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Volume Heft 1

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue37.2003 (Rights reserved)

Politik THEMEN ,,Die in Bibliotheken aufbewahrten Bücher jüdischer Eigentümer, sie legen Zeugnis ab von dem Gebrauch, den die Menschen von ihnen gemacht haben, zeigen eine Spur ihres Lebens und gerade darin die Spur ihres Verschwin- dens". Für künftige Forschungen gab Dr. Bernd Reifenberg am Beispiel der Ermitt- lungen von NS-Raubgut in der UB Marburg überaus eindrucksvolle Hinweise. Die UB Marburg ist derzeit die einzige Bibliothek, die systematisch den ge- samten Zugang der Jahre 1933 bis 1950 auf konfiszierte Literatur hin über- prüft hat. Ausgangsstufe waren die Akzessionsjournale und deren Hinweise auf die Art der Zugänge (Geschenk, verbotene Literatur, antiquarische Erwer- bungen etc.), Lieferanten, Art der Literatur, Zugangs-Nr. etc. Diese Angaben von ,verdächtiger` Literatur wurden in einer Datenbank erfasst. Sie wurde ab- geglichen anhand der entsprechenden Zugangsnummern mit dem alphabeti- schen Zettelkatalog. Die ,positiven` Titelkarten wurden gezogen und daraus eine Titel-Kartei zusammengestellt, die als Grundlage einer Datei dient. Die Arbeit ist noch nicht abgeschlossen, aber es ist schon erkennbar, dass 25% der gesuchten ca. 8.000 Bücher Besitznachweise haben und damit relevante Fakten für die weitere Forschung bringen können. Im Ergebnis werden die Marburger Auskunft darüber geben können, ob sie bestimmte Bücher ehema- liger Eigentümer im Besitz haben und über welche Lieferanten beschlagnahm- te Literatur `legal' bezogen wurde. Die UB Marburg hat bislang über 600 Ar- beitsstunden, an denen sich die ganze Bibliothek beteiligte, für dieses Projekt investiert. Sie hat bewiesen, so Dr. Reifenberg, dass die Suche auch ohne ex- terne Mittel machbar ist und zum Ziel führt. Und sie hat ein Instrumentarium aufgebaut, das als Orientierung und Hilfsmit- tel für die Forschung auch andernorts dienen kann. Mit Dr. Ingo Toussaint, UB Bayreuth, sprach ein Bibliothekar und Historiker über die Geschichte der Bibliotheken im Nationalsozialismus. Seine Untersu- chungen fußen auf seiner ersten großen Veröffentlichung über die UB Frei- 1 burg im Dritten Reich. Ergänzt durch neuere Forschungen gab Toussaint ei- nen beeindruckenden Überblick, vor allem über die Rolle der UB Heidelberg, der UB Freiburg sowie der Landesbibliothek Karlsruhe. Resümierend hielt er fest: ,,Mit der Vorreiterrolle des ,Musterländles` bei der flächendeckenden Deporta- tion seiner jüdischen Bürger korrespondiert der rekordverdächtig schnelle Zugriff badischer wissenschaftlicher Bibliothekare auf die zurückgelassenen 1 Ingo Toussaint: Die Universitätsbibliothek Freiburg im Dritten Reich. 2. Aufl. Mün- chen 1982 BIBLIOTHEKSDIENST 37. Jg. (2003), H. 1 73
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