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Volume Heft 12

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue44.2010 (Rights reserved)

Bibliotheken Themen Bibliotheksdienst 44. Jg. (2010), H. 12 1115 bestimmter anthropologischer Potenziale vorgibt,4 sieht Jochum in der umfassen- den Umstellung auf digitale Medien eine Gefahr für die intellektuelle Entwicklung des Menschen. Zentrale intellektuelle Fähigkeiten, die durch die Nutzung autop- tischer Medien, insbesondere durch das Lesen, hervorgebracht würden, gingen mit der überwiegenden Nutzung digitaler Medien verloren. Zudem erfordere die Nutzung digitaler Medien im Gegensatz zu der Nutzung autoptischer Me- dien eine Vielzahl technischer Hilfsmittel (Geräte und Infrastrukturen), wodurch sie unter konservatorischen Gesichtspunkten „vom ersten Tag an zum Pflegefall“ würden. Jochum plädierte daher an die Bibliotheken, die klassischen Medien wie- der ernster zu nehmen und ihrem Bedeutungsverlust durch eine entsprechende Erwerbungspolitik aktiv entgegenzutreten. In der sich an den Vortrag anschlie- ßenden lebhaften Diskussion wurde insbesondere durch den besonnenen Bei- trag des Hamburger Medienphilosophen Mike Sandbothe deutlich, dass Jochum seinen Beitrag als Kontrapunkt zu der von ihm diagnostizierten allgegenwärtigen Apologie der digitalen Medienwelt verstanden wissen will, nicht als deren Dä- monisierung. Das Verhältnis klassischer und digitaler Medien sollte, so Jochum, nicht im Sinne eines „entweder, oder“, sondern im Sinne eines „sowohl, als auch“ diskutiert werden. Seine kämpferische Parteinahme für die Bedeutung der klassi- schen Medien ist überhaupt erst vor dem Hintergrund des Siegeszugs der digita- len Medien – nicht zuletzt in den Bibliotheken – verstehbar. Und wie auch immer jeder Einzelne sich in dieser Diskussion verorten mag: Die zunehmende Dominanz des Digitalen bringt, neben zahlreichen Vorzügen, de facto auch Risiken mit sich, mit denen wir uns als Bibliothekare und als Wissenschaftler auseinandersetzen müssen. Die Perspektive des forschenden Wissenschaftlers brachte der Göttinger Germa- nist Gerhard Lauer mit seinem Vortrag „Die Bibliothek aus Daten“ in die Debat- te ein. Am Beispiel verschiedener Projekte aus unterschiedlichen akademischen Disziplinen stellte er neue wissenschaftliche Erkenntnismöglichkeiten dar, die sich erst aus der multimedialen Aufbereitung von Daten und Dokumenten – bei- spielsweise in der Physik, Archäologie, Musikwissenschaft oder Linguistik – ergä- ben. Er betonte, wie wichtig es für die Wissenschaft sei, dass Bibliothekare sich mit ihrer professionellen Expertise an der Aufbereitung und Bereitstellung von Forschungsdaten und Dokumenten beteiligten. Als zentrale Problembereiche, in denen Bibliothekare hier gefordert seien, benannte Lauer die Vereinheitlichung von Datenformaten und Erschließungsweisen sowie die Themen Authentifizie- rung, Urheberrecht und Langzeitarchivierung. Für die Leistungsfähigkeit der Wis- senschaft seien vor allem der Aufbau qualitativ hochwertiger wissenschaftlicher Repositorien, das Streben nach Standardisierung im Bereich der Metadaten (Dub- 4 Vgl. auch Maryanne Wolf: Das lesende Gehirn. Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt. Aus dem Amerikanischen von Martina Wiese. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2009.
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