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Volume Heft 12

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue 44.2010 (Rights reserved)

Themen Bibliotheken 1118 Bibliotheksdienst 44. Jg. (2010), H. 12 lysator dieser Entwicklung gewirkt habe. Die sich an den Vortrag anschließende Diskussion befasste sich vor allem mit der Frage, ob die von Kaufmann skizzierte Entwicklung tatsächlich nur als Verlust zu begreifen sei oder ob mit der Digitali- sierung nicht auch wertvolle, die Geisteswissenschaften erweiternde und berei- chernde analytische Möglichkeiten entstanden seien. Dieser Frage widmete sich der Germanist Fotis Jannidis (Würzburg) in seinem Vortrag „Neues Glück oder natürliche Feinde – Digitalisierung und die Textwis- senschaften“. Jannidis vertrat im Gegensatz zu Kaufmann die These, dass die wissenschaftlichen Fragestellungen heute nach wie vor aus der Spezialkenntnis der Experten erwachsen; lediglich die Methoden ihrer Bearbeitung hätten sich gegenüber früheren Zeiten geändert. So sei Google Books beispielsweise zu einem zentralen Instrument der Geisteswissenschaften geworden. Gegenüber wissenschaftlichen Instrumenten wie vor allem dem Zentralen Verzeichnis Digi- talisierter Drucke, ZVDD6, zeichne sich Google Books durch seine Simplizität und Formatneutralität aus. Problematisch sei es dagegen, dass die Wissenschaftler diese Nutzung nicht offen legten und es daher keine methodische Diskussion über die Handhabung dieser neuen Instrumente gäbe. Zu den Vorteilen des wis- senschaftlichen Arbeitens mit digitalen Plattformen zählte Jannidis die Möglich- keiten der Multimedialität und Kollaboration. Seiner Auffassung nach stellt die di- gital gestützte Arbeit eine Erweiterung des klassischen methodischen Spektrums der Geisteswissenschaften dar, jedoch keinen Ersatz. Die Vortragsreihe wurde durch zwei philosophische Beiträge abgeschlossen: Stefan Münker (Basel), Gründungsmitglied der Online-Zeitschrift Telepolis7 und Vertreter der deutschen Medienphilosophie sprach über die „Philosophie der Di- gitalisierung/Digitalisierung der Philosophie“. Die Funktion der Philosophie defi- niert er in diesem Kontext als das Verstehen dessen, was Digitalisierung bedeutet sowie in der Folgenabschätzung dieses medialen Phänomens. Auch in diesem Kontext war die Wikipedia wieder Thema: Mit Rekurs auf die enzyklopädische Tra- dition Europas sprach Münker der Wikipedia den Status einer Enzyklopädie ab, da sich in ihr nicht das abgesicherte Wissen ausgewiesener Experten manifestie- re. Sie sei vielmehr das Resultat der vernetzten Kollaboration von ambitionierten Amateuren, die über ihre Qualifikation keine Rechenschaft geben. Diese Amateu- re könnten zwar de facto über Expertenwissen in ihrem Interessengebiet verfü- gen, aber sie gehörten nicht zu einer gesellschaftlich designierten Fachelite. Auch das Theorem der „wisdom of the crowd“ stehe dem klassischen philosophischen Wahrheitsbegriff in der Tradition seit Platon entgegen, dem gemäß Wissen grund- sätzlich als exklusives Gut von anerkannten Experten betrachtet werde. Die Grup- pe der Wikipedia-Autoren sei hingegen hinsichtlich ihrer fachlichen Qualifikation 6 Homepage des ZVDD: http://www.zvdd.de/ 7 Homepage von Telepolis: http://www.heise.de/tp/
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