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Volume Heft 11

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue39.2005 (Rights reserved)

THEMEN Ausland Eine höhere Bildung wurde von Seiten Portugals für keinen Brasilianer ange- strebt. Begabte Brasilianer mussten ihre universitäre Ausbildung in Portugal in der Universität Coimbra ableisten und blieben dann oft auch in Portugal. Trotz dieser Abschottung kam es begrenzt zum Eindringen aufklärerischer Ideen in der zahlenmäßig geringen Schicht des entstehenden Mittelstands, der sich in der allerdings lokal begrenzten Conjuração Mineira (1789) entlud, einem Auf- stand, der politisch folgenlos blieb, später aber national überhöht wurde. Die Entwicklung Brasiliens erhielt im 19. Jahrhundert durch die Verlagerung des portugiesischen Hofs nach Rio de Janeiro einen bedeutenden Schub. Zur Übersiedlung des portugiesischen Hofs kam es 1808, als der gesamte portu- giesische Hofstaat mit englischer Hilfe vor dem in Portugal einrückenden Na- poleon nach Brasilien flüchtete. Natürlich wurden dort als erstes das für einen Regierungssitz notwendige kulturelle Leben und die materiellen Grundlagen dafür geschaffen. In Brasilien gab es nicht einmal eine Druckerei. Gebildete Brasilianer verlegten in Portugal ihre Werke, das erste in Brasilien gedruckte religiöse Buch von 1747 ist ein Einzelfall. Erst nach Übersiedlung des Hofs wurde 1808 durch Erlass die Kö- nigliche Druckerei in Rio gegründet. In den meisten spanisch-amerikanischen Ländern war schon seit dem 16. Jahrhundert vor allem in Zusammenhang mit dem Bedarf an religiöser Literatur für die Katechese mit dem Druck von Kate- chismen in den Indianersprachen begonnen worden. In sehr viel geringerem Maße kam es zum Druck schöngeistiger oder anderer Literatur. Im La Plata- Raum hatten beispielsweise die Jesuiten in ihren Reduktionen 1705 erstmals mit Hilfe der Indianer selbst einen Buchdruck eingeführt, beschränkten sich aber auf religiöse, linguistische und ein zeitpolitisches Buch.2 Der Bedarf an religiöser Li- teratur musste in Brasilien also durch die von den in Europa ausgebildeten Jesu- iten, Mitglieder anderer Orden, oder von abgeordneten Beamten mitgebrachten Bücher aus Europa abgedeckt werden. Im 19. Jahrhundert gelang es schließlich dem Sohn des portugiesischen Kö- nigs, Dom Pedro, der nach Rückkehr seines Vaters João VI. nach Portugal als Regent in Brasilien geblieben war, sich an die Spitze der Unabhängigkeitsbe- wegung zu setzen (der berühmte Grito do Ipiranga, eine pathetische Anspra- che mit der Forderung nach Unabhängigkeit für das Land am 07.09.1822). Die monarchistische Staatsform bleibt als Kaiserreich damit im Gegensatz zu den spanischamerikanischen Ländern, wo die Unabhängigkeitsbewegung von criollos (im Lande geborenen Spaniern) ausging, die eine republikanische Staatsform schufen, in Brasilien bis 1889 erhalten. 2 Hierzu Franz Obermeier, Die Jesuitendrucke der Reduktionen des La Plata-Raums, in: Wolfenbütteler Notizen zur Buchgeschichte, Heft 2/2005, im Druck. 1412 BIBLIOTHEKSDIENST 39. Jg. (2005), H. 11
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