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Volume Heft 5

Full text: Bibliotheksdienst (Rights reserved) Issue31.1997 (Rights reserved)

THEMEN ________________________________ Ausland Bibliotheken gestern und heute Wer als Tourist in der Sowjetunion war, sah oft mit Erstaunen die vielen Men- schen aller Altersstufen auf den scheinbar endlos langen Rolltreppen der Metro, in den öffentlichen Verkehrsmitteln und an anderen Plätzen in ein Buch vertieft. ,,Von den sowjetischen Massenmedien wurde die UdSSR als das lesefreu- digste Land gerühmt", sagt Eric Azgal'dov in seinem Bericht151 über das russi- sche Bibliothekswesen vor und nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Er kennt aus eigener Erfahrung dessen Stellenwert und die Organisationsstruk- tur, er weiß um die neuen Herausforderungen im Rußland nach der Wende. Als unbestritten bezeichnet er die Verdienste, die das sowjetische Bibliotheks- wesen bei der Verbreitung von Bildung und Kultur auf dem Lande, bei der Entwicklung einer Schriftsprache für viele kleine Völkerschaften in der Sowjet- union und nicht zuletzt bei der Überwindung des Analphabetentums erworben hat. Darüber setzt uns ein anderer Experte ins Bild, Michail Rutkevic.TM} Wir erfahren von ihm, welches Erbe das Land nach der Oktoberrevolution 1917 angetreten hatte und warum die Liquidierung des Analphabetentums unter den Erwachsenen und die Einführung der allgemeinen Grundschulpflicht für Kinder und Jugendliche Priorität in der sowjetischen Bildungspolitik erhielten. Den Ergebnissen der Volkszählung von 1897 in Rußland zufolge war das Land um etwa 100 Jahre hinter den entwickelten Ländern des Westens zurückge- blieben. So konnten nur 28,4 Prozent der Bürger im Alter von 9 bis 49 Jahren lesen und schreiben. In den höheren Altersgruppen war diese Zahl weit nied- riger. Enorme Unterschiede waren in den verschiedenen Regionen und Ethni- en zu verzeichnen. Während zum Vergleich die Bevölkerung in Finnland fast vollständig alphabetisiert war, sah es bei den meisten östlichen Völkern de- primierend aus. Nur die Hälfte ihrer Bevölkerung konnte lesen und schreiben, unter den Usbeken waren es 2 Prozent und unter den Turkmenen sogar nur 0,7 Prozent. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des ersten Weltkrieges voll- zogen sich einige Veränderungen hinsichtlich der Bildung der Volksmassen, die aber so unwesentlich waren, daß sich der Widerspruch zwischen dem Bedürfnis nach wirtschaftlicher Entwicklung, der Stärkung des militärischen Potentials und dem Stand der Volksbildung zuspitzte. Etwa vier Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Rußland hatten 1913 keinen Zugang zur Volksbil- dung. (22 Prozent der Bevölkerung Rußlands waren zur damaligen Zeit Kinder und Jugendliche). Es vergingen etwa 20 Jahre, bis die Alphabetisierung zum erfolgreichen Ende gebracht war. Die Volkszählung von 1939 ergab einen Anteil von 87,4 Prozent Alphabeten (in der RSFSR 89,7 Prozent). Analphabe- ten blieben größtenteils die alten Menschen.171 Die Durchsetzung der allge- 794 BIBLIOTHEKSDIENST 31. Jg. (1997), H. 5
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