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Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue 35.2001 (Rights reserved)

Ausland THEMEN tung, das Publizieren von seriösen Nachrichten dafür einen vorrangigen Platz einnehmen sollte. Ihm war bewusst, dass in New York - die Stadt zählte da- mals schon 4 Millionen Einwohner - die Zahl der potenziellen Leser um ein Vielfaches angewachsen war und er auf eine möglichst große Breitenwirkung bedacht sein musste. Um nicht wieder technisch in Rückstand zu geraten, setzte Ochs einen großen Teil des Gewinns für eine verbesserte Herstellungs- technik ein. Entscheidend war jedoch, dass der Verleger sein Konzept, auf klare Information und objektive Berichterstattung zu setzen, durchhielt und Comic- strips und Kurzgeschichten aus seinem Blatt verbannte. Seriöse Nach- richten aus Wirtschaft und Politik des In- und Auslands überwogen und be- stimmten die konservative Linie der ,,neuen" NYT, deren weltweiter Nachrich- tendienst sich als beste Eigenwerbung erwies. Die Verleger der Konkurrenz- blätter, die anfangs den neuen Kurs mit einem Lächeln abtaten, bemerkten bald, dass die NYT die finanzkräftigste Lesergruppe der Stadt und damit den wichtigsten Markt fast komplett übernommen hatte. Damit begann sich aber auch der Inhalt der NYT mehr und mehr den Interessen und Bedürfnissen die- ser Gruppe anzupassen. Die NYT gab bald den ,,guten Ton" an und trug dazu bei, den Status und Lebensstil dieser Gruppe zu beeinflussen und zu festigen. Zu den Privilegierten gehörte auch die Gemeinde der einflussreichen deutsch- jüdischen Einwanderer New Yorks, in die sich die Familie Ochs bald einreihen konnte. Gesellschaftlich hatte sie zwar kaum Verbindungen zur angelsächsi- schen Oberschicht, aber dank des großen Vermögens lebte auch sie in einer Welt der Exklusivität und des Reichtums. Man residierte in neogotischen Pa- lästen und konkurrierte um die Größe der eigenen Ballsäle. Die Sommerfri- sche verbrachte man in Strandhäusern auf Long Island oder an der Küste von New Jersey. Man gab sich nicht betont jüdisch, denn man verstand sich als assimilierte deutsche Juden in New York und pflegte eine liberale Haltung. Auch die Redaktion der NYT achtete auf einen zurückhaltenden Umgang mit jüdischen Themen, denn keinesfalls wollte das Blatt als jüdische Zeitung gel- ten, besonders nicht seitdem die Einwanderungswelle russische und polni- sche Juden aus dem ,,Schtetl" ins Land brachte, die mittellos, ohne Ausbil- dung und stark religiös geprägt waren. Um die Jahrhundertwende, als Hun- derttausende jüdischer Immigranten in den übervölkerten Stadtteilen New Y- orks lebten, gab es erste Anzeichen von Antisemitismus und eine stärkere Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung, von der sogar die deutsch- jüdische Oberschicht nicht ganz verschont blieb. Um so nachdrücklicher setz- te man in der Redaktion der NYT auf das ,,Amerikanische", denn trotz einer großen jüdischen Leserschaft wollte sich das Blatt nicht das Etikett ,,Jüdisch" aufdrücken lassen. Inhaltlich und technisch suchte die NYT stets à jour zu bleiben. Als die Marco- ni-Gesellschaft die transatlantische drahtlose Telegrafie einführte, empfing die BIBLIOTHEKSDIENST 35. Jg. (2001), H. 11 1475
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