577
Hinckeldeyn, Zeitfragen im americanischen Ingenieurwesen.
57B
angemessenen Betrag der elektromotorischen Kraft, mit welcher
sie geladen wurden, nutzbar wieder hergeben, so würde ihre
Anwendung große Sparsamkeit und Bequemlichkeit verheifsen. —
Die außerordentlich schnelle Entwicklung der Elektricität in
ihrer Anwendung für so viele Erfordernisse des heutigen Lebens
gebietet den Vertretern unseres Berufes im allgemeinen, diesem
Zweige der Ingenieurkundo größere Aufmerksamkeit zuzuwenden,
als bisher geschehen. Eine Kenntnis dieser Wissenschaft wird
binnen wenigen Jahren für einen Civil-Ingenieur ebenso noth-
wendig sein, wie es heute die der Hydraulik ist.
Der Bau von Inland-Canälen hat auf unserm Fest
lande fast ganz aufgehört, da die Beförderung auf Eisenbahnen,
obwohl kostspieliger, eine größere Regelmäfsigkeit und Schnellig
keit sichert und während des Winters keinen Unterbrechungen
unterworfen ist, wie es auf unsern Schiffahrts-Canälen im Nor
den der Fall ist. Die Arbeiten an Canälen beschränken sich
zur Zeit fast ausschließlich auf eine Vertiefung und Verbreite
rung der bestehenden Verbindungswege. Beim Weiland- und
Erie- Canal sind derartige Arbeiten ira Gange. Die Schleusen
des Sault St. Mary-Canales sind so weit vertieft worden, dafs
sie Fahrzeuge von 10 Fufs (3,05 m) Tiefgang aufzunehmen
vermögen.
Während im Bau von Inland-Canälen ein Stillstand ein-
getreten ist, sind eine Anzahl von Seeschiffs-Canälen in
Ausführung begriffen oder im Entwurf ausgearbeitet Der wich
tigste unter ihnen, der Panama-Canal, schreitet den neuesten
Nachrichten zufolge nicht so vorwärts, wie cs die Freunde des
Unternehmens wünschen. Es erscheint in der That so, als ob
er, wenn überhaupt jemals vollendet, in einen Canal mit Schleu
sen umgewandelt werden müsse. Am Canal durch die Land
enge von Korinth sind die Ausführungsarbeiten im Gange.
Unter den Entwürfen für Seeschiffs-Canäle, deren Ausfüh
rung in naher Zukunft mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten
ist, sind zu nennen der Canal zwischen der Nord- und Ostsee
und der Manchester-Canal in England. Geplant werden auch
ein Canal von der Ostsee zum Weifsen Meere durch den Onega
see und einer durch die Landenge von Nicaragua. Diese Werke
können, wenn vollendet, nicht verfehlen, einen sehr segensreichen
Einfluß auf den Welthandel auszuüben.
Die Aufgabe künstlicher Bewässerung dürrer
Länderstrecken ist eine von äußerster Wichtigkeit für manche
unserer Staaten und Territorien, und diesem Zwecke dienende
Ingenieurwerke sind in großer Ausdehnung geschaffen in Cali-
fomien, Arizona, Colorado, Dakota, Montana, Idaho, Oregon
und Georgia. Die gesamte Länge der für Bewässerung ange
legten Gräben, Rohrleitungen und Gerinne wird auf über 10000
engl. Meilen (16090 km) geschätzt. Der größte Fortschritt in
der Sammlung und Verkeilung von Wasser für Berieselungs
zwecke ist in Colorado gemacht worden und die weisen Gesetze,
welche dieser Staat in Bezug auf Bewässerung erlassen hat,
werden als Muster von anderen Staaten angesehen und benutzt.
Aus dem vortrefflichen Bericht des Staatsingenieurs für
Colorado geht hervor, daß in diesem Staate jetzt über 26 Wasser
bezirke bestehen, welche mehr als 1800000 Cubikfufs (51000 cbm)
Wasser in der Minute für Berieselungszwecke vertheilen. Die
in diesem Staate solchergestalt bewässerten Landflächen umfassen
mehr als 1400000 Acres (570000 Hektar). Ein Bewässerungs
canal von 30 Meilen (48 km) Lange wird gegenwärtig in Catlin,
Colorado hergestellt. Die Ausdehnung und die Kosten solcher
Bewässerungsanlagen werden recht anschaulich durch einen Blick
auf den im San Joaquin-Thale in Merced County in Californien
geschaffenen Canal. Derselbe ist zur Zeit halb vollendet und
wird, wenn fertig gestellt, eine Länge von im ganzen 35 Meilen
(56 km) haben. Er wird durch zwei Tunnel gefühlt, von denen
der eine 1600 Fufs (488 m), der zweite 6000 Fufs (1830 m)
lang ist. Die Gesamtkosten dieses Werkes werden auf 1500000
Dollars (6 Mill. Mark) geschätzt.
Ein noch größerer Bewässerungscanal wird im Norden von
Wyoming angelegt, er wird über 100 Meilen (161 km) lang
werden.
Die regste Thätigkeit in irgend einem Zweige des Civil-
ingenieurwesens während des vergangenen Jahres scheint im
Brückenbau geherrscht zu haben. Es ist eine ganze Zahl
von bedeutenden Brücken vollendet worden; unter ihnen die
über den Susquehanna-Strom im Zuge der Baltimore- und Ohio-
Eisenbahn, 6315 Fufs (1930 m) lang mit vier Spannungen von
480 Fufs (146,3 n>) und einer von 520 Fufs (158,6 m), die
Henderson-Brücke über den Ohio, 3200 Fufs (976 m) lang
mit einer Spannung von 525 Fuß (160 m), die St. Jolm’s-
Strombrücke (Cantilever) mit einer Spannweite von 447 Fufs
(136,5 m) zwischen den Pfeilern und die Brücke über den Big
Black-Strom. Von großen Brücken, die noch in der Ausfüh
rung begriffen sind, ist die bedeutendste die Forth-Brücke mit
zwei Spannungen von je 1700 Fufs (518 m), die Sukkur-Brücke
über den Indus mit einer Spannung von 790 Fufs (241m) und
endlich die Lachine-Brücke für die Ganadische Pacific-Eisenbahn
mit zwei Hauptspannungen von je 408 Fuß (124,5 m).
Der Auftrag zum Bau einer Brücke bei Hawkesbury in
Neu-Süd-Wales ist kürzlich einer unserer americanischen Brücken
baugesellschaften zu Theil geworden, eine sehr erfreuliche That-
eache in Anbetracht, dafs dieser Auftrag im Wettbewerb mit
England und Frankreich erlangt wurde. Die Haupt'schwierig-
beit, welche es beim Bau dieser Brücke zu überwinden gilt,
liegt in der Gründung der Pfeiler in einer Tiefe von 170 Fufs
(52 m) unter dem Wasserspiegel. Der außerordentlich niedrige
Preis für Eisen und Stahl begünstigt sehr die Wahl großer
Spannweiten, da die Ersparnisse für Pfeiler und Gründung die
sonst für große Spannweiten erwachsenden Kosten ausgleichen.
Die Neigung der Brückenbau-Ingenieure scheint gegenwärtig
auf die Wahl solcher Systeme gerichtet zu sein, bei denen die
Beanspruchung aller Constructionsglieder genau durch Rechnung
ermittelt werden kann, und der Gebrauch der Bolzengelenke,
welche als eine charakteristische Besonderheit im americanischen
Brückenbau gelten können, ist diesen Bestrebungen günstig.
Die große Schnelligkeit, mit welcher Bolzengelenk-Brücken auf
gestellt werden können, ist ein sehr wichtiger Vorzug besonders
dann, wenn das Material für solche Brücken in großen Ent
fernungen vom Bestimmungsort zugerichtet werden oder die
Aufstellung an solchen Plätzen stattfinden muß, wo keine Mög
lichkeit ist, Eisenbahnarbeiten zu bewerkstelligen. Dieses Con-
structionsverfahren ist deshalb ganz besonders für neu und
spärlich besiedelte Länder geeignet.
Seit dem großen Erfolge der Brücke mit überkragenden
Trägem (Cantilever) über die Niagarafälle ist eine Anzahl
anderer Brücken nach denselben Grundsätzen erbaut worden.
In der That bei weitem die Mehrzahl aller Brücken mit großen
Spannweiten werden neuerdings nach diesen Anordnungen ent
worfen, weil sie große Vortheile für die Aufstellung bieten.