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Volume Heft 10

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue 37.2003 (Rights reserved)

Politik THEMEN Podiumsdiskussion: Wie gehen Bibliotheken heute mit dem Thema Bücherraub/Restitution in der Öffentlichkeit um? Moderiert von der Direktorin der Berliner Zentral- und Landesbibliothek, Clau- dia Lux, diskutierten der Bibliothekar Jürgen Babendreier (SuUB Bremen), der Journalist Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen, Programmleiter NordwestRadio) und der Richter Olaf Werner (OLG und Jura-Prof., Universität Jena) mit dem Publikum. Ihre Statements: Babendreier thematisierte die schon mehrfach angerissene Frage: Warum machen wir uns überhaupt diese aufwändige Mühe, Raubgut zu suchen und dann auch noch zu restituieren? Das Phänomen der ,Bücherwanderungen' ist im bibliothekshistorischen Alltag ein normaler Vorgang. Es wäre doch einfach, alles in Folge des Nationalsozialismus Entzogene unter diesen vertrauten Be- griff zu subsumieren oder das Thema in die allgemeine Provenienzforschung einzubetten. ABER: Jeder NS-Bücherraub, zumal an Juden, ist nicht ohne die Metapher ,Auschwitz' zu denken. Das Grenzereignis, das factum brutum Auschwitz ist in jedes einzelne geraubte Buch eingeschrieben. Wir ­ jeder von uns ­ trägst seinen Teil des historischen Erbes, an der professionell, arbeits- teilig, systematisch und industriell perfektionierten Vernichtung der Juden. Vier Phänomene sind zu beobachten: 1. Anonymisierung der Täter: Es wird von Institutionen gesprochen, nicht von Menschen. Wir sagen ,,Was tun Bib- liotheken?" Anstatt zu formulieren: ,,Was tun Bibliothekare?" 2. Entkonkretisie- rung der Opfer: Wir erklären Bücher zu einem Massenmedium, dem in der Regel der Unikatcharakter fehle und verstecken damit die geraubten Bücher in der Menge. Wir vermeiden die individuelle Begegnung. 3. Beschweigen ist auch ein weiteres Phänomen: zu suchen und nicht darüber zu informieren. 4. Historisierung: Wir beschreiben, historisieren, aber wir belassen es dabei. Wir wünschen, dass mit dem einmal abgegebenen Bericht dieses Kapitel abge- schlossen sei. Wir suchen nicht nach den Eigentümern, und wir restituieren nicht. Wir verweigern uns der Erinnerung. Dagegen: Restitution ist eine Geste, ein ritueller Akt der Erinnerung und der Konfrontation mit der eigenen Ge- schichte! Nur eine Minderheit der betroffenen Bibliotheken (ca. 16%) recherchiert über- haupt nach Raubgut, nur die Hälfte davon restituiert. Über die Restitution in Bremen ist in der Presse ausführlich berichtet worden, die SuUB Bremen selbst hat jedoch nur eine einzige Seite im BIBLIOTHEKSDIENST veröffentlichen mögen. Die ,,Handreichung" zeichnet sich durch eine Sprache aus, die mit Begriffen entpersönlicht (die Museen, die Bibliotheken) anstelle die Verantwortung von Menschen anzuerkennen (der Museumsdirektor, die Bibliothekare). Das ist juristische Dehumanisierung. BIBLIOTHEKSDIENST 37. Jg. (2003), H. 10 1295
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