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Volume Heft 8/9

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue37.2003 (Rights reserved)

Bibliotheken THEMEN Sammlung verfügte auch über einen kleineren Bestand von Handschriften und frühneuzeitlichen Drucken (Ritualmord-Pamphlete, antisemitische Theologica u. ä.), von dem sich aber so gut wie nichts in der Bibliothek des Historicums erhalten hat. Etwa ein Dutzend Drucke stammen aus der Zeit vor 1800. Gleichwohl beherbergt der Bestand wenige Rara, deren Seltenheit die ,,For- schungsabteilung" in den jeweiligen Büchern auch partiell vermerkte. In der Tat hatte der Bibliothekar Schlichting keine Mühen gescheut, die Sammlung um einige ausgefallene Werke zu bereichern: In Amsterdam machte er den ,,Babylonischen Talmud" in der einzig wissenschaftlichen Ausgabe von Laza- rus Goldschmidt und in Basel das Hauptwerk der Kabbala, der jüdischen Mystik, ,,Sohar", ausfindig, das unter Vermittlung der Auslandsschriftleitung des antisemitischen Hetzblattes ,,Der Stürmer" aus der Schweiz herausge- schmuggelt wurde, da die Schweizer Behörden Listen über derartige Käufe 10 führten. Nachdem kein Regalraum mehr verfügbar war, Bücher zu einem erheblichen Teil auf dem Fußboden lagen und schließlich eine Toilette als zeitweiliger La- gerraum zweckentfremdet werden musste, beantragte die ,,Forschungsabtei- lung" im November 1940 für die nun nicht mehr ,,größte", sondern lediglich ,,große europäische Fachbücherei zur Judenfrage" drei Ausweichräume im ehemaligen Bayerischen Landtag. Als die Bombenangriffe der Alliierten auf München 1943 zunahmen, wurde der Großteil der Bibliothek in Löwenbräu- Kisten zum Preis von 321 Reichsmark verpackt und im Oktober 1943 in Pas- saus Feste Oberhaus ausgelagert; den Handschriften-, Rara- und Preziosen- bestand soll Buttmann in die Bayerische Staatsbibliothek verbracht haben, wenngleich sich hierfür bis heute keine substantiellen Hinweise ergeben haben.11 Während 1945 aus bislang nicht erforschten Gründen etwa 1.000 Titel in den Besitz des Münchner Historischen Seminars gelangten und dann lange Zeit im Kellermagazin des Instituts für Neuere Geschichte lagerten, gilt der Rest der Bibliothek bis heute als weitgehend verschollen. Die Zeitschriftenausschnitts- sammlung übernahm das in der Nachkriegszeit gegründete Institut für Zeitge- schichte in München. Die Akten der ,,Forschungsabteilung Judenfrage" haben Seifert, Bücherverwertungsstelle Wien 1, Dorotheergasse 12. In: Jahrbuch des Do- kumentationsarchivs des österreichischen Widerstands 1998, S. 93. Von Papen- Bodek, Die Bibliothek der Forschungsabteilung Judenfrage, S. 15. 10 Heiber, Walter Frank, S. 437. 11 Heiber, Walter Frank, S. 438. Dov Schidorsky, Das Schicksal jüdischer Bibliotheken im Dritten Reich. In: Peter Vodosek u. Manfred Komorowski (Hrsg.), Bibliotheken während des Nationalsozialismus (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, Bd. 16), 2 Tle., Wiesbaden 1989­1992, Tl. 2, S. 200. BIBLIOTHEKSDIENST 37. Jg. (2003), H. 8/9 1061
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