Path:
Volume Heft 8

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue 31.1997 (Rights reserved)

Ausland ______________________________ THEMEN bekanntgewordenen Standorten deutscher Buchbestände sich auch Lübecker Bücher befinden, beispielsweise in Tomsk (Sibirien). Wenn der frühere Außenminister der UdSSR und Verhandlungsführer beim deutschen Vereinigungswerk, jetzt aber Präsident der unabhängigen Republik Georgien, Schewardnadse entschied, die deutschen Bücher Deutschland ohne Auflagen zurückzugeben, so handelt es sich um eine noble Geste. Denn es wurden zwar Gegengaben und Hilfslieferungen nach Georgien gesandt, aber auf freiwilliger Basis. Nichts wurde gegengerechnet oder aufgerechnet, insbesondere wurden auch keine irrwitzigen ,,Lagerungs- und Begutach- tungskosten" in Rechnung gestellt, wie das Duma-Gesetz etwa vorschreibt, sofern überhaupt etwas zurückgegeben würde. Angesichts der verhärteten russischen Haltung kann daher Georgiens Verhalten nicht anders als großzü- gig genannt werden, vor allem, wenn man das seitens des ,,Dritten Reiches" begangene Unrecht bedenkt. Viele Bücher und Handschriften, die jetzt zurückgelangten, sind in einem be- klagenswerten Zustand. Umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen sind not- wendig, da diese Bücher lange Zeit ungünstig gelagert und oft transportiert wurden. Die Lagerung in Georgien, wo sie kaum bis gar nicht benutzt wurden, war ebenfalls schlecht. 50 Jahre in dieser Situation sind für Bücher schädlich. Mechanische Schäden, Schimmel und Feuchtigkeit, Mäuse- und Rattenfraß haben ihre Spuren hinterlassen. Daher werden auch einige Stücke nicht mehr verwendbar gemacht werden können. Eine in der Stadtbibliothek gezeigte Informationsausstellung zeigte deutlich, wie sinnlos es grundsätzlich ist, Be- stände, die ihren engen Bezug zu einer Stadt oder Region haben, an Orten einzubehalten, die dazu keinen Bezug haben oder wo weder die Schriften noch die Sprache beherrscht werden, um sie sinnvoll zu benutzen. Unglück- lich wird auch immer wieder bewußt, wie mißverständlich der Begriff ,,Beute- kunst" ist. Es geht um (mindestens) 2 Millionen Bücher, die teilweise schlecht gelagert sind und zum Teil auch gar nicht benutzt werden, es handelt sich um Archivbestände zur genuin deutschen Geschichte - und nur zu einem gerin- gen Teil um wertvolle Kunstwerke, von denen viele in der Tat in jedem großen Museum der Welt hängen könnten, eben auch in Rußland. Diese Vermischung von nicht Vergleichbarem bedrückt vor allem Bibliothekare und Archivare. Doch konnten sich deren Fachkommissionen bei der Regierungskommission und den politischen Führern und Gremien bisher kein Gehör verschaffen. Über ein gewisses wohlwollendes Interesse bei der Duma kamen die Biblio- thekare nicht hinaus, und die Gesetzgebungsverfahren hat das nicht beein- flußt. Es bleibt eine Frage an die deutsche Außenpolitik, ob sie darüber hin- wegsehen will und kann, daß im ,,Vertrag über gute Nachbarschaft, Partner- schaft und Zusammenarbeit" vom 9.11.1990 und im ,,Deutsch-russischen Abkommen über kulturelle Zusammenarbeit" vom November 1992 die Rück- BlBUOTHEKSDIENST 31. Jg. (1997), H. 8 1 9 4 5
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.