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Volume Heft 8/9

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue 37.2003 (Rights reserved)

Bibliotheken THEMEN Geraubte Bücher. Jüdische Provenienzen im Restbestand der Bibliothek der ,,Forschungs- abteilung Judenfrage" in der Bibliothek des Historicums der UB München Sven Kuttner Im Magazin der Bibliothek des Historicums der Universitätsbibliothek Mün- chen befindet sich eine rund 14 Regalmeter umfassende, vom Papierzerfall teilweise ernsthaft bedrohte und überwiegend aus Gebrauchsliteratur des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts bestehende Judaica-Samm- lung. Es handelt sich dabei um einen knapp 1.000 Bände zählenden Restbe- stand aus der Bibliothek der ,,Forschungsabteilung Judenfrage" des ,,Reichs- instituts für Geschichte des neuen Deutschlands". Inhaltlich liegt ihr Schwer- punkt auf Publikationen zur ,,Judenfrage" in Europa und zur ,,jüdischen Welt- verschwörung"; ferner finden sich darunter auch einige allgemeine Judaica und vereinzelt Veröffentlichungen zu Problemen der Sprach- und Literaturwis- senschaft sowie zur jüdischen Theologie. Die Existenz dieses Bestandes ist der wissenschaftlichen Öffentlichkeit seit Jahrzehnten bekannt.1 Das dem Reichserziehungsministerium unterstehende Reichsinstitut hatte zu- sätzlich zu seinen beiden Berliner Abteilungen am 1. April 1936 in München eine dritte Abteilung eröffnet, die ,,Forschungsabteilung Judenfrage". Der Be- gründer des Reichsinstituts, Walter Frank, beabsichtigte, in der ,,Hauptstadt der Bewegung" die umfangreichste antisemitische Bibliothek in Europa zu er- richten.2 Deren Aufgabe sollte es sein, in erster Linie die ,,Auseinandersetzung zwischen dem jüdischen Volk und seiner nichtjüdischen Umwelt von ältesten Zeiten bis in die Gegenwart"3 hinein zu erforschen und den nationalsozialisti- schen Antisemitismus pseudowissenschaftlich zu legitimieren. Als ,,eine der 1 Helmut Heiber, Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands, Stuttgart 1966, S. 428­458. 2 Patricia von Papen-Bodek, Die Bibliothek der Forschungsabteilung Judenfrage in München 1936­1945. In: Freundeskreis des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur e. V. an der Ludwig-Maximilians-Universität München, 3. Rundbrief (Oktober 2001), S. 10­12. Zum Gesamtzusammenhang: Patricia VON Papen-Bodek, ,,Schola- ry" Antisemitism during the Third Reich. The Reichsinstitut's Research on the ,,Jew- ish Question", 1935­1945 (PhD-Thesis Columbia University New York 1999). 3 Günter Schlichting, Eine Fachbibliothek zur Judenfrage. Die Münchner Bibliothek des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands. In: Historische Zeit- schrift 162 (1940), S. 567. BIBLIOTHEKSDIENST 37. Jg. (2003), H. 8/9 1059
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