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Volume Heft 10

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue 39.2005 (Rights reserved)

Ausland THEMEN leuchteter Raum verfügbar, von dem der Blick auf einen mit Bäumen bestan- denen Innenhof fiel. Im November 1924 konnte endlich die ebenfalls ,,L'Heure Joyeuse" getaufte Bücherei ihre Tore für Benutzer im Alter von fünf bis sieb- zehn Jahren öffnen. Wie in Brüssel war auch in der Pariser Kinderbücherei der Lesesaal freundlich und licht gestaltet. Im Gegensatz zu zeitgenössischen öffentlichen Bibliothe- ken in Frankreich, die Kritiker aufgrund der düsteren Atmosphäre mit ,,Bücher- friedhöfen" verglichen, hatten die amerikanischen Sponsoren Wert auf ein freundliches Ambiente gelegt. Der Lesesaal war mit hellen Holzmöbeln in kindgerechten Größen ausgestattet (importiert aus den USA), gut beleuchtet, mit Vorhängen, Bildern und Blumen geschmückt, und die Bücher waren mit fröhlichen Einbänden versehen. Die amerikanische Devise ,,More a home than a school" wurde zum gern befolgten Gestaltungsprinzip. Der Buchbestand war sorgfältig ausgesucht und frei zugänglich aufgestellt, damit sich jeder an den Bänden orientieren konnte. Um die Kinder und Jugendlichen zur Ordnung anzuhalten, hatte man ihnen bei der Anmeldung das Versprechen abgenom- men, mit den Büchern sorgfältig umgehen und die Bücherei für alle Benutzer zu einem angenehmen und nützlichen Ort machen zu wollen. Die drei jungen Bibliothekarinnen gaben Hilfen beim Lesen und ermunterten die Älteren, den Jüngeren bei den ersten Schritten zur Lektüre zur Seite zu stehen. Für alle wurden Einführungen in die Benutzung des Zettelkatalogs und die (ver- einfachte) Dezimalklassifikation gegeben, wobei man schnell dazu überging, die bereits in diese Techniken Eingeweihten zu motivieren, ihre Kenntnisse an die Neulinge weiterzureichen. Um den Zusammenhalt von Lesern und Helfern zu stärken, führte man als französische Neuerung eine ,,Generalversammlung" der Benutzer ein, auf der ein Junge und ein Mädchen zu Anführern (chef) ge- wählt wurden, denen man besondere Verantwortung übertrug. Innerhalb we- niger Wochen war nach amerikanischem Vorbild ein System der Selbstverwal- tung eingeführt, das als Aufgaben die einfache Buchbearbeitung, die Ordnung auf den Regalen sowie die Ausleihe einschloss und bis zur Mitarbeit bei Aus- stellungen, der Anfertigung einfacher Plakate, der Vorbereitung für die belieb- te Lesestunden und kleine Theatervorführungen reichte. Die Kinder waren von der ihnen übertragenen Verantwortung für die Bücherei sehr angetan: Die Bib- liothek hatte werktags von 9.30 bis 19.00 Uhr geöffnet, und manche Kinder verbrachten so viel Zeit in der ,,L'Heure Joyeuse", dass einige Mütter schon darüber zu klagen begannen. Manche Erwachsenen brachten hingegen ihren Unmut über die Bücherei zum Ausdruck, da sie koedukativ war. Das hielten sie für schockierend, waren die französischen Schulen damals doch strikt nach Geschlechtern getrennt. Von einigen Lehrern, die ihre Autorität gefährdet sahen, wurde bemängelt, das die Bibliothekare den Jugendlichen ein Mitwir- ken gestatteten. Unterstützt vom Klerus gingen einige sogar soweit, ihren BIBLIOTHEKSDIENST 39. Jg. (2005), H. 10 1219
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