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Volume Heft 3/4

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue46.2012 (Rights reserved)

Themen Bibliotheken 188 Bibliotheksdienst 46. Jg. (2012), H. 3/4 Eine Forschungsbibliothek – was ist das eigentlich? In den USA entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts private Forschungsbib- liotheken – research libraries – wie etwa die John Crerar Library und die New- berry Library in Chicago oder die Pierpont Morgan Library in New York, die Folger Shakespeare Library in Washington, D.C., die Henry E. Huntington Library in San Marino und einige andere.2 Diese Art der unabhängigen Forschungsbibliothek in den der USA hatte zunächst keine Nachahmung in Deutschland gefunden. Hier ist vielmehr der Begriff For- schungsbibliothek mit dem Namen eines Mannes verbunden: Paul Raabe. Er hat im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts die alte Wolfenbütteler Bibliothek in eine deutsche Forschungsbibliothek verwandelt. Doch die von Paul Raabe einer neuen Bestimmung zugeführte Herzog August Bibliothek (vor seiner Amtszeit mit einem Bindestrich „Herzog August-Bibliothek“ und von der Presse bis zur Gegen- wart als „Herzog-August-Bibliothek“ mit zweien geschrieben) entstand nicht nach amerikanischem Vorbild, es war seine eigene Idee. Paul Raabe erinnert sich in sei- nen Memoiren „Bibliosibirsk oder Mitten in Deutschland“ daran, dass ihn erst ein Beitrag im Times Literary Supplement die Augen über die Independent Research Libraries der USA geöffnet habe, „von denen ich damals in der Bundesrepublik – ich muß es bekennen – nichts wußte“.3 Der Begriff Forschungsbibliothek hat seit den 70er Jahren des letzten Jahrhun- derts immer stärker an Kontur gewonnen, vor allem im geistes- und kulturwis- senschaftlichen Bereich – aber was er wirklich bedeuten soll, scheint dem Ver- fasser bis heute nicht eindeutig beantwortet worden zu sein; vielleicht ist dies angesichts der Vielfältigkeit deutscher Bibliotheken auch nicht möglich. Nachdem der Berufsstand seinerzeit eher eine skeptische Haltung gegenüber dem Wolfen- bütteler Modell eingenommen hatte, dem man sinngemäß entgegenhielt, dass letztlich jede wissenschaftliche Bibliothek eine Forschungsbibliothek sei, lassen sich mittlerweile durch die Vorbilder von Wolfenbüttel, Weimar und einiger ande- rer Bibliotheken sowie durch den fachlichen Diskurs aber wenigstens die Umrisse eines spezifischen Forschungsbibliothektyps definieren. Es ist das Verdienst der beiden Weimarer Bibliothekare Michael Knoche und Jürgen Weber, als erste die Konturen einer Forschungsbibliothek beschrieben zu haben.4 2 Encyclopedia of Library History. Ed. By Wayne A. Wiegand and Donald G. Davis jr. New York, London 1994. S. 648. 3 Paul Raabe: Bibliosibirsk oder Mitten in Deutschland. Jahre in Wolfenbüttel. Zürich 1992. S. 194. 4 Michael Knoche: Die Forschungsbibliothek. Umrisse eines in Deutschland neuen Bibliothekstyps, In: Bibliothek. Forschung und Praxis. 17. 1993., S. 291–300; Jürgen Weber: Forschungsbibliotheken im Kontext. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 44. 1997. S. 127–146; ders.: Forschungsbibliothekar/in: Thesen zu einem
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