – deren Einführung von Studentenprotesten begleitet wird – müssen nachvollziehbar zum Nutzen der Studierenden verwandt werden. Der Unterrichtsausfall muß spürbar zurückgehen. Die Lehrer müssen entlastet werden, um ihre pädagogischen, didaktischmethodischen und diagnostischen Potenziale zu entfalten und zu vergrößern. Die gute Schule der Zukunft steht und fällt allerdings mit der Qualität der Lehrerinnen und Lehrer. Und hier muß die solide fachwissenschaftliche Ausbildung durch eine Staatsexamensprüfung nachgewiesen werden. Ohne solides Wissen und Können im Fach sollte niemand, der Lehrer werden will, eine Schule betreten dürfen. Pädagogisches Talent und Interesse sowie pädagogische Schulung werden an dieser Stelle vorausgesetzt. In NRW will man für die Grundschulen und die Dr. Winfried Holzapfel ist einer der Berufskollegs die Schulbezirke aufheben. Vorsitzenden des Bundes Freiheit Man will den Wettbewerb unter den Schulen förder Wissenschaft. dern und durch öffentliches Ranking die Leistungen transparent machen. Wie das möglich ist, zeigen die Niederländer mit ihrer „Inspectie van het onderwijs“, die die Niedersachsen soeben kopiert haben und deren Arbeitsweise auch in Nordrhein-Westfalen in Kooperationsprojekten mit Erfolg erprobt worden ist. Die Schulen sollen nach dem Willen der Koalitionäre Personaleinstellungen und Mittelbewirtschaftung in eigener Regie vornehmen können. Hier sollte man die „Freiheit“ nicht zu weit treiben, aus verfassungsrechtlichen und aus praktischen Gründen. Der Staat ist verantwortlich für die Qualität und die Funktionsfähigkeit des Schulwesens, das heißt nicht nur Bildungsstandards ausdenken, das heißt auch: Er muß das Personal rekrutieren und für eine gerechte Verteilung sorgen, er muß die Mittel zur Verfügung stellen, die bewirtschaftet werden sollen. Er muß die Not (ab)wenden und durch entsprechende Steuerung für ausgeglichene Verhältnisse im Lande sorgen. Dies ist kein Ruf nach dem Staat aus Bequemlichkeit oder gar Staatsgläubigkeit, sondern eine Erinnerung an seine grundlegende Verpflichtung. Der Wettbewerb zwischen den Schulen und die Aufhebung der Schulbezirke darf nicht zu Verwerfungen führen. Was da geschehen kann, zeigt sich ebenfalls in den Niederlanden, wo sich durch die Trennung in sogenannte „schwarze“ und „weiße“ Schulen ein soziales Konfliktpotenzial von erheblicher Sprengkraft gebildet hat. Wenn der Staat endlich wieder verläßlich seine Aufgaben macht – einen Rahmen schafft, der dauerhaft hält und dem man vertrauen kann, werden alle sich wundern, welche Kräfte in den Schulen wach werden. Mit freundlichen Grüßen Ihr Winfried Holzapfel

Verlag, Herstellung und Anzeigen: Vereinigte Verlagsanstalten GmbH, Höherweg 278, 40231 Düsseldorf Internet: www.vva.de E-Mail: info@vva.de Anzeigenleitung: Ulrike Niggemann Anzeigenverkauf: Panagiotis Chrissovergis Tel. 02 01/8712 69 45 Fax. 02 01/8712 69 42 Anzeigentarif Nr. 12 ISSB 0343-7752

2

fdw 2/2005

Aus der Arbeit des Bundes Freiheit der Wissenschaft
Unsere letzte Vortragsveranstaltung fand am 18. April dieses Jahres in Düsseldorf statt. Professor Dr. Reinhold R. Grimm, Romanist an der Universität Jena, ist u. a. Präsident des Allgemeinen Fakultätentages; er sprach über das Thema „Gestufte Bildung? Wie das europäische Studienmodell die Hochschulen und Schulen verändert.“ Im sogenannten Bologna-Prozeß spielt die „Akkreditierung“, also Prüfung und Genehmigung von Studiengängen eine zentrale Rolle. Professor Grimm ist ein profunder Kenner dieser Verfahren. Es wurde sehr deutlich, wie schwer es ist, grundsätzliche Kritik an bestimmten Aspekten des Bologna-Prozesses mit dem Versuch in Einklang zu bringen, negative Folgen wenigstens zu mindern. Die Ambivalenz des Bologna-Prozesses kommt im Vortrag von Professor Dr. Grimm sehr stark zum Ausdruck (siehe S. 5 folgende!). Bei den beiden Landtagwahlen dieses Jahres in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen spielte die Schulpolitik eine besondere, mitentscheidende Rolle. Im nordrhein-westfälischen „Aktionsbündnis Schule“ hat auch der Bund Freiheit der Wissenschaft seine Forderungen zur Verbesserung der Schulen eingebracht, zusammen mit dem Philologenverband, dem Realschullehrerverband und dem Hochschulverband Nordrhein-Westfalen, den Verbänden der Lehrerinnen und Lehrer an Berufskollegs und an Wirtschaftsschulen, dem Verein katholischer Lehrerinnen, den Direktorenvereinigungen Nordrhein-Westfalens, den Landeselternschaften der Gymnasien und der Realschulen, Elternvereinen und Elternräten, Schulfördervereinen und anderen Vereinigungen. CDU und FDP haben als die neuen Regierungsparteien in NordrheinWestfalen inzwischen in den Koalitionsvereinbarungen ihre gemeinsamen bildungspolitischen Ziele formuliert und auf Parteitagen beschlossen (zu den neuen Entwicklungen in Nordrhein-Westfalen siehe S.11 ff.). in Berlin will daraus nichts lernen, wie ein „Bildungsparteitag“ der Partei gezeigt hat. Die Durchsetzung der aus der sozialistischen Mottenkiste hervorgekramten Beschlüsse durch die hier regierende Koalition aus SPD und PDS würde das ohnehin ganz schwache Berliner Schulwesen vollends ruinieren. Bitte lesen Sie mehr dazu ab S. 17! Vorstand gewählt (siehe unten). Die diesjährige Fahrt der Sektion führte zur alten, zugleich höchst modernen Bergakademie in Freiberg im sächsischen Erzgebirge (Bericht S. 4).

Die unausgegorenen und rechthaberischen Beschlüsse der Kultusministerkonferenz am 3. Juni zur deutschen Rechtschreibung werden für diese Zeitschrift keine Folgen haben. Wir bleiben auch nach dem August bei der bewährten Wiedergabe der deutschen Sprache. – Auf andere wichtige Beschlüsse dieser KMK-Tagung zu den Lehramtsstudiengängen mit Bachelor-/Master-Abschlüssen (Stichworte: Studium zweier Fachwissenschaften, Beihehaltung des Referendariats und des Staatsexamens möglich?) kommen wir Die Wahlergebnisse waren auch an anderer Stelle zurück. (S. 10) eine Antwort auf eine ideologisch bestimmte Schulpolitik Die Sektion Berlin-Brandender SPD. Deren Landesverband burg des BFW hat einen neuen

Wir hoffen, daß Ihnen unsere neue Website www.bund-freiheit-der-wissenschaft.de gefällt. Sie ist jetzt – darauf legen wir besonderen Wert – wirklich immer aktuell! Nach Überwindung einiger ärgerlicher Schwierigkeiten werden Benutzer nun auch automatisch von der alten auf die neue Website umgeleitet. Im vergangenen Februar haben wir mit der Friedrich-NaumannStiftung gemeinsam in Gummersbach eine Tagung zum Thema „Klimawandel“ veranstaltet. Einen Bericht darüber fanden Sie in der Märzausgabe unserer Zeitschrift. Einem Wunsch unseres damaligen Kooperationspartners folgend zeigen wir in dieser Ausgabe auf S. 35 eine Veranstaltung in der TheodorHeuss-Akademie im kommenden Juli in Gummersbach an. Dr. Hans Joachim Geisler

Zeitnahe Informationen auf unserer Website: http://www.bund-freiheit-der-wissenschaft.de

Mitgliederversammlung der BFW-Sektion Berlin-Brandenburg
Am 13. Juni 2005 fand in Berlin die Mitgliederversammlung der Sektion Berlin-Brandenburg des Bundes Freiheit der Wissenschaft statt. Den Jahresbericht über die Arbeit gab der bisherige Vorsitzende Professor Dr. Hans-Peter Berlien. Ihm und seiner Stellvertreterin Dr. Brigitte Pötter, die nicht wieder kandidierten, dankte die Versammlung herzlich für die geleistete Arbeit. Zum neuen Vorsitzenden wurde Dr. Till Kinzel gewählt. Ergebnis der Vorstandswahlen: Vorsitzender: Dr. Till Kinzel Stellvertreter: Prof. Dr. Hans-Peter Berlien Schatzmeister: Dipl.-Ing. Olaf Zach Erweiterter Vorstand: Dr. Roland Hahn Prof. Dr. Gudrun Kammasch Dr. Brigitte Pötter Nach der Wahl fand eine Diskussion über die weiteren Aktivitäten der Sektion statt. Prof. Dr. Ingo Pommerening Hilde Ribbe Prof. Dr. Hartmann Rüppel Klaus Stephan Dr. Rudolf Wieners

2/2005 fdw

3

Aus der Arbeit des Bundes Freiheit der Wissenschaft
Besuch in der TU Bergakademie Freiberg
Der Tradition folgend, einmal im Jahr einen Tagesausflug zu einer von Berlin aus erreichbaren Universität zu unternehmen, fuhren Mitglieder und Gäste der Sektion Berlin-Brandenburg des BFW am 23. April nach Freiberg in Sachsen. Das ebenfalls schon traditionelle Sektfrühstück im Bus ließ die knapp drei Stunden bis zur Ankunft in Freiberg wie im Flug vergehen. Im Verwaltungsgebäude der TU Bergakademie Freiberg in der Akademiestraße empfing uns der für Forschung zuständige ProRektor Professor Dr. Carsten Drebenstedt. Sein äußerst interessanter Vortrag spannte den Bogen über mehr als 800 Jahre Geschichte, vom ersten zufälligen Erzfund bis zur heutigen modernen Montanuniversität: Im Jahr 1168 wurden im Gebiet des heutigen Freiberg „glänzende Steine“ gefunden, deren Untersuchung einen hohen Silberanteil ergab. Von da an entwickelten sich der Bergbau und die erste Ansiedlung Christiansdorf bis hin zur wohlhabenden Stadt Freiberg, die Bergleute wurden zu geachteten und privilegierten Bewohnern. Dazu trug die „Bergfreiheit“ bei, mit der besondere Rechte (Marktrecht, Steuerfreiheit, eigene Gerichtsbarkeit) und die Entbindung von Pflichten (Befreiung vom Militärdienst) geregelt wurden, um den Bergbau zu fördern. Zu den Sonderrechten wirtschaftlicher Art gehörte, daß das Bierbrauen den Bergleuten und ihren Familien vorbehalten war. Der Siebenjährige Krieg (1756 – 1762) führte zu einer Krise. Viele Berg- und Hüttenanlagen wurden zerstört und Sachsen verlor einen Großteil der Bevölkerung an Preußen, so daß es zu einem Mangel an Fachleuten für Bergbau und Verwaltung kam. Der Oberberghauptmann Friedrich Wilhelm von Oppel überzeugte den Landesherren von der Notwendigkeit einer Ausbildungsstätte für die dringend benötigten Fachleute – so konnten er und Friedrich Anton Freiherr von Heynitz im Jahre 1765 die Bergakademie Freiberg gründen, die erste montanwissenschaftliche Hochschule der Welt; erster Student war Friedrich Wilhelm Heinrich von Trebra. Zu zahlreichen berühmten Lehrern und Studenten gehörten Abraham Gottlob Werner (Mitbegründer der wissenschaftlichen Mineralogie und Geologie), Alexander von Humboldt, Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (Novalis), Siegmund August Wolfgang Feiherr von Herder (Sohn des Weimarer Gelehrten und Dichters Johann Gottfried Herder), Wilhelm August Lampadius (befestigte als erster auf dem europäischen Kontinent eine Gaslaterne an seinem Wohnhaus und entwickelte das Prinzip der Gasbeleuchtung weiter für den allgemeinen und industriellen Bedarf). Im Gästebuch der Stadt ist sogar Casanova verzeichnet. Es gehörte sich einfach, in Freiberg gewesen zu sein. Zwei chemische Elemente wurden in Freiberg entdeckt: das Indium (1863 von Ferdinand Reich und Theodor Richter) und das Germanium (1886 von Clemens Winkler), womit das von Mendelejew entwickelte Periodensystem der Elemente eine Bestätigung erhielt. Bis heute verständigt man sich im russischen Bergbau mit deutschen Fachbegriffen. Grundlagen der Freiberger Forschung sind Rohstoffe für Material und Energie und Verfahren zu ihrer Erzeugung, um mit modernen Produkten wie Halbleitermaterial für Chips und Solarzellen oder Legierungen für Luft- und Raumfahrt die Lebensgrundlagen unserer Gesellschaft zu sichern. Folgerichtig haben sich entsprechende Unternehmen in Freiberg angesiedelt. Erneuerbare Energien, Umweltschutz und schonender Umgang mit Rohstoffen spielen dabei eine wichtige Rolle. Die eingeworbenen Drittmittel in Natur- und Ingenieurwissenschaften liegen über dem bundesdeutschen Durchschnitt und sind Beweis für

Zu Füßen Ottos des Reichen: Die Reisegruppe aus Berlin-Brandenburg

die Spitzenleistungen der Freiberger Wissenschaftler. Die Zahl der Studenten, nicht nur aus Sachsen, sondern zunehmend auch aus den alten Bundesländern und dem Ausland, steigt stetig. Zur Zeit sind 4.600 Studenten eingeschrieben, die sich auf die Ingenieur-, Geo-, Naturwissenschaften, Mathematik und Wirtschaftswissenschaften verteilen. Viel mehr sollen es allerdings nicht werden, um das hohe Ausbildungsniveau aufrecht erhalten zu können. Die Mischung aus Tradition und gründlich durchdachter Innovation ist erfolgreich, Absolventen, die nach wie vor die Bergakademie überwiegend mit dem Diplom verlassen, finden leicht einen adäquaten Arbeitsplatz. Bachelorstudiengänge werden vorerst nur eingeführt, wenn der Bedarf der Industrie an einem derartigen Abschluß festzustellen ist. Das ist in einigen Fachrichtungen, z. B. Werkstofftechnologie/Gießereitechnik der Fall. Promotionen führen zum Dr. rer. nat., Dr.-Ing. oder Dr. rer. pol.. Juniorprofessoren sind in den Ingenieurwissenschaften schwer vorstellbar und in Freiberg nicht geplant, denn die Professoren in technischen Fächern verbringen üblicherweise vor ihrer Berufung einige Jahre außerhalb der Hochschule in der freien Wirtschaft. Auch die Bergakademie Freiberg hat mit Etatkürzungen umzugehen, aber Hochschulverträge bis 2010 bieten eine

gewisse Planungssicherheit. Den unweigerlich bevorstehenden Kürzungen will man durch Konzentration auf Kernbereiche und hervorragende Ausstattung der verbleibenden Lehrstühle gerecht werden. Am Nachmittag folgte die Besichtigung des Freiberger Doms mit der berühmten Tulpenkanzel, der Silbermannorgel und dem Goldenen Tor (für Sanierungsarbeiten zur Zeit eingerüstet). Ein kompetent geleiteter Rundgang führte uns durch den im Krieg nicht zerstörten und nach der Wende fast vollständig restaurierten Stadtkern mit unverändertem Grundriß aus dem 12./13. Jahrhundert, der in seiner Gesamtheit unter Denkmalschutz steht. Freiberg bietet dem interessierten Besucher zahlreiche technische, kunstgeschichtliche und kulturelle Denkmäler, überaus bedeutende geowissenschaftliche und mineralogische Sammlungen, beeindruckende spätgotische Bürgerhäuser und ein 1790 gegründetes Stadttheater, das als ältestes in ursprünglicher Form erhaltenes Theatergebäude der Welt gilt. Zu Füßen von Otto dem Reichen (1125–1190), Markgraf von Meißen und Stadtgründer, entstand das obligatorische Gruppenbild, bevor die Heimreise angetreten werden mußte. Brigitte Pötter

4

fdw 2/2005

Aus der Arbeit des Bundes Freiheit der Wissenschaft
Vortrag in Düsseldorf
Reinhold R. Grimm (Jena)
Gestufte Bildung? Wie das europäische Studienmodell die Hochschulen verändert Einleitung
Es gibt heutzutage keinen hochschulpolitischen Diskurs mehr, in dem nicht von berufsbildenden Abschlüssen, gestuften Studiengängen, Leistungspunkten (ECTS), diploma supplements, Bakkalaureus und Bachelor, Magister und Master die Rede wäre. Der wirklich, vielleicht aber auch nur virtuell entstehende europäische Hochschulraum wird von solchen und ähnlichen Begriffen begleitet. Sie schwirren in deutschen oder englischen Varianten durch die Bildungsdebatte, zusammen mit dem rhetorischen Rückgriff auf italienische Städtenamen: von der Pisa-Katastrophe zum BolognaProzeß.

nicht nur besser, sondern gleich „exzellent“ werden. Bei soviel Begeisterung überrascht es nicht, daß die Einwände der Gegner des Bologna-Prozesses nicht weniger überschwenglich geraten.
Die endgültige Ökonomisierung und damit die Zerstörung der Humboldtschen Universität und des deutschen Bildungssystems, soweit es dem Ansturm der letzten Jahrzehnte standgehalten hatte, werden angekündigt. Ein angelsächsisches Universitäts- und Bildungsmodell, das auf ganz anderen historischen und ökonomischen Voraussetzungen beruhe, werde unsinnigerweise über das „bewährte“ deutsche Studiensystem gestülpt, anerkannte und international renommierte Studienabschlüsse, zumal das Diplom, würden ohne Not aufgegeben. Die Auflösung der wissenschaftlichen Disziplinen als Ort der Selbstorganisation der Wissenschaft drohe; die Lebensbasis der Wissenschaft, ihre Unabhängigkeit von politischen und ökonomischen Interessen gilt als gefährdet.

sich auf die Studiengangsstruktur und die Studiengangsinhalte, auf Organisationsabläufe in den Hochschulen und in den Verwaltungen und auf die Entscheidungen der Studierenden aus.

Vielleicht läßt sich der Reformprozeß stichwortartig so umschreiben: Die Hochschulabschlüsse im europäischen Hochschulraum sollen vergleichbar und äquivalent, nicht aber identisch werden. Dazu wird eine Reihe von Instrumenten entwickelt, die nicht nur auf den ersten Blick sehr formal und technokratisch anmuten. Diese Instrumente haben erhebliche Folgen für unser gesamtes Bildungssystem. In ganz Europa soll ein zweistufiges (oder dreistufiges) Studiensystem eingeführt werden, für dessen Abschlüsse angelsächsische Bezeichnungen übernommen werden. Die Vergleichbarkeit dieser Abschlüsse (Bakkalaureus/ Bachelor und Magister/Master) wird durch vergleichbare Studienorganisationsformen, durch die Modularisierung des Lehrangebots und durch studienbegleitende Prüfungen gewährleistet. Leistungspunkte (ECTS) machen den Studienaufwand deutlich; ein erläuternder Diplomzusatz (diploma supplement) stellt künftigen Arbeitgebern den Studiengang und seine individuellen Varianten vor. Eine Akkreditierung sorgt anstelle der ministeriellen Genehmigung für Mindeststandards in den neuen Studiengängen. Wie es nicht anders sein kann, hat sich in Deutschland bereits ein kompliziertes System der rechtlichen Umsetzung entwickelt. Angesichts der den Ländern zukommenden Bildungskompetenz handelt es sich hier um ein besonders schwieriges hochschulpolitisches Terrain. Eine Änderung des Hochschulrahmengesetzes von

Professor Dr. Reinhold R. Grimm

Abgewirtschaftete Begriffe wie Reform mögen zwischen den Parteien im weiteren oder im engeren Sinn strittig sein; im europäischen Hochschulraum und dem zu ihm führenden Bologna-Prozeß finden sich die Bundesländer – unabhängig davon, von welcher der großen Volksparteien sie regiert werden – erstaunlicherweise in homologer Begeisterung wieder, wenn man von einigen Nuancen absieht. Mit wechselnden Begründungszusammenhängen wird für diese europäische Hochschulreform geworben: Durch sie sollen die zu lange Studienzeit an deutschen Hochschulen verkürzt und außerdem die Studiengänge berufsbezogener werden. Die Internationalisierung soll entscheidende Schubkraft erhalten, der Austausch von Studierenden und Doktoranden gefördert und die internationale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Hochschulen wieder hergestellt werden. Die deutschen Universitäten, die unter dem Ansturm ihrer immer zahlreicheren und immer schlechter vorbereiteten Klientel in die Knie gegangen waren, sollen

Kurzer Überblick über den Bologna-Prozeß
Um was geht es im einzelnen? Deutschland hat sich gemeinsam mit 39 anderen europäischen Staaten verpflichtet, bis 2010 die Ziele der Bologna-Erklärung umzusetzen und sich am Aufbau eines Europäischen Hochschulraums zu beteiligen. In der Bologna-Erklärung europäischer Wissenschaftsminister von 1999 wurde eine grundlegende Umstrukturierung der Studiensysteme der Unterzeichnerstaaten beschlossen und mit ihrer Umsetzung, neudeutsch „Implementierung“, begonnen. Der sogenannte Bologna-Prozeß bringt umfassende Veränderungen auch für die deutschen Hochschulen mit sich. Die Reform wirkt

2002 hat den Bachelor- oder Bakkalaureusgrad und den Masteroder Magistergrad in das Hochschulrecht eingeführt; schwierige Verhandlungen der Kultusministerkonferenz haben zu ländergemeinsamen Strukturvorgaben geführt, die den Rahmen der angestrebten Reform erheblich einschränken: Die Regelstudienzeit für den BA wird auf drei bis vier Jahre, für den MA auf ein bis zwei Jahre festgeschrieben. Die Gesamtstudiendauer soll also fünf Jahre nicht übersteigen. Die erste Studienphase schließt mit dem BA als erstem berufsqualifizierenden Abschluß ab. Vielleicht am folgenreichsten ist die Entscheidung der Kultusministerkonferenz, zwischen Fachhochschul- und Universitätsabschlüssen nicht weiter zu unterscheiden. Nur einige wenige Disziplinen sind vorläufig vom Bologna-Prozeß ausgenommen, weil sie bisher durch Staatsexamina abgeschlossen werden: Jurisprudenz, Medizin, bis vor kurzem auch die Lehramts-Studiengänge. Aber auch in diesen Bereichen zeichnet sich die deutliche Tendenz ab, das Bologna-Modell auf die Dauer zu übernehmen. Unter verschiedensten Aspekten verändert der Bologna-Prozeß unsere Hochschullandschaft grundlegend: Gestufte Studiengänge werden nach den angestrebten künftigen Berufsfeldern und nicht

2/2005 fdw

5

Aus der Arbeit des Bundes Freiheit der Wissenschaft
mehr nach den Prinzipien der Selbstorganisation der Wissenschaft konstruiert. Die Organisationsformen unserer Studiengänge ändert sich entscheidend: Module und studienbegleitende Teilprüfungen zwingen zur Neukonzeption der Studieninhalte und ihrer Vermittlung. Der Unterschied zwischen Fachhochschulen und Universitäten wird relativiert. BA- und MA-Studiengänge können sowohl an Universitäten und gleichgestellten Hochschulen als auch an Fachhochschulen eingerichtet werden, allerdings ohne die unterschiedlichen Bildungsziele dieser Hochschularten in Frage zu stellen, wie es in den Strukturvorgaben heißt. Hochschulen können konsekutive Studiengänge einführen, aber auch BA- und MA-Studiengänge, zu denen keine Entsprechungen an derselben Hochschule bestehen. Für Inhaber eines ersten berufsqualifizierenden Hochschulabschlusses dürfen Masterstudiengänge auch dann eingerichtet werden, wenn an der Hochschule keine entsprechenden Bachelorstudiengänge angeboten werden. Zusammenfassend läßt sich vielleicht sagen, daß der Bolognaprozeß keine Vereinheitlichung der Studiengänge in Europa mit sich bringen muß. Innerhalb vergleichbarer Rahmenbedingungen sind vielmehr eine größere Vielfalt und eine steigende Kleinteiligkeit der Studiengänge denkbar. Allerdings sind deshalb neue Formen der Qualitätssicherung nötig. In diesem Punkt ist Deutschland sozusagen Bologna-Spitzenreiter, denn es hat bereits ein umfängliches und nicht immer übersichtliches System der Akkreditierung eingeführt. tage leider dazu, „international“ mit „angelsächsisch“ gleichzusetzen und ihre Erfahrungen aus gelegentlichen Besuchen amerikanischer Spitzenuniversitäten zu verabsolutieren. Nur so kann man verstehen, daß sie (zumindest zeitweilig) angelsächsische Abschlüsse wie den BA und den MA für ein in sich geschlossenes und in den englischsprachigen Ländern weitgehend identisches Modell hielten. Daraus generierte sich der erste massive Widerstand gegen den Bologna-Prozeß. Es wurde unterstellt, ein weitgehend amerikanisches Studienmodell werde den differenzierten europäischen Studienmodellen übergestülpt, ohne auf die völlig anderen kulturellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen Rücksicht zu nehmen. Das zweite Widerstandspotential wurde dadurch aktiviert, daß das verwendete Vokabular und die Begrifflichkeit weitgehend der ökonomischen Sphäre entliehen wurden. Begriffe wie „Qualitätssicherung“, „Output-Orientierung“ oder „Konkurrenz“ legen diesen Verdacht nahe. Die stärkere Betonung der Berufswelt scheint die Freiheit der Wissenschaft zu bedrohen. Rationalität und Ökonomisierung sind für die Protagonisten des Bologna-Prozesses fast identisch. Das dritte Widerstandspotential wurde durch das politikübliche Verfahren hervorgerufen, vernünftige, oder doch teilvernünftige, jedenfalls aber nicht immer kompatible Ziele mit dem Bologna-Prozeß zu verknüpfen: Er soll Vergleichbarkeit in den europäischen Hochschulraum bringen, das Studium verkürzen (jedenfalls für die BA-Absolventen), Studierende besser auf ihre Berufstätigkeit vorbereiten, verkrustete Fächerstrukturen aufbrechen etc. Es könnte sich freilich auch so verhalten, daß sich – ganz unabhängig davon, welche politischen (oder ökonomischen) Motive am Anfang standen – die Veränderung der europäischen und für uns zunächst einmal der deutschen Hochschullandschaft durchaus positiv gestalten läßt und daß ein differenziertes, aber gleichwohl engagiertes Urteil den Sachverhalt besser trifft. Ganz offensichtlich ist der Bolognaprozeß irreversibel geworden; es spricht also alles dafür, seine positiven Aspekte aufzugreifen und zu gestalten. Ich sehe hier eine wichtige und auf längere Zeit einmalige Chance, unser Universitätssystem zu verbessern. Gelingen wird dies allerdings nur, wenn den Hochschulen, den Fakultäten und den Disziplinen mehr Autonomie und selbständige Gestaltungsmöglichkeiten eingeräumt werden – und dies ist leider keineswegs sicher. schon immer gemacht haben. In den romanischen Länder, etwa Frankreich oder Italien, wird oft nur die Nomenklatur geändert. Man kann natürlich jeden „traditionellen“ Studiengang in zwei oder (mit dem Doktorat) drei Stufen einteilen und damit formal die Bologna-Voraussetzungen erreichen. Kurzum, ein in vergleichbarer Weise strukturierter europäischer Hochschulraum wird sich erst allmählich herausbilden. Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich einzelne Elemente des Bologna-Prozesses so durchsetzten, daß sie nicht identisch, aber äquivalent wären. Auch hier sollte Europäische und man den nationalen Traditionen nationale Aspekte ihr Recht lassen und sich auf Bekanntlich ändern sich komple- Spielräume einlassen. xe und historisch gewachsene Institutionen meist nur unter Druck Studium und von außen; für die Universitäten könnte der Bologna-Prozeß dies Berufsvorbereitung (BA) bewirken. Unter nationalen Ge- Ich möchte mich im Folgenden sichtspunkten kann er die deut- auf den nationalen Aspekt konschen Universitäten und Hoch- zentrieren und einige Gesichtsschulen und die an ihnen vertrete- punkte aufgreifen, um zu zeigen, nen Disziplinen zu einer Studien- in welcher Weise der Bolognareform zwingen, die sich tatsäch- Prozeß unsere Bildungsszene verlich mit den Studieninhalten und ändern wird. Eine Schlüsselstelihrer Vermittlung beschäftigt und lung nimmt dabei der erste (und sich am „Abnehmerkreis“, den für viele Studierende: einzige) Studierenden, orientiert. Studienabschnitt ein, der BakkalDie internationalen und europäi- aureus/BA also: Er soll zur emschen Ziele des Bologna-Prozes- ployability führen, was unsere ses sind ein größerer Austausch Hochschulpolitiker mit „berufsund eine organisierte Fluktuation qualifizierend“ übersetzt haben, in einem einheitlichen Studien- nicht etwa mit „berufsvorbereiraum, gefördert durch die Ver- tend“, wie es die Fakultätentage gleichbarkeit der Studiengänge als Vertreter der wissenschaftliund ihrer Abschlüsse. Hier liegen chen Disziplinen schon früh verwohl noch die meisten Probleme, langt haben. Die Bezeichnung des denn die größeren Spielräume BA als erster „berufsqualifizieund die Kleinteiligkeit der neuen render“ Abschluß ist zumindest Studiengänge verhindern zu- eine sehr ungenaue, aber folgennächst einmal weitgehend den schwere Behauptung oder Fordefreien Wechsel des Studienortes. rung. Wahrscheinlich werden die Stu- Keine unserer Universitäten hat je dierenden meist nur nach Absol- für einen Beruf ausgebildet, sonvierung eines Studienabschnittes dern immer nur so getan. Das gilt (BA oder MA) den Studienort auch für andere europäische wechseln können. Hochschulsysteme, die angelsächsischen inbegriffen. Und das gilt fächer- und disziplinenübergreifend. Der Begriff eines ersten berufsbildenden Abschlusses bringt eine ganze Reihe schwerwiegender Folgenprobleme mit sich: Wer darf nach Absolvierung des Bachelor-Abschlußes

Streit über den Bologna-Prozeß
Der Bologna-Prozeß wurde von Politikern erfunden, genau genommen von Wissenschaftsministern und ihren Beratern, bei denen nicht unbedingt intime Kenntnis der Realität des Hochschulsystems vorausgesetzt werden darf, in Deutschland und anderswo. Politiker neigen heutzu-

Auch täuschen die großen Worte darüber hinweg, daß der BolognaProzeß in den einzelnen europäischen Ländern zur Zeit durchaus verschieden umgesetzt wird. Viele britische Universitäten meinen, mit dem Bologna-Prozeß sei das gemeint, was sie tatsächlich

6

fdw 2/2005

Aus der Arbeit des Bundes Freiheit der Wissenschaft
weiterstudieren? Ab welcher Studienstufe gibt es Studiengebühren? Wie lang wird eine Förderung nach dem BAFöG gewährt?
Interpretiert man employability als „berufsvorbereitend“, ist das schon hinreichend revolutionär, weil bereits dies die Ausrichtung unserer Studiengänge von Grund auf verändert. In weiten Bereichen nehmen, jedenfalls an den Universitäten, Studiengänge wenig Rücksicht auf den späteren Beruf oder auf die Berufsziele ihrer Studierenden. Das gilt für die Jurisprudenz ebenso wie für weite Gebiete der Geisteswissenschaften. Die Studiengänge sind von den Fächern und ihrer Wissensstruktur her konzipiert; sie nehmen wenig Rücksicht auf die Erwartungen und Berufswünsche der Studierenden. Das mag in alten Zeiten zulässig, vielleicht auch sinnvoll gewesen sein, als ein viel kleinerer Teil der Bevölkerung zum Studium gelangte und als viele Berufszweige noch nicht „akademisiert“ waren. Doch ist dies heute nicht mehr akzeptabel.

denken. Wenn die Universitäten ihre Studien jetzt so organisieren, daß sie in die Richtung eines Berufsfeldes führen, ist das bereits ein bemerkenswerter Fortschritt. Wenn allerdings Länderpolitiker meinen, damit ein Instrumentarium der Studienlenkung entwickeln zu können und darüber nachdenken, wie viele Ingenieure, wie viele Ärzte, wie wenige Literaten oder Pfarrer Europa oder Hamburg brauchen, ist aus einem Befreiungsschlag das Gegenteil geworden. Oft wird bei der Debatte über die Berufsfeldorientierung der neuen Studiengänge der entscheidende Punkt übersehen: Studiengänge werden im Bologna-Prozeß nicht mehr ausschließlich von der wissenschaftlichen Disziplin und ihrer inneren Logik her entwickelt, sondern bis zu einem bestimmten Punkt von den Fachdisziplinen „abgekoppelt“ und interdisziplinär gedacht und angelegt. Sie werden einerseits kleinteiliger, andererseits vielseitiger akzentuierbar.

gänge ablöst, gibt es zwischen der ersten und zweiten Stufe eine Reihe variierender Kombinationsmöglichkeiten. Die Studiengegenstände müssen auf die gestuften Studienabschnitte des BA und des MA so verteilt werden, daß der BA-Abschluß einerseits den Weg in ein Berufsfeld öffnet, andererseits auf die nächste Studienstufe, den MA, vorbereitet. Ein BA-Studiengang ist also so zu konstruieren, daß er einen berufsvorbereitenden Wert in sich hat und gleichzeitig eine Vorbereitung auf ein späteres Fortsetzungs- oder Vertiefungsstudium ist. Ganz offensichtlich bringt dies eine Reihe von Problemen mit sich, die je nach den Fächerkulturen und Disziplinen stark differieren. Zwar läßt es sich schwerlich bestreiten, daß es Berufsfelder für BA-Absolventen gibt, doch gibt es Disziplinen wie die Medizin und die Theologie, in denen eine sinnvolle Stufung der Studiengänge schwer vorstellbar ist. Besonders die sogenannten „kleinen Fächer“ in den Geisteswissenschaften haben Probleme mit einem BA-Studium, das allenfalls die „Studierfähigkeit“ in der Altorientalistik oder der Ägyptologie herstellen könnte. Es steht außer Frage, daß in den Ingenieur- und Naturwissenschaften der Wissensstand des Diploms erst am Ende der zweiten Studienstufe, also mit dem MA, zu erreichen ist. Man sollte es diesen Fächerkulturen ermöglichen, innerhalb des Bologna-Modells sachlich angemessene Lösungen zu finden.
Dies gilt auch für zwei Fächerkulturen, die bislang vom BolognaProzeß als Staatsexamensfächer ausgenommen sind, die Medizin und die Jurisprudenz. Immer unter der Voraussetzung, daß eine sachgemäße Ausbildung zum Arzt oder zum Volljuristen nicht in einem BA-Studiengang möglich ist, sollten medizinnahe Berufsfelder und juristische Teilgebiete (im Versicherungsrecht etwa) auch in einem ersten Studienabschnitt erreichbar sein. Ob die Universitäten gut beraten sind, dergleichen den Fachhochschulen zu überlassen, ist zumindest eine berechtigte

Frage. Das Bologna-Modell sollte jedenfalls so differenzierend umgesetzt werden, daß sinnvolle und sachgemäße Lösungen möglich bleiben. Sonst träte an die Stelle eines Reformansatzes ein unpraktikables Korsett.

Lehrerstudiengänge
Dies gilt im übrigen auch für die Lehramtsstudiengänge, an deren Anpassung an das europäische Studienmodell in vielen Bundesländern zur Zeit unkoordiniert gearbeitet wird. Dabei ist der Verdacht nicht ganz abwegig, die Begeisterung, Lehrerstudiengänge zu stufen und zu modularisieren, habe vor allem einen budgetären Hintergrund. Berufsvorbereitende Abschlüsse sollten gerade nach dem Ergebnis der Pisa-Studien nicht im Schnellverfahren und zu „Billigpreisen“ angestrebt werden. Auch in gestuften Studiengängen müssen deshalb sowohl in der ersten (Bachelor/Bakkalaureus) als auch in der zweiten Studienphase (Master/Magister) fachwissenschaftliche Studienteile im Vordergrund stehen. Es wäre verhängnisvoll, wenn man die fachwissenschaftlichen Studieneinheiten nur auf einen der beiden Studienabschnitte konzentrierte und für den anderen Studienabschnitt vorwiegend oder ausschließlich didaktische Module vorsähe. Ein fachwissenschaftliches Kurzstudium bis zum Bakkalaureus oder erst in der Magisterphase würde allenfalls eine „Vorstellung“ von Fachwissenschaft und ein rudimentäres Überblickswissen ermöglichen, das in keiner Weise die für künftige Lehrer und Lehrerinnen notwendige Sachkompetenz und Methodenerfahrung vermitteln würde. Begleitend müssen didaktische und erziehungswissenschaftliche Module in beiden Phasen gestufter Studiengänge künftige Lehrer und Lehrerinnen befähigen, fachwissenschaftliches Wissen angemessen und erfolgreich zu vermitteln. Lehrer und Lehrerinnen dürfen nicht nur etwas mehr wissen als die Auszubildenden; sie müssen die fachlichen Hintergründe und Zusammenhänge kennen und diese in angemessenem Umfang auch

Demgegenüber bedeutet der Bologna-Prozeß schon so etwas wie eine kopernikanische Wende. Im Jargon der Hochschulpolitiker heißt dies „Output-Orientierung“ – ein Begriff, bei dem einem schon die Lust an der gemeinten Sache vergehen kann. Studiengänge sind auf das Ziel der Berufsfähigkeit hin zu strukturieren, und dies muß hinreichend explizit gemacht werden. Das Gemeinte läßt sich auch schlichter formulieren: man darf keine Studiengänge einrichten oder weiterführen, die nicht darüber nachdenken, was Studierende danach damit anfangen können. Es entsteht eine neue Verantwortlichkeit der Universitäten für ihre Absolventen. Natürlich wird die wirkliche Berufsausbildung weiterhin im Beruf stattfinden. Auch wird die Berufsvorbereitung (employability) in den verschiedenen Fächerkulturen sehr verschieden aussehen. In den Geistes- oder Sozialwissenschaften wird es sich weiterhin um die Vorbereitung auf Berufsfelder handeln, in den Natur- und Technikwissenschaften lassen sich andere Modelle

Einheitsmodell oder differenzierte Umsetzung
Wenn zunächst der Eindruck entsteht, im Bologna-Prozeß werde uniformisierend ein unnötiges Einheitsmodell über gewachsene und historisch entstandene Studiengänge gestülpt, dann liegt dies an Übertreibungen, die nicht nur an der Begrifflichkeit, sondern auch an der sprachlichen Uniformisierung abgelesen werden kann, die im übrigen in anderen Ländern der Europäischen Union nicht mitgemacht wird. In Österreich, wo die Umsetzung des Bologna-Prozesses schon weiter gediehen ist, spricht man statt von Bachelor und Master vom Baccalaureat oder Baccalaureus, statt vom Master vom Magister und schließt so an die gewachsenen Verhältnisse an. Die Einführung von BA-Studiengängen bringt ohnehin eine Reihe schwieriger Organisationsprobleme mit sich. In einem gestuften Studienmodell, das die traditionellen Diplom-, Staatsexamens- und Magister-Studien-

8

fdw 2/2005

Aus der Arbeit des Bundes Freiheit der Wissenschaft
vermitteln können. Deshalb wird erst ein MA-Abschluß in der Regel eine volle Berufsqualifikation erlauben.

Vergleichbarkeit, Modularisierung, Kleinteiligkeit

Die Maßgabe, BA-Studiengänge zu organisieren, zwingt die Universitäten darüber nachzudenken, daß sie für Studierende mit ganz verschiedenen Voraussetzungen und Zielen zuständig sind. Neben Studierenden, die ihren Bildungshorizont erweitern wollen und „nur“ einen berufsvorbereitenden BA-Abschluß anstreben, gibt es andere, die eine wissenschaftlich vertiefte Studienphase anstreben oder ganz in einen wissenschaftlichen Beruf eintreten wollen. Aus diesem Sachverhalt hat unsere Studienorganisation noch nicht die richtigen Konsequenzen gezogen. In den ersten Studienjahren Das europäische ist eine intensivere StudienbegleiStudienmodell als tung und damit auch eine höhere „Verschulung“ in manchen Fä- flexibles System cherkulturen deshalb zu begrüßen. Der Vorteil des Bologna-ProzesDer Bologna-Prozeß steht und ses scheint mir in dem Zwang zu fällt allerdings mit der flexiblen liegen, über Studienreformen Ausgestaltung seiner formalen nicht nur zu reden, sondern sie Vorgaben. Das eigentliche Pro- konkret durchführen zu müssen, blem seiner Umsetzung ist der was nicht ohne inhaltliche VeränÜbergang von der BA- zur MA- derungen möglich ist. Das euPhase (und damit in manchen ropäische Studienmodell darf daFächerkulturen auch der Über- bei nicht als die Übernahme eines Bildungssystems gang von Fachhochschulen-Studi- bestimmten mißverstanden werden, auch en zu einem universitären MAStudiengang). Gerade hier ließe wenn die englische Terminologie sich unser Hochschulsystem offe- das nahe legt. Die amerikanischen ner gestalten, ohne deshalb an Modell-Universitäten sind völlig Qualität verlieren zu müssen. anders finanziert als die staatliNicht alle, die einen BA-Ab- chen europäischen Universitäten. schluß machen, werden in allen Auch die Übernahme von EleFächerkulturen ein MA-Studium menten des französischen Hochbeginnen können, sowenig schon schulsystems mit seinen concours heute alle Studierende mit einem und Ausleseverfahren in einem Diplom- oder Staatsexamensab- viel zu frühen Stadium ist nicht schluß einen Doktorgrad erwer- wünschenswert. Das traditionelle ben. Übergänge sollten flexibel, deutsche Studiensystem mit seiaber ohne Qualitätsverlust ausge- nen auf Humboldt zurückgehenstaltet werden. Die Unterschiede den Traditionen ist, wie übrigens zwischen den Fächerkulturen und auch das britische, für viel weniger Studierende konzipiert. In eiden Hochschultypen werden nicht ner Gesellschaft, in der ein steiverschwinden, Unterrichtsformen gender Anteil der Bevölkerung und Unterrichtsziele werden nach zum Studium geführt werden soll, wie vor verschieden bleiben. muß ein Studium ganz anders orInsgesamt führen die Techniken, ganisiert sein, wenn wir wollen, mit denen im Bologna-Prozeß eu- daß möglichst viele Menschen die ropäische Vergleichbarkeit her- Chance haben, einen größeren Bil-

gestellt werden soll, nämlich Modularisierung und Leistungspunkte (ECTS), zu einem paradoxen Ergebnis. In der Realität wird die Vergleichbarkeit einzelner Studienelemente geringer, wenn jetzt jede deutsche Universität jedes Fach modularisiert und im übrigen auch Studiengänge konstruiert, die sich anderswo so nicht finden. Damit entsteht eine Kleinteiligkeit und eine neue Unvergleichbarkeit und Unübersichtlichkeit. Ein BAoder ein MA-Abschluß ist zwar nicht das Gleiche – weder in Europa noch in Deutschland – aber er ist vergleichbar. Die formale Vergleichbarkeit produziert eine konkrete Unübersichtlichkeit, wie dies schon immer der Fall war; auch in den Zeiten vor Bologna war ein völlig durchorganisiertes Studienfach wie die Jurisprudenz in München „anders“ als in Jena.

dungshorizont und mehr Berufsmöglichkeiten zu erhalten. Unvermeidlicherweise müssen sich unsere Studiengänge und unsere Studienorganisation verändern. Dies sollte mit möglichst vielen Variationsmöglichkeiten und mit möglichst vielen Sprachen (wörtlich und übertragen!) geschehen.

Der Bolognaprozeß kann viel flexibler gestaltet werden, als es die traditionellen nationalen Universitätssysteme in Europa bisher erlaubten. Wir benötigen eine Hochschulausbildung, bei der Studierende bei Studienbeginn noch nicht entschieden haben müssen, ob sie nach dem BA-Abschluß in ein Berufsfeld eintreten oder einen MA-Abschluß anschließen. Flexibler müssen auch die Übergänge zwischen den Hochschultypen gestaltet werden. Das Gleiche gilt für den Aufbau der Studienelemente (Module) eines Studiengangs. Eine Überreglementierung, wie sie in Deutschland leider zu erwarten ist, würde gerade die positiven Aspekte des Bologna-Prozesses konterkarieren. Unsere traditionellen europäischen Universitätssysteme sind zu früh selektiv. Das europäische Studienmodell könnte so ausgestaltet werden, daß eine Studienlenkung nach persönlichen Voraussetzungen und angestrebten Berufsfeldern erst an den Übergängen der Studienphasen qualitative Selektion durchsetzt. Deshalb kommt alles auf die Umsetzung im einzelnen an. Für die Universitätslehrer bedeuten die neuen Studiengänge den Zwang, nicht mehr eigenständig über die einzelnen Elemente der Module verfügen zu können. Dies verlangt in manchen Fächerkulturen einen Lernprozeß, der erst begonnen hat. Ein Studiengang ist nicht mehr die unmittelbare Folge einer wissenschaftsimmanenten Logik, sondern bringt nunmehr den Zwang mit sich, über die Grenzen des Fachs und der eigenen wissenschaftlichen Interessen hinweg die Relevanz jedes einzelnen Studienmoduls im Hinblick auf künftige Berufsfelder zu bedenken, allerdings stets in einer der Fächerkultur angemessenen und sachgerechten Weise.

Ohne Freiheit kann es keine Wissenschaft geben. Jedoch darf man die Wissenschaftsfreiheit nicht mit einem Studienprogramm verwechseln. Die Identität einer wissenschaftlichen Disziplin und ihre Forschungsperspektiven sind anders zu organisieren als Studiengänge, an denen diese Disziplin beteiligt ist. Vergleichbares gilt für die oft beklagte „Verschulung“ wissenschaftlicher Studiengänge. In der BA-Phase wird dies zutreffen; doch ist die Verschulung keineswegs absolut, denn Studierende können in vielen Bereichen zwischen mehreren Modulen auswählen. Vergleichbares gilt für die Lehrenden: innerhalb eines Moduls können sie die paradigmatisch gewählten Inhalte, den Aufbau der Veranstaltung, die didaktische Methode und die Leistungsüberprüfung frei bestimmen. Der Bologna-Prozeß verlangt, soll er die angestrebten Ziele erreichen, ein viel höheres Maß an Autonomie, als dies bisher in Deutschland den Universitäten zugestanden wurde. Nur in Österreich hat man bisher mutig die notwendigen Konsequenzen gezogen. Der Kompetenzstreit zwischen Bund und Ländern hat dies bisher in Deutschland als Problem verdeckt. Die Länder haben sich aber jetzt darauf geeinigt, Systeme der Akkreditierung einzurichten, die in konkurrierender Weise für alle Länder gelten. Auch der Akkreditierungsrat und die Akkreditierungsagenturen werden also keine Einheitlichkeit, wohl aber Vergleichbarkeit zwischen den deutschen Studiengängen herstellen. Künftig wird es gar nicht mehr so sehr darauf ankommen, was ein Ministerium oder eine Hochschulleitung, sondern was eine Akkreditierungsagentur von einem Studiengang hält. Dies könnte ein erster Schritt in die richtige Richtung sein, wenn sich nicht die Akkreditierungsinstanzen als neue Bürokratie regulierende Kompetenzen anmaßen, statt Spielräume zu eröffnen. Auch hier gilt für die Umsetzung des Bologna-Prozesses: Nicht Gleichmacherei, sondern geordnete Vielfalt sind nötig.

2/2005 fdw

9

Gestufte Studienstruktur in den Lehramtsstudiengängen KMK – Beschluß zur Lehrerbildung
Bei der Vortragsveranstaltung mit Professor Dr. Grimm am 18. April in Düsseldorf (Vortrag siehe vorhergehende Seiten!) spielten in der Diskussion Fragen der Lehrerausbildung eine große Rolle. Inzwischen hat die Kultusministerkonferenz auf ihrer 310. Plenarversammlung am 2. Juni 2005 in Quedlinburg dazu einen Beschluß gefaßt, den wir hier unseren Lesern zu Information und Meinungsbildung vorlegen.
„Für die Qualität des Schulunterrichts ist die Qualität der Lehrerbildung von wesentlicher Bedeutung. Sie setzt sich aus der vermittelten Qualifikation in den Bildungswissenschaften und den Fachwissenschaften sowie deren Didaktik zusammen. Für die Bewertung der Qualifikationen in den Bildungswissenschaften sind die von der Kultusministerkonferenz beschlossenen ländergemeinsamen Standards weiterzuentwickeln. Darüber hinaus ist es notwendig, ländergemeinsame inhaltliche Anforderungen für die Fachwissenschaften und deren Didaktik zu entwickeln. Auf dieser Grundlage werden die Studiengänge akkreditiert und evaluiert. Das Studium ist so zu reorganisieren, dass sich die einzelnen Module an diesen Standards und inhaltlichen Anforderungen orientieren. Dabei ist der Anteil der schulpraktischen Studien deutlich zu erhöhen und diese sowie die Bildungsund Fachwissenschaften und deren Didaktik sind stärker miteinander zu vernetzen, um eine verbesserte Orientierung an den Erfordernissen des Lehrerberufes zu erreichen. Zur Erarbeitung der Standards, von Kerncurricula für die Lehrämter und von Modulen soll wissenschaftliche Kompetenz herangezogen werden. Gleiches gilt für die Entwicklung eines Evaluierungskonzepts. Die Akkreditierung erfolgt über den Akkreditierungsrat. Um die Mobilität und Durchlässigkeit im deutschen Hochschulsystem zu sichern und im Interesse der Studierenden ist die wechselseitige Anerkennung der erbrachten Studienleistungen und der erreichten Studienabschlüsse zwischen den Ländern zu gewährleisten. Es ist Angelegenheit der Länder zu entscheiden, ob die bisherige Studienstruktur mit dem Abschluss Staatsexamen erhalten bleibt oder ob eine Überführung in die gestufte Studienstruktur erfolgt. Unabhängig davon, wie das Hochschulstudium organisiert ist (Staatsexamen oder gestufte Studienstruktur), schließt sich ein Vorbereitungsdienst an. Die Kultusministerkonferenz beschließt deshalb, auf der Grundlage ihres Beschlusses vom 28. Februar / 1. März 2002 über die Einführung von Bachelor-/Masterstrukturen in der Lehrerausbildung: 2.3 Im Rahmen des Akkreditierungsverfahrens ist insbesondere die Einhaltung 2.3.1 der ländergemeinsamen fachlichen Anforderungen für die Lehrerausbildung (Standards in den Bildungswissenschaften sowie ländergemeinsame inhaltliche Anforderungen der Fächer und ihrer Didaktik) 2.3.2 eventueller landesspezifischer inhaltlicher und struktureller Vorgaben festzustellen.

1. Die Kultusministerkonferenz akzeptiert die Studiengänge, die Bachelor-/Masterstrukturen in der Lehrerausbildung vorsehen und erkennt deren Abschlüsse an, wenn sie folgenden Vorgaben entsprechen: 1.1 Integratives Studium an Universitäten oder gleichgestellten Hochschulen von mindestens zwei Fachwissenschaften und 3. Einrichtung neuer Studiengänge von Bildungswissenschaften in Bei der Einrichtung neuer Bachelorder Bachelorphase sowie in der und Masterstudiengänge, mit denen Masterphase (Ausnahmen köndie Bildungsvoraussetzungen für ein nen die Länder bei den Fächern Lehramt vermittelt werden, sind die Kunst und Musik vorsehen). vorstehenden Regelungen sowie die 1.2 Schulpraktische Studien bereits Strukturvorgaben für die Bachelorwährend des Bachelor-Studiums. und Masterstudiengänge vom 1.3 Keine Verlängerung der bisheri10. Oktober 2003 in der jeweils gültigen Regelstudienzeiten (ohne gen Fassung zugrunde zu legen. DaPraxisanteile). bei können Praxiszeiten – bei entsprechender inhaltlicher Gestaltung – 1.4 Differenzierung des Studiums angerechnet werden. Laufbahnrechtund der Abschlüsse nach Lehrliche Regelungen der Länder bleiben ämtern. unberührt. 2. Die Kultusministerkonferenz erwartet, dass die Länder alle Studi- 4. Übergangsregelungen engänge, durch die die Bildungsvor4.1. Auf der Grundlage des KMKaussetzungen für ein Lehramt verBeschlusses vom 1. März 2002 mittelt werden, modularisieren, die bereits eingerichtete BachelorModule an den ländergemeinsamen und Masterstudiengänge, mit deStandards ausrichten und die Stunen die Bildungsvoraussetzundiengänge begleitend evaluieren. gen für ein Lehramt vermittelt werden, sind bis 2010 den vor2.1 Bachelor- und Master-Studienstehenden Regelungen anzupasgänge sind zu akkreditieren. sen. 2.2 Bei Bachelor- und Masterstudi4.2. Soweit für die Anwendung in engängen, die die Befähigung für Akkreditierungsverfahren geeigdie Aufnahme in den Vorbereinete ländergemeinsame Mintungsdienst für ein Lehramt verdestanforderungen für die Bilmitteln, wirkt, zur Sicherung der dungswissenschaften, die Fachstaatlichen Verantwortung für die wissenschaften und die Fachdiinhaltlichen Anforderungen der daktiken noch nicht vorliegen, Lehrerausbildung, ein Vertreter müssen die Anforderungen den der für das Schulwesen zuständiam jeweiligen Standort zuletzt gen obersten Landesbehörde im geltenden Studien- und PrüAkkreditierungsverfahren mit; die fungsordnungen für die StaatsAkkreditierung des jeweiligen examensstudiengänge entspreStudiengangs bedarf seiner Zuchen.“ stimmung.

10

fdw 2/2005

NRW: Neue Entwicklungen in Düsseldorf
NRW hat gewählt
Ergebnis für die in den Landtag gewählten Parteien.
Landtagswahl 22. Mai 2005 Stimmen Prozent SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands 3.059.074 CDU Christlich Demokratische Union Deutschlands 3.695.806 FDP Freie Demokratische Partei 508.354 GRÜNE BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 509.219
37,1 44,8 6,2 6,2

Landtagswahl 14. Mai 2000 Stimmen Prozent +/–%
3.143.179 2.712.176 721.558 518.299 42,8 37,0 9,8 7,1 –5,7 7,9 –3,7 –0,9
Quelle: Landtag intern

Neben der Arbeitslosigkeit war die Bildungspolitik und hier vor allem die Schulpolitik bestimmendes Thema des Landtagswahlkampfes in NordrheinWestfalen. Unter allen Politikfeldern hatte die CDU hier bei Meinungserhebungen den größten Vorsprung. Zu hilflos hatte die Regierung auf diesem Feld in den letzten Jahren agiert. Wenn auch viele Modellversuche durchaus aus guten Gründen gestartet worden waren, so hatte dies doch eher den Eindruck von Konzeptionslosigkeit verstärkt. Das Abladen der Verantwortung vor Ort unter dem Motto „Die Kompetenz ist an der Basis“ hatte das Regierungshandeln selbst den Respekt der Betroffenen gekostet 1. Das in letzter Minute in vielen Punkten veränderte neue Schulgesetz war dann der Auslöser für die Gründung des Aktionsbündnisses Schule, das am Ende sechzehn Bildungsverbände in sich vereinigte.2

Aktionsbündnis zog positive Bilanz: Peter Silbernagel, Karoline Pinkert.

Aktionsbündnis Schule bleibt wachsam
Zwar fand die Pressekonferenz des Aktionsbündnisses Schule, das sich nach Verabschiedung des neuen Schulgesetzes im Frühjahr 2005 gebildet hatte, am 18. Mai, vier Tage vor der Landtagswahl in NRW, keine übermäßig große Resonanz in den Medien, jedoch hatte das Bündnis, dem seit Mitte März auch der Bund Freiheit der Wissenschaft angehört, bis zu diesem Zeitpunkt schon die gebührende Aufmerksamkeit gefunden. Als der Sprecher des Bündnisses, der Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes, Peter Silbernagel, und Karoline Pinkert, die Vorsitzende des Landesverbandes zur Förderung von Menschen mit Lernbehinde-

rungen NRW (LERNEN FÖRDERN NRW e.V.), vor der Landespressekonferenz Bilanz zogen, fiel diese daher durchaus positiv aus. In weit mehr als 40 Einzelveranstaltungen hatte man etwa 25.000 Menschen direkt persönlich erreicht. Vor allem die von den Elternverbänden angesetzten Vorträge und Podiumsveranstaltungen hatten zahlreiche, in der Spitze über 1.000 Zuhörer, angezogen und in der lokalen Presse erheblichen Widerhall gefunden. Eine von allen Verbänden gemeinsam organisierte Veranstaltung in Essen in der Aula der ehemaligen Pädagogischen Hochschule hatte über 300 Teilnehmer. Bei dieser Veranstaltung warnte die ehemalige Schulministerin, Gabriele Behler (SPD), vor der Gefahr der regionalen Einmischung und Politisierung, wenn die Schulaufsicht nicht mehr auf einer mittleren Verwaltungsebene angesiedelt werde. Auch Professor Dr. Wolfgang Löwer mahnte:

„Aufsicht braucht Distanz“. Das Aktionsbündnis vertritt zwei zentrale Forderungen: Das gegliederte Schulsystem muß erhalten bleiben. Es bedarf einer schulformbezogenen, überregionalen Schulaufsicht. Nach den Worten der Vorsitzenden der Landeselternschaft der Gymnasien, Gabriela E. Custodis, sind die Ziele des Eltern-Engagements im Aktionsbündnis Schule vor allem: • Verbesserung der Qualität der Bildung unserer Kinder und der Ausbildung unserer Lehrer • Schaffung der notwendigen Rahmenbedingungen für erfolgreiches Lernen • Verbesserung des Unterrichts • Evaluation und Leistungsüberprüfungen zur Erhöhung der Transparenz

2/2005 fdw

11

• Qualitätskontrolle durch fachbezogene und schulformbezogene Schulaufsicht.

mäßiger Unterricht ist die Basis jeder guten Schule und jeder guten und chancenreichen Ausbildung unserer Kinder. Veränderte Schulstrukturen bewirken keine Verbesserung des Unterrichts“.

Politikwechsel erheblichen Ausmaßes/KoalitionsverhandlunPrononciert heißt es: „Guter und regel- gen verliefen zügig
Nach den Stunden des Triumphes folgten für die Wahlsieger Tage harter Arbeit.

Nun beobachten alle Mitglieder des Aktionsbündnisses Schule die Entwicklung mit Spannung. Für eine erste Irritation hat gesorgt, daß die neue Regierungskoalition das von ihr abgelehnte und bekämpfte Schulgesetz, das Rot-Grün noch im Früh-

Die neuen Regierungsparteien mußten ihre Wahlkampfprogramme zu einem Koalitions- und Regierungsprogramm vereinen. Da die Berliner Politik die Bühne beherrschte, konnten die Unterhändler das relativ ungestört tun. Und in der Tat: Die Einzelthema Studiengebühren Koalitionsverhandlungen verliefen zügig. Seit vielen Jahren fordert der Bund FreiIn zehn Verhandlungsrunden war alles heit der Wissenschaft die Wiedereinführung von Studiengebühren.3 Der ehemalige Vorsitzende des Bundes Freiheit der Wissenschaft, Professor Dr. Arthur Woll, hat die Argumente, die dafür sprechen, schon vor Jahren in einem Beitrag für „freiheit der wissenschaft“ zusammengefaßt 4. Bekanntlich bedurfte es eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts, den Weg für die Erhebung von Studiengebühren frei zu machen. Ironie der Geschichte scheint zu werden, daß ausgerechnet NRW, das als letztes Bundesland eine CDU-geführte Landesregierung erhalten hat, unter Jürgen Rüttgers, der lange Zeit Studiengebühren strikt abgelehnt, aber im Wahlkampf offen gefordert hat, als erstes Bundesland Studiengebühren einführt.
Foto: fdw

wählen zu lassen und ihre Wahlzeit auf acht Jahre zu begrenzen). So wichtig es ist, Dynamis und Energeia freizusetzen, so notwendig und weise scheint es, erst einmal stabile und tragfähige Rahmenbedingungen zu schaffen und durch verläßliches Regierungshandeln den Menschen Vertrauen zu geben und sie so auch von der gesellschaftspolitischen und sozialen Kompetenz derer, die das Sagen haben, zu überzeugen.

Im Rampenlicht: Dr. Jürgen Rüttgers beim Sonderparteitag der CDU in Düsseldorf

unter Dach und Fach. Dies kann man durchaus als gutes Vorzeichen für die künftige Zusammenarbeit in der Regierung deuten. Jedenfalls sind die Einigungen ohne erkennbare Aufregung oder gar einen Mißklang oder Streit herbeigeführt worden. Die Koalitionsvereinbarungen sind mit überwältigenden Mehrheiten (bei der CDU bei über 500 Delegierten nur eine Gegenstimme und eine Enthaltung, bei der FDP nur Zustimmung der Die fdw fragte den designierten Finanzrund 400 Delegierten) von den Parteitagen minister, Dr. Helmut Linssen, nach seiner Meinung zu Studiengebühren, nach der gutgeheißen worden. (Auszug S. 13 ff.) Art und Weise, wie Studiengebühren erEs kündigt sich nun ein Politikwechsel hoben werden sollen, und nach der Vererheblichen Ausmaßes in Nordrhein- wendung der Mittel. (siehe unter „NachWestfalen an. Bei der Umsetzung wird gefragt“, Seite 15)! man daher gut daran tun, die BetroffeWinfried Holzapfel nen mitzunehmen (wie man zu sagen pflegt) und mit guten Argumenten in die Um nicht mißverstanden zu werden: Hier soll nicht der Veränderungsprozesse einzubinden. stellung der alten Regelungsdichte und bürokratischen WiederherKnebelung Dabei täte man gut daran, mit dem oder etwa der gar nicht so seltenen Selbstentmündigung durch Rückschneidigen Vorgehen nicht zu überzie- und Anfragementalität nach der Devise „Darf ich auch?“ das Wort Koalitionsvertrag von „verläßlicher Grundhen und bei einzelnen Punkten der Ko- geredet werden. Im Schulen“ die Rede.istDas reicht – wenn die verausstattung unserer alitionsvereinbarungen auch scheinbar läßliche Grundausstattung verläßlich und gründlich ist. Der Vorgang hat gezeigt, daß Wachsam- retardierende Meinungen zu beachten Mitglieder siehe vorne S. 3! Die Studiengebühren wurden im Wintersemester 1970/71 abgekeit weiterhin angebracht ist und das Akti- (zum Beispiel bei den Vorhaben, die schafft. Schulleiter von den Schulkonferenzen In fdw 3 September 1995 onsbündnis noch Arbeit hat.
jahr beschlossen hatte, nicht sofort wieder kassieren wollte. Lehrer- und Elternverbände hatten damals die Änderungen, die Rot-Grün in letzter Minute vorgenommen hatte, nicht mehr kommentieren können. Nun scheint das Bündnis mit einem Appell an die Koalitionsunterhändler und mit einigen Nachfragen bei den Abgeordneten der künftigen Regierungsparteien seinen Teil dazu beigetragen zu haben, daß – soweit rechtlich möglich – bis zum Beginn des neuen Schuljahres wenigstens solche Veränderungen noch vorgenommen werden, die der Handlungssicherheit an den Schulen dienen. Dazu sollten mindestens gehören: Beibehaltung des Fachunterrichts in den Naturwissenschaften anstelle der Einführung des neuen unspezifizierten Faches „Naturwissenschaft“ und die Abschaffung der in letzter Sekunde von den Grünen ins Schulgesetz eingeschmuggelten Drittelparität in der Schulkonferenz.
1 2 3 4

Das kann ein heißes Thema werden. Die SPD hatte versucht, mit Angst vor der Einführung von Studiengebühren im Wahlkampf zu punkten, jetzt regen sich Studentenproteste im Lande. CDU und FDP zeigen sich standfest und von der Notwendigkeit der Einführung von Studiengebühren überzeugt. Sie befürworten das Modell sogenannter „nachgelagerter“ Studiengebühren. So hat es auch Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden.

12

fdw 2/2005

Die Koalitionsvereinbarung zu Schul- und Hochschulpolitik
Die Koalition der Mitte will den Schulen in Nordrhein-Westfalen neue Perspektiven geben. Wir wollen ein gerechtes Schulwesen, in dem jedes Kind und jeder Jugendliche unabhängig von seiner Herkunft seine Chancen und Talente nutzen und entfalten kann. Wir wollen die Allgemeinbildung als Grundlage lebenslangen Lernens wieder in den Mittelpunkt rücken. Wir wollen der Orientierung an den christlichen Grundwerten unserer Gesellschaft und unserer Verfassung wieder mehr Geltung verschaffen. Wir wollen, daß Erziehung wieder einen größeren Stellenwert in den Schulen bekommt und ermutigen auch die Eltern, ihren Erziehungsauftrag wieder stärker wahrzunehmen.Wir wollen, daß alle Schulabgänger, die dazu befähigt sind, gut für eine Berufsausbildung oder ein Studium gerüstet sind. Dazu gehört, daß wieder alle lesen, schreiben und rechnen können. Die Qualität unseres Bildungswesens werden wir durch eine bessere Lehrerversorgung und durch mehr Leistungsorientierung und Wettbewerb verbessern. Wir werden die Selbstentfaltung der Kinder, ihre Neigungen und Talente unter verbesserten Bedingungen frühestmöglich fördern und fordern. Grundlagen dafür werden in der vorschulischen Betreuung gelegt. Kindergärten und Schulen haben einen Bildungs- und Erziehungsauftrag. Schule und Unterricht werden stärker orientiert an der individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler. Wir geben dem System der Dualen Ausbildung ein modernes Gesicht und stärken die Berufskollegs. Dem lebenslangen Lernen kommt eine immer größere Bedeutung zu. Darum entwickeln wir den Bereich der Weiterbildung zur vierten Säule unseres Bildungswesens.

Novellierung des Schulgesetzes
Wir werden vor Inkrafttreten des neuen Schulgesetzes als Sofortmaßnahme auf dem Verordnungsweg alle Möglichkeiten nutzen, um darin angelegte, bildungspolitisch falsche Weichenstellungen zu stoppen. Wir werden die Einführung von integrativen Unterrichtsfächern (Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften) als Ersatz für den spezifischen Fachunterricht ebenso zurücknehmen, wie die Abschaffung der Halbjahreszeugnisse in Klasse 3.Anschließend werden wir eine umfassende Novellierung dieses Gesetzes vornehmen. Dabei werden wir insbesondere die individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen festschreiben, den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule schulformspezifisch formulieren sowie die Selbständigkeit und Eigenverantwortung der Schulen erweitern.

Wir wollen die Ganztagsangebote erweitern und qualitativ verbessern. Im Rahmen ihrer erweiterten Eigenverantwortung werden wir die Schulen dazu in die Lage versetzen. Dabei legen wir den Schwerpunkt auf Grund- und Hauptschulen. Zusätzlich zu den bestehenden und von der bisherigen Landesregierung geplanten Mitteln werden wir den Schulen 2.400 Lehrerstellen-Äquivalente (jährlich 120 Mio. Euro) für Ganztagsangebote in Form von Budgets für einen flexiblen Personaleinsatz zur Verfügung stellen.

Fördern und fordern
Das Einschulungsalter wird schrittweise vorgezogen. Kinder sollen bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres eingeschult werden. Den Kindern, die noch nicht schulfähig sind, werden wir eine besondere Förderung ermöglichen. Wir wollen schrittweise erreichen, daß bereits ab der 1. Klasse zur ersten Fremdsprache hingeführt wird. Am Ende der 2. Klasse werden ergänzend zum Berichtszeugnis Ziffernnoten erteilt. Die unverbindliche Grundschulempfehlung wird durch ein verbindlicheres Grundschulgutachten ersetzt. Nach einem Beratungsgespräch findet im Falle des Abweichens von der Empfehlung ein Auswahlverfahren statt. Zur Vergleichbarkeit schulischer Abschlüsse werden zentrale Abschlußprüfungen am Ende der Bildungsgänge sowie Lernstandserhebungen in den Klassen 3 und 8 durchgeführt. Das 10. Pflichtschuljahr kann auch im Rahmen einer Berufsausbildung absolviert werden (Wechselmöglichkeit nach Klasse 9 in Berufsbildung). Wir werden sicherstellen, daß das Abitur nach zwölf Jahren ohne Qualitätsverlust erreicht werden kann. Wir wollen den Schulen die Möglichkeit geben, spezielle Angebote zur Förderung von lernschwachen und hochbegabten Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Hierzu sollen die Schulen spezielle Förderverbünde gründen können. Wir wollen durch bessere und individuellere Förderung gewährleisten, daß mehr Schülerinnen und Schüler als bisher das Klassenziel erreichen. Der Drittelerlaß wird aufgehoben. Die disziplinarischen Rechte der Lehrer wollen wir stärken. Das Arbeits- und Sozialverhalten der Schüler soll verbindlich auf den Zeugnissen dokumentiert werden.

Mehr und verläßlicher Unterricht
Zur Bekämpfung des Unterrichtsausfalls schaffen wir in der neuen Legislaturperiode schrittweise und bedarfsgerecht auf alle Schulformen verteilt 4.000 neue Lehrerstellen. Sie werden aus dem jährlichen Abbau von 1,5 Prozent der Stellen in der inneren Landesverwaltung sowie über eine konsequente Umsetzung alter und neuer kw-Vermerke finanziert. Die Sicherstellung des Unterrichts – gegebenenfalls auch am Nachmittag – liegt in der Verantwortung der Schulleitungen. Elternsprechtage, Konferenzen etc. finden grundsätzlich außerhalb der Unterrichtszeiten statt.

Vor schweren Aufgaben: Dr. Helmut Linssen und Christa Thoben

Foto: fdw

2/2005 fdw

13

Leistung durch Wettbewerb
Im Rahmen der Verantwortung und Aufsicht des Staates stellen sich die Schulen in Freiheit dem Wettbewerb und sind selbständig und eigenverantwortlich. Das Land beschränkt sich auf die Vorgabe schulformspezifischer Bildungsstandards und Lernziele. Kontingentstundentafeln, Lehrpläne, Noten- und Versetzungsordnungen bleiben verbindlich. Schulen erhalten Stellen und ein Sachmittelbudget. Sie stellen ihre Lehrer selbst ein. Die Schulleiter werden durch die Schulkonferenz zunächst für die Dauer von acht Jahren gewählt. Die Koalition der Erneuerung strebt für die Grundschule und Berufskollegs eine planbare und geordnete Abschaffung der Schuleinzugsbezirke an. Bis 2008 erhalten die Kommunen hierzu eine Übergangszeit zur Vorbereitung auf eine veränderte Schulentwicklungsplanung. Die Kommunen erhalten die Option, bereits zu einem früheren Zeitpunkt Schuleinzugsbezirke abzuschaffen. Um das zu ermöglichen, wollen wir eine intensive schulische Förderung der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Das bedeutet eine bessere Mittelausstattung für Schulen bzw. Klassen mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund. An Hauptschulen mit einem überproportionalen Anteil an Jugendlichen mit Migrationshintergrund muß ein zielgerichteter Einsatz der bestehenden Integrationshilfestellen sichergestellt werden.
Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung werden durch ein unabhängiges Institut gewährleistet. Ergebnisse zentraler Abschlußprüfungen sowie der internen wie externen Evaluation werden veröffentlicht. Auf dieser Grundlage entsteht ein Ranking aller Schulen.

speziellen Förderschulen. Integrative Lerngruppen können eingerichtet werden, wenn die dort stattfindende Förderung nicht auf Kosten einer besseren Förderung in einer Sonderschule geschieht.

Lehrerberuf
Wir wollen das Ansehen des Lehrerberufs verbessern. Die Lehrerarbeitszeit wird flexibler und gerechter gestaltet. Die Lehrerausbildung an den Hochschulen muß wieder klar und planbar werden. Sie muß praxis- und schulformorientiert sein und auf einem engen Austausch zwischen Schulen und Hochschulen basieren. Wir wollen die Wartezeit zwischen Beendigung des Studiums und Beginn des Referendariats verkürzen. Wir wollen Fortbildungsaktivitäten verstärken. Sie finden künftig in der unterrichtsfreien Zeit statt.

Private Hochschulen werden wir fördern. Sie ergänzen und bereichern das Spektrum der Hochschulen in Nordrhein-Westfalen. Die Errichtung von Stiftungshochschulen wird erleichtert. Stiftungshochschulen können ihr Personal auf der Grundlage privatrechtlicher Verträge einstellen.
Wir streben die Übertragung der Hochschuleigenschaften aus dem Vermögen des Bau- und Liegenschaftsbetriebes (BLB) auf die Hochschulen an, um damit die Autonomie der Hochschulen weiter zu stärken.

Hochschulen sollen ihre Studenten selber aussuchen, Studenten sollen an die Hochschule ihrer Wahl gehen können. Bei der Einführung von konsekutiven Studiengängen (Bachelor/Master) wird es keinen Zwang und keine Quotenvorgaben geben. Die Umstellung soll zwar schnellstmöglich erfolgen, der Sache selbst ist aber nur gedient, wenn der Zeitdruck herausgenommen wird. Die Kapazitätsverordnung wird mit dem Ziel ihrer Abschaffung einer grundlegenden Revision unterzogen. Hochschulen sollen unbegrenzt Vermögen bilden und eigene Einnahmen erwirtschaften können. Zur Erfüllung ihrer Aufgaben können Hochschulen Unternehmen gründen; hinderliche bürokratische Schranken werden aufgehoben. Hochschulangehörige sollen bei der Gründung von Unternehmen unterstützt werden. Wir räumen den Hochschulen das Recht ein, bis zu einer Höchstgrenze von 500,– Euro pro Semester Studienentgelte zu erheben. Diese zusätzlichen Einnahmen verbleiben gesichert an den jeweiligen Hochschulen. Wer Studienentgelt zahlt, muß im Gegenzug gute Studienbedingungen vorfinden. Das Angebot der Hochschulen muß jedem Studenten ermöglichen, sein Studium in der Regelstudienzeit erfolgreich abzuschließen. Niemand muß aus finanziellen Gründen auf ein Studium verzichten. Dazu können die Studienentgelte nachgelagert entrichtet werden. Deshalb kann jeder, der studieren kann und will, unabhängig vom Elterneinkommen ein Studium aufnehmen. Die sozialverträgliche Einführung von Studienentgelten wollen wir in Zusammenarbeit mit der Kreditwirtschaft durch das Angebot von Darlehens- und Bürgschaftsmodellen sowie Stipendien-Programmen unterstützen. An der Förderung des Lebensunterhalts von einkommensschwächeren Studierenden wird festgehalten. BAföGEmpfänger entrichten kein Studienentgelt 1). Zur Stärkung der Hochschulmedizin wollen wir eine qualitative Aufwertung und eine gezielte Förderung der klinischen Forschung erreichen. Wir werden die Eigenständigkeit von Kunst- und Musikhochschulen sichern. Frauen- und Familienbelangen wird durch die Hochschulen Rechnung getragen.
1)

Weiterbildung
Dem Bereich der Weiterbildung kommt in Zukunft eine hohe Bedeutung zu. Wir verstehen den Bereich der Weiterbildung als vierte Säule unseres Bildungswesens. Wir wollen die Angebote der Weiterbildung evaluieren und eine verläßliche Grundförderung des Landes gewährleisten. Wir wollen die Potentiale, die in der Pluralität der Weiterbildungsträger liegen, weiter ausbauen und nutzen – dabei bleibt die Weiterbildung kommunale Pflichtaufgabe. Die Pluralität der Träger ist eine Grundvoraussetzung für das Weiterbildungssystem in Nordrhein-Westfalen.

Wir werden Schulen in freier Trägerschaft fördern. Wir werden das Versprechen, die Ersatzschulförderung wieder auf das alte Niveau anzuheben, einhalten.

Hochschulen
Wir geben den Hochschulen mehr Freiheit und Autonomie. Wir übertragen ihnen im Rahmen eines Hochschulfreiheitsgesetzes Kompetenzen und Verantwortung auch für Finanz-, Personal- und Organisationsentscheidungen. Dabei bleiben Hochschulen Körperschaften des öffentlichen Rechts mit dem Recht auf Selbstverwaltung. Sie werden jedoch keine staatlichen Anstalten mehr sein. Das bedeutet auch, daß der Staat die Rechts-, nicht jedoch die Fachaufsicht führt. Die Koalition der Mitte will die Qualität und Leistungsfähigkeit des nordrhein-westfälischen Hochschulwesens verbessern und so dessen Wettbewerbsfähigkeit im nationalen wie internationalen Vergleich stärken. Wettbewerbsfähige Hochschulen sind international, unabhängig, wirtschaftlich und profiliert. Hochschulen sollen mittelfristig volle Dienstherrenfähigkeit erhalten. Land und Hochschulen schließen partnerschaftliche Zielvereinbarungen ab. Sie sind längerfristig angelegt und gewährleisten Planungssicherheit.

Schulstruktur
Das gegliederte, begabungsgerechte Schulsystem wird erhalten, weiterentwickelt und verbessert. Die Einheitsschulaufsicht wird durch ein schulformspezifisches Controlling ersetzt. Gesamtschulen müssen sich im Wettbewerb bewähren. Für sie sollen dieselben Standards unter den gleichen Rahmenbedingungen wie für andere Schulformen gelten, beispielsweise bezogen auf die durchgängige Einhaltung der Richtwerte für die Oberstufe. Gesamtschulen können unter gleichen Bedingungen wie andere Schulen eingerichtet werden. Wir wollen die Berufskollegs stärken. Wir wollen, daß Berufskollegs sich verstärkt als Alternative der Sekundarstufe II zu allgemeinbildenden Gymnasien entwickeln. Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf erhalten auch weiterhin eine optimale Förderung in

siehe hierzu in: „Nachgefragt“.

14

fdw 2/2005

Nachgefragt:
Herr Dr. Linssen, im Wahlkampf hat die CDU keinen Hehl daraus gemacht, daß bei einer Regierungsübernahme an den Hochschulen in NRW Studiengebühren eingeführt werden sollen. Der Koalitionsvertrag von CDU und FDP sieht vor, daß schon ab dem kommenden Sommersemester an den nordrhein-westfälischen Hochschulen Studiengebühren in Höhe von 500 Euro pro Semester gezahlt werden müssen. Welches sind für Sie persönlich die ausschlaggebenden Gründe für die Einführung? Dr. Linssen: Für die CDU hatte und hat die Bildung in NRW Vorrang. Deshalb ist es wichtig, daß wir die Qualität von Lehre und Studium an den nordrhein-westfälischen Hochschulen verbessern. Dafür müssen die Hochschulen mit ausreichenden Mitteln ausgestattet werden. Die Studiengebühren dienen der Verbesserung von Lehre und Studium, denn sie verbleiben in vollem Umfang bei den Hochschulen. Davon profitieren letztendlich die Studierenden. Wenn sie zahlen, haben sie einen Anspruch darauf, vernünftige Studienbedingungen vorzufinden. In vielen Diskussionen, die wir während des Wahlkampfes geführt haben, wurde uns vorgeworfen, daß die Einführung von Studiengebühren unsozial sei. Dies ist falsch, denn heute bezahlen der einzelne Baggerfahrer und die Krankenschwester mit ihren Steuern das Studium junger Menschen auch aus gut situierten Elternhäusern. Das muß sich ändern. Studiengebühren entrichten müssen. Die Gebühren können bis zur Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit gestundet werden. Eine Bank wird die Forderung der Hochschule an die Studenten „abkaufen“, die Gebühren also vorfinanzieren, damit die Hochschule sofort davon profitiert. Wenn beispielsweise ein Student zehn Semester studiert, wird er insgesamt maximal 5.000 EUR Gebühren zahlen müssen. In den ersten zehn Jahren seines Berufslebens wird er dann rd. 50 EUR pro Monat an die Bank zurückzahlen. Wenn sein Einkommen jedoch unterhalb von 960 EUR liegen wird, dann ist eine Rückzahlung nicht erforderlich. Dadurch, daß die Vorfinanzierung durch eine Bank erfolgt, ist der Zeitraum bis zur Rückzahlung der Gebühren durch die Studenten überbrückbar. Selbstverständlich ist auch eine Sofortzahlung der Beiträge möglich.

Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Herr Professor Kempen, hat auf einem Innovationskongreß der CDU im Frühjahr in Gelsenkirchen gefordert, Studiengebühren dürften nur den Studierenden selbst zunutze sein, unter großem Beifall des Publikums übrigens. Wie kann sichergestellt werden, daß nicht die Verwendung vom „Goodwill“ des Finanzministers oder des Kabinetts abhängt und doch Löcher im Haushalt damit gestopft werden oder die Finanzmittel für die Hochschulen im Haushalt um den Sockel des Studentenbeitrags gekürzt werden? Dr. Linssen: Zunächst möchte ich herausstellen, daß es den Hochschulen frei stehen wird, ob sie Studiengebühren ab dem Sommersemester 2006 erheben wollen oder nicht. Sie sind also – bis auf die Festlegung in der Maximalhöhe – in ihrer Entscheidung frei. Dementsprechend handelt es sich um Gelder, die aufgrund einer autonomen Entscheidung der Hochschule eingenommen werden und vollständig bei ihnen verbleiben. Da-

Dr. Helmut Linssen, Jahrgang 1942, ist Finanzminister im Kabinett Rüttgers. Er gehört der Christlich-Demokratischen Union an. Linssen ist seit 25 Jahren in der Landespolitik tätig. Von 1990–1999 war er Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion in Düsseldorf. In der vergangenen Legislaturperiode war er Vizepräsident des nordrhein-westfälischen Landtags. Dr. rer. pol. Helmut Linssen ist mittelständischer Unternehmer.

mit die Gelder nicht zum „Stopfen von Haushaltslöchern“ verwendet werden können, müssen langfristige Verträge mit den Hochschulen abgeschlossen werden, die eine Verrechnung mit den staatlichen Zuweisungen ausschließen.

Ist ein Verfahren geplant, das die Verwendung auch gegenüber der zahlenden Kundschaft, den Studenten also, transparent macht? Dr. Linssen: Ein solches Verfahren sollte die einzelne Hochschule entwickeln. Es liegt an ihr, den Studierenden zu erklären, daß die Einnahmen aus Studienbeiträgen für die Anschaffung zusätzlicher Bücher, für Tutorenprogramme für Studienanfänger, für mehr Laborplätze oder ähnliches eingesetzt wurden.

Wie hat man sich das von der CDU favorisierte und im Koalitionsvertrag festgelegte System „nachgelagerter“ Studiengebühren vorzustellen? Dr. Linssen: Das Modell sieht folgendes vor: Die Studenten werden

2/2005 fdw

15

Gibt es schon ein konkretes Modell für die Umsetzung? Der Teufel könnte ja wie sooft im Detail liegen. Man hört, den Universitäten solle bis in die Fakultäten hinein freigestellt werden, in welcher Höhe Studiengebühren erhoben werden, sofern die Obergrenze von 500 Euro nicht überschritten wird. Das würde bedeuten, daß in Nordrhein-Westfalen der Besuch der einzelnen Hochschulen und innerhalb der einzelnen Hochschulen (je nach Festlegung der Fakultäten) unterschiedlich teuer sein kann. Die gleichen Fakultäten an verschiedenen Hochschulen könnten sich vielleicht für eine unterschiedliche Gebührenhöhe entscheiden. Dr. Linssen: Ein konkretes Modell für die Umsetzung wird jetzt von der Landesregierung erarbeitet werden. Es ist in der Tat möglich, daß die Hochschule in Zukunft Gebühren in unterschiedlicher Höhe nehmen wird. Da sehen wir aber kein Problem. Ob sie untereinander Absprachen treffen, um für eine gewisse Einheitlichkeit zu sorgen, bleibt ihnen überlassen.

Ist schon entschieden, ob die jetzigen Einschreibungsgebühren, die bis zu ca. 150 Euro betragen können, auf die 500 Euro angerechnet werden? Dr. Linssen: Darüber gibt es noch keine Entscheidung – die wäre letztlich auch Sache der einzelnen Hochschule. Allerdings haben die Einschreibegebühren eine andere Funktion: Sie dienen der Unterstützung der Arbeit der Studentenwerke, der Asten und insbesondere zur Finanzierung des Semestertickets.

Die Einführung von Studiengebühren sollte nach Meinung vieler, wenn nicht sogar aller Befürwortern mit einem Ausbau des Stipendienwesens einhergehen und sozial abgefedert sein. Unseres Erachtens kann die Akzeptanz nur erhalten bleiben bzw. auch bei den Gegnern steigen, wenn in diesen Punkten ein vorzeigbares Ergebnis vorhanden und ein praktikables System geschaffen ist. Wird dies zum Zeitpunkt der Einführung in gebotenem Umfang geleistet sein?

Dr. Linssen: Die soziale Abfederung ist in unserem Modell bereits dadurch gewährleistet, daß die Gebühren nachgelagert erhoben werden können. Außerdem sollen BAföGEmpfänger ausgenommen sein. Gezahlt werden muß also erst nach Abschluß des Studiums, wenn der Absolvent in Brot und Arbeit ist. Auch hier werden – analog zum BAföGSystem – Grenzen berücksichtigt. Wer weniger als 960 Euro im Monat verdient, muß natürlich nichts zahlen. Was das Stipendienwesen anbetrifft, so stellen wir uns vor, daß hier zukünftig auch verstärkt Patenschaften von der Wirtschaft übernommen werden. Außerdem müssen wir in Gespräche mit den bekannten Förderungswerken wie der Studienstiftung des deutschen Volkes, dem Cusanuswerk, der Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung, usw. eintreten. Überdies wird man die Möglichkeit zusätzlicher Bildungskredite konkretisieren müssen. Die Fragen stellte Dr. Winfried Holzapfel. Die fdw bedankt sich bei bei Herrn Dr. Linssen für die Beantwortung.

Dürfen wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, noch einmal bitten?
Liebe Leserinnen und Leser,
auch in dieser Ausgabe von „freiheit der wissenschaft“ bemühen wir uns, mit Berichten und Kommentaren zu bildungspolitischen Entwicklungen aktuell zu sein und zugleich grundsätzliche Fragen wach zu halten. Wir versuchen auch immer, weiterführende Informationen zu bekommen und sie Ihnen zur Meinungsbildung vorzulegen. Um unsere Aktivitäten in vollem Umfang und auf solider Basis durchführen zu können, nutzen wir unsere Zeitschrift nochmals zu einem Spendenaufruf und legen auch wieder eine Zahlkarte bei. Als wir uns im Frühjahr zu dieser Aktion entschlossen, schien ein zweifacher Spendenaufruf ein ökonomisches Verfahren zu sein (auch der Druck von Spendenüberweisungsträgern verursacht Kosten). So bitten wir Sie nochmals um eine finanzielle Zuwendung, und zugleich bitten wir Sie darum, unserem Anliegen Wohlwollen entgegenzubringen. Wir bedanken uns herzlich für die Spenden, die wir schon beim ersten Aufruf erhalten haben. Wir bitten Sie auch – falls Sie noch nicht Mitglied sind – zu prüfen, ob eine Mitgliedschaft für Sie in Frage kommt, oder ob Sie jemanden werben können. Neue Mitglieder sind uns sehr willkommen. Anmeldeformulare sind am Ende des Hefts (S. 39) vorgedruckt. Eine Anmeldung ist auch über unsere Website möglich, unter www.bund-freiheit-der-wissenschaft.de, Formulare. Auf der Website bemühen wir uns, auch in der Zeit zwischen den Erscheinungsdaten von „freiheit der wissenschaft“ (fdw) aktuell zu sein. Der „Klick“ lohnt sich. Mit freundlichen Grüßen Ihr Dr. Winfried Holzapfel, Vorsitzender und Redakteur von „freiheit der wissenschaft“

16

fdw 2/2005

Berlin:

„Generalangriff auf das Schulwesen“
Am 9. April 2005 fand ein Bildungsparteitag der Berliner SPD statt. Ein von SPD-Linken geprägter und vom Parteitag beschlossener Leitantrag forderte unter anderem eine zehnjährige „Gemeinschaftsschule“. Hauptschule, Realschule und Gymnasium sollen abgeschafft werden, Privatschulen nach Möglichkeit auch. Zu den aufsehenerregenden Parteitagsbeschlüssen erhielt die fdw folgende Stellungnahmen: Dr. Brigitte Pötter: Berliner SPD bläst zum Generalangriff auf das Schulwesen. Die Berliner SPD, die in einer Koalition mit der PDS Berlin regiert, hat auf ihrem Parteitag schwerwiegende Beschlüsse zur Schulpolitik gefaßt. Dazu gehören die Einführung einer Einheitsschule, der sogenannten Gemeinschaftsschule bis zu Klasse 10 und die Einführung eines staatlichen Werteunterrichts, an dem alle Schüler teilnehmen müssen. Wenn die Familien es wollen, darf Religion weiterhin als zusätzliches Schulfach gewählt werden. Einheitsschule: Voller Hoffnung, das in Berlin herrschende Prinzip der sechsjährigen Grundschule im jeweils nächsten Schuljahr etwas lockern zu können – zugunsten einer größeren Vielfalt im Bildungswesen und im Interesse von begabten Kindern, die sich in der Grundschule langweilen – beginnt in Berlin in jedem Jahr der Kampf von Schulleitern und Eltern gegen die Betonideologie der hiesigen Senatsschulverwaltung von Neuem. Mit ihren jüngsten Beschlüssen scheint die SPD nun dieser Hoffnung endgültig den Garaus machen zu wollen. Elternwünschen, Schulleistungsstudien und Erfahrungen in anderen Bundesländern zum Trotz werden frühere Ansätze zu einer Entwicklung in die richtige Richtung, so z. B. die Zulassung einiger weniger 5. Klassen an ausgewählten Gymnasien, nicht weiterverfolgt, sondern „eingefroren“: die Neuzulassung solcher Klassen wird praktisch ausgeschlossen. So wird ungeniert der bildungswillige und leistungsstarke Teil der Gesellschaft vor den Kopf gestoßen. Die SPD hält ihn offenbar für unwichtig. Die Erkenntnis, daß mit einer guten Schulpolitik Wahlerfolge zu erzielen sind, wie in anderen Bundesländern bewiesen wurde, ist bei den Regierungsparteien des Landes Berlin offenbar nicht angekommen. Hier setzt man lieber auf ein leistungsfeindliches, autoritär durchgesetztes Schulsystem. Staatlicher „Werteunterricht“ Pflichtfach für alle: als
Dr. Brigitte Pötter

Der Staat in Gestalt der Berliner Senatsschulverwaltung übernimmt das Monopol der Wertevermittlung – das ist das Ziel der sozialistischen Berliner Koalition, die scheinheilig eine freiwillige Zusatzstunde Religion für die „Unverbesserlichen“ gewährt, die christlichen Glaubenssätzen noch immer nicht den Rücken gekehrt haben. Diese SPD-Parteitagsbeschlüsse zeigen deutlich, daß die Vorstellung von einem Abbau ideologischer Schranken nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, die ja in weiten Teilen der Öffentlichkeit genährt wurde, endgültig in den Bereich romantischer Verwirrungen gehört. Die Berliner SPD denkt offensichtlich (wie ihr den DDR-Anschauungen verpflichteter Koalitionspartner) in Kategorien des Klassenkampfes. Die christlich-abendländische Überzeugung, daß der Mensch individuelle, in Freiheit und Verantwortung zu treffende Entscheidungsmöglichkeiten hat, muß dem Bild der bevormundeten, betreuten, staatlich zur Gleichheit erzogenen Gesellschaftsmasse weichen, der die selbständige Bewältigung des Lebens nicht zumutbar ist – und dann hilft „die Partei“.

Dr. Brigitte Pötter ist Vorstandsmitglied der BWF-Sektion Berlin-Brandenburg und Regionale Ansprechpartnerin des BWF für diese Bundesländer. Insbesondere zur Kernforderung des SPD-Landesvorstandes, in Berlin unter dem Titel „Eine Schule für alle“ zukünftig eine zehnjährige Einheitsschule etablieren zu wollen, nimmt auch Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Stellung: „Was die SPD Berlins hier vorhat, ist ein Ausstieg aus bundesdeutscher Bildungskultur; es ist dies zudem eine eklatante Mißachtung aller innerdeutschen Schulleistungsstudien. Gesamt- und Einheitsschule liegt in Deutschland leistungsmäßig schließlich seit Jahrzehnten weit hinter den Schulformen des gegliederten Schulwesens. Die SPD Berlins sollte sich selbstbewußt dagegen stemmen, von der PDS schulpolitisch – wie schon in der Frage des Religionsunterrichts – restlos vereinnahmt zu

2/2005 fdw

werden. Die Schulvisionen der SEDNachfolgeorganisation sind jedenfalls völlig ungeeignet für eine Gesellschaft, zu deren Leitbild die freie Entfaltung der Persönlichkeit gehört, nicht aber Gleichmacherei. Hier ist mit Nachdruck an die besonnenen Kräfte in der SPD wie den Berliner Schulsenator Böger zu appellieren, nicht klein bei zu geben, um den drohenden Rückfall Berlins in bildungsideologische Kampfzeiten zu stoppen. Ansonsten muß sich die Berliner SPD endlich mit den eigentlichen Schulproblemen Berlins auseinandersetzen, vor allem mit der Tatsache, daß Berliner Schüler laut PISA in neun Schuljahren gut 1.000 Stunden weniger Unterricht haben als Schüler aus Thüringen, Bayern oder Sachsen. Das ist abseits schulpolitischer Strukturfragen nämlich einer der entscheidenden Gründe dafür, daß Berlin in Sachen Schule nicht gut dasteht.“

fung der Gymnasien. Die SPD stellt sich damit in totalen Widerspruch zu den bildungsorientierten Eltern in dieser Stadt – und diese haben wir beim derzeitigen Stand der Wirtschaft in Berlin nötiger denn je.

Deutschkenntnissen sowie mit Fähigkeiten und Fertigkeiten, die eine erfolgreiche Teilnahme am Grundschulunterricht ermöglichen – ansonsten greift eine Vorklassenpflicht für Kinder ab 4 1/2 Jahren,

Oberschulrat Gerhard Schmid, Vorsitzender des CDU-Forums Schule und ■ eine Familienpolitik, die die Erzieberufliche Bildung Berlin und schulhungskraft der Eltern in sozial politischer Sprecher der CDU Berlin, schwachen Familien und in Migranstellte zu dem Vorgang fest: tenfamilien stärkt, ggf. auch Druck ausübt zu diesem Zweck, „Die Einführung [der] Gemeinschaftsschule in Berlin bedeutet nicht nur die ■ eine Einschulung der Kinder nur bei Abschaffung der Real-, Haupt- und Ge„Schulfähigkeit“ (nicht zu verwechseln mit Schulreife), d.h. nur mit samtschulen, sondern auch die Abschaf-

Es stimmt zwar, daß in Deutschland der ■ die Stärkung und Durchsetzung von Schulerfolg stark von der sozialen HerLeistungs- und Anstrengungsbereitkunft abhängt, wie die PDS, Grüne und schaft und die Vermittlung und Fördie Linken in der SPD sagen. derung von Grundtugenden wie Fleiß, Ehrgeiz, Verläßlichkeit, Aber es stimmt auch, daß es in Deutschland mehr bildungsferne Eltern und Fa■ Diagnostik und flexible Förderung milien insbesondere mit Migrationshinvon Begabungen ab Schulbeginn - es tergrund gibt als in den anderen Ländern gilt dem einzelnen Kind zu helfen, – es mangelt in Deutschland und insbeseine Persönlichkeit und seine sondere in Berlin an Bildungswillen. Fähigkeiten zu entwickeln, Auch wegen der wirtschaftlichen Situation haben die Unterschichten den Glau- ■ Begabtenförderung, d.h. Ausbau der ben an einen Aufstieg verloren. Möglichkeiten nach der 4. Klasse zum leistungsabhängigen Übergang Die Lösung aus dieser Misere liegt nicht auf die Oberschulen (Zugang zur Rein einem Einheitsschulsystem – damit alschule nur mit Realschulempfehwürde nur eine neue Lebenslüge der Linken den anderen zugefügt auf Kolung, Zugang zum Gymnasium sten von Generationen von Kindern und grundsätzlich nur mit GymnasialJugendlichen –, sondern notwendig ist empfehlung). Nicht in einer autoritären Vereinheitlichung des Schulsystems, wie es die SPD und die PDS wünschen, steckt der Erfolg, sondern in einer Schulstruktur, die das natürliche Streben des Kindes nach Wissen und Leistung sowie die Vielfalt der Begabungen berücksichtigt.“

Vor einem Rückfall in überwunden geglaubte Strukturdebatten und vor einem neuen Schulkampf in Berlin hat auch der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, HeinzPeter Meidinger, gewarnt. Insbesondere wandte er sich gegen den auf dem Berliner SPD-Parteitag zur Abstimmung stehenden bildungspolitischen Leitantrag, wonach in Berlin eine Einheitsschule bis zur zehnten Klasse eingeführt werden solle und keine weiteren grundständigen Gymnasien eingeführt werden dürfen. Wörtlich sagte der DPhV-Vorsitzende: „Damit droht Berlin der endgültige Abstieg im internationalen Lei-

stungsranking. Ein erneuter Schulkampf würde alle konkreten Be mühungen und Verbesserungen im Unterricht und um mehr Leistungsorientierung konterkarieren und unterlaufen! Mit einer Einheitsschule bis zur zehnten Klasse wird Berlin bei PISA leistungsmäßig noch weiter zurückfallen!“ Er verwies auch darauf, daß alle Länder, die bei den PISA-Studien schlechter als Deutschland abgeschnitten haben, integrierte Schulsysteme aufweisen. Unverständlich nannte es Meidinger, daß sich der bildungspolitische SPDLeitantrag ausdrücklich gegen weitere grundständige Gymnasien in Berlin ausspreche, obwohl viele Eltern dies wünschten. Damit stelle die SPD

die Ideologie über den Willen der Betroffenen. Gerade die Leistungssteigerung bei den Gymnasien habe bei der PISAFolgestudie 2003 zu beachtlichen Verbesserungen, etwa im mathematischen Bereich um über 50 Punkte, geführt. „Erfolgreiche Schularten zerschlagen und auf in Deutschland gescheiterte Modelle wie die Gesamtschule setzen – das kann doch wohl nicht ernsthaft das SPD-Konzept für ein leistungsfähiges Schulwesen sein!“ betonte der DPhV-Vorsitzende. Quelle: Profil – Magazin für Gymnasium und Gesellschaft, Mai 2005, S. 5

18

fdw 2/2005

Hessen: Zum neuen Hochschulgesetz
Das neue hessische Hochschulgesetz in Kraft – Bewährungsprobe noch längst nicht bestanden.
Die Veränderung der Organisationsstrukturen entspricht der Gesetzgebung in anderen Bundesländern und enthält daher die gleichen kritischen Punkte, die global ausgedrückt in einer Angleichung an Wirtschaftsunternehmen zu sehen sind. Präsidien werden gleichsam zu Konzernherren, die über die Entwicklungsplanung der Hochschule entscheiden und Studiengänge sowie Fachbereiche einrichten, aber auch aufheben können. Senate werden zum Management auf der mittleren Ebene, ihnen obliegt die Setzung von Schwerpunkten in Forschung und Entwicklung. Der einzelne Wissenschaftler, dem bisher die Freiheit der Entscheidung über Forschungsthemen z. B. zugestanden wurde, kann somit in Programme eingebunden werden. Bisher kommen positive Nachrichten aus der Technischen Universität Darmstadt, die einen bereits bewährten Präsidenten behalten hat. Die TH erhält die Autonomie in Bau- und Personalfragen. So wurde Anfang des Jahres 2005 erstmals die Urkunde für einen neu berufenen Professor nicht mehr vom Minister, sondern von dem amtierenden Universitätspräsidenten unterzeichnet. Künftig soll das Präsidium nicht mehr vom Senat, sondern von einem Hochschulrat gewählt werden, dem Studenten und Angestellte der Universität nicht mehr angehören. Die TH begrüßt die neue Autonomie einhellig und soll – nach Prüfung der Praxistauglichkeit – zum Modell werden. Kritisch wird von vielen Hochschullehrern bewertet, daß die Präsidien Rufe erteilen und sich nur bei Professoren auf Lebenszeit mit dem Ministerium „abstimmen“. Problematisch erscheint, daß Verhandlungen über die persönlichen Bezüge ebenfalls Sache der Präsidien werden. Dies heißt eine größere Abhängigkeit der Wissenschaftler von deren Kollegen mit allen denkbaren Nachteilen. Auch die Berufungsvorschläge müssen ja von den Fachkollegen kommen, wobei nach alter Erfahrung nicht sicher die Besten ausgewählt werden, sondern auch Konkurrenten vom Leibe gehalten. Wie es sich auswirkt, daß Professoren nicht mehr beamtet werden, wird sich erst zeigen. Das Präsidium soll mehr „professionalisiert“ werden durch Vizepräsidenten, die nicht aus der Hochschule stammen müssen, sondern ihre Tätigkeit hauptamtlich ausüben, also kein Ehrenamt – wie bisher – wahrnehmen. Auf deren Bestellung wird vermutlich die Universität keinen Einfluß haben. Ein eigenes Kapitel ist die Modularisierung der Studiengänge und die Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen. Zur Massenausbildung mit verdachtsweise gesenktem Niveau können kostenpflichtige Premiumstudiengänge mit besonders intensiver Betreuung eingerichtet werden. Vermutlich werden diese beliebt sein, weil sie Geld bringen. Der Meisterbrief berechtigt zum Studium an allen hessischen Universitäten. Wenig sinnvoll erscheint, daß begabten Schülern Zugang zu Lehrveranstaltungen und Prüfungen gestattet werden soll. Eine Abwertung des Abiturs ist unverkennbar. Ein überlaufenes Massenfach wie Jura will auf Wunsch nach dem 1. Staatsexamen den Titel „Diplom-Jurist“ vergeben. Das Dekanat der Rechtswissenschaft warnt jedoch, damit seien dies nach wie vor keine Volljuristen und auf dem Arbeitsmarkt deshalb wenig chancenreich. Viel Zündstoff liegt in den einzelnen Fächern. So wird beklagt, daß nach neuen Plänen aus der Lehrerbildung immer mehr das Fachwissen verschwindet. Als Ehrentitel soll ,Professor‘ an verdienten Persönlichkeiten verliehen werden, soweit dieser überhaupt noch begehrenswert erscheint. Das Thema Studiengebühren ist noch nicht entschieden, der traditionsgemäß linke Asta der Universität Frankfurt hat jedenfalls diesbezüglich schon Kampf angekündigt. Es wurden bereits Stimmen laut, auch dies den Universitäten selbst zu überlassen, und damit den Ärger los zu sein. Bemerkenswert erscheint, daß die Wirtschaft immer mehr dazu übergeht, ihre Führungskräfte in eigenen Hochschulen selbst auszubilden. Auch das „Frankfurter Institut for Advanced Studies“ scheint in einer beneidenswerten Lage zu sein, von Spendern finanziert, politisch unterstützt und mit glänzenden Arbeitsbedingungen für sechs Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und Gastdozenten. Zeigt sich hier ein Trend der Entwicklung, qualifizierte Forschung auf außeruniversitäre Einrichtungen zu verlagern und die Universitäten zu Produzenten für einen Massenausstoß von Abschlüssen zu machen, deren Wertigkeit immer fraglicher wird? Gefürchtet wird von den Hochschulen nicht umsonst eine rein quantitativ organisierte Evaluierungsbürokratie und eine immer mehr ausufernde Gremienwirtschaft. Auch die Abhängigkeiten des einzelnen werden immer unübersichtlicher. Frau Professor Dr. Lilo Süllwold ist Regionale Ansprechpartnerin des BFW für Hessen.

Zwischendurch bemerkt

„Web“fehler im Arbeitsmarktgefüge
Unsere modischen Emanzen – die in der Eile die Mutter kurzsichtig aus dem Blickfeld verschwinden ließen – beginnen nachzudenken. Besonders junge, hochqualifizierte Frauen stellen mit Erstaunen fest, daß sie – wenn sie endlich über die derzeit üblichen Fördermaßnahmen am Arbeitsplatz angelangt sind – nicht nach ihrer Leistung gewertet werden, sondern vielfach an den Rand gedrängt sind. Wo bei der Besetzung von Arbeitsplätzen und Mandaten über die Quote (mindestens ein Drittel müssen Frauen sein) die Geschlechtsmerkmale und nicht die Leistung entscheiden, erscheint die Bewertung „frauenspezifisch“ und hält sich damit außer Konkurrenz. Hinzukommt, daß sie als Arbeitnehmer besondere Beauftragte haben, die die „Betroffenen“ in allen Lebenslagen zu unterstützen und zu beraten haben – und damit eine Schwäche ihrer Schützlinge dokumentieren, gegen die diese gerade ankämpfen – vergeblich, wie sich zeigt. Wer aber – ob Mann oder Frau – hat schon gerne einen Betreuungsfall zum Chef? urbs

2/2005 fdw

19

Zur Studentenopposition an der Universität Greifswald im Jahre 1955
Von Klaus-Dieter Rosenbaum, em. Professor an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Mit einer Gedenkveranstaltung erinnerten die evangelische Studentengemeinde und die Jacobigemeinde in Greifswald am 17. April an die größten Studentenunruhen der DDR. Als Referent war der Medizinhistoriker Udo Schagen vom Institut für Geschichte der Medizin der Charitè Berlin gewonnen worden. Am 30. März 1955 wurden nach einer Versammlung der Medizinstudenten in der Aula 211 von ihnen aus der Aula heraus verhaftet und auf direktem Wege mittels mehrer militärischer Lastkraftwagen in das nahe gelegene und der Jacobikirche gegenüber liegende Untersuchungsgefängnis überführt. Anlaß für mehrtägige Protestaktionen war ein Beschluß im Politbüro der SED vom 22. März und Beratungen des Staatssekretärs Harig am 23. März an der Universität sowie am 30. März in einer Fakultätsratssitzung der Medizinischen Fakultät, als Gerüchte über die Beratungsergebnisse unter den Medizin-Studenten bekannt wurden. Danach sollten an der Medizinischen Fakultät nur noch Angehörige der Kasernierten Volkspolizei (KVP), dem Vorläufer der späteren NVA, zu Ärzten ausgebildet werden. Die Studenten verlangten Informationen darüber, ob sie ihre Ausbildung zu zivilen Ärzten fortsetzen könnten. Weil sie keine offiziellen Antworten erhielten, vereinbarten sie den Streik, und der für den 30. März anberaumte Vorlesungsboykott wurde besonders in den klinischen Fächern ein voller Erfolg. Zeitzeugen berichten, immer noch nicht informiert zogen studentische Gruppen von dem noch immer dort tagenden Fakultätsrat zu dem Hauptgebäude der Universität in die Aula mit den Sprechchören “Wir wollen keine Militärakademie“, weil dort eine studentische Abendveranstaltung stattfinden sollte, wie eine von Mund zu Mund-propaganda ergab, die sich aber als eine von Parteigremien einberufene herausstellte. Als dies durch die Anwesenheit vieler Unbekannter in „Blauhemden“ sichtbar wurde, verließ die Mehrzahl der Studen- Das Verdienst der Studenten war es zweiten die Aula und wurde noch auf der fellos die Ausschließlichkeit der Militärmedizin verhindert zu haben, d. h. die UmTreppe verhaftet. wandlung der Medizinischen Fakultät in Wie dem Archiv des ehemaligen SEDeine Militärmedizinische Akademie erParteiaktivs zu entnehmen ist, wurde im folgte nicht. Vorfeld nach Berlin gemeldet: Bis auf wenige Studenten, die teils aus po„Es gibt Anzeichen dafür, daß die Stulitischen und teils aus sozialen Gründen an denten organisiert gegen die Maßnahder Fakultät verbleiben durften, mußten men auftreten werden (…) Es ist drinalle Studenten vom ersten bis zum achten gend notwendig, daß der VerbindungsSemester Greifswald verlassen und ihr offizier der KVP seine Tätigkeit aufStudium an anderen Universitäten oder nimmt.“ Akademien fortsetzen. In Studien dazu heißt es, „die Partei Ein Wunsch nach Verbleib wurde bei diefackelt nicht lange, sondern lockt die sen Studenten ausgeschlagen. Demonstranten zu einer „Aussprache“ in die Aula, inszeniert eine Art Reichs- Ebenfalls wurde der auf Nachfrage getagsbrand (der Turm der Jacobikirche äußerte Wunsch nach einem bestimmten geht in Flammen auf), läßt die Aula um- Studienort nicht realisiert. stellen und die Wortführer der DemonEs sollte sowohl eine Gruppenbildung aus stranten verhaften“. der gemeinsamen Greifswalder StudienDie Darstellung kann aus heutiger Sicht zeit als auch eine neue Gruppenbildung bis auf den Brand des Turmes der Jako- durch Bekannte am neuen Studienort mit bikirche bestätigt werden. Die Ursache allen Mitteln unterbunden werden. des Brandes ist nach wie vor ungeklärt Die neuen Medizinstudenten in Greifsund der Brand fand einen Tag nach den wald schienen uns, den Mitgliedern der Verhaftungen statt. Es spricht aber eine anderen Fakultäten, auf Grund politischer Reihe von Indizien für sich. Motive ausgesucht zu sein, wie deren VerAuch die Vorbereitung des Einsatzes der haltensweisen bewiesen. KVP kann durch den gleichzeitig mit Darüber hinaus trafen wir mehr und mehr den Demonstrationen erfolgten Aufauf uniformierte Kommilitonen. marsch der schwerbewaffneten KVPVerbände bestätigt werden. Der Verfas- Die Ausbildung zu Militärärzten für die ser hat selbst die gegenüber der Aula in Nationale Volksarmee erfolgte an der adStellung gegangenen Maschinenge- ministrativ selbständigen Militärmediziniwehrstellungen beobachten können und schen Sektion (MMS), wobei die medizisein Entsetzen über den Einsatz solcher nische Fachausbildung an der MediziniMittel gegen unbewaffnete Studenten schen Fakultät gemeinsam mit den zivilen 10 Jahre nach dem Kriegsende, das er Studenten erfolgte. als 11 jähriger in dem von der Roten ArDie MMS fand ihr Unterkommen in dem mee besetzten Teil Deutschlands erlebehemaligen Luftwaffenlazarett, das nach te, nicht verwinden können. Wiedereröffnung der Universität GreifsDie verhafteten Studenten wurden in wald im Jahre 1946 von dieser genutzt der Suche nach Rädelsführern unter- worden war. schiedlich lange in Greifswald und späDie MMS wurde im Rahmen der Wiederter in Rostock in Haft gehalten. Einige vereinigung durch Minister Eppelmann von Ihnen blieben viele Jahre im Ge1989 aufgelöst und im Rahmen der Konfängnis. Deren Haft stand „offiziell“ version in eine private Gesundheitseinmehr indirekt zu den Ereignissen. Der richtung übergeführt. Sprecher der Medizinstudenten saß als angeblicher Spion des Bundesnachrich- Sie wurde als Medigreif GmbH im Handelsregister eingetragen und erhielt über tendienstes bis 1961 in Haft.

20

fdw 2/2005

einen Nutzungsvertrag das Gelände des SED ohne den geringsten Anteil einer blutigen Niederschlagung des Aufstandes Hochschulautonomie. ehemaligen Luftwaffenlazaretts. vom 17. Juni 1953 erfolgte, als die Zeit danach zu einer Zeit der verstärkten UnterDie Medigreif GmbH wurde als privates Er war eine Rechtsverletzung gegenüber Gesundheitsunternehmen seitens des Bun- der in der Obhut der Universität stehenden drückung im Rahmen des ausgerufenen Aufbaus des Sozialismus wurde. Welch des unterstützt, so daß die Universität Studenten. ein Mut! zeitweilig sich in Bedrängnis gebracht Allein durch den Mut der „streikenden“ fühlte und dies zu erheblichen SpannunStudenten wurde die Umwandlung der Professor Dr. Klaus-Dieter Rosenbaum gen führte. Medizinischen Fakultät in eine Struktur ist Regionaler Ansprechpartner des BunDie Einführung der militärmedizinischen der NVA verhindert. Dies ist umso mehr des Freiheit der Wissenschaft für MeckAusbildung an der Greifswalder Medizini- zu würdigen, da ein solcher aufstand- lenburg-Vorpommern und Mitglied des schen Fakultät war ein Willkürakt der ähnlicher Zustand nur zwei Jahre nach der Erweiterten Vorstands des BFW.

Sachsen: Die Umgestaltung der Universität Leipzig nach der Wende
Von Dr. Peter Gutjahr-Löser
I. Die Lage im Herbst 1990
A. Die Identität der Universität Leipzig Die Universität Leipzig verfügt über ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein als eine die Geschichte der kulturellen Entwicklung Deutschlands mitprägende Institution. Große Gelehrte haben von dieser Hochschule aus seit ihrer Gründung vor fast 600 Jahren und explosionsartig ansteigend seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Entfaltung der wissenschaftlichen Disziplinen in aller Welt befruchtet. Das sich im Verlauf ihrer Geschichte ständig steigernde Selbstbewußtsein dieser Gelehrtenrepublik war bereits in der Vorgeschichte der Universitätsgründung im Jahr 1409 präsent: Nicht – wie überall sonst – ein landesherrlicher Gründungsbeschluß rief sie ins Leben; sie verdankt ihre Entstehung einem Akt der autonomen Befreiung aus nationalistischer Bevormundung an der Karls-Universität in Prag: Die deutschen „Scholaren“ (= Professoren) zogen aus und ließen sich zum größten Teil in Leipzig nieder. Von Anfang an – und offenbar bewußt – führte die Universität ihren schmucklosen Namen, was zugleich auch die Distanz zu den Herrschern demonstriert, deren mäzenatische Förderung sie sich – als sächsische Landesuniversität – durch Annahme von Schenkungen reicher Ländereien, wertvoller Stadtgrundstücke und – ab 1830 – der Übernahme aller Bau-, Sachund Personalkosten durch den Staat zugleich gerne gefallen ließ. Und wenn sich die sächsischen Könige später auch mit dem Titel „Rector Magnificentissimus Universitatis Lipsiensis“ schmückten, so stellten doch die Vereinnahmung dieser Universität zunächst durch die Nationalsozialisten und danach durch die SED Eingriffe in das Selbstbewußtsein und damit in die Identität dieser Körperschaft dar, deren Folgen zu überwinden nach wie vor Mühe bereitet: Hatte die Universität unter den Nationalsozialisten die Vertreibung zahlreicher jüdischer Gelehrter und einen Rückgang der Studentenzahlen, die jahrzehntelang nur hinter der „Brandenburgischen Friedrich-Wilhelms-Universität“ in Berlin lagen, auf ein Viertel des ursprünglichen Bestandes zu beklagen1, so wurde sie nach einem kurzen, zunächst hoffnungsvoll stimmenden Intermezzo nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges um so entschiedener zur „sozialistischen Kaderschmiede“ umgestaltet und mußte auf ihren hergebrachten Namen zugunsten der Bezeichnung „Karl-Marx-Universität“ verzichten. Daß sie durch Überführung wichtiger Grundstücke und insbesondere ihrer innerstädtischen Liegenschaften, die sich seit Jahrhunderten in ihrem Körperschaftsvermögen befunden hatten, in „Volkseigentum“ materiell schwer geschädigt und damit ihres Selbstbewußtseins bis in unsere Tage hinein beraubt wurde, war angesichts der Umgestaltung ihrer Fakultäten und der dadurch bewirkten, viele wissenschaftliche Traditionen vernichtenden Abkehr von ihren wesentlichen Wurzeln schlimmer. Allerdings konnte sie über die gesamte Zeit ihrer Einbindung in das Bildungsund Wissenschaftssystem diktatorischer Staaten ein Wesensmerkmal erhalten, das sich nach der politischen Wende kräftig neu artikulierte und ihre Identität über die Zeiten der ideologischen Vereinnahmung hinweg zu erhalten half: Dazu gehörten an erster Stelle die stets gepflegten Beziehungen über die engen Fachgrenzen hinweg. Sie beschrieb der Rechtsphilosoph und spätere Reichsjustizminister Gustav Radbruch so: „Eine Universität sollte ja nicht ein bloßes Nebeneinander verschiedener Katheder bedeuten, sondern eine universitas der Geister: Eine solche universitas, die man etwa kennzeichnen könnte mit der Formel eines auf Erfahrung gegründeten Denkens und Werdens, stellte damals die Universität Leipzig dar.“ 2 Dass dies nicht so dahingesagt ist, hat einen sehr realen – und wie man hinzufügen muß – verblüffenden Hintergrund, nämlich die von der Universität in der gesamten Zeit ihres Bestehens über alle Fachgrenzen hinweg intensiv betriebene Pflege des Musischen. Dazu haben nicht nur die großartigen universitären Sammlungen bibliophiler Kostbarkeiten aus 4.000 Jahren schriftlicher Überlieferung und weit zurückreichender Autographen der bedeutendsten Schriftsteller deut-

2/2005 fdw

21

scher Sprache, die ungewöhnlich reichen Sammlungen bildender Kunst aus der Zeit der ägyptischen, griechischen und römischen Antike über Mittelalter, Renaissance und Romantik hinweg bis in unsere Tage beigetragen. Mehr noch war es die Pflege der Musik, die von kleinen Laienensembles bis zu großartigen, jedem Anspruch an professionelle Musikausübung standhaltenden Solisten, Chören und Orchestern reichen. Unter den Universitätsmusikdirektoren finden sich Namen wie Friedrich Kuhnau, Georg Philipp Telemann und Max Reger, unter den Auftragskomponisten der Universität Johann Sebastian Bach ebenso wie Felix Mendelssohn Bartholdy. Viele Thomaskantoren und Gewandhauskapellmeister standen entweder vor der Übernahme dieser Ämter an der Spitze der Universitätsmusik oder übten zugleich mit ihrem städtischen Amt das des Universitätsmusikdirektors aus. Die Verschränkungen, die sich daraus ergaben, erfaßten die Universität über alle Fächergrenzen hinweg. Sie schufen ein Klima, das den Hintergrund für die zitierte Äußerung Radbruchs abgab, und worin wir vor allem den Grund sehen, warum die Universität Leipzig nach einem immerhin fast 60 Jahre andauernden Kapitel geistiger Unfreiheit nach 1989 sozusagen aus dem Stand an ihre geistige Vergangenheit wieder anknüpfen konnte und sich ihrer prinzipiellen Identität sicher weiß. B. Die Situation der Universität Leipzig in der DDR

hochhauses dies nicht zuließ – unzulänglich in feuchten Kellerräumen des Reichsgerichts und der Ruine der Universitätsbibliothek gelagert oder – glücklicherweise nur zum kleineren Teil – zum Zweck der Devisenbeschaffung in den Westen verkauft. Die Fakultäten wurden in „Sektionen“ aufgegliedert und darin Fächer zusammengeführt oder bei dieser Gelegenheit auseinandergerissen, ohne daß es dafür Gründe in der wissenschaftlichen Entwicklung selbst gab. So wurde die traditionell in Leipzig in einer eigenen Fakultät gepflegte Veterinärmedizin mit einem Teilbereich der Landwirtschaft zur „Sektion Tierproduktion/Veterinärmedizin“ zusammengefaßt. Im Zuge der „Durchrationalisierung“ wurden ihr weit entfernte Wissenschaftseinrichtungen, wie z.B. das Versuchsgut Börnchen, das bis dahin zur Universität Jena gehört hatte und in deren unmittelbarer Nachbarschaft liegt, zugeordnet.

3. Der Aufbau der Verwaltung im Dienst der politischen Diktatur
Bis zur politischen Wende kam die Beherrschung der Universität durch die Partei, die ja keineswegs verheimlicht wurde, schon darin zum Ausdruck, daß im Universitätshauptgebäude über den Räumen des Rektorats die „Kreisparteileitung“ der SED residierte. Der Kreissekretär rangierte protokollarisch vor dem Rektor. Der „Prorektor l“ hatte außerdem für die Linientreue der Universität zu sorgen. Er mußte nicht „Stasi-Mitarbeiter“ sein – er gab der Stasi Anweisungen. Im Jahr 1990 hatte die Zentralverwaltung der Universität mehr als 1.600 Mitarbeiter, was einem Anteil von über einem Viertel der Beschäftigten entspricht (an westlichen Hochschulen liegt der Anteil bei etwa 10 % – was offenbar auch schon zuviel ist). Die Verwaltung war in zahlreiche „Direktorate“ gegliedert, deren Kompetenzen häufig nicht genau festlagen und die in weiten Bereichen vor allem durch ein gegenüber Wissenschaftlern und Studenten herrschsüchtiges Selbstverständnis geprägt war. Die Bedeutung als politisches Kontrollorgan lag bei dem „Direktorat Kader und Qualifizierung“ (= Personalabteilung), der „Hauptabteilung Kultur“ und dem „Referat Ordnung und Sicherheit“ offen zu Tage. Entsprechende Aufgaben hatten aber selbstverständlich auch so harmlos bezeichnete Einrichtungen wie das „Referat Regiedienst/Hörsaalverwaltung“ oder die „Hauptabteilung Wohnheime“. a) Personal Im Verhältnis zu westlichen Universitäten verfügte die Universität Leipzig aber auch in ihren wissenschaftlichen Einrichtungen über eine reiche personelle Ausstattung. Ohne die im Zuge der Neustrukturierung des sächsischen Hochschulwesens im Jahr 1992 in die Universität integrierten anderen Hochschulen und Hochschulteile (Pädagogische Hochschule, Handelshochschule, Theaterhochschule, Technische Hochschule, Deutsches Literaturinstitut) hatte sie insgesamt mehr als 6.000 Mitarbeiter (ohne Klinikum und Medizinische Fakultät!). Deren Struktur wies gegenüber westlichen Hochschulen insofern zwei Besonderheiten auf, als einerseits der technische Rückstand zu größeren Personalkörpern zwang, andererseits aber auch der Grad der Spezialisierung der Mitarbeiter einen rationelleren Personaleinsatz nicht erlaubte. Es war

2. Die direkte politische Gleichschaltung
Dazu kamen von Anfang an bewußte Akte der politischen Beeinflussung. Dies geschah zunächst durch die Gründung der „Arbeiter- und Bauernfakultät“, um der traditionell geisteswissenschaftlich orientierten Universität, die man fest in „bürgerlicher Hand“ wußte, eine „proletarische“ Komponente beizumengen, aus der heraus die Machtergreifung in den Organen der akademischen Gremien eingeleitet und zum Erfolg geführt wurde. Die dadurch möglich gewordene Einflußnahme auf die Zusammensetzung der Professorenschaft sicherte vor allem die Linientreue der für das Regime wichtigen Fächer. Während man es sich – ohne politischen Einfluß zu verlieren – leisten konnte, in den naturwissenschaftlichen Fächern Professoren in Leitungsfunktionen zu dulden, die nicht der SED angehörten, ja wo man dies um des Ansehens des Regimes willen sogar förderte, wenn Wissenschaftler über ausreichendes internationales Renommee verfügten, war der politische Durchgriff im Bereich der Journalistenausbildung, bei Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern, in der Philosophie und bei dem Großteil der Historiker total. Spätestens mit dem Weggang des Philosophen Ernst Bloch im Jahr 1961 und des Germanisten Hans Mayer im Jahr 1963 war deutlich, welch totalen Anspruch das Regime gegenüber den Geistes- und Sozialwissenschaften erhob.

1. Die „verdeckte“ Umgestaltung der Universität im Sinne der SED
Die politische Führung der DDR hatte die Universität Leipzig als „Karl-Marx-Universität“ dazu bestimmt, besonders linientreuen Führungsnachwuchs heranzubilden. Das hatte zur Folge, daß nach einem langen Kampf im Gefolge der sogenannten „Dritten Hochschulreform“ von 1968 zahlreiche kleinere Fächer, die traditionell das Bild der Universität Leipzig geprägt hatten, „wegrationalisiert“ wurden. Dazu gehörten z. B. die „klassische Archäologie“, deren bedeutende Museumsschätze in Kisten verpackt und in ein unzugängliches Magazin gesperrt wurden. Geschlossen wurden auch die Geographie, die Pharmazie und die „grüne“ Landwirtschaft. Zahlreiche Institutsbibliotheken wurden – angeblich, weil die Brandlast des neuen Universitäts-

22

fdw 2/2005

unverkennbar und hat bei der Neugestaltung zu erheblichen Problemen geführt, daß der Umfang der Aufgaben auf nahezu allen Arbeitsplätzen so gering war, daß es gerechtfertigt ist, von einer hohen, gut kaschierten faktischen Arbeitslosigkeit in erheblichem Umfang zu sprechen. So verfügte jede wissenschaftliche Einrichtung für sich über nahezu alle technischen Hilfskräfte und über Hochschullehrer für jeden noch so kleinen Ausbildungsabschnitt. Zum Beispiel erlernte kein Wissenschaftler – wenn er es nicht ausdrücklich selbst wollte – den Umgang mit dem Elektronenmikroskop; für jede Messung, für jede Bedienung einer etwas aufwendigeren Apparatur stand gesondertes Personal zur Verfügung.

besondere in den experimentellen Fächern herausgefordert, es kam auch zu unkonventionellen und preiswerten methodischen Neuerungen. d) Literatur

Auf den Stand von Forschung und Lehre wirkte sich das Fehlen der westlichen Literatur besonders nachteilig aus. Nicht nur diejenigen Fächer, in denen die SED ideologische Bedenken gegen das Hereinlassen ausländischer Werke hatte, litten unter dieser Situation. Wegen des Fehlens von Devisen konnten auch die besonders teuren naturwissenschaftlichen und technischen Lehrbücher und Zeitschriften nicht beschafft werden, so daß ausnahmslos in allen Fächern ein erheblicher Nachholbedarf besteht, der b) Gebäude auch im Jahr 2005 noch keineswegs beEin besonderes und den Neuaufbau noch hoben ist. lange belastendes Erbe der DDR-Zeit war der marode Bauzustand. Die Universität Leipzig verfügte bei der Wende über II. Die mit der Neustrukturierung 406 Gebäude, von denen fast die Hälfte verfolgten Ziele in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist (wovon wiederum fast A. In der Wissenschaftslandschaft der 40 % aus der Zeit bis zum Ende des Er- Bundesrepublik und Sachsens sten Weltkriegs stammt). In den 15 Jahren Bereits vor den Beschlüssen, die zur Wiezwischen 1946 und 1960 entstand im- dervereinigung Deutschlands führten – merhin rund ein Drittel der bis Anfang nämlich in der Zeit, in der die Wirtdes Jahres 2004 noch genutzten Häuser, schafts- und Währungsunion vorbereitet während dieser Anteil in den 28 Jahren wurde – fiel die Entscheidung, in bis 1989 auf rund 23 % sank. Dabei ist zu Deutschland ein einheitliches Wissenberücksichtigen, daß die in der unmittel- schaftssystem herzustellen. Bestrebunbaren Nachkriegszeit errichteten Bau- gen, in den Ländern der ehemaligen DDR werke erhebliche technische Mängel auf- eine eigene Akademie der Wissenschafweisen, daß aber auch die neueren Ge- ten bestehen zu lassen und andere Forbäude den Beanspruchungen nicht stand- men der Hochschulorganisation vorzusehalten, weil nur qualitativ schlechtes hen, wurden sehr schnell aufgegeben. Die Baumaterial (vor allem für die Haustech- Folge war, daß das westliche Wissennik) eingesetzt wurde und weil es an der schaftssystem auch in den neuen Bundesnötigen ständigen Wartung und Erneue- ländern etabliert wurde. Wenn der Einirung gefehlt hatte.3 Da in dem mit fast gungsvertrag auch Übergangsfristen bis 600 Betten größten Stationsbau des Uni- zum Inkrafttreten der rahmenrechtlichen versitätsklinikums, der erst 1984 in Be- Vorschriften des Bundes einräumte, stand trieb genommen wurde, die gesamte In- damit doch fest, daß es einen eigenen stallationstechnik erneuert werden müß- Weg der ehemaligen „DDR-Wissente, wird dessen Ersetzung durch Neubau- schaft“ nicht geben konnte. ten unvermeidlich. Dies war keineswegs eine optimale Entc) „Sachausstattung“ scheidung, denn es kann ja gar keinen Daneben fehlten in allen Fächern die mo- Zweifel daran geben, daß das Hochschuldernen Geräte. Sie wurden (auch das ist wesen der Bundesrepublik erhebliche ein Grund für die viel zu große Personal- Mängel aufweist. Stichworte wie die ausstattung) z. T. in eigenen Werkstätten überlangen Studienzeiten, der viel zu genach westlichen Vorbildern nachgebaut, ringe Ausstoß an besonders ausgewieseweil Devisen zum Kauf fehlten. Zum Teil nen Wissenschaftlern, der sich erweiternmußte aber auch mit völlig überholten de technologische Rückstand sowie die Geräten geforscht und gelehrt werden. dazu führenden Umstände – wie die viel Das erwies sich allerdings nicht nur als zu große Regelungsdichte, die verbreitete Nachteil, denn dadurch wurde nicht nur Feindlichkeit gegen die moderne Techdie „handwerkliche Methodenlehre“ ins- nik, die fehlenden Mittel – all dies reicht

als Hinweis auf das Gemeinte. Ob es eine durchsetzbare Alternative zu dem tatsächlich eingeschlagenen Weg bei der Neuordnung der ostdeutschen Wissenschaftslandschaft gegeben hätte, kann dahinstehen. Jedenfalls war es nicht von vornherein plausibel, die zahlreichen Mängel des westdeutschen Wissenschaftssystems den östlichen Ländern überzustülpen. Ein guter Teil der Versuche einer Neuorganisation der Universität Leipzig diente daher auch dem Bemühen, die Fehler der westlichen Universitätsentwicklung zu vermeiden. Es kam aber noch etwas hinzu, was das Selbstbewußtsein auch derjenigen Wissenschaftler im Osten zunächst nachhaltig beschädigt hat, deren Kompetenz und menschliche Integrität über jeden Zweifel erhaben war, nämlich ihre „Evaluation“, die Überprüfung ihrer fachlichen Leistungen und menschlichen Eignung für eine Position in der Wissenschaft durch Kommissionen, denen ausschließlich oder doch deutlich überwiegend westdeutsche Wissenschaftler angehörten. Die Folge war einerseits, daß sich Resignation breitzumachen drohte. Andererseits stachelte diese Situation aber auch den Ehrgeiz der Betroffenen an, die eigene Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Diese zweite Haltung erhielt besondere Nahrung durch ausgesprochen erfreuliche menschliche Bereicherungen durch den Großteil der aus dem Westen berufenen Hochschullehrer, aber auch durch die sich bald einstellende Erkenntnis, daß keineswegs alle „Westler“ dem hehren Bild des engagierten Forschers und Lehrers entsprachen. Erfolge beim Wettlauf um Drittmittel und die gleichberechtigte Mitsprache in den Gremien der wissenschaftlichen Selbstverwaltung taten ein übriges: Von allen Bereichen, in denen die neuen Bundesländer aufholen müssen, dürfte das Gebiet „Selbstbewußtsein der Wissenschaftler“ über die größten Zuwachsraten verfügen. B. Die Reformziele und rechtlichen Vorgaben der Sächsischen Staatsregierung Vor welchen Problemen die Wissenschaftspolitik beim Wiederbeginn eines eigenstaatlichen Lebens in Sachsen stand, drückte der Wissenschaftsminister, Professor Dr. Hans Joachim Meyer, bei der Jahrestagung der deutschen Universitätskanzler am 30. September 1992 in Leipzig so aus: „Es war für uns eine bittere Erkenntnis, daß, ... der Finanzminister von Baden-Württemberg, von Bayern oder von Nordrhein-Westfalen, nicht be-

2/2005 fdw

23

reit ist, dem Wissenschaftsminister in Sachsen oder in Thüringen mehr zu zahlen als seinem eigenen Wissenschaftsminister und daß uns dies vor die Notwendigkeit stellt, zwei Dinge auf einmal zu machen, die eigentlich die Quadratur des Kreises darstellen, nämlich, in absehbarer Zeit, in einem unglaublich kurzen Zeitraum, in einem solchen Rahmen eine Hochschulstruktur zu erreichen, den wir jedenfalls in Zukunft werden selbst finanzieren können und dennoch diese Hochschulstruktur so zu gestalten, daß sie den wertvollen Leistungskern bewahrt und uns eine Zukunft eröffnet, in der wir durch eigene Leistung diese Hochschulen weiter bauen und ausbauen können. So stehen wir jetzt in der Notwendigkeit, zugleich abzubauen und aufzubauen. Wir stehen in einem Wechselbad von bitterer Einsicht und neuem Aufbruch.“ 4 Die rechtlichen Vorgaben, die den Erneuerungsprozeß bestimmten und in denen sich die amtliche Politik artikulierte, bestanden einerseits in überregionalen Vorschriften, wie dem Einigungsvertrag und den mit Übergangsfristen eingeführten rahmenrechtlichen Vorschriften des Bundes, insbesondere im Hochschulrahmengesetz, im Beamtenrechtsrahmengesetz, dem Bundesangestelltentarifvertrag und den Finanzierungsregelungen im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe „Hochschulbau“ nach Art. 91 b GG. Zunächst galt auch noch die von der Regierung de Maiziére erlassene DDRHochschulverordnung vom 18. September 1990. Bevor es zu Neuregelungen kam, machte die Regierung Biedenkopf im Dezember 1990 von der Ermächtigung des Einigungsvertrages zur „Abwicklung“ derjenigen wissenschaftlichen Einrichtungen Gebrauch, deren Vertreter ideologisch besonders belastet waren. Damit wurden folgende Einrichtungen geschlossen: Die Sektion Philosophie, die Sektionen Politikwissenschaft und Soziologie 5, Wirtschaftswissenschaft, Rechtswissenschaft, das Institut für internationale Studien, die Sektionen Journalistik und Pädagogik sowie die Militärmedizinische Abteilung. Dazu kamen Einrichtungen, die nur teilweise abgewickelt wurden: Die Sektionen Geschichte, Kultur- und Kunstwissenschaften, Afrika- und Nahostwissenschaften und das Herder-Institut. Anschließend wurden das Sächsische Hochschulstrukurgesetz (April 1992), das Sächsische Hochschulerneuerungsgesetz (Juli 1992) und das Sächsische

Hochschulgesetz (August 1993) erlassen. Zusammen mit den erwähnten Bundesvorschriften bestimmten sie den Gang der Erneuerung nachhaltig und begrenzten die autonomen Möglichkeiten der Universität. Daß es über Umfang und Reichweite der zu beachtenden gesetzlichen Vorschriften Differenzen gab und gibt, zeigt der Umstand, daß die Universitätsverfassung erst vier Jahre nach dem Beschluß des Konzils im Jahr 1997 die erforderliche Genehmigung des Wissenschaftsministers erhalten hat. Auch die Ordnungen für die Fakultäten, für Promotionen und Habilitationen waren zwischen der Regierung und der Universität jahrelang umstritten. Am schnellsten kamen die Studien- und Prüfungsordnungen voran. Das lag vor allem daran, daß die Studierenden Rechtsansprüche auf geltende Regelungen haben. Sie mußten also schnell verbindlich erlassen werden. Der Zeitraum für so wichtige Vorschriften wie eine Landesgebührenordnung (für die Inanspruchnahme der Bibliotheken und die Nutzung von Recherchepotentialen der Universität), eine Nebentätigkeitsverordnung für die Hochschullehrer und die Grundsätze, nach denen öffentlich Bedienstete zu Beamten ernannt werden können, war ebenfalls unvertretbar lang. 6 C. Die eigenen Reformziele der Universität Die dargestellte Situation zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung und damit in dem Moment, in dem eine eigenständige sächsische Hochschulpolitik und eine autonome Selbstverwaltung für die Universität Leipzig möglich und erforderlich wurde, läßt die inneruniversitären Reformziele zwangsläufig erscheinen:

verpflichteten Neuausrichtung der Universität war, zeigten die Wahlen zum Konzil, die im Dezember 1990 stattfanden. In diesem Konzil sollten – nach dem Modell der Gruppenuniversität – die Professoren, die Assistenten und anderen Angehörigen des akademischen „Mittelbaus“, die „sonstigen Mitarbeiter“ und die Studierenden je 25 % der Sitze erhalten. Da die Professoren zu mehr als 90 % SED-Mitglieder gewesen waren, wurde befürchtet, daß es in ihren Reihen zu viele Verfechter des alten Systems geben würde. Um deren Einfluß zu begrenzen, wurde eine Verfahrensvorschrift erlassen, die vorsah, daß zwar jede der genannten Gruppen ihre Kandidaten aufstellte, daß aber die Wahl durch alle Mitglieder der Universität erfolgte, d. h. daß auch die übrigen Wahlberechtigten über die Vertretung der Professoren mitbestimmten. Die Probe über den politischen Willen des Konzils lieferte die Abstimmung über den Namen der Universität: Der Antrag auf die Streichung des Namenszusatzes „Karl Marx“ und die Rückkehr zum alten Namen „Universität Leipzig“ fand eine deutliche Zweidrittelmehrheit. Das so zusammengesetzte Konzil bestimmte auch eine „Vertrauenskommission“, die sofort daranging, die Integrität insbesondere der Hochschullehrer und leitenden Mitarbeiter der Verwaltung zu überprüfen. 7 Dies waren so eindeutige Signale, daß der Reformprozeß von dem im Februar 1991 gewählten Rektorat mit großem Nachdruck begonnen werden konnte.

3. Wichtig waren in diesem Zusammenhang auch die Ergebnisse der Personalratswahlen: Hierbei gewannen die Reformkräfte alle Sitze, so daß auch in der Personalvertretung große Übereinstim1. Anders als an den meisten Hochschu- mung mit dem Ziel der Erneuerung der len der ostdeutschen Länder gab es von Universität im freiheitlich-demokratiAnfang an eine breite Mehrheit für ein schen Geist bestand. von allen sozialistischen Verformungen 4. Sofort nach der Beendigung der Isolieund Zielsetzungen befreites Hoch- rung und der Beseitigung der Zensur kam schulmodell. Die Fähigkeit, dies aus ei- es zu intensiven Bemühungen, sich dem gener Kraft zu erreichen, wurde dabei an- internationalen Stand des eigenen Fafangs sicher überschätzt. So hatten die ches anzupassen. Es war zwar nicht so, überall durchgeführten Vertrauensab- daß man über die Situation in den westlistimmungen über die Leitung der Institu- chen Hochschulen und Forschungsinstite zwar eindeutige Ergebnisse im Sinne tuten nichts gewußt hätte. In vielen der Erneuerung. Die „alten Kräfte“ Fächern handelte es sich dabei aber um streckten aber längst nicht überall die ein über osteuropäische Wissenschaftler Waffen: An einigen Instituten und Klinivermitteltes Bild: Sich mit ihnen auszuken brachten erst die Reformgesetze des tauschen war nicht ganz so schwer, wie Jahres 1993 einen Wechsel in den LeiBeziehungen zu westlichen Forschern zu tungspositionen. unterhalten, und die Wissenschaftler Po2. Wie verbreitet und eindeutig aber der lens, Ungarns, der Tschechoslowakei, Wille zu einer freiheitlichen Prinzipien Bulgariens und Rumäniens waren nicht

24

fdw 2/2005

in der gleichen bornierten Weise von der westlichen Welt abgeschirmt wie die der DDR. Die Möglichkeiten, westliche Universitäten zu besuchen und insbesondere sich die aktuelle Fachliteratur zu beschaffen, wurde sofort nach dem Fall der Mauer intensiv genutzt. 5. Sofort regte sich naturgemäß auch der Wunsch derer, die sich in der großen Tradition ihrer Fächer an der Universität Leipzig sahen, deren Institute aber aus ideologischen oder „Rationalisierungsgründen“ geschlossen worden waren, ihr Fach wieder gleichberechtigt in den Kanon der in Leipzig gepflegten Wissenschaftsdisziplinen aufzunehmen. 6. Besonders deutlich wurden die neuen Ansprüche, die die Vertreter der Universität an den Umgang miteinander stellten, bei der praktischen Lösung des Problems, rund zwei Drittel des Personals abbauen zu müssen. Wegen der erwähnten Integration waren – ohne Berücksichtigung des Klinikums – im Frühjahr 1991 an der Universität über 8.000 Mitarbeiter beschäftigt, davon diejenigen der „abgewickelten Einrichtungen“ nur noch befristet für eine Übergangszeit. Der am 1. Januar 1994 in Kraft getretene Stellenplan sah nur noch 2.441 „ordentliche“ Planstellen vor. Dazu gab es zwar zunächst noch ein sogenanntes „Stellensoll B“, in dem degressiv und endgültig auslaufend am 31. Dezember 1996 zunächst noch 621 zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnet wurden. Für den Senat und das Rektoratskollegium, das nach dem Sächsischen Hochschulgesetz die definitive Entscheidungskompetenz in allen Haushaltsfragen und damit auch bei der Zuweisung und Besetzung der Personalstellen hat, stand von vornherein fest, daß für den Stellenabbau folgende Grundsätze gelten mußten: In das politische System der DDR besonders verstrickte Mitarbeiter konnten nicht weiterbeschäftigt werden. Für aus politischen Gründen besonders Benachteiligte mußten erträgliche neue Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Dies galt auch für sozial besonders Schwache, wie alleinerziehende Mütter oder wissenschaftliche Assistenten mittleren Lebensalters mit entsprechenden familiären Verpflichtungen. Hierbei kam es naturgemäß immer wieder zu erheblichen Problemen, einen Ausgleich zwischen der sozialen Verträglichkeit und den Ansprüchen der an Leistungen orientierten Wissenschaft zu finden.

III. Die Praxis der Erneuerung
A. Die Entwicklung der neuen wissenschaftlichen Struktur Nach umfänglichen Beratungen, in die die Evaluierungskommissionen des Wissenschaftsrates, und vom Sächsischen Wissenschaftsminister speziell für einzelne Fächer eingesetzte Kommissionen und die für das ganze Land zuständige „Hochschulkommission“ einbezogen waren, legte die Regierung ein Konzept für die fachliche Gliederung der Universität Leipzig vor, die im großen und ganzen in das Hochschulstrukturgesetz des Landes Eingang fand. Danach sollten im Mittelpunkt von Lehre und Forschung der Universität Leipzig die klassischen universitären Wissenschaftsgebiete stehen: Die Evangelische Theologie (in die Fakultät sollte die von den Evangelisch-Lutherischen Landeskirchen Sachsen, Mecklenburg und Thüringen getragene Kirchliche Hochschule Leipzig integriert werden), Staatsund Rechtswissenschaften und Philosophie. In der neu aufzubauenden wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät sollten Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftspädagogik angeboten werden.

Auch die Geowissenschaften sollten ausgebaut werden, nicht zuletzt als Bindeglied zu den außeruniversitären Einrichtungen „Institut für Länderkunde“ und „Umweltforschungszentrum“. Die Pharmazie sollte in einer späteren Ausbaustufe wieder aufgenommen werden. Die Landesregierung unternahm zwar Versuche, die Agrarwissenschaften durch ein Kooperationsmodell mit Halle wenigstens teilweise in Leipzig zu erhalten. Da dieser Vorschlag, den der Wissenschaftsrat nicht ausgeschlossen hatte, im Nachbarland aber keine Resonanz fand, mußte die Fakultät geschlossen werden. Für den Aufbau der Erziehungswissenschaften sprach das Ministerium die Empfehlung aus, sie als neues Fachgebiet einzurichten, „in dem die Allgemeinen Erziehungswissenschaften, die Grundschulpädagogik/Grundschuldidaktik, die Berufs- und Erwachsenenpädagogik und an einziger Stelle in Sachsen die Sonderpädagogik zusammengefaßt sind.“ Weitere Empfehlungen betrafen die Kommunikations- und Medienwissenschaften/Journalistik, zu denen „später auch ein Arbeitsbereich für Verlagswesen und Buchhandel gehören“ sollten. Um die Aufgaben der ehemaligen „Deutschen Hochschule für Körperkultur“ („DHfK“) fortführen zu können, sollte an der Universität eine Sportwissenschaftliche Fakultät geschaffen und damit „an die positiven Momente der Förderung des Leistungssportes in der DHfK“ angeknüpft und darüber hinaus Lehre und Forschung im Schulsport, Breitensport und Behindertensport entwickelt werden.

Für die Struktur des Klinikums und den inneren Aufbau der Human- und Zahnmedizin wurden Entscheidungen auf die gemeinsamen Beratungen mit dem Wissenschaftsrat vertagt. Der Beschluß über die Fortführung der wieder selbständig gewordenen Veterinärmedizin folgte der Empfehlung der Evaluierungskommission des WissenschaftsraAusführlich fiel das Votum zur Frage eites. ner technischen Fachrichtung aus, wofür Geisteswissenschaften mit Politologie, das Bauingenieurwesen als Studiengang Soziologie, Geschichte, Kunstgeschichte, und als technische Grundlage des WirtMusikwissenschaft, Klassische Archäo- schaftsingenieurwesens in Betracht komlogie, Orientalistik, Außereuropäische me: „Bauingenieurwesen wird in Leipzig Ethnologie, Religionswissenschaft und bisher an der Technischen Hochschule Deutsche Volkskunde sollten neu aufge- gepflegt und nimmt unter den vergleichbaut oder fortgeführt werden. baren Fachbereichen an den HochschuDies galt auch für die Sprachwissenschaf- len in den neuen Ländern einen Spitzenten mit Germanistik einschließlich Thea- platz ein. Der Wissenschaftsrat lehnt ein terwissenschaften, Anglistik/Amerikani- universitäres Bauingenieurwesen in Leistik, Slavistik, Romanistik und Altphilo- pzig ab, weil er weder regional noch unlogie. Unumstritten war auch der Ausbau ter Berücksichtigung des Verhältnisses der Psychologie, deren experimentelle von Fachhochschul-Bauingenieuren zu Richtung bereits im 19. Jahrhundert in Universitäts-Bauingenieuren dafür einen Leipzig entstanden war. Als für die Uni- Bedarf sieht und weil er ein isoliertes versität selbstverständliche Fachrichtun- Bauingenieurwesen ohne parallelgeführgen wurden Mathematik und Naturwis- te andere ingenieurwissenschaftliche senschaften mit Informatik, Chemie, Disziplinen nicht für sinnvoll hält. Für Physik und Biowissenschaften bestätigt. das universitäre Wirtschaftsingenieurwe-

2/2005 fdw

25

sen empfiehlt er eine Kooperation der Universität mit der Fachhochschule Leipzig nach dem Modell der Kooperation zwischen Fachhochschule und Universität Hamburg.“ Das Votum der Hochschulkommission deckt sich hinsichtlich der Bauingenieure im wesentlichen mit dem des Wissenschaftsrates. Im Gegensatz zum Wissenschaftsrat empfiehlt sie, auch das Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Leipzig nicht anzubieten. Nach Auffassung von durch den Wissenschaftsrat befragten Sachverständigen aus dem Bauwesen sollte aus dem Bestand der Technischen Hochschule Leipzig an der Universität Leipzig ein Fachbereich Bauwesen errichtet werden, weil dafür in der Region ein Bedarf bestehe. Das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst ist der Meinung, daß der Bereich Bauingenieurwesen von der Technischen Hochschule Leipzig an die Universität überführt und dort als universitärer Studiengang angeboten werden sollte. Begründet wird dies mit der hohen Qualität des Bereiches, die vom Wissenschaftsrat ausdrücklich anerkannt wurde, und mit dem nicht nur in der Region zu erwartenden großen Bedarf an eher wissenschafts- als praxisorientiert ausgebildeten Baufachleuten. Außerdem sieht das Ministerium die richtige technische Grundlage für das Wirtschaftsingenieurwesen, auf das nicht verzichtet werden kann, in einem universitären technischen Studiengang und nicht in einem Kooperationsmodell. Daß das Bauingenieurwesen auf absehbare Zeit der einzige technische Studiengang an der Universität sein wird, steht dem nicht entgegen. Längerfristig könnte – nach dem Beispiel vieler Universitäten – eine Technische Fakultät unter wissenschafts- und hochschulpolitischen Aspekten eine wichtige Bereicherung der Universität Leipzig sein.“ Die praktische Umsetzung dieses Konzepts erfolgte in einem vielschichtigen Prozeß. Soweit es sich um „abgewickelte“ oder völlig neu zu schaffende Bereiche handelte, setzte der Wissenschaftsminister westdeutsche Gründungsdekane und -direktoren ein und berief Gründungskommissionen, die ebenfalls ganz überwiegend mit westdeutschen Wissenschaftlern besetzt waren. Sie erstellten Strukturvorschläge für die neu zu schaffenden Einrichtungen und fungierten bis zu deren förmlicher Neugründung zugleich als Berufungskommissionen. Für die fortgeführten Fächer richtete sich die Neuorientierung vor allem an der wis-

senschaftlichen Widmung der Professuren aus, die sämtlich in Kommissionen auf unterschiedlichen Ebenen überprüft wurden. So wurde insbesondere die Struktur der Medizinischen Fakultät erst nach einer zweimaligen Evaluation durch den Medizinausschuß des Wissenschaftsrates, nach Klärung der Bedürfnisse der medizinischen Versorgung im Raum Leipzig und nach Erörterung in der Sächsischen Hochschulkommission festgelegt. B. Die Verschränkung von Personalabbau und Strukturreform Daß sich bei der Umsetzung dieses Konzepts besondere Schwierigkeiten auftürmten, lag vor allem daran, daß er von dem empfindlichen Personalabbau überlagert wurde, von dem bereits die Rede war. Dabei kam erschwerend hinzu, daß auf Grund des Sächsischen Hochschulerneuerungsgesetzes vom 25. Juli 1991 zunächst geprüft werden mußte, welches Personal aus Gründen fehlender persönlicher Integrität oder wegen fachlicher Inkompetenz nicht weiter beschäftigt werden durfte. Mit der Umsetzung des Konzepts konnte erst begonnen werden, als diese Überprüfung, der sich alle Beschäftigten unterziehen mußten, abgeschlossen war. Um in den Gremien der Universität, vor allem im Senat und den Fakultätsräten ein Mindestmaß an demokratisch-rechtsstaatlich legitimierten Vertretern zu besitzen, berief der Wissenschaftsminister in einem verkürzten Verfahren für jede Fakultät einige „Professoren neuen Rechts“. Nur sie durften von da ab akademische Ämter wahrnehmen und nur sie waren am Berufungsgeschehen beteiligt, soweit es nicht den Gründungskommissionen vorbehalten war.

oder neu strukturierten Fakultäten und Kommissionen für die Besetzung der Stellen in den zentralen Einrichtungen und der Verwaltung machten dem Rektorat Vorschläge für die Personalauswahl. Für die Besetzung der Professorenstellen wurden in jedem Fall Berufungskommissionen gebildet, denen – wie bereits gesagt – nur diejenigen Angehörigen der Universität Leipzig angehören durften, die ihrerseits bereits zu „Professoren neuen Rechts“ berufen worden waren. Die übrigen Hochschullehrer in diesen Berufungskommissionen kamen entweder aus dem Westen oder waren an anderen ostdeutschen Universitäten bereits neu berufen worden. Auf Grund der bundesweiten Ausschreibung dieser Stellen wurden schließlich etwa ein Drittel der bisherigen Professoren in ihren Ämtern bestätigt. Ein Drittel kam aus dem eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität Leipzig (wobei in einer ganzen Reihe von Fällen qualifizierte Vertreter des „Mittelbaus“, die in der DDR aus politischen Gründen an einem weiteren Aufstieg gehindert worden waren, endlich die ihnen zukommenden Positionen erhielten). Das letzte Drittel waren Wissenschaftler, die aus dem Westen kamen. Überproportional war deren Anteil an den Berufungen in den „abgewickelten“ Einrichtungen. Die im Amt bestätigten Professoren gehörten überwiegend den naturwissenschaftlichen Fächern an, obwohl sich hierbei in einigen Fällen die geringe Breite der fachlichen Ausrichtung negativ auswirkte und eine Berufung nicht zuließ.8

Dieses Problem wurde beim übrigen wissenschaftlichen Personal noch deutlicher. Viele „Lehrkräfte im Hochschuldienst“, die nur über eine sehr enge fachliche Kompetenz verfügten, konnten angesichts des engen Stellenplans und der Notwendigkeit, die jeweiligen StudieninAuf Empfehlung des damaligen Kanzlers der Universität Freiburg im Breisgau, halte vollständig anzubieten, nicht in die Friedrich-Wilhelm Siburg, hatte das Wis- neue Struktur übernommen werden. senschaftsministerium in der Zwi- Gemeinsam mit dem Personalrat, der an schenzeit Stellenpläne für die sächsi- allen Entscheidungen dadurch beteiligt schen Hochschulen erarbeitet, die als Be- war, daß er in jeder Besetzungskommissistandteil des im Jahr 1993 beschlossenen on einen Vertreter stellte und daß er Haushaltsplans wirksam wurden und für zunächst an allen PersonalentscheidunLeipzig die o. g. Stellenzahlen vorsahen. gen des Rektorats mit beratender Stimme beteiligt war, wurde ein Mechanismus für Nach Abschluß der Tätigkeit der Persodie Suche nach geeigneten Beschäftinal- und Fachkommissionen wurden alle gungsmöglichkeiten für diejenigen MitStellen – soweit dies nicht als unverzichtarbeiter eingerichtet, die ihren bisherigen bare Voraussetzung für den ErneuerungsArbeitsplatz verloren. prozeß bereits früher geschehen war – öffentlich ausgeschrieben. Die vom Mini- Der Einigungsvertrag hatte die Möglichster eingesetzten Gründungskommissio- keit geschaffen, denjenigen Mitarbeitern, nen, Kommissionen der fortbestehenden die nicht auf eine Planstelle der neuen

26

fdw 2/2005

Struktur gesetzt werden konnten, eine „Kündigung wegen mangelnden Bedarfs“ auszusprechen. Um die Zahl der aus diesem Grund in die Arbeitslosigkeit Entlassenen möglichst klein und sozial verträglich zu halten, wurden alle Möglichkeiten des Überganges in den Vorruhestand, der Teilzeitbeschäftigung, der Beschäftigung in ABM-Arbeitsverhältnissen oder durch die Vergabe von (honorierten) freiberuflichen Lehraufträgen ausgeschöpft. In vielen Fällen konnte durch eine befristete Beschäftigung auf dafür besonders bereitstehenden Stellen der Übergang in die Altersrente ohne eine Phase der zwischenzeitlichen Arbeitslosigkeit möglich gemacht werden. 9

wurde – zur Überraschung vieler – auch von den Mitarbeitern honoriert, denn bei der Neuwahl der Personalvertretung im Frühjahr 1995 erhielten die maßgeblichen Vertreter dieses Kurses einen eindeutigen Vertrauensbeweis. C. Der Umbau der Universitätsverwaltung Die einleitende Darstellung über die Organisation und Rolle der Universitätsverwaltung in der Zeit der DDR hat bereits erkennen lassen, daß dieses Gebiet der grundsätzlichen Neugestaltung bedurfte. Nicht nur das prinzipiell andere Verständnis von Verwaltung als Dienstleistung, die Forschung und Lehre der Universität ermöglichen soll, sie aber nicht kommandieren darf, machte dies notwendig. Auch die Umstellung auf rechtsstaatliche Verfahren, auf das neue Haushaltsrecht und der Wechsel von dem recht einfach strukturierten Personalverwaltungsrecht der DDR auf das ausgefeilte System des Bundesangestelltentarifvertrages (BAT) und das Beamtenrecht war mit dem vorhandenen Verwaltungspersonal nicht zu bewältigen. Allein die Ausarbeitung der Arbeitsplatzbeschreibungen nach dem BAT wäre mit dem alten Personal nicht zu bewältigen gewesen. Daher war die von den Westuniversitäten gewährte Hilfe bei der Lösung dieser Aufgaben wichtig. Ohne Unterstützung und insbesondere die Anleitung der Mitarbeiter sowohl bei Besuchen im Westen als auch durch vorübergehende Entsendung von Mitarbeitern nach Leipzig wäre sie nicht zu schaffen gewesen. Nach dem Erlaß des sächsischen Beamtengesetzes war es erforderlich, das Personal auch darauf fachlich vorzubereiten.

landsamt) aus der Physik, der Haushaltsdezernent aus der Chemie, ebenso der Dezernent für Planung und Baufragen. Lediglich der Leiter der Betriebstechnik verfügt als Ingenieur über eine einschlägige fachliche Vorbildung. Er wurde aus einem DDR-Großunternehmen geholt, was vor allem deshalb nötig war, weil nur ein Einheimischer mit den technischen Aggregaten umgehen konnte, die – da sie immer wieder durch Improvisationen in Gang gehalten werden mußten – für westliche Spezialisten undurchschaubar waren. Diese Personalpolitik des Einsatzes von verwaltungsfremden Kräften hat sich innerhalb kürzester Zeit in vollem Umfang bewährt. Das lag nicht nur an der vielleicht verständlichen überdurchschnittlichen Einsatzbereitschaft der genannten Führungskräfte, weil sie besonders motiviert waren. Die Verantwortlichen in der Verwaltung sprechen seither die Sprache der Wissenschaftler, sie sind in der Regel promoviert, in einigen Fällen sogar habilitiert. Sie wissen, welche Probleme zu lösen sind, sie können sich zumindest in die Lage der Wissenschaftler versetzen. Das Argument: „So etwas haben wir ja noch nie gemacht!“ kennen sie nicht, sie suchen nicht die Vorschrift, die es ihnen erlaubt, eine Bitte abzuschlagen, sondern versuchen das Anliegen des Wissenschaftlers oder des Studenten zu fördern. Was sie an Regelwerken beherrschen müssen, haben sie schnell erfaßt und wissen zumindest, wo sie sich jeweils konkret kundig machen können.

In Zusammenarbeit mit dem Personalrat prüfte das Personaldezernat auch von sich aus, ob einem für einen bestimmten Arbeitsplatz abgelehnten Bewerber eine Tätigkeit an anderer Stelle angeboten werden konnte. Dies gelang vor allem in der zentralen Verwaltung, auf deren Umstrukturierung noch einzugehen ist, und bei der Vermittlung in Arbeitsverhältnisse bei Dritten gelegentlich. In einigen Fällen – erfolgreich geschah dies beim „Wissenschaftlichen Gerätebau“ – konnte die Arbeitslosigkeit der früheren Mitarbeiter auch dadurch vermieden werden, daß sie sich durch „Ausgründung“ eines Unternehmens auf den freien Markt begaben oder sich als drittmittelfinanzierte Forschungsinstitute (z. B. das „Albrecht-Daniel-Thaer-Institut für Nutztierforschung“) oder als Bildungsträger („interDaF e. V.“– ein Verein, der gegen Gebühr Ausländern deutschen Sprachunterricht erteilt) etablierten. Die Universität unterstützte diese Aktivitäten dadurch, daß sie vorübergehend Räume und die vorhandenen Geräte leihweise bereitstellte und bei Vorrangig war aus naheliegenden GrünDrittmittelprojekten als Kooperations- den, alle Leitungspositionen der Verwalpartner oder Auftraggeber fungierte. tung neu zu besetzen. Von der Leiterin des Justitiariats abgesehen, die aus dem Trotz aller dieser Anstrengungen mußten in mehr als 1.500 Fällen Kündigungen Westen geholt werden mußte 10, wurden ausgesprochen werden, die naturgemäß alle herausgehobenen Stellen der Verwalnicht immer widerspruchslos hingenom- tung an Einheimische vergeben. Für alle men wurden und zu Rechtsstreitigkeiten Dezernentenstellen und die meisten bei den Arbeitsgerichten und – im Fall der Sachgebietsleiterstellen hat sich das RekProfessoren – bei den Verwaltungsgerich- torat für wissenschaftliche Mitarbeiter ten führten. Dennoch hielt sich diese Zahl entschieden, denen in der DDR wegen ihangesichts der Menge der durch Kündi- rer mangelhaften Bereitschaft, sich für gung des Arbeitgebers beendeten Dienst- die Politik der SED zu engagieren, eine verhältnisse in Grenzen. Die Zahl der er- wissenschaftliche Karriere verbaut worfolgreich angefochtenen Kündigungen den war. So kam der Personaldezernent, liegt bei 50. Diese niedrige Zahl ist mit der zugleich Stellvertreter des Kanzlers Sicherheit auch auf die vertrauensvolle ist, aus der Mathematik, der Leiter des Zusammenarbeit des Rektoratskollegi- Dezernats Akademische Verwaltung (mit ums mit der Personalvertretung zurück- der Gremienbetreuung, dem Studentensezuführen. Deren konstruktive Politik kretariat und dem Akademischen Aus-

IV. Ergebnisse
Diese guten Erfahrungen sind sicher generalisierbar, da die praktischen Ergebnisse erkennen lassen, wie gut die Universität Leipzig damit gefahren ist. Sie entsprechen übrigens den britischen Erfahrungen, wo ja auch die Angehörigen des höheren Dienstes in der Verwaltung ein beliebiges Studienfach absolviert haben können und nicht von vornherein auf die Verwaltungsaufgaben hin ausgebildet werden.
Sachsen und seine Landesuniversität Leipzig sind auch in der Vergangenheit in der Hochschulverwaltung Wege gegangen, die von anderswo praktizierten Verfahren abwichen. Daher verwundert es auch nicht, wenn es in einer Besprechung der Hochschulpolitik Preußens, in der es auch um den Vergleich zu Sachsen ging, hieß: „Leipzig war tatsächlich die Geburtsstätte der kulturwissenschaftlichen und human-

2/2005 fdw

27

wissenschaftlichen Moderne, weil Leipzig, und das ist nicht unwichtig, nicht nur ein Zentrum der Wissenschaft, sondern auch eines der Wissenschaftsorganisation und der Wissenschaftspolitik war.“ 11

das neue Buch des früheren Geschäftsführers unseres Bundes hingewiesen.
6 1

mus“ abgelegt und die unverfängliche neue Bezeichnung gewählt hatte. Besonders kurios nimmt sich die Anpassung der Gebührenregelungen an den Euro aus: Obwohl dessen Einführung lange Übergangsfristen vorausgegangen waren, traten die erneuerten Vorschriften erst zu Beginn des Jahres 2005 in Kraft! Bereits vor Inkrafttreten der einschlägigen Bestimmungen über den Umgang mit den Stasiakten hat die Vertrauenskommission 64 „Informelle Mitarbeiter“ des Staatssicherheitsdienstes enttarnt und für ihre Entlassung gesorgt. Es versteht sich, daß für die Berufungsverfahren ein strenger Maßstab galt und daß in aller Regel nach Probevorträgen und Diskussionen mit den Bewerbern auswärtige, meist vergleichende Gutachten eingeholt wurden. Die Belastung der Dekane, Kommissionen, Fakultätsräte, des Rektorats und des Senats, die sich daraus ergab, wird plastisch, wenn man berücksichtigt, daß die „normale“ Erneuerungsrate für Hochschullehrer bei vier bis fünf Prozent der Professorenstellen liegt, in der konkreten Situation in Leipzig aber binnen drei Jahren die Berufungsverfahren für hundert Prozent der Stellen zu absolvieren war. Trotz dieses befriedenden Vorgehens darf nicht verschwiegen werden, daß dieses Bemühen zu erheblichen zusätzlichen Problemen bei der Beschäftigung des wissenschaftlichen Nachwuchses geführt hat, da es mit sich brachte, daß es innerhalb der ersten zehn Jahre nach der Neubesetzung der Stellen – also bis Ende 1993 – praktisch keine Fluktuation aus Altersgründen mehr gab: Alle Mitarbeiter, die dafür in Frage kamen, befanden sich bereits im Ruhestand, entsprechend gering waren die Chancen für den Nachwuchs.

Inzwischen zeigt die Erneuerung der Universität Leipzig auf allen Gebieten Früchte: Die Studentenzahlen, die 1991 bei 12.900 lagen, stiegen steil an und haben im Wintersemester 2004/2005 die Grenze von 30.000 überschritten. Dabei ist besonders wichtig, daß der Anteil der Studenten aus den westlichen Bundesländern bei rund 20 % liegt. Mehr als 600 wissenschaftliche Tagungen im Jahr, darunter stets auch internationale Großereignisse, zeigen die Attraktivität des Wissenschaftsstandortes Leipzig an. Der selbst zu DDR-Zeiten nicht unterdrückbare weltoffene Geist der Messestadt hat ein Klima bewahrt, das wissenschaftlicher Neugier und geistigem Austausch förderlich ist. Auch im Wettlauf um Forschungsmittel muß sich die Universität Leipzig nicht verstecken; ist es ihr doch gelungen, auf einigen Gebieten innerhalb der neuen deutschen Wissenschaftslandschaft Spitzenplätze zu besetzen. Und die tristen Hörsaal-, Laborund Bürolandschaften haben inzwischen weitgehend neuen Formen und Farben Platz gemacht. Dr. h. c. Peter Gutjahr-Löser war seit 14 Jahren bis zum Eintritt in den Ruhestand im April 2005 Kanzler der Universität Leipzig. In der März-Ausgabe dieser Zeitschrift (S. 4 und 34 f.) wurde auf

Im Jahr der Reichsgründung (Wintersemester 1871/72) hatte Berlin 2.719, Leipzig 2.204 Studenten (= 14,5 % aller Studenten des Deutschen Reiches). Mit den 5.105 in Berlin Studierenden im Sommersemester des Jahres 1900/1901 (WS) konnte Leipzig zwar nicht mithalten, die Zahl von 3.269 Studierenden lag aber immer noch weit vor der mit 2.162 Studenten folgenden Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; vgl. Franz Eulenburg, Die Frequenz der deutschen Universitäten von ihrer Gründung bis zur Gegenwart, Leipzig 1904, S. 304 ff.; im Wintersemester 1932/33 hatte die Universität Leipzig 7.382 Studierende; im Sommersemester 1939 waren es nur noch 1.858. Zitiert nach Elfriede Üner „Die wissenschaftlichen Gesetze der Geschichte – Die besondere Stellung der Leipziger Schule in den Sozialwissenschaften“, in: Wirtschaft & Wissenschaft, 3 /1994, S. 7. Erschwerend kam hinzu, daß durchaus funktionstüchtige technische Anlagen deshalb erneuert werden mußten, weil sie mit den technischen Normen der Bundesrepublik Deutschland nicht übereinstimmen. Da dies nicht überall gleichzeitig geschehen konnte, gab es zwar zunächst den sogenannten „Bestandsschutz“, der aber dann entfiel, wenn in eine solche Anlage eingegriffen wurde. Bei der Aufstellung neuer Geräte war dann nicht nur der entsprechende Leitungsstrang zur Elektrizitätsversorgung „fällig“, sondern zugleich mußte dann die Elektroversorgung im ganzen Gebäude erneuert werden. So kostete die Aufstellung neuer Stühle in der Zahnklinik (mit Elektro-, Wasser- und Abwasseranschluß) nicht die gerechtfertigten 30.000 DM, sondern das Zehnfache. Zitiert nach dem Tagungsprotokoll, S. 15 f. Die nach der Wende eilig ihren bis dahin amtlichen Namen „Wissenschaftlicher Kommunis-

7

8

2

3

9

10 Dies war erforderlich, weil die Juristenausbildung

4 5

der DDR nicht dem Recht verpflichtete Gesetzeskenner, sondern Funktionäre, die die Machterhaltung der SED durchsetzen sollten, hervorgebracht hatte.
11 Ulrich

Raulff, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Juni 1992, S. 12.

Reformszene in Österreich
– Eine Skizze von Peter Meier-Bergfeld
„Hilfe! Die Piefke kommen!“ So gellt es durch die österreichische Hochschullandschaft. Die böse EU, von der die Masse der Österreicher nach zehn Jahren Mitgliedschaft ohnehin die Nase voll hat (nicht erst seit den Sanktionen), hat durch den Generalanwalt beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) festgestellt, die österreichischen Universitätszugangsbestimmungen stellten eine Verletzung der Chancengleichheit von Ausländern dar. Der Europäische Gerichtshof wird diesem Antrag wohl in wenigen Monaten folgen. Und in der Tat: Der Universitätszugang ist in Österreich für jeden Inländer völlig frei (einmalig in der EU), der „Reichsdeutsche“ aber – oder jedweder „Fremde“ – darf nur dann „inskribieren," wenn er daheim auch einen Studienplatz bekommen hätte. Von den 2003 23.000 durch Numerus clausus in Deutschland abgewiesenen Medizinmöchtegernadepten könnte also demnächst „eine Flutwelle“ (so die österreichischen Befürchtungen) nach Innsbruck, Wien, Graz ausgelöst werden – oder Österreich müßte vom freien Hochschulzugang auch für Inländer abgehen. Es gibt 33.000 (von ca. 208.000) ausländische Studierende in „Cisleithanien“. Das sind ca. 16 % aller Studierenden, 60 % stammen aus EULändern. Fast 5.000 Deutsche sind schon da, daneben 2.000 Türken, 1.700 Bosnier, 1.600 Bulgaren. 6.000 sind aus Italien, in der Hauptsache aber Südtiroler, die besondere Privilegien in Österreich genießen. Gegenüber diesem neueren Anschlag aus Brüssel/Luxemburg schlug die SPÖ vor, die ausländischen Staaten sollten die Ausbildung ihrer Studenten in Österreich dem österreichischen Staat bezahlen, oder diese Ausbildung sei nur dann zu gewähren, wenn die Eltern ihren Hauptwohnsitz in Österreich hätten. Die österreichische Studentenvertretung wollte gar den völlig freien Hochschulzugang in ganz Europa durchsetzen. Sancta simplicitas! Der EuGH in seiner alle Rechtsmaterien aufgreifend an sich ziehenden Spruch-

28

fdw 2/2005

praxis, gegen die es keine Revisionsmöglichkeit gibt, hätte dann auch in Österreich eine quasi sozialistische Gleichmacherei herbeigeführt: Was nicht alle gleichermaßen dürfen, darf niemand. Der Linzer Völkerrechtler Manfred Welan sieht darin „unzumutbare Eingriffe in die österreichische Bildungsautonomie“. Subsidiaritätsprinzip ist das gewiß nicht. Aber all das konnte man vorher wissen, seit Jahren: mehr als 50 % der Tätigkeit des österreichischen Parlaments ist nur noch Übernahme von EU-Vorgaben. Austria hat zudem das neue, seit einem Jahr in Geltung befindliche Universitätsgesetz zu verkraften: Die studentische Mitbestimmung (30 Jahre Drittelparität) ist tot, alles ist hierarchisiert, die Professoren haben in allen Beschlußgremien die absolute Mehrheit. Es gibt keine Verbeamtung mehr, alle – außer den „definitivgestellten“ ordentlichen Professoren – haben nur noch Angestelltenzeitverträge. Der Rektor ist der Manager, der Senat der Vorstand, der Universitätsrat der Aufsichtsrat einer nur noch in marktlichen betriebswirtschaftlichen Vokabeln beschriebenen Universität. Flexibilität, Mobilität, Effizienz, Praxis, lean-management heißen die neuen Götter, denen mit saftigen Studiengebühren (rund 350,– Euro pro Semester) Tribut zu zollen ist. Homo faber statt homo academicus. Um deutsche Studienbewerber abzuwimmeln, wird allerdings vor dem EuGH noch behauptet, es handele sich ja schließlich an den Universitäten um akademische Bildung. Im Innern ist nur noch von Berufsausbildung die Rede. Daß in jüngster Zeit auf das Unwort „Humankapital“ verzichtet wird, hat naheliegende Gründe. Das zeigt sich am besten an der Institution des zum 1. Januar. 2004 überall installierten Universitätsrates. Er besteht – örtlich verschieden – aus fünf bis neun Mitgliedern, die weder Politiker noch Universitätsangehörige sein dürfen. Bis auf ein kooptiertes Mitglied werden die übrigen je hälftig vom Senat gewählt bzw. von der Bildungsministerin ernannt. Sie sollen aus Wissenschaft und Wirtschaft kommen. Der Universitätsrat wählt den Rektor – aus einem Dreiervorschlag des Senats –, genehmigt den Entwicklungsplan, den Organisationsplan und die – mit der Regierung zu schließenden – Leistungsverträge der Universität, schließt den Arbeitsvertrag mit dem Rektor, kann diesen abberufen und genehmigt alles, was mit Rech-

nungsabschluß, „Leistungsbericht des Rektorats“ und „Wissensbilanz“ der Universität zu tun hat. Er ist auch der Rechnungsprüfer. Ob man wissenschaftliche Leistung in Forschung und Lehre wirklich quantifizieren kann, wird nicht mehr diskutiert. Im Universitätsgesetz heißt es stattdessen nur noch, die – vom Rektor bestellten – Institutschefs hätten mit den Institutsangehörigen „Zielvereinbarungen über die Leistungen in Forschung und Lehre abzuschließen“, dabei sei „auf die Freiheit der Wissenschaft ... sowie in der Lehre Bedacht zu nehmen“. Humboldts „hülfreich Einsamkeit“, sein Hinweis auf die „Gränzen der Würksamkeit des Staates“ sind passé. Österreichs schwarz-blaue Regierung (blau wegen der Farbe der Kornblume, der Lieblingsblume Bismarcks, des Lieblingsmannes der „Nationalen“ in Österreich) will „mudern“ sein – und in einem marktwirtschaftlichen Sinne ist sie es auch. Richtig ist, daß im gehobenen Mittelmaß der österreichischen Universitäten nach 1945 Hausberufungen öfter die Regel als die Ausnahme waren, es Assistenten auf Lebenszeit gab, jeder Habilitierte automatisch Professor wurde und sich dann auch in Mini-Instituten sein „Austragshäuserl“ einrichten konnte. Es gab viel provinzielles Platzhirschentum. Jetzt wird es für die „Bewohner des Elfenbeinturmes“ (der Kärntner Handke) wirklich eng. Die Abbrecherquote war allerdings in Österreich immer hoch und ist es noch (40 %), die Akademikerquote ist niedrig (18 %, im OECD-Durchschnitt 32 %). Selbst die Studenten – man vergleiche Deutschland! – wählten brav 50 Jahre lang mehrheitlich konservative, pragmatische ÖVP-Studenten in die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH), die studentische Vertretung auf Bundesebene. Erst im Jahre 2000 gab es dort eine sozialdemokratisch-grüne Mehrheit. Das sah sich die Bundesregierung nicht lange an. Im Dezember 2004 wurde – nach Tumulten auf der Zuschauertribüne – ein Initiativantrag der ÖVP im Nationalrat verabschiedet (nur Regierungsvorlagen sind langwierigen Begutachtungsverfahren unterworfen), der die Direktwahl dieser Bundesvertretung verbot. Seitdem dürfen nur noch die örtlichen Studentenvertretungen indirekt Delegierte ins Bundesgremium entsenden. Und vor Ort haben die ÖVP-Studenten („Aktionsgemeinschaft“) mit ihren Kampagnen für mehr Kopierauto-

maten die Mehrheit. So listig ist diese Schüssel-Regierung; „stündlicher Demokratieabbau“ lautet der Kommentar der SPÖ. Nur gegenüber den allzeit Getreuen ist man großzügig: In einer geradezu herzmanovskyschen Aktion wurden Anfang 2005 120 Generalstabsoffiziere nachträglich zu „Magistern“ diplomiert, denn schließlich sei die Generalstabsausbildung des Bundesheeres (zurück bis 1975!) ja so etwas wie ein „studium irregulare“. In Wahrheit wollten die würdigen Generäle, Divisionäre und Korpskommandanten nicht so nackt, so ohne Titel etwa einem jungen Absolventen der Bundeswehrhochschule in Deutschland gegenüberstehen. Eine „wissenschaftliche Arbeit“ über „Schießausbildung an Handfeuerwaffen“ konnte schon genügen, um den in Österreich so begehrten – weil viele Privilegien und eine artige Anrede bringenden – Magistergrad zu erwerben. Österreich hat sich dem Bolognaprozeß, obwohl er im Primärrecht der EU keine Grundlage hat, angeschlossen, bei Protest der Technischen Universitäten und der juristischen Fakultäten. Gerade die Juristen sehen Bologna – vor 900 Jahren der Beginn des Siegeszuges des Römischen Rechts – auch als Ende der breiten juristischen Grundausbildung, die in Österreich noch stark römischrechtlich fundiert ist. Die seit 2004 – ohne überzeugende Begründung – ausgegliederten drei medizinischen Fakultäten (Innsbruck, Wien, Graz), die jetzt – gegen die „universitas“-Idee – als medizinische Universitäten firmieren, haben gegenwärtig ein Zehntel soviele Studenten wie in Deutschland als Medizinstudiumbewerber abgewiesen werden. Sie haben das Numerus claususProblem immer – das ist die österreichische Lösung – durch rigoroses Rausprüfen in den ersten Semestern gelöst – halb legal. Mit Eröffnungsbilanzen und controlling tun sie sich (noch?) schwer. Im übrigen sind fast alle österreichischen Universitäten chronisch unterfinanziert und überlastet. Nun soll – bei übriger Mittelmäßigkeit (es ist ja wahr: Harvard hat zehnmal soviel Geld wie alle 21 österreichischen Universitäten zusammen!) – eine Eliteuniversität her, ganz schnell, am 30. Juni soll der Plan fertig sein. Proponent ist der – allerdings nobelpreisverdächtige – Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger. Und Bildungs- und Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer (eine ehemalige Volksschullehrerin aus Vorarlberg) ist

2/2005 fdw

29

ganz begeistert; zwar wollte sie mit dem jüngsten Universitätsgesetz ohnehin schon „Weltklasse“ bieten, aber nun soll doch – so der Regierungsbeschluß vom 20. Januar 2005 – noch eine Schaufel zugelegt werden: 80 Mio. Euro soll die Errichtung kosten, 70 Mio. Euro der laufende Betrieb. Und – Mißtrauen gegen das Eigene? – kein Inländer soll dort an der geplanten Forschungs- und Doktoranden-Eliteuni lehren. Entgegen der Abwehrhaltung gegen Ausländer bei Erstsemestern: bei der Elite sollen es – in Forschung und Lehre – nur Ausländer sein. Und Wien muß es werden, „sonst wird es Budapest“ (Gehrer). Und natürlich soll es vor allem um Verwertbares, Nützliches gehen: Naturwissenschaften, Technik, Biologie, Physik, Chemie, Mathematik, Computer. Mittelfristig vielleicht auch um Geistes- und Sozialwissenschaften, denen ja immer das Gerüchlein des Subversiven anhängt. Vor allem: „hohe Studiengebühren für wettbewerbsfähige Gehälter“ sollen kommen. Die österreichische Industriellenvereinigung (Arbeitgeberverbände) will gerne sponsern, (Teil-)Privatisierung der Forschung ist angesagt. Die österreichische Forschungsgemeinschaft dagegen ist skeptisch, will eher bestehende Universitäten verbessern. Laut Gehrer ist aber nicht das Ob, sondern nur noch das Wie fraglich. Und „frisches Geld“ soll es auch geben. Und viel Drittmittelforschung natürlich, obwohl doch nicht jeder Elitäre fürs Schnorren geeignet ist. (Wer wird die Philosophie – etwa das Fach Ethik – sponsern?) Jedenfalls sieht Gehrer eine „Leuchtturmfunktion für Österreich“ (Leuchttürme warnen gewöhnlich die Schiffahrt vor unbefahrbarem Terrain). Al-

lein: die Steiermark will auch eine Eliteuniversität. Jürgen Mittelstraß, Professor in Konstanz, warnt: „Eine Eliteuniversität läßt sich nicht kaufen wie ein Sack Kartoffeln.“ Es gibt ja ca. 17.000 Universitäten weltweit, davon 1.000 in Europa. Nicht alle können Elite sein.

raising“ hat beim aus dem staatlichen Bereich „ausgelagerten“ Tierpark in Schönbrunn schließlich auch funktioniert.

Wer viel „funds“ im Hintergrund hat, wird vielleicht gleich an die im Herbst 2006 in St. Gilgen/Wolfgangsee (Helmut Kohl ist Ehrenbürger) startende Privatschule geFür die Schule hat sich Frau Gehrer auch hen. Schuluniformen, ein Lehrer pro sechs schöne Reformen ausgedacht: Nach Stun- Schüler, Unterrichtssprache Englisch. denkürzungen und Lehrerstellenstreichun- Schulgebühr: 30.000,– Euro pro Jahr. gen soll jetzt die Ganztagsschule kommen, die berufstätigen Eltern verlangen das, und Praxisfetischismus der Linken und Effizidie Rückstufung beim PISA-Test (von enzvergötzung der Rechten scheinen auch Rang 8 – 2000 – auf Rang 20 – 2003) der in Austria unaufhaltsam. österreichischen Schüler bringt „Hand- Professor Peter Meier-Bergfeld ist seit lungsbedarf“ bei Politikern. Die allzeit po- 1993 als Österreich-Korrespondent des pulistische FPÖ setzt sich schon für die Rheinischen Merkur tätig. Er war in den Gesamtschule ein (bis zum Schüleralter 70er Jahren Chefredakteur unserer Zeitvon 14 Jahren) und propagiert, gemeinsam schrift „freiheit der wissenschaft“ (fdw). mit der ÖVP, eine Eingangsprüfung für Eine Besprechung seines neuesten BuLehramtsstudenten. Dabei ist die Lehrerausbildung schon eine Baustelle, müssen ches finden Sie in fdw Nr. 3 September doch die Pädagogischen Akademien, an 2004 (S. 25 f.), einen seiner Artikel in fdw denen noch (an 50 Standorten) aus- und Nr. 2 Juni 2004. weitergebildet wird, auf zehn Pädagogi- „Universitäten der Zukunft“, in: politicum sche Hochschulen umreformiert werden, 97, hrsg. vom Steirischen Institut für Poliim ewigen Wahn, Organisationsänderun- tik und Zeitgeschichte (49 Autoren, die die gen brächten Bildung, metanoia, fruchtba- gesamtösterreichische Hochschullandre Wandlung des Studenten. Aber das ist ja schaft abdecken), Graz Dezember 2004 auch nicht mehr gefragt, Hochschulen (bestellbar bei diesem Institut, Karmeliterheutzutage „act as capitalists from within platz 6, A-8010 Graz) the public sector; they are state-subsidized entrepreneurs“ (Sheila Slaughter, Acade- Sheila Slaughter, Academic Capitalism: mic Capitalism, Baltimore und London Politics, Policies, and the Entreprencurial 1997, S. 11). Und ein bißchen, so Gehrer, University, John Hopkins University dürften die Schulen auch ruhig ihre Ein- Press, Baltimore und London 1977 nahmen erhöhen: „Ein McDonald's-Aufkleber auf der gesponserten Schulküche Internet: darf schon sein!“ Überhaupt: „Die Schule muß sich endlich der Arbeitswelt anpas- http:///www.weltklasse-uni.at sen.“ „Schole“ („Muße“) ist aus. „Fund- http://www.unigesetz.at

Ralf Machnik und Siegfried Uhl

Bildungsstandards, Kerncurricula, Lehrpläne
Probleme des Übergangs von der alten zur neuen Steuerungskultur im Schulwesen
Die Kultusverwaltung steht überall in Deutschland vor derselben Grundsatzentscheidung: Wie soll das Schulwesen in Zukunft gesteuert werden? Soll man an der herkömmlichen Inputsteuerung festhalten oder zu der neuen Outputsteuerung übergehen? Die Inputsteuerung geht zurück auf das Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus. Sie ist im deutschen Sprachgebiet über Generationen hinweg immer weiter ausgebaut und vervollkommnet worden. Allerdings hat sie in den letzten Jahren an Ansehen verloren. Ihre Kritiker stimmen bei allen Unterschieden in Einzelfragen darin überein, daß sie „wenig wirksam“ und nicht mehr zeitgemäß sei1. Die Alternative, die vorgeschlagen wird, ist die Outputsteuerung. Wie schon ihr Name erkennen läßt, liegt das Augenmerk hier stärker auf den tatsächlichen Ergebnissen oder dem Ertrag des Schulunterrichts (seinem „Output“) als auf den Regelungen zum Umfang und zur Abfolge des Lehrstoffs und überhaupt auf organisatorischen Fragen (dem „Input“). Mit dem Sammelnamen „Inputsteuerung“ wird eine große Zahl von Maßnahmen, Anordnungen und Leitlinien zusammengefaßt. Dazu gehören Vorschriften über die Aus-, Weiter- und Fortbildung der Lehrkräfte einschließlich der Akkreditierung der Angebote, die Zulassung von Lehrbüchern und Unterrichtsmaterial, der Fächerkanon und die Stundentafel, die Festlegung von Richt-

30

fdw 2/2005

liche Schule: Ihre Lehrkräfte sind nur an die Kernvorgaben gebunden und ansonsten frei bei der Gestaltung des Unterrichts. Jede Schule trägt die Verantwortung, daß ihre Schülerinnen und Schüler bei ihrem Schulabschluß über bestimmte Kompetenzen verfügen, und muß Rechenschaft ablegen über die Effektivität der schulischen Arbeit. Auf welchem Weg die Lehrkräfte die ihnen gesteckten Ziele zu erreichen versuchen und welche Mittel sie zu ihrer Verwirklichung einsetzen, liegt allein oder doch zum größten Teil in ihrem eigenen Ermessen.
Allerdings wird der Übergang von der Inputzur Outputsteuerung in den Ländern nicht überall im gleichen Umfang und mit derselben Entschiedenheit vorangetrieben. Im Gegenteil: Die Kultusverwaltungen weichen in dieser Frage deutlich voneinander ab.
Ralf Machnik

werten für die Größe von Klassen und ganzen Schulen, Bestimmungen über die Zahl und den Umfang von Klassenarbeiten usw. Das wichtigste Mittel der Inputsteuerung ist – wenigstens auf dem Papier – der Lehrplan: eine Zusammenstellung der Unterrichtsziele und der Lehrgegenstände, detailreich und bis ins Kleinste systematisiert. Solche ausführlichen Vorgaben sind bei der Outputsteuerung nicht vorgesehen. Statt dessen beschränkt man sich auf Rahmenvorgaben in Gestalt von Bildungsstandards und Kerncurricula. Die Bildungsstandards geben die zentralen Ziele und Konzepte eines Faches sowie die grundlegenden Kompetenzen an, zu denen die Schülerinnen und Schüler bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe gelangt sein sollen. Die Kerncurricula enthalten in knapper Form die Inhalte, an denen sie erworben werden sollen, und mitunter auch einige Empfehlungen zu den Methoden des Unterrichts. Ob und inwieweit die Vorgaben erreicht worden sind, wird mit landesweiten Lernstandserhebungen (Vergleichs- und Abschlußarbeiten) überprüft. Die Länder der Bundesrepublik sind übereingekommen, künftig das Schwergewicht stärker als bisher auf die Outputsteuerung zu legen. Deswegen hat die Kultusministerkonferenz für die Klasse 4 des Primarbereichs und für den Hauptschul- und den Mittleren Abschluß bundesweit einheitliche Bildungsstandards in Kraft gesetzt 2. Dahinter steht die Überzeugung, daß sich damit die Qualität der schulischen Leistungen schneller und durchgreifender verbessern läßt als mit stärker input-orientierten Maßnahmen. Das Leitbild, das in der Fachliteratur wie in den Erklärungen der Bildungspolitiker vorherrscht, ist die eigenverantwort-

Auf der einen Seite des Spektrums stehen diejenigen Länder, nach deren Auffassung sich die herkömmlichen detailreichen Lehrpläne nur schwer mit dem Ideal der eigenverantwortlichen Schule vereinbaren lassen. Deswegen hat man dort schon vor geraumer Zeit mit der Ausarbeitung von Kerncurricula begonnen, die auf kurz oder lang an die Stelle der früheren Lehrpläne treten sollen 3. Die Überlegung, die die zuständigen Stellen leitet, ist einfach: Man kann nicht beides haben – einerseits soviel Handlungsfreiheit und Befugnisse für die öffentlichen Schulen wie möglich und andererseits die Fortschreibung der alten bürokratischen Eingriffskultur. In der Expertise zur „Entwicklung nationaler Bildungsstandards“ von Klieme und seinen Mitautoren wird darauf hingewiesen, daß ein Teil der Fachleute diese „radikale“ Auffassung teilt und angesichts der Ergebnisse aus Leistungsuntersuchungen wie TIMSS und PISA die Zukunft von Lehrplänen und Lehrplanarbeit überhaupt in Frage stellt: „In radikalen Modellen der output-orientierten Steuerung verlieren zentrale Lehrpläne auf nationaler oder – wie in Deutschland – auf Länderebene nahezu vollständig ihre Bedeutung als strukturierendes Element von Unterricht. Hier geht man von der These aus, daß langfristig keine Doppelregelung Bestand haben könne: Lehrpläne der herkömmlichen Art müssen und werden, so die These, bei einer Outputsteuerung des Bildungssystems ihre Funktion an eine zielgerichtete, der Autonomie der Einzelschule verpflichtete Standardorientierung abgeben, damit die angestrebten Kompetenzziele auch wirklich ermöglicht werden. Schulisches Lernen wird damit durch nationale, einheitliche, verbindliche Bildungsstandards und deren Überprüfung einerseits, durch lokal und innerschulisch entwickelte Curricula andererseits gesteuert“ 4.

Siegfried Uhl

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Länder (wie der Freistaat Bayern), die die Bildungsstandards der KMK zwar übernommen haben, aber trotzdem an den vorhandenen Lehrplänen festhalten und sie nur von Fall zu Fall an die Standards anzupassen beabsichtigen 5. Das wird damit begründet, „daß die KMK-Bildungsstandards im wesentlichen in den Lehrplänen bereits abgedeckt werden“. Außerdem möchte man nicht auf die „Unterstützungsfunktion von Lehrplänen“ verzichten. Der Freistaat hält damit ausdrücklich an der Detailsteuerung des Unterrichts fest. Die Bildungsstandards werden im Kern als Katalog von Zielen für den Unterricht verstanden, die den Lehrkräften in Bayern ohnehin vorgeschrieben sind. „Für Bayern ... neu“ sei lediglich, „daß der Lernerfolg von Schülern … regelmäßig [mit zentralen Lernstandserhebungen] zu überprüfen ist“ 6. Den Schulen im Gegenzug mehr Selbständigkeit bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu geben ist nicht vorgesehen. Wie die Dinge im Augenblick liegen, haben sowohl der nordrhein-westfälische als auch der bayerische Standpunkt ihre einleuchtenden Seiten. Die Befürworter der reinen Outputsteuerung, die die gewohnten ausführlichen Lehrpläne für überflüssig oder sogar schädlich halten, können auf die guten internationalen Erfahrungen verweisen 7. Sie deuten – wenigstens für eine Reihe von Staaten – darauf hin, daß Bildungsstandards und knapp gehaltene Kerncurricula den Lehrkräften genügend Orientierung für den Unterricht zu bieten vermögen und als Steuerungsinstrument nicht hinter den herkömmlichen Lehrplänen zurückstehen. Auf der anderen Seite ist nicht zu übersehen, daß die vorhandenen Bildungsstandards

2/2005 fdw

31

und Kerncurricula noch nicht voll und ganz den mit ihnen verbundenen Ansprüchen genügen. Es gibt zum Beispiel nur wenige gedanklich schlüssige und zugleich empirisch bewährte Kompetenz- und Niveaustufentheorien 8 nach dem Muster des „Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen“ 9, auf die man bei ihrer Formulierung zurückgreifen könnte 10. Entsprechend groß sind die Anforderungen, die ihre Auslegung an die Lehrkräfte stellt. Ob sie ihnen immer oder wenigstens in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle gewachsen sind, ist noch nicht mit genügender Klarheit abzusehen. Es ist deswegen verständlich, daß einige Länder fürs erste lieber an der Inputsteuerung festhalten.

sion (in Hessen Lehrplangruppe genannt) hat dort Anfang 2005 einen Entwurf für den neuen Lehrplan vorgelegt 13, der rund 650 Seiten umfaßt. Schon für die Verkehrserziehung sind 30 Seiten vorgesehen, für die Ethik 33 und für die Arbeitslehre 66 Seiten. Allerdings ist der hessische Entwurf mehr als ein Lehrplan. Er enthält zusätzlich Abschnitte, die als Bildungsstandards und als Kerncurriculum in statu nascendi gedeutet werden können. Die Planungsgruppe hat in der „Einführung“ des neuen Lehrplans bereits „Qualitätsstandards individueller Lernförderung“ ausgearbeitet 14, die in Verbindung mit den Standards der KMK für den Hauptschulabschluß durchaus als (vorläufige und gegebenenfalls noch weiter auszuführende) Bildungsstandards für die Das gilt aber nicht für alle Länder in gleiSchule für Lernhilfe dienen können. Sie stechem Maß. Einige versuchen, einen Mittelhen jedenfalls nicht hinter ähnlichen Texten weg zu finden. Dafür gibt es mindestens zurück, die anderswo verfaßt worden sind 15. zwei Möglichkeiten: Man kann erstens die Bildungsstandards der KMK erweitern und Es zeichnet sich auch schon ab, welche Geanreichern und zusätzlich neue Standards stalt das Kerncurriculum haben könnte. Ein für diejenigen Jahrgangsstufen und Fächer erster Grundpfeiler können die Richtlinien einführen, für die es keine bundesweiten für Unterricht und Erziehung in der Schule Standards gibt. Das Land Baden-Württem- für Lernhilfe aus dem Jahr 1996 sein 16, da berg hat zum Beispiel für den „Fächerver- sie die Kernelemente der Schule für Lernbund Mensch, Natur und Kultur“ (die frühe- hilfe sowie die Grundsätze für die Erfolg re Heimat- und Sachkunde plus Kunst und versprechende erzieherische Arbeit einschMusik) in den Klassen 2 und 4 der Grund- ließlich der passenden Fördermaßnahmen schule landeseigene Standards erlassen11. beschreiben. Der Gedanke der selbständiDie Standards sind nach Inhalt und Umfang gen Gestaltung und Öffnung der Schule keine Bildungsstandards in der strengen Be- wird ausdrücklich hervorgehoben. Als deutung des Worts, sondern eher ein Kern- zweiter Grundpfeiler kann die „Eincurriculum, das den bisherigen Lehrplan ab- führung“ in die Lehrpläne der Schule für löst. Es enthält neben einer Beschreibung Lernhilfe dienen. Sie stellt in ihren „Leitgeder erwünschten Kompetenzen auf mehre- danken zur sonderpädagogischen Förderen Feldern auch kurz gefaßte Angaben zu rung“ in nachdrücklicher Weise das oberste den Inhalten, an denen sie erworben werden Ziel der Schule für Lernhilfe heraus, nämsollen. Allerdings hat man an manchen Stel- lich die Schüler individuell zu fördern und len am herkömmlichen Lehrplangedanken dadurch möglichst vielen Schülerinnen und festgehalten. Die Standards für „Mensch, Schülern den Übergang in die Hauptschule Natur und Kultur“ sind schon rein formal zu ermöglichen. kein unabhängiger Text, sondern Teil des Es gibt gute Gründe, warum einige Schul„Bildungsplans Grundschule“, der im Jahr verwaltungen fürs erste auf beide Pferde 12 2004 neu erschienen ist . Mehr fällt ins Gesetzen und neben den Bildungsstandards wicht, daß sie trotz ihrer sonstigen inhaltliund Kerncurricula die detaillierten Lehrplächen Offenheit noch recht eingehende Vorne wenigstens bis auf weiteres bestehen lasschriften über den Pflichtstoff für bestimmsen möchten. Die Unentschiedenheit über te Themengebiete enthalten: Für den Naturden richtigen Kurs innerhalb der Kultusverlehreunterricht sind 29 Experimente für die waltungen spielt ebenso eine Rolle wie die vier Grundschuljahre „verbindlich“ vorgeUnsicherheit, die immer mit dem Wechsel schrieben, ebenso die Lieder, die mit den von einem Steuerungsverfahren zu einem Kindern „einzuüben“ sind: Von „Bruder Jaanderen verbunden ist. Man versucht deskob“ über „Blinke, blinke, kleiner Stern“ wegen verständlicherweise, beides zu biebis zu „Was soll das bedeuten“. ten: möglichst unmißverständliche OrienDie zweite Möglichkeit ist, neue Lehrpläne tierung wie in einem „richtigen“ Lehrplan nach bekanntem Zuschnitt und gleichzeitig und die Freiheit und den Gestaltungsspielparallel dazu Bildungsstandards und ein raum, den man sich von den BildungsstanKerncurriculum auszuarbeiten. Es sieht im dards und Kerncurricula verspricht. Die Augenblick so aus, als könnte zum Beispiel Strategie des Sowohl-als-auch ist gegenüdas Land Hessen diesen Weg bei der Schule ber einem vorschnellen Entweder-Oder rafür Lernhilfe gehen. Die Lehrplankommis- tional, weil sie Optionen offen hält. In der

jetzigen Lage wissen wir mit einiger Gewißheit nur über die Mängel Bescheid, die mit den alten Formen der Steuerung einhergegangen sind. Der wichtigste ist, daß die Bereitschaft zur Befolgung der Vorschriften mit ihrer Ausführlichkeit abnimmt. Daher sind die Vorbehalte gegenüber allzu detailreichen „Bildungsplänen“ nicht unberechtigt, „bei denen allein der Umfang die Nutzlosigkeit anzeigt“ 17. Die Lehrkräfte lesen lange Lehrpläne einfach nicht. Sie orientieren sich stärker an ihren eigenen Erfahrungen, an der Systematik des Fachs und an den Lehrbüchern, die an ihrer Schule im Unterricht verwendet werden 18. Das heißt aber nicht, daß Lehrpläne überhaupt keine Steuerungskraft hätten. Sie wirken zwar nicht direkt, aber über die Schulbücher immerhin indirekt auf den Unterricht und sorgen damit für eine gewisse Einheitlichkeit über die einzelnen Klassen und Schulen hinweg. Umgekehrt kann man heute noch nicht mit Gewißheit sagen, ob die neue der alten Steuerungskultur überlegen ist und überhaupt für deutsche Verhältnisse paßt. Allerdings spricht einiges dafür, daß mit der Verminderung der Regelungsdichte ein wichtiger Beitrag zur Qualitätsentwicklung im Schulwesen geleistet werden kann. Das ist zumindest dann zu erwarten, wenn gleichzeitig die Pflicht zur Rechenschaftslegung und die Erfolgskontrollen in Gestalt von zentralen Vergleichs- und Abschlußarbeiten ausgeweitet werden, deren Aufgabenformate auf die Anforderungen in den Bildungsstandards zugeschnitten sind. Die Konzentration auf die wesentlichen Aspekte der Einzelfächer und die fachübergreifenden Basisqualifikationen müßte zwar individuelle Lehr- und Lernwege zulassen, den Lehrern aber gleichzeitig auch eine Orientierung für die Analyse, Planung und Überprüfung ihrer Unterrichtsarbeit bieten und den Kollegien mehr Eigenverantwortung gewähren, zum Beispiel bei der Formulierung von Schulprofilen und schuleigenen Lehrplänen und bei der Kooperation mit anderen Bildungseinrichtungen. Ob diese erwünschten Wirkungen tatsächlich eintreten, wird erst die Zukunft zeigen. Die Strategie des Sowohl-als-auch – so vernünftig sie in einem Zustand großer Entscheidungsungewißheit sein mag – hat allerdings ihre Tücken. Möglicherweise können die alte und die neue Steuerungskultur schon allein deshalb nicht oder wenigstens nicht ohne erhebliche Reibung nebeneinander herlaufen, weil die Lehrpläne einerseits und die Bildungsstandards und Kerncurricula andererseits aus einander ausschließenden „Philosophien“ der Steuerung des Schulwesens (und überhaupt der öffent-

32

fdw 2/2005

lichen Verwaltung) hervorgegangen sind und sich vom Grundsatz her ausschließen. Das gilt jedenfalls dann, wenn beide Gruppen von Vorschriften denselben Status haben und in gleicher Weise zu befolgen sind. Diese Schwierigkeit läßt sich aber möglicherweise umgehen oder immerhin mildern: Wenn eine Schulverwaltung (wie zum Beispiel im Freistaat Bayern) wegen der „Unterstützungsfunktion“ an den Lehrplänen festhalten und den Lehrkräften klar umrißene Hinweise zur Gliederung des Unterrichtsstoffs, für das methodisch-didaktische Vorgehen und für die Lernerfolgskontrollen geben möchte, dann kann sie die gewünschte Wirkung auch auf einem anderen Weg erreichen. Die vorhandenen Lehrpläne und Lehrplanentwürfe können ohne nennenswerte Änderungen direkt in Handreichungen und Empfehlungen für Lehrer umgewandelt und als Sammel- oder Einzelfachexemplare verbreitet werden. Die Lehrkräfte können dann bei Bedarf auf diese Vorarbeiten zurückgreifen, sie sind aber nicht mehr bindend. Wer seine Schülerinnen und Schüler auf einem anderen als auf dem vorgezeichneten Weg zu den verlangten Kompetenzen führen kann, dem steht das frei – solange der Erfolg des Unterrichts gewährleistet ist. Ralf Machnik ist Studienrat für Englisch und Musik und an das Institut für Qualitätsentwicklung Wiesbaden abgeordnet. Siegfried Uhl leitet dort die Arbeitseinheit 1 („Standardsicherung: Vergleichsarbeiten und zentrale Abschlussprüfungen“) und ist Regionaler Ansprechpartner des Bundes Freiheit der Wissenschaft für Hessen.

1

Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen: Standardsetzung und Standardüberprüfung in Nordrhein-Westfalen. Informationen zum Thementag des MSJK am 10. 2. 2004 auf der Bildungsmesse didacta: „Standards überprüfen, Schülerinnen und Schüler gezielt fördern: Zentrale Lernstandserhebungen in NRW“ (Aktualisierte Fassung vom 19. April 2004) (www.learn-line. nrw.de/angebote/ standardsicherung/downloads/ standardsicherung_nrw.pdf), S. 3. www.kmk.org/schul/Bildungsstandards/bildungsstandards.htm. So für Nordrhein-Westfalen Eike Thürmann: Von KMK-Standards zu Kernlehrplänen in NRW: Erfahrungen aus der curricularen Praxis. Manuskript, Soest 2004 (www.kmk.org/schul/ Bildungsstandards/Fachtagung/workshop1_ thuermann. pdf). www.dipf.de/aktuelles/expertise_bildungsstandards.pdf, S. 76. Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung: KMK-Bildungsstandards. Konsequenzen für die Arbeit an bayerischen Schulen. München: Selbstverlag, 2005 (www.isb.bayern.de/isb/ download.asp?DownloadFileID= 507c5c4c9dd580b1c 53 f22b10a1f3406). Ebd., S. 5 und 6. Vgl. z. B. Zentralamt für Unterrichtswesen: Rahmenlehrpläne und Standards für den grundbildenden Unterricht an finnischen Schulen (Perusopetus). Helsinki: Selbstverlag, 2004. Zur Problematik von psychologischen Stufentheorien zum Beispiel Horst Heidbrink: Stufen der Moral. Zur Gültigkeit der kognitiven Entwicklungstheorie Lawrence Kohlbergs. München: Quintessenz, 1991 (http://psychologie. fernuni-hagen.de/pdf/Stufenbuch.pdf), S. 56-64. Council for Cultural Cooperation, Education Committee, Modern Languages Division, Strasbourg: Common European Framework of Reference for Languages: Learning, Teaching, Assessment. Nachdruck, Cambridge/New York/Oakleigh/Madrid/Cape Town: Cambridge University Press, 2001; deutsche Übersetzung unter dem Titel: Gemeinsamer europäischer

Referenzrahmen für Sprachen: Lernen, lehren, beurteilen (www.goethe.de/z/50/commeuro/ deindex.htm).
10

Zur Diskussion über ihre Vorzüge und Schwächen vgl. Bildungsserver Hessen: Internetquellen zu den Bildungsstandards. Link-Liste (unkommentiert)(http://sform.bildung.hessen.de/gymnasium/skii/braucht-grund/std/ stand/). www.bildung-staerkt-menschen.de/service/downloads/Bildungsstandards/Grundschule/Grun dschule_Mensch _Natur_Technik_Bildungsstandard.pdf). www.bildung-staerkt-menschen.de/service/downloads/Bildungsplaene/Grundschule/Grundschule_Bildungsplan_Gesamt_pdf, S. 95-110. http://sonderpaedagogik.bildung.hessen.de/ Lernhilfe/lp/. http://sonderpaedagogik.bildung.hessen.de/ Lernhilfe/lp/Einfuehrung-SfL.pdf, S. 10-11. So etwa der baden-württembergische „Bildungsplan der Förderschule Klasse 9“, Abschnitt „Bildungsstandards überfachliche Grundkompetenzen“ (www.seminar-stegen.de/Fachbeitraege/ LBP/Bildungsstandard-Lernkompetenz.pdf). Erlaß vom 29. 3. 1996 II B 3-170/36176-56 (www.hessisches-kultusministerium.de/ downloads/Richtl-Schule% 20für% 20Lernhilfe.pdf). Jürgen Oelkers: Unterricht als Kerngeschäft der Schule und wie man dafür ausbildet. Vortrag auf der Tagung „Ausbildungsziel: Unterrichtskompetenz“, veranstaltet vom Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen SchleswigHolstein am 28. Februar 2005 in der ChristianAlbrechts-Universität Kiel (www.paed.unizh. ch/ap/downloads/oelkers/Vortraege/176_Kiel. pdf, S. 5). Witlof Vollstädt, Klaus-Jürgen Tillmann, Udo Rauin, Katrin Höhmann und Andrea Tebrügge: Lehrpläne im Schulalltag. Eine empirische Studie zur Akzeptanz und Wirkung von Lehrplänen in der Sekundarstufe I. Opladen: Leske + Budrich, 1999 (= Schule und Gesellschaft, Bd. 18).

11

2

3

12

13

4

14

5

15

6 7

16

17

8

8

18

Ulrich van Lith

Schulfördervereine stärken!
Ganztagsschulen, die Betreuung von Schülern und die Rolle der Schulfördervereine
In den offiziellen Verlautbarungen zur Ganztagsschule 1 und dem Vier-Mrd.-Programm der Bundesregierung bleibt die Rolle der Schulfördervereine bisher unerwähnt. Schulfördervereine leisten aber bereits heute viel zur Unterstützung der Schulen. Sie tun das auch und gerade im Sinne schulergänzender Maßnahmen, wie z. B. die pädagogisch sinnvolle Betreuung von Schülerinnen und Schülern. Im Zusammenhang mit den verschiedenen Formen der Ganztagsschule könnten sie noch viel mehr leisten. Immerhin existieren in der Bundesrepublik mehr als 19.000 Schulfördervereine mit über 2 Millionen Mitgliedern, die je nach den lokalen Verhältnissen die Betreuungsarbeit flexibel und gezielt unterstützen und den Mitteleinsatz verbessern können. dort, wo sie am dringendsten benötigt werden. Sie fördern auch den wirksamen Einsatz öffentlicher Mittel, wie sie für die Ganztagsbetreuung und für bauliche Maßnahmen vorgesehen sind.

Was kann man erwarten, wie sieht der 3. Schulfördervereine intervenieren nicht Beitrag der Schulfördervereine aus? in das schulische Geschehen und in die 1. Schulfördervereine bieten finanzielle Kulturhoheit der Länder. Sie ergänzen und organisatorische Lösungen an, von als private Einrichtungen etwa dort, wo denen die Stellungnahme abstrahiert. Kommune und Staat ihre finanziellen Grenzen finden, ohne parteipolitisch 2. Die Beiträge aus freiwilligen Zuwenund ideologisch fixiert zu sein. dungen der Bürger fördern nicht nur die wirtschaftliche und sparsame Ver- 4. Schulfördervereine verwässern nicht die Verantwortlichkeiten für das fachliwendung der Mittel und deren Einsatz

2/2005 fdw

33

che und pädagogische Geschehen in den Schulen, sondern stärken diese. Sie fördern die Transparenz von Entscheidungen bei gleichzeitiger Stärkung der Zusammenarbeit mit dem gesellschaftlichen Umfeld, mit den verschiedenen sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Einrichtungen, mit Sportvereinen und anderen Einrichtungen der Freizeitgestaltung. Sie wirken einer Zersplitterung der Verantwortung durch Mitwirkung der verschiedenen Gruppen (Eltern, Vertreter der Jugendhilfe, u. a.) und Partner entgegen. Sie schützen die Schulen auch vor Interventionen von außen. 5. Schulfördervereine finden größere Akzeptanz als die Vorstellungen des Bundesjugendkuratoriums, da sie politisch unabhängig sind. Sie helfen deshalb schneller und dort, wo es am dringendsten notwendig ist. Dies gilt vor allem auch für Umfeld- und Praxiskontakte sowie den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. 6. Schulfördervereine stärken das ehrenamtliche Engagement, aktivieren die Basis. Staatlich finanzierte Ganztagsschulen, die allein auf administrativem Wege zur Verfügung gestellt werden, sind dazu nicht in der Lage. 7. Schulfördervereine stärken die Schule in einem integrativen Ansatz, der jeweils nach den örtlichen Verhältnissen in der Verantwortung der Schulleitung die Leistungen der Lehrer, der Betreuer (Sozialpädagogen, psychologische, medizinische Dienste), Hausmeister und Verwaltungsdienste mit umfassen müßte.

Bundesregierung zur Schaffung von mehr Ganztagsschulen vom 19. Juli 2003. 1. Die Stellungnahme abstrahiert von finanziellen Aspekten, fordert etwas, was bei der Lage der öffentlichen Haushalte selbst bei gewiß wünschenswerter stärkerer Präferenz für Bildung nicht zu leisten ist. Schulfördervereine leisten hierzu einen Beitrag. Sie bieten Hilfen für finanzielle Lösungen, die noch verstärkt werden können. 2. Der Ansatz der Bundesregierung und des Jugendkuratoriums ist flächendeckend und wünscht die Ganztagsschule für jedes Kind. Das ist politisch wie ökonomisch ein zweifelhafter Ansatz, wenn er auch gut gemeint ist. Einsatz von Mitteln nach Dringlichkeit wären zielführender.

trauten Schülerinnen und Schüler zu fördern und dabei auch auf das gesellschaftliche Umfeld zuzugehen. I. e. sie müssen diesem deutlich machen, was ihre Anliegen im Dienst der Gesellschaft sind und deshalb bürgerliches Engagement zusätzlich einfordern. Letzteres dürfen sie in der heutigen Situation (hohe Zahl von Pensionären, Rentnern, Frührentnern, Langzeitarbeitsuchenden; hohe Anforderungen an die heranwachsende Generation, Lage der öffentlichen Haushalte) durch überzeugende Arbeit in besonderem Maße dem Umfeld abverlangen und dieses für sich aktivieren. Schulfördervereine, freiwilliges bürgerschaftliches Engagement zur Unterstützung von Bildungsmaßnahmen sind nichts Neues. Sie haben eine lange Tradition und lassen sich nach einer Phase der Zurückhaltung wieder stärker aktivieren. Ein Vorzug dieses Engagements ist es, dem politischen Meinungsstreit entzogen zu sein und Menschen für konkrete Anliegen zusammenzuführen, deren Dringlichkeit und Förderung ihnen einleuchtet.

8. Es empfiehlt sich deshalb bei dem politisch gewollten Anliegen Schulfördervereine planend mit einzubeziehen. Die Mittel des Bundes lassen sich dann auch gegenüber dem Steuerzahler besser rechtfertigen, weil ihr Einsatz mehr Wirkung zeigt, Schulen mit ihren Förderern gewissermaßen 4. Die Maßnahmen, die vorgeschlagen mehr zur Selbsthilfe angeregt werden werden und die Philosophie des Bunund nicht nur die Erwartungshaltung desjugendkuratoriums machen die Begegenüber der öffentlichen Hand vertreuung und das, was die Schulen leistärkt wird. Umgekehrt wird auch die sten sollen, zu sehr zu einem Politifreiwillige Unterstützung aus dem kum, teils auch zu einer Ideologie. Das Umfeld der Schulen angeregt, da der ist nicht hilfreich. Im Gegenteil, es Erfolg gesteigert wird. blockiert die notwendige Fortentwicklung unserer Schulen zu leistungsfähiKritische Anmerkungen zur Stellunggen verantwortlichen Einheiten. Schunahme des Bundesjugendkuratorilen müssen heute von sich aus alle Weums zum Investitionsprogramm „Zuge und Mittel suchen, die ihnen anverkunft Bildung und Betreuung“ der

Schulfördervereine konzentrieren ihre Mittel schnell und unbürokratisch im Zusammenwirken mit der Schulleitung auf die Anliegen und die Schülerinnen und Schüler, für die Hilfe dringend nötig ist. Sie beziehen das gesellschaftliche Umfeld mit ein, das in einer alternden Gesellschaft ein besonderes In- 5. Es empfiehlt sich, den Tausenden von Schulfördervereinen in der Bunteresse an der Sicherung der Bildungsdesrepublik auch die Rolle zukommen fähigkeit und der Ausbildung junger zu lassen, die sie in vorzüglicher Weise Menschen haben muß. im Interesse unseres Gemeinwesens 3. Der Ansatz der Bundesregierung und wahrnehmen können. Die Politik täte des Bundesjugendkuratoriums verwäsgut daran, ihre Arbeit durch verbessersert durch die Vielzahl der Mitwirte Rahmenbedingungen zu unterstütkungsberechtigten pädagogische, orgazen. nisatorische und finanzielle VerantProfessor Dr. Ulrich van Lith wortlichkeiten. Karlsruher Str. 67 Schulfördervereine stärken diese Ver- 45478 Mülheim an der Ruhr antwortlichkeit durch klare Zuweisung E-Mail: sekretariat@rhein-ruhrder Entscheidungsbefugnisse und Ver- institut.de tragsverhältnisse mit definierten Rech1 Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums ten und Pflichten. Die Verantwortlichzum Investitionsprogramm „Zukunft Bildung keit für das, was fachlich, pädagogisch und Betreuung“ der Bundesregierung zur Schaffung von mehr Ganztagsschulen vom und betreuend geschieht, liegt bei der 19. Juli 2003. Schulleitung. Die Entscheidungswege 2 Zur Information: Das Bundesjugendkuratorium sind kürzer.
ist ein Sachverständigengremium, das die Bundesregierung in Fragen der Jugendhilfe berät. Ziele des Bundesjugendkuratoriums sind, als unabhängiges Sachverständigengremium in allen Kinder und Jugendliche betreffenden Belangen Einschätzungen, Stellungnahmen, Empfehlungen zum Handeln der Bundesregierung zu erstellen, bei Bedarf ressortübergreifend bzw. Schnittstellen mit anderen Politikbereichen thematisierend, durch eine – mit der Bundesregierung abgestimmte – Herstellung von Öffentlichkeit die Wirksamkeit der Beratungsergebnisse des Bundesjugendkuratorium mit Blick auf politische Entscheidungsprozesse zu erhöhen, und die europäische Perspektive von Kinder- und Jugend(hilfe)politik einzubeziehen. fdw, Quelle: Internet

34

fdw 2/2005

ANKÜNDIGUNG

World Freedom Summit
15. Juli bis 20. Juli 2005, Gummersbach, Deutschland
Der World Freedom Summit ist die jährlich stattfindende weltweite Konferenz der International Society for Individual Liberty mit den führenden Freiheitsdenkern der Welt. Nachdem die Konferenzen in der Vergangenheit an so weit entfernten Orten wie Neuseeland, Mexiko oder Costa Rica stattfanden, eröffnet sich mit dem Tagungsort Gummersbach die Möglichkeit ohne aufwendige Reisekosten an dieser hochkarätig besetzten Veranstaltung teilzunehmen. Zu den Referenten gehören: Samuel Brittan, einer der führenden Kolumnisten der Financial Times, Berater zahlreicher Finanzminister und Autor von „Capitalism and the Permissive Society“ und jüngst: „Against the Flow Reflections of an Individualist“. Brittan hält den Vortrag: „Democracy is not enough“. Erich Weede, Professor für Soziologie an der Universität Bonn. Weede spricht über „Globalisation as a Peace Strategy“. Martin Wolf, ein Mitstreiter Brittans in der Financial Times, publication’s associate editor, Autor des Bestsellers „Why Globalisation Works“ und außerordentlicher Professor an der Nottingham University. Jacques de Guenin, Präsident von Le Cercle Frederic Bastiat, setzt sich in seinem Vortrag „The European Constitution: A Pragmatic View” kritisch mit dem EU Verfassungsprojekt auseinander. Ein gemeinsamer Grillabend markiert am 15. Juli den informellen Auftakt der Konferenz, während das offizielle Programm am Morgen des 16. Juli beginnt. Die Konferenz bietet vier volle Tage Programm am 16., 17., 18. und 19. Juli. Ein AbDie charismatische junge Sabine Herold, schlussbankett beendet am Abend des 19. Gründerin von Liberté Chérie, die in Juli die Veranstaltung. Frankreich Zehntausende zum Protest gegen die Erpressermethoden der Gewerk- Auch wenn diese Veranstaltung auf Subventionen des Steuerzahlers verzichtet, ist schaften auf die Straßen gebracht hat. sie dennoch erschwinglich, berücksichtigt Daneben sprechen 20 weitere Referenten, man die Internationalität der Referenten. darunter: Jacques de Guenin, Julian Der Teilnehmerbeitrag von 530 Euro beinMorris, Robert Nef, Jan Narveson, Jaro- haltet fünf Übernachtungen im Einzelzimslav Romanchuk, Jim Peron, Christophe mer, das Eröffnungsbarbecue, drei MahlPiton, Barbara Branden, Hardy Bouil- zeiten an allen vier Tagen, das Frühstück lon, Rahim Taghizadegan und Vincent am Morgen nach Konferenzende und zwei Benard. Kaffeepausen pro Tag. Daniel J. Mitchell, PhD, ist Experte für Wirtschafts- und Steuerfragen der Heritage Foundation, Washington DC, Autor von: The Flat Tax: Freedom, Fairness, Jobs, and Growth. Erklärtes Ziel der Konferenz ist das Vernetzen von Personen, die für eine freie Gesellschaft eintreten. Das Networking schafft häufig neue Ideen und Zusammenschlüsse. So gründeten letztes Jahr in Neuseeland 25 teilnehmende Studenten das „Free Students Network“. Und mit den dieses Jahr für Studenten zur Verfügung stehenden Stipendien könnte sich ähnliches in Deutschland ereignen. Die Geschichte des World Freedom Summits hat gezeigt, dass er häufig örtlichen Organisationen den entscheidenden Schwung gab. Eingeschriebene Studenten können zum reduzierten Preis von 400 Euro teilnehmen. Eine begrenzte Zahl von Stipendien bis zur Höhe von 375 Euro stehen zur Verfügung. Studenten mit Interesse können sich direkt an ISIL unter Nennung der gewünschten Förderhöhe wenden. Kurzzeitteilnehmer können Ein- oder Zweitageskarten erwerben. Eintageskarten kosten 80 Euro und berechtigen zum Besuch aller Veranstaltungen an einem Tag ihrer Wahl und der Teilnahme an Mittagessen und den Teepausen.

Der World Freedom Summit hat die Reputation, viele der bedeutendsten freiheitlich ge- Anmeldung und ausführliche Information sinnten Personen zusammenzubringen. So unter: www.worldfreedomsummit.org gehörten bereits Milton Friedman und James Wolfgang Müller Buchanan zu den Vortragenden, weshalb der Friedrich-Naumann-Stiftung World Freedom Summit auch die „kleine Gummersbach Mont Pelerin Society“ genannt wird.

Zeitnahe Informationen auf unserer Website: http://www.bund-freiheit-der-wissenschaft.de
2/2005 fdw

35

Rezensionen
Die Fremdheit der Kunst Herbert Grabes: Einführung in die Kunst der Literatur und Kunst der Moderne und Postmoderne, Tübingen: Francke, 2004. 177 S., ISBN 3-8252-2611-5, broschiert, Euro 22,90. Maria Reicher: Einführung in die philosophische Ästhetik, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005. 182 S. ISBN 3-534-15469-X. Euro 14,90 (für Mitglieder 9,90).
Die klassische Ästhetik ist eine Ästhetik des Schönen oder des Erhabenen, und kein Geringerer als Imanuel Kant hat in der „Kritik der Urteilskraft“ das Vorzügliche der schönen Künste gerade darin gesehen, daß sie Dinge, die in der Natur häßlich oder mißfällig sein würden, schön beschreiben. Nun hat aber das 19. Jahrhundert die Entwicklung einer Ästhetik des Häßlichen (Rosenkranz) gebracht, die für die nun „nicht mehr schönen Künste“ vielfältigste Möglichkeiten eröffnete. Es ist ein unbestreitbares Faktum, daß die daraus resultierende moderne und postmoderne Literatur und Kunst vom breiten Publikum als befremdend erlebt wird. Zugleich aber ist diese Kunst notwendig von einer Kritik und Theoriebildung begleitet. Der Gießener Anglist Herbert Grabes nimmt in seiner prägnanten und konzentrierten Studie von diesem allgemein bekannten Faktum seinen Ausgang, um dann zu einer tieferen theoretischen Durchdringung am Leitfaden der Kantschen Ästhetik vorzustoßen. Zwar ist Wahrnehmung auch sonst nicht „rein“, sondern immer durch verschiedene Einflüsse eingefärbt – das Charakteristische von Literatur und Kunst der Moderne und Postmoderne aber besteht nun darin, daß das von ihr durch ihr Anderssein

(Alterität) ausgelöste Befremden nicht auf der Wahrnehmungsebene aufgelöst werden kann. Erst durch die Anstrengung des Begriffs im Medium der Reflexion kann das Fremdartige oder doch fremdartig Erscheinende integriert oder verarbeitet werden. Diese Verarbeitung – ein wichtiger Punkt – muß keineswegs die Aufhebung der Fremdheit mit sich bringen. Das Fremdartige kann ohne weiteres fremdartig bleiben (S. 15). Das Neue der Ästhetik des Fremden sieht Grabes denn auch in zwei Punkten: 1) Stärkung der Kreativität von Leser und Betrachter, die nicht zu einer abschlie ßenden Deutung gelangen müssen, und 2) Zusammenwirken von Imagination und Begrifflichkeit. Kant noch hatte sagen können, „Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt“, doch das hierbei vorausgesetzte Zusammenstimmen von Anschauung und Begriff ist bei der modernen und postmodernen Kunst und Literatur nicht mehr gegeben. Weil also nicht einfach unmittelbar, unbegriff lich, diese Werke der Kunst als schön empfunden werden, bedarf es der theoretisch-intellektuellen Vermittlung, eine Notwendigkeit, die einerseits von den Künstlern selbst, andererseits von den Kritikern erkannt wurde, die daher zahlreiche (Selbst-)Kommentare abgaben. Konnte es angesichts des Schönen noch ein spontan entstehendes interesseloses Wohlgefallen geben, läßt dies die moderne und postmoderne Literatur und Kunst wegen ihrer Fremdheit nicht zu – ein ästhetisches Wohlgefallen entsteht hier nach Grabes erst dadurch, daß man indirekt über die intellektuell-begriffliche Aneignung (wenn auch nicht Beseitigung) des Befremdlichen Genugtuung empfindet. Grabes gelingt in seinem Buch, was auch als Desiderat an die Wissenschaft gelten kann, die Entwicklung eines eigenständigen Ansatzes, der die Forschung voranzubringen verspricht, sowie die Vermittlung dieser Gedanken in auch für den interessierten Laien verständlicher klarer Sprache. Diese Tugend – Klarheit, Verständlichkeit, begriffliche Präzision – besitzt auch die neue Einführung in die philosophische Ästhetik von Maria Reicher, die den Laien, Studienanfänger sowie den Wissenschaftler anderer Fachgebiete in das wichtige Forschungsgebiet einführt. Die neue Konzeption dieser Einführungsreihe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft zeichnet sich durch systematische Darstellung aus (demgegenüber wird die historische Dimension in den Hintergrund gerückt) und ver-

sucht, den Leser an die entscheidenden Sachfragen heranzuführen, also die Bestimmung des Gegenstandsbereichs der Ästhetik überhaupt, die Frage nach dem Charakter ästhetischer Eigenschaften, Werturteile und Gegenstände sowie der Komplexe „Ontologie des Kunstwerks“ und die ewig umstrittene Frage „Was ist Kunst?“. Auf dem neuesten Stand der Forschung informiert Reicher gut über die vielfältigen Diskussionsfragen und regt den Leser zu einer eigenständigen Urteilsbildung an, wozu bereits ihre Klärung der Definition von Ästhetik beiträgt. Lehrreich ist auch, daß diese Einführung in die Eröffnung neuer Forschungsperspektiven mündet; eine Theorie der ästhetischen Erfahrung wäre hilfreich, um der philosophischen Ästhetik auf die Sprünge zu helfen. Till Kinzel

Die Folgen der Studentenbewegung Herbert Marcuse: Die Studentenbewegung und ihre Folgen (Nachgelassene Schriften, 4), hg. von PeterErwin Jansen, Springe: zu Klampen, 2004. 253 S., ISBN 3-924245-86-X. Euro 24,–.
Auch wer nicht der Auffassung ist, daß man heute unbedingt Herbert Marcuse studieren sollte, wird aus historischen und kulturdiagnostischen Gründen über die Ausgabe nachgelassener Schriften dieses bedeutenden Mentors der Studentenbewegung froh sein, zumal sie mit einer instruktiven Einleitung des 68er-Forschers Wolfgang Kraushaar versehen ist. Denn in dem hier anzuzeigenden Band findet sich eine Reihe aufschlußreicher Texte, die Marcuses Positionen mit großer Klarheit präsentieren und wichtige Einschätzungen zu verschiedenen politischen Ereignissen enthalten, darunter Bemerkungen zu Israel bzw. Judentum, zu Kuba und Vietnam sowie Betrachtungen über die Pariser Revolte, alte und neue Linke sowie ein Rückblick auf die 68er-Bewegung nach zehn Jahren. Lehrreich sind auch Marcuses Texte zu seiner Schülerin Angela Davis („Angela Davis war meine beste Schülerin“, so Marcuse), die vielen noch als Politikone der marxistischen Linken in unguter Erinnerung sein wird.

36

fdw 2/2005

Zusätzlich erwarten den Leser 60 Seiten Briefwechsel mit Rudi Dutschke – ein Baustein also zu einer noch zu schreibenden Geschichte von „68 und die Folgen“. Till Kinzel

Das Völkerrecht in der Auflösung? Carl Schmitt: Frieden oder Pazifismus? Arbeiten zum Völkerrecht und zur internationalen Politik 1924-1978. Hg., mit einem Vorwort und mit Anmerkungen versehen von Günter Maschke. Berlin: Duncker & Humblot, 2005. 1010 S. Euro 98,–.
Das politische Denken des Staatsrechtlers Carl Schmitt (1888 –1985) wird bis heute intensiv diskutiert, und mancherseits wird Schmitt gar als Klassiker des politischen Denkens anerkannt. Die Tatsache, daß Schmitt sich während des sogenannten Dritten Reiches hoffnungslos kompromittiert hatte, ändert jedoch nichts daran, daß die Begriffe Carl Schmitts für die Erkenntnis der politischen Wirklichkeit von Fall zu Fall sehr nützlich sein können. Im Laufe der letzten Jahre hat sich eine regelrechte Schmitt-Industrie herausgebildet, die dazu geführt hat, daß die früher sehr hitzige Debatte im Wechselspiel von Kritik und Apologie wesentlich versachlicht wurde. Von großem Interesse dürfte dabei auch die vorliegende, umfassende Publikation völkerrechtlicher Arbeiten des Schmitt-Spezialisten und Privatgelehrten Günter Maschke sein, die möglicherweise geeignet scheint, der weiteren Schmitt-Forschung andere Akzente zu geben. Maschke betont gegenüber der inzwischen dominanten These von der politischen Theologie als Kern seines Denkens Schmitts Bedeutung als Völkerrechtler, die seiner Auffassung nach gegenüber anderen Interpretationsansätzen viel zu sehr vernachlässigt wurde. Maschkes sehr sorgfältige Edition wesentlicher völkerrechtlicher Schriften – von Tageszeitungsartikeln bis hin zu Abhandlungen und anonym erschienenen juristischen Repetitorien – bietet daher eine Erläuterung der historischen Umstände der jeweiligen Artikel, aber auch so etwas wie ein Kompendium der völkerrechtlichen Literatur überhaupt,

sind doch seine Anmerkungen ausgesprochen umfangreich; dies mag manchen Lesern zu weit gehen, doch erspart es dem Leser auch so manchen Weg in die Bibliotheken. Inhaltlich ist Schmitts Position, die Maschke teilt, daß es einen Gegensatz von Frieden und Pazifismus gibt. Dieser an sich interessante und durchaus plausible Gedanke wird jedoch dadurch höchst problematisch, daß Schmitt sich zumindest in seiner konkreten politischen Analyse sträflich täuschte, wenn er ausgerechnet in einem Artikel mit diesem Titel aus dem Jahre 1933 meinte behaupten zu können, ein Ja zu Adolf Hitler sei zugleich ein Ja des Friedens. Gerade weil der politische Denker Schmitt ein Denker der konkreten Lage war, wiegt es umso schwerer, wenn er die konkrete Lage eben nicht richtig erkannte, sondern sich als intellektueller Ideologielieferant für ein totalitäres Regime betätigte. Von aktueller Bedeutung könnte dagegen die These von der Auflösung des klassischen Völkerrechts sein, da sich in den letzten Jahren die Diskussion in diesem Bereich außerordentlich fortentwickelte und höchst kontrovers verlief. Es mag sein, daß die Zeit des alten Völkerrechts unter den gegenwärtigen Bedingungen weltpolitischer Art vorbei ist, andererseits sind die Staaten nach wie vor – trotz allfälliger internationaler Verflechtungen – die Subjekte der internationalen Politik, die als Ordnungsfaktoren auf absehbare Zeit nicht verzichtbar scheinen. So oder so wird es also völkerrechtliche Probleme im Spannungsfeld von Krieg und Frieden geben, die zu durchdenken auch mit Hilfe der Schmittschen Positionen nützlich sein kann. Till Kinzel

dem Fall der Mauer seinen sinnenfälligen Ausdruck fand“: „Mit der Überwindung der Spaltung Europas ist der ganze Kontinent in den Sog der Veränderungen geraten“. Der Umbruch gehe einher mit der „Rückkehr der Freiheit“. Nach Ansicht des Verfassers ist diese Freiheit aber nur erfahrbar, wenn sie sich innerhalb eines Ordnungsrahmens ereignen kann. Und so heißt „Gesellschaft neu denken“ vor allem, sie im wechselseitigen Bezug von Freiheit und Verantwortung, von Selbstbestimmung und Bindung an Regeln zu denken. Damit sind zunächst noch keine Probleme gelöst, die den Umbruch (die Veränderung zur Freiheit) schwierig machen und den Menschen, in allen Ländern Europas übrigens, zu schaffen machen, es sind auch keine fertigen Rezepte formuliert, mit denen sie sich Schritt für Schritt lösen ließen, aber es ist der Geist beschrieben, in dem Lösungen angestrebt und erarbeitet werden müssen. Es geht somit um Prinzipien einer menschengerechten Politik, um ein Erfassen der Idee des Guten und den Versuch, sie zum bestimmenden Handeln des Politikers zu machen, sie in den verschiedenen Politikbereichen zu realisieren. Die Gefahr dieses platonischen Politikansatzes ist bekannt. Karl Popper rechnet Plato zu den Feinden der offenen Gesellschaft. Prinzipienreiter sind die Totengräber jeder prosperierenden Entwicklung. Deshalb ist es gut, daß Böhr die Idee in der sich entwickelnden Wirklichkeit aufsucht und aus der Anschaulichkeit der Empirie die Leitgedanken des Handelns ansichtig macht. Er verknüpft in den einzelnen Bereichen neue Gedanken mit frühen Überlegungen aus der Nachwendezeit der neunziger Jahre, so daß sich alte Situationen, die dem Leser aus eigenem Erleben bekannt sind, in den Blick schieben und Böhrs Gedanken und Intentionen an den geschichtlichen Momenten ihre Fasson bekommen. Indem Böhr die einzelnen Abschnitte neu einleitet, vermeidet er eine Mißlichkeit vieler Politikerbücher, nämlich eine bloße Aufsatzsammlung vorzulegen, die nichts anderes wäre als eine Addition eigentlich verstaubter Leitartikel oder anlaßbezogener, veralteter Essays. Daß es immer wieder um die Ermöglichung von Freiheit, den Ordnungsrahmen für Freiheit und die sinnvolle Nutzung der Freiheit geht, sich also sein

Christoph Böhr: Gesellschaft neu denken. Einblicke in Umbrüche. (Societätsverlag), Kevelaer 2004; 352 S. ISBN 3-7973-0895-7; 19,90 Euro
Ein programmatisches, ein aktuelles, ein politisches und ein philosophisches Buch zugleich – kann das gelingen? Im Jahre 2004 erschien Christoph Böhrs „Gesellschaft neu denken“ mit dem Untertitel: „Einblicke in Umbrüche“. Im Vorwort markiert der Verfasser den Angelpunkt seiner Betrachtungen. Es ist der „Epochenumbruch, der 1989 mit

2/2005 fdw

37

Leitmotiv ständig wiederholt, ist allerdings nicht störend, sondern einprägsam und als Schwerpunkt vonnöten. Damit tut er der Kunst des Politikers genüge, die sich an jedem einzelnen Thema bewähren muß. Das Werk besteht aus acht Abschnitten, in denen grundsätzliche staatsphilosophische Themen angeschnitten werden. Die jeweiligen Einleitungen sind aktuell für das Buch geschrieben. Sie leuchten den Hintergrund aus, vor dem aktuelle Politik in den jeweiligen Politikfeldern betrieben werden soll. Die aktuelle Politik erscheint dann in den Einzelbeiträgen zum Thema. Diese dienen als Veranschaulichungen, als empirische Durchdringung oder als Erfahrungsbeleg für die regulativen Ideen des gestaltenden Politikers, die in den jeweiligen Eingangskapiteln dargestellt worden sind.

tung der Kräfte des einzelnen und der Belohnung seiner Anstrengungen. Böhr spricht offen aus, daß er sich den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft und den wirtschaftlichen Grundsätzen Erhards und Müller-Armacks verbunden weiß. So heißt Gesellschaft neu denken letzten Endes, die alten Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft neuerdings wieder zur Geltung zu bringen. Sie liefern die Möglichkeit, den Mißstand zu beenden, der die Menschen staats- und politikverdrossen macht, nämlich daß in der Gesellschaft individueller Nutzen und Nutzen der Allgemeinheit auseinander klaffen.

Mit Böhrs argumentativer Grundlegung der Sozialen Marktwirtschaft sollten diejenigen sich einmal auseinandersetzen, die mit dem Credo des „Mir geht nichts über mich“ groß geworden sind – bzw. sich an Handeln aus Freiheit noch Um das Fundament politischen Han- gewöhnen müssen. Dann würden auch delns, wie der Verfasser es begründet, sie vielleicht „Gesellschaft neu denzu erkennen, genügt die Lektüre der ein- ken“. leitenden Abschnitte, die in erträglichem Maße abstrakt sind. Der Leser Winfried Holzapfel kann sie gespiegelt finden in den konkreten Artikeln und hier nach Interesse wählen. So ist dies kein Buch, das von vorne nach hinten gelesen werden muß. Andreas Gruhl/ Volker Kempf Auseinandersetzung kann mit der Lek- (Hrsg.): Naturkonservativ heutüre an jeder Stelle ansetzen. Doch em- te. Jahrbuch der Herbertpfiehlt sich aus systematischen Grün- Gruhl-Gesellschaft e.V. 2005, den, die Einleitungen alle zu lesen. DaEssen: Die Blaue Eule, 2005. mit rundet sich das Bild der Ideen, während die zugeordneten Einzel-The- 148 S., men „ontologisch“ zufällig bleiben. Sie ISBN 3-89924-122-3. Euro 19,–. passen und haben ihr Gewicht, aber es hätten auch andere sein können. Eine bunte Mischung in sich sehr verWenn man im Abschnitt „Gesellschaft schiedener Artikel und Analysen bietet neu denken“ (der Buchtitel wird in ei- der fünfte Band des von der Herbertnem Unterabschnitt des Buches aufge- Gruhl-Gesellschaft herausgegebenen griffen) nachliest, erkennt man, daß Jahrbuchs, das sich einerseits dem Erbe „Gesellschaft neu denken“ gar kein so des konservativen Umweltpolitikers neuer Entwurf ist: Gesellschaft wird als Gruhl widmet, andererseits aber auch Rechts- und Sozialstaat gedacht, in dem darüber hinaus einige wichtige aktuelle das Prinzip der Subsidiarität gilt. Es Probleme aufgreift. Zum einen wird z. geht um die Ermöglichung von Arbeit B. mittels Textauszügen an Gruhls ökound Wohlstand für alle, durch Entfal- logische Analyse der Weltsituation erin-

nert, die sehr radikal ausfiel. Problematisch mag dabei berühren, wenn Gruhl z. B. den Begriff des „wirtschaftlichen Wachstums“ ablehnt, doch spielte Gruhl sicher eine wichtige Rolle bei der Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Umweltfragen. Ein Beitrag des Vorsitzenden der Herbert-Gruhl-Gesellschaft Volker Kempf über „Das Archiv für Christlich-Demokratische Politik und das Problem der selektiven Wahrnehmung“ wirft jedoch die heikle Frage auf, wie die von den Parteistiftungen verwaltete Parteiengeschichte angemessen aufgearbeitet werden kann, wenn Archivalien nur selektiv zugänglich gemacht werden, wie er am Beispiel seiner eigenen Forschungen im Zusammenhang mit dem Gruhl-Nachlaß darlegt. Für Mitglieder des BFW besonders interessant dürfte das Jahrbuch weiterhin auch sein, weil sich dort die letzte Veröffentlichung des am 12. Oktober 2003 verstorbenen Bundesvorsitzenden Professor Dr. Erwin K. Scheuch findet. Scheuch setzt sich in seiner Analyse „Eine neue Weltordnung? Die USA als Hegemon“ prägnant mit der jüngsten Entwicklung im außenpolitischen Denken und Handeln der US-Regierung unter George W. Bush auseinander, die mit klarem Blick eine Wertung versucht und auch die innenpolitischen Bedingungsfelder dieser Politik mit in die Betrachtung hineinnimmt. Angesichts der unbezweifelbar freundschaftlichen Haltung Scheuchs Amerika gegenüber stimmen seine kritischen Ausführungen besonders nachdenklich. Ebenso lesenswert und zugleich provokativ wie nüchtern sind einige Analysen zur Parteienkrise. Darunter auch die klaren Ausführungen Ute Scheuchs, die für eine Erneuerung des politischen Systems plädiert, in der eine lebendige, attraktive Kommunalpolitik eine wichtige Rolle spielen sollte. Till Kinzel

Soeben erschienen:
Josef Kraus: Der PISA – Schwindel. Unsere Kinder sind besser als ihr Ruf – Wie Eltern und Schule Potentiale fördern können. Signum Verlag Wien, 2005 ISBN 3-85436-376-1, 16,90 Euro

38

fdw 2/2005

Bund Freiheit der Wissenschaft
Aufgabe des Vereins, Satzung Der Bund Freiheit der Wissenschaft setzt sich für die Freiheit der Wissenschaft und die Leistungsfähigkeit der Hochschulen und Schulen ein. Er wurde am 19. November 1970 in Bad Godesberg gegründet und ist eine überparteiliche Vereinigung zur Verteidigung der Freiheit der Wissenschaft, der Freiheit von Forschung, Lehre und Studium. Auf der Grundlage der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland und im Bewußtsein der gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaft setzt sich der Verein unter Ausschluß von parteipolitischen Bindungen zur Aufgabe: 1. die Freiheit von Forschung, Lehre und Studium zu wahren und zu fördern, 2. sich jeder Unterwerfung unter die Machtansprüche einzelner Gruppen oder Interessen zu widersetzen, 3. auf eine Politik zu drängen, die eine stetige Verbreiterung der Bildungschancen mit der Erhöhung der Leistungsmaßstäbe verbindet.

Der Satzungszweck wird verwirklicht insbesondere durch die Durchführung wissenschaftlicher Veranstaltungen und Forschungsvorhaben, Publikationen und Informationen der Öffentlichkeit über die Situation von Hochschule, Schule und Wissenschaft (§ 2 der Satzung). Die vollständige Satzung kann mit dem in diesem Heft abgedruckten Bestellschein angefordert werden. Vorstand: Vorsitzende Dr. Hans Joachim Geisler, Dernburgstr. 53, 14057 Berlin, Tel. (0 30) 3 22 31 58, Fax über BFW-Büro, E-Mail hjgeisler@gmx.de Oberstudiendirektor Dr. Winfried Holzapfel, An der Ölmühle 16, 47608 Geldern, Tel. (0 28 31) 44 16, Fax (0 28 31) 99 29 72, E-Mail dr.winfried.holzapfel@t-online.de Professor Dr. Dr. Kurt J. Reinschke, Wachwitzer Bergstr. 32, 01326 Dresden, Tel. (03 51) 2 68 61 66 E-Mail kr@erss11.et.tu-dresden.de Schatzmeister Professor Dr. Günter Püttner, Schwerdstr. 3, 67346 Speyer Tel. (0 62 32)7 19 97

Erweiterter Vorstand: Professor Dr. Wolfgang Dreybrodt, Bekassinenstr. 86, 28357 Bremen, Tel. (04 21) 27 18 79 E-Mail dreybrodt@t-online.de Oberstudiendirektor Josef Kraus, Fürstenstr. 59, 84032 Ergolding, Tel. (08 71) 6 86 74, Fax (08 71) 63 03 90, E-Mail josef.kraus@landshut.org Professor Dr. Klaus-Dieter Rosenbaum, Bärenfelsallee 20, Gutshaus Rustow, 17121 Loitz, Tel./Fax (03 99 98) 3 12 93, E-Mail rosen@uni-greifswald.de Professor Dr. Winfried Schlaffke, Rüdellstr. 10, 50737 Köln, Tel. (02 21) 74 71 59, Fax (02 21) 7 40 52 50, E-Mail w.schlaffke@t-online.de Professor Dr. Gerd Wechsung, Rosenweg 3, 07751 Cospeda, Tel. (0 36 41) 44 76 73

Beitrittserklärung
An den Bund Freiheit der Wissenschaft, Bundesgeschäftsstelle Charlottenstraße 65, 10117 Berlin-Mitte
Ich möchte dem Bund Freiheit der Wissenschaft e.V. beitreten als Name, Vorname, Titel Straße, Hausnummer, PLZ, Ort wenn gewünscht, zusätzliche Angabe: Telefon, Fax, E-Mail ■ ■ ■ ■ ■

Einzelmitglied zum Jahresbeitrag von 100,– Euro Mitglied aus den neuen Bundesländern zum Jahresbeitrag von 75,– Euro Berufsanfänger von 50,– Euro Schüler/Student zum Jahresbeitrag von 15,– Euro Fördermitglied zum Jahresbeitrag von 125,– Euro

Im Mitgliedsbeitrag ist die kostenlose Zusendung der Zeitschrift „freiheit der wissenschaft“ enthalten.

■ Ich sende Ihnen die beiliegende Einzugsermächtigung

■ Ich zahle meinen Beitrag auf das Konto des Bundes Freiheit der Wissenschaft bei der Deutschen Bank AG Bonn, Kto.-Nr. 0 233 858 (BLZ 380 700 24)

Mitgliedsbeiträge für den Bund Freiheit der Wissenschaft sind steuerbegünstigt: Der Bund Freiheit der Wissenschaft e.V. ist wegen Förderung der Wissenschaft und der Volksbildung (entspr. Abschnitt A Nr. 4 der Anlage 1 zu § 48 Abs. 2 EStDV) nach dem letzten uns zugegangenen Freistellungsbescheid des Finanzamts für Körperschaften I von Berlin, StNr 27/661/54861, vom 26. 6. 2003 für die Jahre 2000, 2001 und 2002 nach § 5 Abs. 1 Nr. 9 des Körperschaftssteuergesetzes von der Körperschaftssteuer befreit, weil er ausschließlich und unmittelbar steuerbegünstigten gemeinnützigen Zwecken im Sinne der §§ 51 ff. AO dient. Ich bin damit einverstanden, daß meine obenstehenden persönlichen Daten nur für die satzungsgemäßen Zwecke des Vereins elektronisch gespeichert werden.

Ort, Datum, Unterschrift

(entfällt für Mitglieder und Spender) An den Bund Freiheit der Wissenschaft, Bundesgeschäftsstelle Charlottenstraße 65, 10117 Berlin-Mitte
Name, Vorname, Titel Straße, Hausnummer, PLZ, Ort Ort, Datum, Unterschrift Hiermit bestelle ich ein Jahresabonnement zum Preis von 12,– Euro inkl. Porto und Versandkosten. Das Abonnement kann jederzeit gekündigt werden.

Abonnement der Zeitschrift „freiheit der wissenschaft“

2/2005 fdw

✄
39

Regionalbeauftragte Baden-Württemberg: Professor Dr. Jürgen Kullmann, Panoramastr. 27, 72116 Mössingen, Tel. (0 74 73) 57 68 oder (0 74 73) 27 24 68, Fax (0 74 73) 2 67 68, E-Mail: juergen.kullmann@uni-tuebingen.de Bayern: Oberstudiendirektor Willi Eisele, Kiefernweg 1, 82515 Wolfratshausen, Tel. (0 89) 74 55 04 20, (08171) 410923, E-Mail: willi.eisele@gmx.de Berlin und Brandenburg: Frau Dr. Brigitte Pötter, Landauer Str. 6, 14197 Berlin, Tel. (0 30) 82 70 27 34, Fax (0 30) 82 70 27 36, E-Mail: bpoetter@gmx.de Bremen: Professor Dr. Wolfgang Dreybrodt, Bekassinenstr. 86, 28357 Bremen, Tel. (04 21) 27 18 79, E-Mail: dreybrodt@t-online.de Hessen: Frau Professor Dr. Lilo Süllwold, Guiollettstr. 53, 60325 Frankfurt am Main, Tel. (0 69) 72 74 92 Privatdozent Dr. habil. Siegfried Uhl, Homburger Landstraße 225/I 408, 60435 Frankfurt am Main, Tel. (0 69) 3 89 89-5 57, Fax (0 69) 3 89 89-2 33, E-Mail: s.uhl@help.hessen.de Mecklenburg-Vorpommern: Professor Dr. Klaus-Dieter Rosenbaum, Bärenfelsallee 20, Gutshaus Rustow, 17121 Loitz Tel./Fax (03 99 98) 3 12 93, E-Mail: rosen@uni-greifswald.de

Niedersachsen: Wiss. Oberrat a. D. Dr. Hartmut Schustereit, Lüner Weg 81, 21337 Lüneburg, Tel. (0 4131) 86 08 46 E-Mail: schustereit@freenet.de Nordrhein-Westfalen: Studiendirektor Norbert Schlöder, Pater-Delp-Str. 11, 47877 Willich, Tel. (0 2154) 7 02 47, Fax (0 2154) 8 76 84, E-Mail: nschloeder@aol.com Sachsen: Professor Dr. Dr. Kurt J. Reinschke, Wachwitzer Bergstr. 32, 01326 Dresden, Tel. (03 51) 2 68 6166 E-Mail: kr@erss11.et.tu-dresden.de Thüringen: Professor Dr. Gerd Wechsung, Rosenweg 3, 07751 Cospeda, Tel. (0 36 41) 44 76 73 Sektion Berlin-Brandenburg: Vorsitzender: Professor Dr. Hans Peter Berlien, Rudower Str. 48, 12351 Berlin, Tel. (0 30) 8 26 60 88, Fax (0 30) 60 04-38 70, E-Mail: sektion.bund.freiheit.wiss@gmx.de Abonnement der Zeitschrift fdw Jahresabonnement für Nichtmitglieder: 12,– Euro inkl. Porto und Versandkosten. Für Mitglieder des Bundes Freiheit der Wissenschaft ist der Verkaufspreis durch den Mitgliedsbeitrag abgegolten. Auch Spender erhalten die Zeitschrift kostenlos. Bitte verwenden Sie für ein Abonnement einfach den beigefügten Abschnitt.

Mitgliedschaft, Jahresbeiträge Schüler, Studenten 15,– Euro, Berufsanfänger 50,– Euro, Einzelmitglieder 100,– Euro, Fördermitglieder 125,– Euro, Mitglieder aus den neuen Bundesländern 75,– Euro. Mitglieder erhalten die Zeitschrift „Freiheit der Wissenschaft“ und sonstige Veröffentlichungen des BFW kostenlos. Mitgliedsbeiträge sind steuerbegünstigt (s. u.); sie erhalten ohne Aufforderung eine Spendenbescheinigung. Bitte verwenden Sie die beigefügte Beitrittserklärung und zur Vereinfachung der Zahlungen am besten auch die beigefügte Ermächtigung zum Bankeinzug. Spenden Für Spenden auf das Konto Nr. 0 233 858, (BLZ 380 700 24) Deutsche Bank Bonn ist der Bund Freiheit der Wissenschaft dankbar. Spenden an den Bund Freiheit der Wissenschaft sind steuerbegünstigt (s. u.). Sie erhalten ohne Aufforderung eine Spendenbescheinigung. Für regelmäßige Spenden können Sie zur Vereinfachung der Zahlungen am besten die beigefügte Ermächtigung zum Bankeinzug benutzen. Der Bund Freiheit der Wissenschaft e.V. ist wegen Förderung der Wissenschaft und der Volksbildung (entspr. Abschnitt A Nr. 4 der Anlage 1 zu § 48 Abs. 2 EStDV) nach dem letzten uns zugegangenen Freistellungsbescheid des Finanzamts für Körperschaften I von Berlin, StNr 27/661/54861, vom 26. 6. 2003 für die Jahre 2000, 2001 und 2002 nach § 5 Abs. 1 Nr. 9 des Körperschaftssteuergesetzes von der Körperschaftssteuer befreit, weil er ausschließlich und unmittelbar steuerbegünstigten gemeinnützigen Zwecken im Sinne der §§ 51 ff. AO dient.

Bestellschein
An den Bund Freiheit der Wissenschaft, Bundesgeschäftsstelle Charlottenstraße 65, 10117 Berlin-Mitte

Name, Vorname, Titel Straße, Hausnummer, PLZ, Ort

Ich bitte um kostenlose Zusendung ■ der Satzung des Bundes Freiheit der Wissenschaft e. V. der letzten Nummern der Zeitschrift Freiheit der Wissenschaft: ■ Juni 2004 ■ September 2004 ■ Dezember 2004 ■ Januar 2005 ■ Ich bestelle zum Preis von 7,50 Euro die Broschüre über das 34. Bildungspolitische Forum des Bundes Freiheit der Wissenschaft „Freiheit und Verantwortung in Forschung, Lehre und Studium – Die ethische Dimension der Wissenschaft“ am 27. Februar 2004 in Berlin mit den Beiträgen der Referenten. ■ Ich bestelle zum Preis von 7,50 Euro die Broschüre „Notizen zur Geschichte des Bundes Freiheit der Wissenschaft“, Dezember 2001. Für Mitglieder und Spender sind die Broschüren kostenlos.

Ort, Datum, Unterschrift

Vereinfachte Zahlung durch Bankeinzug
An den Bund Freiheit der Wissenschaft, Bundesgeschäftsstelle Charlottenstraße 65, 10117 Berlin-Mitte
Hiermit ermächtige(n) ich/wir den Bund Freiheit der Wissenschaft e.V. widerruflich, die von mir/uns zu entrichtenden Zahlungen bei Fälligkeit zu Lasten meines/unseres Kontos mittels Lastschrift einzuziehen. Wenn mein/unser Konto die erforderliche Deckung nicht ausweist, besteht seitens des kontoführenden Kreditinstituts keine Verpflichtung zur Einlösung. Teileinlösungen werden im Lastschriftverfahren nicht vorgenommen. Name, Vorname, Titel Straße, Hausnummer, PLZ, Ort Kto.-Nr. Kreditinstitut BLZ ■ ■ ■ ■ ■ ■ Jahresbeitrag Einzelmitglied Jahresbeitrag Mitglied aus den neuen Bundesländern Jahresbeitrag Berufsanfänger Jahresbeitrag Schüler/Student Jahresbeitrag Fördermitglied Jährliche Spende 100,– Euro 75,– Euro 50,– Euro 15,– Euro 125,– Euro

Ort, Datum, Unterschrift

✄
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.