fullscreen : Friedenauer Lokal-Anzeiger (Public Domain) Ausgabe 19.1912 (Public Domain)

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(Kriedenauer
Unparteiische  Zeitung  fiir  'kommunale  und  bürgerliche
Angelegenheiten.
Bezugspreis  Ke  sondere
bei  Abholung  aus  der  Geschäftsstelle,  .
RheinsN.  15,  1,50  M.  vierteljährlich;  durch  ..  tvrttxvock-Boten
  insHaus  gebracht  1,80M.,  durch  die  Mttzblatt  „Setfenblasen  .
Post  bezogen  1,92  M.  einschl.  Bestellgeld.

femtpreeber:  Hmt  ptaljbarg  2128.

Zeitung.)
Organ  sür  den  Kriedenauer  Ortsteil  non  Zchbneberg  und
Herirksverein  Zndmest.

Keilagen
Jecken  Sonntag:
Blätter  für  deutsche  frauen.
Druck  und  Verlag  von  Leo  Schultz,  Friedenau.
Geschäftsstelle:  RheinTtr.  15.

Hnjetgen
werden  bis  12  Uhr  mittags  angenommen.
Preis  der  öaespaltenen  Zeile  oder  deren
Raum  80  Pf.  Die  Reklamezeile  kostet
75  Pf.  Belagnummer  10  Pf.

Ur.  166.

Erscheint  täglich  aöends
Berlin-Friedenau,  Mittwoch,  den  17.  Juli  1912

f  erntpreeber:  Hmt  pfaljbarg  2129.

Letzte  Nachrichten.
HeringSdorf.  Bei  einer  Bootsfahrt  ist  gestern  der
Friseur  Otto  Behn  aus  Berlin  hier  in  der  Ostsee  ertrunken.
Die  Leiche  ist  geborgen.
Solothurn.  Bei  Solothurn  wurden  drei  Knaben
beim  Baden  durch  den  elektrischen  Strom  getötet,  der
wegen  einer  Störung  im  nahen  Elektrizitätswerk  den  Weg
durchs  Master  nahm.
London.  Die  Hitze  fordert  in  England  nach  wie  vor
zahlreiche  Opfer.  Die  Durchschnitlstemperatur  beträgt
30  Grad.  Sieben  Todesfälle  infolge  HitzschlageS  find
gestern  zu  verzeichnen  gewesen.  Ein  heftiges  Gewitter  ging
im  Westen  SuffolkS  nieder.  Mehrere  Häuser  wurden  durch
Blitzschlag  in  Brand  gesteckt.  Hagelschläge  haben  verschiedene ­
  Gegenden  heimgesucht  und  stellenweise  die  gesamte
Ernte  vernichtet.  Aus  den  Badeorten  wurden  zahlreiche
Todesfälle  durch  Ertrinken  gemeldet.  Gestern  sind  auch
in  Bolton  zwei  Männer  und  eine  Frau  an  den  Folgen
der  Hitze  gestorben.
Paris.  Gestern  Abend  stürzte  sich  auf  offener  Straße
in  Juviiy  der  Trunkenbold  Henri  Didy,  der  bereits  vielfach ­
  vorbestraft  ist,  auf  den  gerade  des  Weges  kommenden
Aviatiker  Herni  Jourdan  und  verletzte  ihn  durch  mehrere
Messerstiche  .so  schwer,  daß  er  bereits  wenige  Minuten
darauf  starb.
Mailand.  Die  frühere  Kronprinzessin  von  Sachsen,
die  Gräfin  Montignoso,  mußte  nach  Fiesolo  gebracht  werden,
da  sie  an  einer  schweren  Bauchfellentzündung  erkrankt  ist,
die  eine  Operation  erfordert.  Der  geschiedene  Mann  der
Kronprinzessin,  Herr  Tosellt,  befand  sich  an  ihrer  Seite.
Die  Behandlung  liegt  in  den  Händen  des  deutschen  Arztes
Dr.  Rayl.
Rom.  Der  Mailänder  Carriere  della  Sera  meldet,
im  türkisch-arabischen  Lager  vor  Derna  befänden  sich  drei
ehemalige  deutsche  Offiziere,  von  denen  einer  sogar  die
Leitung  der  Artillerie  in  Händen  haben  soll.  Die  Nachricht
stammt  von  einem  ehemaligen  türkischen  Offizier,  der  aus
Enver  Beis  Lager  desertiert  ist.
Tanger.  Fünf  in  den  Minen  bei  Tetuan  beschäftigte
Deutsche  sind  von  den  Kabylen  ermordet  worden.  Der
deutsche  Gesandte  in  Tanger  wurde  von  den  Gebrüdern
Mannesmann  von  dem  Verbrechen  in  Kenntnis  gesetzt.
Neuyork.  Bei  Rockaway  Brach  im  Staat  Neuyersey
sind  die  Dampfer  „Rosedale"  und  „Nassau"  zusammengestoßen. ­
  Der  letztere,  mit  Ausflllglern  dicht  besetzt,  wurde
schwer  beschädigt,  während  die  „Rosedale"  auf  den  Strand
gesetzt  werden  mußte.  Unter  den  Passagieren  entstand  eine
Panik,  und  die  Reisenden  konnten  nur  mit  Mühe  gerettet
werden.

Cr  eiben  des  Wrack.
Roman  von  (L  Dressel.
7  mMo.)
Der  setzte  die  Tasse  wieder  hin.  tupfte  mu  oec  ©einteile
über  die  Stirn,  als  wolle  er  so  seinem  überfüllten  Hirn
etwas  Luft  schaffen  und  stand  sekundenlang  in  Denkerpose.
„Einen  Augenblick,  mein  Herr,  es  gehen  viele  Namen  durch
meinen  Kopf,  wir  haben  immensen  Verkehr.  Ah,  gleich
hab'  ich's  —  Asch  —  Asch  "
„Etwa  Ashley?"  half  der  Fremd»  rasch  nach.
„Jawohl,  das  ist's.  Mary  Ashley  schreibt  sich  Frau
Hadring,  aber  deshalb  heißt  ihr  Wohnsitz  doch  auf  gut
deutsch  Marienwalde,  wie  ihn  Herr  Hadring  taufte."
„Sie  haben  mir  zu  einer  wichtigen  Entdeckung  verholfen,"
  rief  da  fröhlich  der  andere.  „Wenn  mich  nicht
alles  täuscht,  muß  die  Dame  mit  mir  verwandt  sein.  Ich
suche  eine  Cousine,  namens  Mary  Ashley.  Es  war  meines
verstorbenen  Vaters  letzter  Wunsch,  ich  möchte  diese  mütterliche ­
  Verwandte  in  Deutschland  ausfindig  machen.  Mir
scheint,  der  Zufall  hat  hier  wieder  mal  eine  treffsichere  Rolle
gespielt."
„Freut  mich.  mein  Herr.  Und  sonst  will  ich  natürlich
nichts  gesagt  haben."
„Sie  haben  mir  alles  gesagt,  was  ich  wissen  wollte,"
lachte  Mr.  Wilkening.  „Es  soll  Ihr  Schaden  nicht  sein!
denn  ich  werde  nun  vermutlich  längerer  Hotelgast  sein,
um  die  Stadt,  respektive  Marienwalde,  gründlich  zu  rekognoszieren." ­

Gleich  danach  suchte  er  eine  Auskunftei  auf  und  fand
hier  nicht  nur  des  gefälligen  Oberkellners  Schilderung  bestätigt. ­
  sondern  noch  näher  detailliert.  So  erfuhr,er  auch,

Frau  Hadring  geborene  Ashley  habe,  aus  einem  Krefelder
Seidenhaus  stammend,  ihrem  Gatten  eine  halbe  Million
zugebracht,  die  bis  vor  kurzem  in  den  Werken  mitgearbeitet ­
  habe,  danach  aber  von  Herrn  Werner  Hadring  in
einer  Kasseler  Bank  investiert  worden  sei.
Wilkening  lächelte  eigentümlich,  als  seiner  schnellen
Frage,  ob  darunter  Dollars  oder  englische  Pfunde  zu  verstehen ­
  seien,  die  Antwort  wurde,  man  rechne  in  Deutschland ­
  mit  der  Mark,  doch  entspräche  diese  unter  den  hier
gegebenenVerhältnissen  sicherdem  amerikanischenDollarwert.
Gedankenversonnen  kehrte  er  in  sein  Hotel  zurück,  befahl ­
  Schreibgeräte  und  verbat  sich  für  die  nächsten  Stunden
jede  Störung.
Emsig  schreibend  saß  er  geraume  Weile  in  seinem  eleganten ­
  Salon.  Neben  den  Briefbogen  lag  eine  schmale
Besuchskarte.  Darauf  stand  in  feingestochenen  Buchstaben:
Hedwig  Freiin  von  Testen.  Darunter  in  gerader  fester
Mädchenschrift:  Marienwalde  bei  Kassel  —  Frau  Werner
Hadring  geb.  Ashley.  So  oft  des  schreibenden  Mannes
Blick  das  Kärtchen  streifte,  glomm  in  seinen  schrägstehenden
Augen  ein  blitzartiges  Leuchten  auf.  Und  einmal  nahm  er
es,  die  Feder  niederlegend,  mit  einerweichen,  fast  zärtlichen
Gebärde  in  die  Hand  und  murmelte  verzückt:  „Bald  sehe
ich  dich  wieder,  du  stolzes  Rassegeschöpf,  du  mein  Leitstern,
der  mir  einen  neuen,  ungeahnten  Weg  zum  Glück  und
Erfolg  wies."
Später  bekam  der  Oberkellner  zwei  Briefe  zu  schleuniger
Beförderung  eingehändigt.  Natürlich  las  er  zuvor  die
Adressen.  Die  eine  lautete:  Mr.  Rosamond  Wilkening—
Sidney  Australia  —  die  zweite:  Mrs.  Mary  Hadring-Afhley—Marienwalde-Kastel.

„Es  hat  demnach  seine  Richtigkeit,"  dachte  er  offensichentlich
  zufrieden.  „Man  macht  ja  zuweilen  seine  Erfahrungen. ­

  Was  geht  einem  nicht  alles  durch  die  Hände
bei  diesem  internationalen  Verkehr  —  aber  hier  ist  jede
Täuschung  ausgeschlossen.  Der  Mann  ist  nobel,  durchaus
Gentleman.  Na  ja,  ein  Verwandter  der  Hadrings."  Und
er  steckte  die  Briefe  mit  einer  gewissen  Achtsamkeit  eigenhändig ­
  in  den  Hotelbriefkasten.

„Ich  möchte  Papa  sprechen."
Ute  Hadring  stand  im  großen  Kontor,  wo  eine  Anzahl
junger  Buchhalter  arbeiteten  und  nun  flugs  die  Köpfe
hoben,  um  die  morgenfrische,  hell  gewandete  Mädchengestalt,
die  gleich  einem  Sonnenstrahl  in  den  nüchternen  Geschäftsraum ­
  hineingeflirrt  war,  voll  neugieriger  Bewunderung
anzugaffen.
Das  machte  ihr  nichts.  Sie  war  es  gewohnt,  beachtet
zu  werden  und  nahm  solche  Blicke  hin,  gleichgültig  wie
etwa  die  Luft,  die  an  ihr  vorllberstrich.
Nur  ihr  Gewissen  war  ein  wenig  unfrei,  denn  eigentlich ­
  stand  sie  hier  auf  terra  vetita.  Vati  wünschte  seine
Töchter  nicht  in  den  Werken  zu  sehen.  Speziell  das  Betreten ­
  der  Kontorräume  war  ihnen  untersagt.  Einzig  die
kunstbeflissene  Gela,  die  mitunter  nette  Einfälle  für  Gittertüren ­
  und  Ofenplatten  hatte,  fand  wohl  mal  mit  ihren
hübschen  Zeichnungen  Einlaß,  aber  natürlich  nur  in  Vatis
Privatkontor.
Hier  hatte  auch  Ute  zunächst  angepocht,  sah  sich  dann
jedoch  vor  verschlossener  Tür.  Der  hinzukommende  Diener
hatte  gemeint,  Herr  Hadring  werde  im  großen  Hauptkontor ­
  sein,  ob  er  ihn  benachrichtigen  solle.  Nein,  sie  werde
ihn  da  aufsuchen.  Ihr  Anliegen  sei  dringlich,  und  wenn
Papa  sie  drüben  sähe,  werde  er  sie  eher  anhören,  während
er  sie  gewiß  hier  warten  lasten  würde.
Nun  war  er  auch  im  großen  Kontor  nicht  anwesend.
            
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