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Volume Heft 11

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue 46.2012 (Rights reserved)

Themen Bibliotheken 908 Bibliotheksdienst 46. Jg. (2012), H. 11 Erkanntes und Erlebtes Die Geschichte eines Buches des protestantischen Gelehrten Wilhelm Wundt aus dem Besitz des jüdischen Apothekers Leopold Scheyer Karin Andert, Niko Kohls Im Juli 2011 sonderte die Bibliothek des Psychologischen Instituts der Freien Uni- versität Berlin im Zuge eines großen Bestandsintegrationsprojektes ein Buch des Gelehrten Wilhelm Wundt aus, der als Begründer der akademischen Psychologie als autonomer Wissenschaftsdisziplin gilt. Es handelt sich um eine Ausgabe der zweiten Auflage seiner autobiografischen Betrachtungen „Erlebtes und Erkann- tes“ aus dem Jahr 1921. Über ein Berliner Antiquariat gelangte es in unsere Hände, es sollte zum Dank dem Habilitationsvater, Ernst Pöppel, einem renommierten Neurowissenschaftler und Psychologen, im Rahmen einer kleinen akademischen Feier überreicht werden. Bei näherer Betrachtung kommen jedoch Zweifel auf, ob es sich dazu eignet. Die Deckel sind in Folie geschweißt, eine Signatur wurde am Rücken relativ grob ent- fernt. Irritierend sind die vielen Stempel im Inneren des Buches. Darunter gleich mehrmals: AUSGESONDERT, von der Bibliothek des Philosophischen Seminars und des Psychologischen Instituts handschriftlich abgezeichnet. Weshalb das mit einer Schrift geschah, deren Autor an der Universität Leipzig im Jahre 1879 das ers- te Institut für experimentelle Psychologie gründete und dessen Werk zum Kanon der Wissenschaft gehört, können wir uns nicht erklären. Bescheidener treten die Spuren des vermutlich ersten Besitzers auf. Oben rechts auf der Titelseite, ein Stempel mit Name und Adresse Leopold Scheyer, Privat Wohnung: Berlin O. 27, Wallnertheater-Straße 25, Fernsprecher: Königstadt 8254. Die Buchstaben sind leicht verwischt, woraus wir schließen, dass der Stempel oft benutzt worden ist. Handschriftlich hinzugefügt, gleich zwei Mal, die Nummer 1324/VIII. Spätestens hier hätte man der Identität des Vorbesitzers vertiefend nachgehen sollen, weil nur ein Sammler seine Bücher so kennzeichnet. Wir jeden- falls wollen wissen, wer es besaß und las, wer es professionell katalogisierte und aufbewahrte. Auf dem einfachsten Weg, wir geben den Namen und die Adresse unseres Bücherfreundes bei Google ein, sehen wir unsere Vermutung bestätigt, dass es mit unserem Buch seine eigene Bewandtnis hat. Die erstgezeigten Treffer offenbaren, dass drei Bücher von einem jüdischen Apotheker, Leopold Scheyer, wohnhaft zuletzt in Berlin – die Adresse stimmt mit der unsrigen überein – als NS-Raubgut bei der Zentral- und Landesbibliothek Berlin gemeldet sind. Von diesem Zeitpunkt an betrachten wir das vor uns liegende Exemplar mit anderen Augen. Uns wird klar, dass wir ein Stück Geschichte in Händen halten und wollen mehr darüber wissen. Aus der Entschädigungsakte, die uns der Leiter des Projekts
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