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Volume Heft 12

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue 41.2007 (Rights reserved)

Bibliotheken Themen Bibliotheksdienst 41. Jg. (2007), H. 12 1287 lich gilt. Nach dieser Betrachtungsweise ist eine Bibliothek, die geraubte Bücher unsichtbar im Magazin versteckt, in einer aus jüdischer Perspektive schwierigen moralischen Situation, weil dieses Verstecken das öffentliche Vertrauen schädige. Ex Libris geben Büchern eine persönliche Note, im gegensatz zu den gestapo- Stempeln, die viele der geraubten Bücher aufweisen. Nach den grundsätzen des Talmud ist der Finder eines Buches der neue Eigentümer, allerdings nur, wenn der ursprüngliche Besitzer die Hoffnung auf Wiederkehr des Buches in seinen Besitz aufgegeben hat. Auch wenn der Vortrag auf den ersten Blick von der angewandten Alltagspraxis von Restitutionstechniken entfernt angesiedelt war, so zeichnet er doch nähe- rungsweise die Komplexität jüdischen Denkens auf, die für Nichtjuden fast un- möglich zu erfassen ist. In der Praxis werden Restitutionsfälle auch kaum auf der Basis jüdischer gesetzgebung erfolgen. Allerdings ermuntert die Darstellung, sich intensiv mit jüdischer Denkweise zu beschäftigen. Wenn man sich mit jüdischem Kulturgut befasst, dann sollte dies nicht nur in gründlichkeit erfolgen, sondern auch inhaltlich. In diesem Zusammenhang berührt es, wenn man erfährt, dass manche Juden entwendete Bücher auch seitenweise zurückgekauft haben, um sie auf jüdischen Friedhöfen zu begraben. Diese Bücher gelten anstelle der ermor- deten KZ-Opfer als befreit; Bücher werden als Raubopfer in einer geiselsituation begriffen; ein gedanke, der von Walter Benjamin ausgeführt worden ist, der Bü- cher als erlösbar begriff. Ergänzt wurden die Vorträge durch eine leidenschaftliche Darstellung des Bü- cherraubs der hassidischen Karlin-Stolin gemeinde durch Yohonon Berman, den Hauptrabbiner von Pinks-Belarus. Bedauernswert ist, dass die Politik in Deutschland eine Haltung des „Sowohl-als- auch“ in der Frage von Provenienzforschung einnimmt; wie fast auf allen poli- tischen Feldern – eine Haltung, die dafür verantwortlich ist, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb immer weiter absackt, weil sie keinerlei Planungs- sicherheit mehr in individuellem noch gesellschaftlichem Rahmen zulässt: Ein Beschluss des Präsidiums des Deutschen Städtetages vom 13. Februar 2007 be- grüßt phrasenhaft wie früher bei der SED die Bemühungen aller Beteiligten um die Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern; schreibt dann aber kurz und knapp: „[...] Die Verfahren zur Provenienzrecherche nach ent- zogenen Objekten in Einrichtungen sollten vereinfacht werden. Den Mitglieds- städten wird empfohlen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Nachforschungen auf grundlage vereinfachter Verfahren abzuschließen. [...] Die Bundesregierung und die Länder werden aufgefordert, Mittel für vertiefte Provenienzforschung für einzelne Objekte zur Verfügung zu stellen.“5 5 http://www.staedtetag.de/10/pressecke/dst_beschluesse/artikel/2007/02/13/00163
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