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Volume Heft 4

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue32.1998 (Rights reserved)

Beruf -------------------------------------------------------------- THEMEN Diese These von der ,,Wissenschaftlichkeit" der Bibliotheksarbeit ist nicht nur sachlich schlicht falsch, sie ist - und das wiegt schwerer - auch gefährlich. Ein Chemiker in einem Landesuntersuchungsamt ist in der Tat primär als Chemi- ker tätig. Sein Arbeitsplatz ist schwerpunktmäßig das chemische Labor, in dem er beispielsweise Wasser- oder Bodenproben analysiert. Aber der Biblio- thekar ist - man mag es drehen und wenden, wie man will - kein Fachwissen- schaftler (zumindest nicht in der Dienstzeit): Seine Aufgabe besteht nicht darin, Leistungen in Forschung und Lehre zu erbringen, sondern Dienst- und Serviceleistungen für Forschung und Lehre. Erst durch Vermengung des einen mit dem anderen kann es überhaupt zu dem Anspruch kommen, der Biblio- thekar sei irgendwie doch ein Fachwissenschaftler. In Ihrer Funktion als Fach- referent für Chemie fragen Sie sich selbst, Herr Oehling: Ist Ihr Arbeitsplatz ein Büro oder ein Labort Gefährlich aber ist die These, da sie eine Berufsauffassung propagiert, die mit den Handlungsbedingungen moderner Arbeitswelten in keiner Weise in Ein- klang zu bringen ist. Als wünschenswert unterstellt wird ein Menschentyp, der seine im zwanzigsten Lebensjahr getroffene Studienwahl als beruflich identi- tätsstiftend bis zur Ruhestandseintrittsschwelle begreift. Von permanenter Neuorientierung, Flexibilität und kreativer Anpassung an sich stetig wandelnde Herausforderungen ist hier nirgendwo die Rede. Und dies in einer Zeit, da Bibliotheken angesichts fortschreitender Digitalisierung und Virtualisierung des Informationssektors einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel durchlau- fen. Okay, wir mögen ein konservativer Berufsstand sein - aber muß man das auch noch forcieren? Andererseits bietet das akademische Fachstudium, zumal der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, in der Tat hervorragende Voraussetzungen zum Einstieg in die genannten Aufgabenfelder: Es sind gerade die in den Thesen nur pejorativ vermerkten formalen und analytischen Qualifikationen des ,,Ge- neralisten", die unter Voraussetzungen permanenten Wandels des Berufsfel- des unentbehrlich sind - in der Bibliothek wie an fast allen anderen Arbeits- plätzen. Schließlich sei noch die von Oehling stillschweigend übergangene Tatsache ins Gedächtnis gerufen, daß Scharen wissenschaftlicher Bibliothekare alle möglichen Fächer betreuen, nur nicht das, was sie einmal studiert haben. Daß sie es tun und daß sie es gut tun, zeigt deutlich, daß es mit der Relevanz der ,,Fachkompetenz im ursprünglich studierten Fach" für das Selbstverständnis des höheren Dienstes so weit nicht her sein kann. BlBUOTHEKSDIENST 32. Jg. (1998), H. 4 691
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