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Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue 35.2001 (Rights reserved)

Bibliotheken THEMEN Das tief im Menschen verankerte Streben, anerkannter Teil der Gesellschaft sein zu wollen und seine Fähigkeit, dem gleichen Streben des anderen Men- schen mindestens den Wert wie dem eigenen zusprechen zu können und da- nach zu handeln, ist der Kernpunkt des Folgenden. Das Leben des Menschen besteht aus der unbewussten und bewussten Aus- einandersetzung mit der ihn umgebenden Welt, durch die er sich selbst und die Beziehung zwischen sich und ihr erfährt. Darin enthalten ist die seinem Wesen gemäße Anlage - in ihrer Ausprägung allerdings ganz und gar indivi- duell -, seinen Horizont zu erweitern, um sich selbst, seine eigene Persönlich- keit zu ,,erweitern". Auf unendlich vielen Wegen ist das möglich, in unserem Kulturkreis ist das Buch ein entscheidend wichtiges Werkzeug hierbei gewor- den. Wir erweitern unseren Horizont spätestens von der ersten Schulklasse an zu einem immens wichtigen Teil durch das, was andere Menschen schriftlich mitteilen, was uns sozusagen in Buchstabenform konserviert und darum nach Belieben benutzbar zur Verfügung steht. Die inhaltliche, die ideelle Qualität dieser Konserve ist (zunächst) unerheblich, weil der Mensch auf allen Wegen und Umwegen vorwärts kommt. Der Liebesroman, die Reisebeschreibung, Philosophisches oder Wissenschaftliches - so viele Menschen, so viele Wege. Aber eines ist ihnen gemeinsam: Die Konserve Buch, das ihnen dabei un- schätzbare Dienste leistet, einer der Schlüssel für die Türen zur sichtbaren und unsichtbaren Welt, muss gelesen werden. Darum lautet jetzt die Frage: Wie weit ist es blinden Menschen möglich, ,,lesend" die Welt zu erfahren? II. Lesen ist für sehende Menschen unseres Kulturkreises eine Selbstverständ- lichkeit. Eine Beschreibung dieser Tätigkeit und der damit verbundenen viel- fältigen Situationen und Möglichkeiten erübrigt sich. Und doch bitte ich Sie, sich für einen Augenblick folgendes vorzustellen: Sie sind, wie schon unzähli- ge Male in Ihrem Leben, interessiert an einem Thema; Sie nehmen ein ent- sprechendes Buch in die Hand und beginnen zu lesen, der Text fesselt Sie, veranlasst Sie zum Nachdenken, Sie halten inne, blättern zurück, blättern vor, lassen die Gedanken schweifen, lesen weiter, nehmen andere Bücher zu Hil- fe, und irgendwann legen Sie alles zur Seite oder Sie bringen das Buch zu- rück in die Bibliothek, aus der Sie es entliehen haben und wenden sich einem anderen Thema zu. Und nun stellen Sie sich vor, Sie seien blind - nicht wahr, es ist Ihnen unmöglich, sich mit Ihrem ganzen Wesen in diese Situation hi- neinzudenken, Sie ahnen ein schwarzes Nichts, in das Sie fallen würden, und schrecken zurück. ,,Aber es gibt doch Hörbücher!" - immer wieder spontane Reaktion bei den Recherchen zu diesem Bericht. Jedoch: Ein Hörbuch ist kein Buch, es ist ein BIBLIOTHEKSDIENST 35. Jg. (2001), H. 7/8 843
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