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Volume Heft 4

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue 43.2009 (Rights reserved)

Beruf Themen Bibliotheksdienst 43. Jg. (2009), H. 4 385 thekstechnische Diskussionen, die außerhalb der eigenen Profession auf kein Ver- ständnis stießen, verloren die Bibliothekare zu Beginn der 1950er Jahre in ihren Hochschulen und in einer interessierten Öffentlichkeit zunehmend an Boden. Die Führungsrolle in der Literaturversorgung der Universitäten übernahmen Instituts- und Seminarbibliotheken, die einen exorbitanten Ausbau unter professoraler, im Namen der Wissenschaft auf Autonomie pochender Vorherrschaft erlebten. Die drohende Marginalisierung des Berufsstandes und der sich abzeichnende Ver- drängungsprozess zwangen zu einer Neuausrichtung; gefragt waren Leistungsfä- higkeit und Effizienz in den Zentralen zweischichtiger Bibliothekssysteme, um mit den Bedürfnissen des boomenden Wissenschaftsbetriebs in der bundesrepubli- kanischen Hochschullandschaft ansatzweise Schritt halten zu können.4 Zwei Positionen im Widerstreit Mit den bibliotheksinternen Auswirkungen des Wandels setzten sich die von Joachim Wieder geäußerten Berufssorgen auseinander, der „vor einem weiteren geistigen und sozialen Absinken des bibliothekarischen Berufes“ warnen wollte. Die Krisenhaftigkeit des Berufes führte er auf den rücksichtslosen Arbeitsrhyth- mus des modernen Berufslebens zurück, das mit seinen unablässigen Verwal- tungsaufgaben und der täglichen Routinearbeit unter Zeitdruck den Raum zur geistigen Besinnung immer stärker eingrenze. Mit Vermassung, Mechanisierung und Bürokratie habe „ein ernsthafter beruflicher Substanzverlust“ in den Biblio- theken Einzug gehalten, die den Bibliothekar zum „Funktionär im Räderwerk des Betriebs“ degenerieren lasse. Die körperliche und seelische Belastung im moder- nen Zeitalter der technischen Zivilisation, der Urbanisierung, des Verkehrslärms und der Betriebswelt sei nicht ohne schädigende Wirkung auf Leistungsvermö- gen und Widerstandskraft geblieben. Das Gefährdungspotential sei zudem durch eine „wachsende Naturentfremdung seiner persönlichen Umwelt, die beständig auf ihn einstürmenden Außenreize mannigfacher Art, in erster Linie eben die mit der Technik verknüpfte gesundheitswidrige Lärmentwicklung“ deutlich, wenn- gleich für die Betroffenen oftmals unmerklich gestiegen. Wie in keinem anderen akademischen Beruf sei der wissenschaftliche Bibliothekar der Gefahr ausgesetzt, psychisch abzustumpfen und geistig einzurosten; umfassende Allgemeinbildung, wissenschaftliche Haltung, kritische Urteilsfähigkeit und geistige Wendigkeit, die als grundsätzliche Voraussetzungen des bibliothekarischen Berufes anzusehen seien, könnten aber nur unter bestimmten Prämissen auch in der Zukunft ge- wahrt bleiben. Ohne „Muße und Selbstbesinnung, ohne die der gelassene Blick 4 Günther Pflug, Die wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland von 1945 bis 1965. In: Peter Vodosek u. Joachim-Felix Leonhard (Hrsg.), Die Entwicklung des Bibliotheks- wesens in Deutschland 1945–1965 (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens; 19). Wiesbaden 1993, S. 19–21.
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