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Volume Heft 11

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue 39.2005 (Rights reserved)

THEMEN Bibliotheken Der Siegeszug des Nonsens hat vor den Toren der Bibliotheken nicht Halt gemacht. Da fliegen immer mehr Drachen, Hexen, Rosse, Supermänner, Vampire etc. durch die Lüfte, entwickeln übernatürliche Kräfte, kehren Zeit nach Belieben um, entmaterialisieren sich auf Knopfdruck, wissen alles noch besser, als man es überhaupt zu wissen vermag, und produzieren gleichzeitig den Unsinn rascher als er widerlegt werden kann. Die Unterscheidung zwischen Feuilleton und Wissenschaft, Edukation und En- tertainment oder Realität und Virtualität wird bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Kinder können nicht mehr unterscheiden was gebeamt, geblasert, gelasert, gemasert oder gephasert werden kann und was nicht. Der Siegeszug des Nonsens in der Wissenschaft ist das Ergebnis des Erfolgs der Big Science. Zunehmende Rationalität ruft Irrationalität hervor.19 Während man früher, insbesondere in der Aufklärung, mit allen Mitteln ver- suchte, den Unsinn bzw. das was man jeweils selbst dafür hielt, aus den heh- ren geistigen Hallen des sakralen Wortes zu verbannen, um dem geschriebe- nen Wort gebührende Geltung zu verschaffen, schützt das Edutainment und der geistig anregende Nonsens heute auch die Existenz vieler äußerst frag- würdiger Werke. Die Inflation des geschriebenen Wortes von der Heiligen Schrift auf Perga- ment über das Buch als Kulturgut bis hin zum Paperback als ,,Einwegbuch" gefährdet das Wissen, das eine Gesellschaft zum Überleben braucht. Infor- mationstheoretisch nennt man dies das Verrauschen einer Information bis zur Unkenntlichkeit. Nur Wissen vermag dieses semantische Rauschen als Tief- passfilter zu eliminieren. Früher waren viele Bibliotheken mit Aberglauben und Unwissenheit und den Beschreibungen unverstandener Erscheinungen gefüllt, weil man vieles noch nicht besser wusste. Die Aufklärung und insbesondere die Enzyklopädisten sind mit viel Zivilcourage dagegen vorgegangen. Ihnen folgte ein nicht selten ebenso mutiges Bibliothekswesen, dass der Unwissenheit einer breiten Be- völkerung entgegen wirken wollte. Nun hält so mancher Unsinn, insbesondere im Internet, unter der Tarnkappe des scheinbaren Esprits, der sensationellen Attraktion, obskurer Kulturbegriffe und insbesondere unter dem zum Slogan verkommenen ,,Ich weiß, dass ich nichts weiß.", ergo kann ich auch jeden Un- sinn schreiben, wieder Einzug. 19 Naisbitt, J.: Megatrends. 10 Perspektiven, die unser Leben verändern werden, Bay- reuth: Hestia Verlag, übers. (1984). Original (1982) 1454 BIBLIOTHEKSDIENST 39. Jg. (2005), H. 11
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